E-Book, Deutsch, Band 2, 375 Seiten
Reihe: Frank Corso ermittelt
Ford Killer-Trieb
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-286-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller. Frank Corso ermittelt 2 | Ein brisanter Gerichtsprozess. Ein klares Urteil: Wer die Wahrheit sagt, muss sterben ...
E-Book, Deutsch, Band 2, 375 Seiten
Reihe: Frank Corso ermittelt
ISBN: 978-3-98952-286-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
G.M. Ford (1945 - 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank-Corso-Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.
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Kapitel 1
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 25
Wie nahezu jeder, der in den Wellblechhütten entlang des Rio Cauto das Licht der Welt erblickt hatte, war Gerardo Limon klein, dunkel und o-beinig. Ein cholo wie aus dem Lehrbuch, war Limon weniger als eine Generation vom Dschungel entfernt. Und so war es ihm sogar verwehrt, auch nur zu tun, als flössen messbare Anteile europäischen Blutes in seinen Adern, eine seelische Entbehrung, die sein ganzes Erwachsenenleben lang wie eine Kerze in seiner Brust gebrannt hatte. Dass sein Partner Ramon Javier hochgewachsen, elegant und offenkundig spanischer Abstammung war, fachte die Flamme nur noch mehr an.
Gerardo zwängte sich in den orangefarbenen Overall und schnallte den ledernen Werkzeuggurt um seine Taille. Ein verklemmtes Ventil im Motor des Trucks tickte in der fast vollständigen Dunkelheit. In 20 Metern Entfernung reihte Ramon gerade drei orangerote Pylonen quer über die Einfahrt auf, die zu den Briarwood Garden Apartments führte.
Die Stelle war perfekt geeignet. Die Auffahrt wies zwei kaum einsehbare Biegungen auf. Auf dieser Seite des Hauses gab es keine Fenster. Im Norden trennte ein knapper Kilometer Sumpf die Apartments von dem Speedy Auto Parts Outlet weiter oben an der Straße.
»Willst du werfen oder fangen?«, fragte Gerardo.
»Wer war letztes Mal dran?«, wollte Ramon wissen.
»Da waren’s zwei, weißt du noch?«
Beim letzten Mal waren sie auf einen unerwarteten Besucher gestoßen und hatten aus dem Stegreif ein Doppelpack hinlegen müssen. Ramons schmale Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als er an die letzte Gelegenheit dachte, bei der sie diese Uniformen getragen hatten. Während er den Werkzeuggurt auf seinen Hüften zurechtrückte, überlegte er, wie oft sie ihre »Stadtwerke-Reparaturdienst«-Nummer wohl schon abgezogen hatten. Bestimmt Dutzende von Malen. Er hatte schon vor Jahren aufgehört mitzuzählen.
Ramon Javier dachte sich gern, dass er vielleicht Arzt geworden wäre, oder Jazzmusiker oder vielleicht sogar Baseballspieler, wenn alles anders gelaufen wäre. Wenn es seine Familie schon beim ersten Mal bis nach Miami geschafft hätte. Wenn man sie nicht auf diese stinkende Insel zurückgeschleift und fünf Jahre lang wie Schweinekacke behandelt hätte.
Ramon stülpte sich den gelben Bauhelm auf den Kopf und vergewisserte sich, dass die 22er Automatik geladen war. Dann schraubte er vorsichtig den CAC22-Schalldämpfer auf den Lauf und schob die Waffe in die Schlinge an seinem Gurt, die normalerweise für den Hammer vorgesehen war.
Er schaute auf die Uhr. »Drei Minuten«, sagte er. »Wie willst du’s machen?«
»Wie du willst«, erwiderte Gerardo. »Ist mir egal.«
»Vergiss nicht, wir haben Befehl, den Truck verschwinden zu lassen.«
Gerardo zuckte die Achseln. »Du wirfst, ich fange.«
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 24
Der Küchenboden knarrte, als er zum Kühlschrank hinüberging. Er holte eine braune Papiertüte heraus, stellte sie auf den Tresen und warf einen Blick hinein. Zwei Sandwichs: Oliven-Hackbraten und Käse auf Weißbrot. Ein bisschen Salz, ein bisschen Pfeffer, und nur ein Klecks Mirakel Whip. Zufrieden holte er seine Wasserflasche aus dem Kühlschrank, steckte sie in die Jackentasche und ging zur Tür.
Über ihm war die Milchstraße nicht viel mehr als ein verschmierter Streifen am Himmel. Zu viele Lichter, zu viele Menschen, zu viel Smog für die Sterne. Er schloss die Tür des Trucks auf. Der 79erToyota Pick-up, einst leuchtend gelb, war zu einem Farbton oxidiert, der eher an ungeputzte Zähne erinnerte.
Der Wagen sprang bei der ersten Schlüsseldrehung an. Er lächelte, während er den Motor hochjagte und am Radio herumhantierte. Der EIN/AUS-Knopf gab allmählich den Geist auf. Man musste ihn genau richtig anfassen, und selbst dann ging das Radio von selbst aus, sobald man über die erste Bodenwelle fuhr, und man musste wieder von vorn anfangen.
Er erhaschte zwei Takte Musik. Chopin, dachte er, während das Licht in der Fahrerkabine flackerte. Als er sich aufrichtete, bemerkte er draußen eine Bewegung. Er schaute nach links, dachte, es sei dieser jämmerliche Penner, der im Keller hauste. Der Kerl schlief nie. Wusch sich auch nie.
Doch er war es nicht. Nein, es war der Typ mit der Armesündermiene höchstpersönlich. Stand da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und starrte ins Fenster des Trucks, als sei er der Vorbote des Jüngsten Gerichts oder so was.
Er kurbelte das Fenster herunter. »Ist was?«, fragte er.
»Wie leben Sie nur mit sich selbst?«, fragte der Kerl. »Haben Sie denn gar kein Schamgefühl?«
Er ließ den Motor dreimal aufheulen und antwortete dann. »Geben Sie denn nie auf, Mann? Was soll ich sagen? So ’n Scheiß passiert halt.«
Hätte man ihm eine zweite Chance gegeben, so hätte der Fahrer seine Worte wahrscheinlich bedachtsamer gewählt. Was letzte Worte angeht, ließ So ’n Scheiß passiert halt eine Menge zu wünschen übrig. Diese sechs Silben jedoch waren die letzten menschlichen Laute, die über seine Lippen kommen sollten, denn in diesem Augenblick zog Armesündermiene eine Pistole hinter dem Rücken hervor und schoss dem Fahrer viermal ins Gesicht.
Als er neben dem Truck stand und sich bemühte, die Bedeutung seiner Tat zu erfassen, begann das Autoradio plötzlich klassische Musik zu spielen und ließ seine Gedanken wie Blätter auseinanderstieben. Verständnislos schaute er auf die Waffe in seiner Hand, dann warf er sie durchs Fenster in den Schoß des Fahrers und ging langsam davon.
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 26
»Was war das?«, fragte Ramon.
»Psst.« Gerardo legte den Finger auf die Lippen.
Das pulsierende gelbe Funkellicht umkreiste sie in der Finsternis.
»Hat sich wie Schüsse angehört, finde ich«, flüsterte Ramon.
Gerardo zog die Pistole aus dem Werkzeuggurt und hielt sie dicht neben seinem rechten Bein, während er an dem Gebäude entlangschlich, bis ganz nach hinten, wo er auf den Parkplatz hinausblicken konnte. Er spähte um die Ecke und kam zurückgerannt.
»Sitzt da und lässt seinen Truck warmlaufen, genau wie immer. «
»Müssen Fehlzündungen gewesen sein«, meinte Ramon, ohne wirklich daran zu glauben.
Sie waren ihm eine Woche lang gefolgt. Hatten sich seinen Tagesablauf eingeprägt. Sich mit seinen Angewohnheiten vertraut gemacht. Gerardo schaute auf die Uhr. »Noch eine Minute«, flüsterte er.
Was immer er auch für Schwächen haben mochte, und die Art wie er lebte deutete darauf hin, dass es viele waren, ihr Opfer war stets pünktlich. Verließ seine versiffte Wohnung jeden Morgen um kurz vor halb sechs. Ließ seinen Truck drei Minuten lang warmlaufen und fuhr dann los zur Arbeit, wo er um fünf vor sechs eintraf. Nur Freitagabends wich er von diesem Ablauf ab, wenn er auf dem Nachhauseweg tankte und Lebensmittel einkaufte.
Gerardos dicke Lippen begannen zu beben, als er seine Uhr anstarrte und zählte. »Noch dreißig Sekunden«, flüsterte er. »Neunundzwanzig ...«
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 51
Er unterschrieb sein Geständnis, warf einen Blick auf die Uhr und wählte dann die Nummer des Notrufs. »Bei den Briarwood Garden Apartments ist jemand umgebracht worden. Marginal Way South, Nummer sechsundzwanzig-elf. Auf dem Parkplatz. Ich warte da auf die Polizei.«
»Geben Sie mir Ihre –«
Er legte auf. Dann strich er sein Geständnis auf dem Tresen glatt und las es noch einmal durch. Es begann folgendermaßen: Heute Morgen, am 26. Juli 2000, habe ich einen Mann getötet, der es verdient hatte zu sterben. Ich bin bereit, für diese Tat jegliche Konsequenzen zu tragen, die mir die Gesellschaft auferlegt. Es folgte seine Unterschrift. Er hatte erwogen, sein Verbrechen zu erklären, war sich jedoch sicher gewesen, dass man es nicht verstehen würde. Sie verstanden alle so wenig von Ehre.
Je länger er das Wort Konsequenzen betrachtete, desto mehr war er davon überzeugt, dass es falsch geschrieben war. Als Mörder zu gelten, war eine Sache, für unwissend gehalten zu werden, etwas ganz anderes.
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 54
»Er ist spät dran«, sagte Gerardo.
Diesmal war es Ramon, der zur Ecke des Hauses huschte und darum herumlugte. Im gespenstischen Licht von oben konnte er ihr Opfer hinter dem Steuer sitzen sehen; er hörte das Motorengeräusch und die Musik. Er fragte sich, ob der Fahrer vielleicht hinter dem Lenkrad eingeschlafen war. Irgendwas an der Situation kam ihm nicht richtig vor.
Als er sich umdrehte, hatte Gerardo das gelbe Funkellicht ausgeschaltet und schmiss soeben die Pylonen wieder in den Truck. Er eilte an dem Gebäude entlang.
»Er sitzt immer noch da«, flüsterte er Gerardo zu. »Vielleicht sollten wir noch ein paar Minuten warten.«
Gerardos Miene war grimmig. »Da stimmt irgendwas nicht«, sagte er. »Steig ein.«
Ramon sprang auf den Beifahrersitz, als der Motor zum Leben erwachte.
»Du spielst im Mittelfeld«, wies Gerardo ihn an. »Ich nehme die dritte Position.«
Sie hatten das schon so oft gemacht, dass nicht mehr gesagt werden musste. Gerardo ließ den Truck die schmale Auffahrt hinaufdonnern, bog nach links ab, um den Parkplatz herum, und kam schlitternd so zum Stehen, dass die Ladefläche ihres Trucks den Pick-up des Opfers blockierte. Beide Männer sprangen aus dem Wagen und rannten zu ihren jeweiligen Positionen; Ramon auf den Rasen vor dem Truck, wo er Gefechtsstellung einnahm, seine schallgedämpfte Automatik mit beiden Händen direkt auf die dunkle Windschutzscheibe gerichtet, Gerardo einen halben Schritt hinter dem Fenster auf der...




