E-Book, Deutsch, Band 1, 382 Seiten
Reihe: Frank Corso ermittelt
Ford Dunkle Strafe - oder: Erbarmungslos
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-266-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller. Frank Corso ermittelt 1 | Acht tote Frauen. Ein verurteilter Täter. Doch das Morden geht weiter ...
E-Book, Deutsch, Band 1, 382 Seiten
Reihe: Frank Corso ermittelt
ISBN: 978-3-98952-266-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
G.M. Ford (1945 - 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank-Corso-Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.
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Kapitel 1
Montag, 17. September 10.07 Uhr Tag 1 von 6
In dem Jahr, als der Sommer ausfiel, zog sich der Frühlingsregen den ganzen Juli über hin und dann weiter in den August und September hinein, bis sich die Menschen schließlich, während die Blätter an den Bäumen noch grün waren, in das Unvermeidliche schickten und ihre Erinnerungen an die Sonne aufgaben.
Mehr aus Gewohnheit denn aus Pflichtgefühl warf Bill Post einen Blick zur Straße hinaus. Gerade rechtzeitig, um sie aus dem 30er-Bus steigen und unbeholfen in den grauen, windgepeitschten Regen treten zu sehen. Er sah zu, wie sie sich die Kapuze weit über den Kopf zog und in ihren großen braunen Schuhen über den Bürgersteig auf die Eingangstür zuplatschte. Als sie drinnen war, zog sie ihren grünen Regenmantel aus und schüttelte ihn über dem schwarzen Gummiläufer aus. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal erlebt zu haben, dass sich jemand derart viel Mühe gab, den Boden nicht voll zu tropfen. Als würde jemand von ihr verlangen, dass sie das Wasser aufwischte oder so.
In einem anderen Jahr hätte er vielleicht etwas über den Regen gesagt, und sie hätten jenes Band geknüpft, das zwischen Menschen entsteht, die gemeinsam leiden. Aber nicht dieses Jahr. Dieses Jahr waren Frühling und Sommer gekommen und gegangen wie Wünsche, hatten jegliche Hoffnung auf Erlösung so weit den Fluss hinuntergespült, dass es nicht mehr als höfliches Geplauder galt, übers Wetter zu reden.
Von seinem Platz hinter dem Aufsichtstisch aus erkundigte er sich: »Kann ich Ihnen helfen?«
Der Klang seiner Stimme schien sie zu erschrecken. »Ich hoffe es«, erwiderte sie. »Ich muss mit einem Mr. Corso sprechen. Er schreibt ... Er ist Reporter hier.« Sie legte sich den tropfenden Regenmantel über den Arm und kam auf den Tisch zu.
»Ist Mr. Corso da?«
»Nicht dass ich ihn je zu Gesicht bekommen hätte«, meinte der Wachmann schmunzelnd. »Der Typ, der vor mir hier gearbeitet hat, der hat gesagt, er hätte ihn ab und zu mal gesehen, aber ich bin jetzt knapp zwei Jahre hier, und während ich Dienst hatte, ist er nie aufgetaucht. Die von der Nachtschicht sagen, er kommt manchmal, um sich mit Mrs. Van Der Hoven zu treffen, aber ich persönlich hab ihn noch nie gesehen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
Als er den Kopf neigte und sie durch die oberen Hälften seiner Gleitsichtbrille betrachtete, begriff er sofort, dass er eigentlich wissen sollte, wer sie war. Er setzte sich auf. Schlug die Urlaubskataloge zu, in denen er gelesen hatte, und stopfte sie in die oberste Schublade. Versuchte, auf ihren Namen zu kommen, war jedoch nicht überrascht, dass er ihrem Gesicht keinen zuordnen konnte. In letzter Zeit gelang ihm das nur selten. Verdammt, wenn er seine Autoschlüssel nicht jeden Abend an denselben Haken in der Küche hängte, konnte er die verflixten Dinger am nächsten Morgen nicht finden.
»Vielleicht könnte jemand anderer Ihnen helfen, Miss ...?« Er ließ den Vorschlag als Frage stehen.
Sie sah aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen. »Ich muss mit Mr. Corso sprechen.« Es hörte sich an wie in einer Nachmittagsfernsehserie. »Sagen Sie ihm, Leanne Samples ist unten und muss ihn sprechen; es geht um Leben und Tod.« Der Name schlug ein. Sie war es tatsächlich. Das Mädchen aus dem Fernsehen. Er hätte sich in den Hintern treten können, weil er sie nicht gleich erkannt hatte, und überlegte wieder, ob er nicht doch mal mit dem Arzt über sein nachlassendes Gedächtnis reden sollte. Dann griff er zum Telefon. Wen? Mr. Hawes? Der war der Oberguru. Chefredakteur und all so was. Ja. Letzter Knopf auf der rechten Seite.
Natalie Van Der Hoven lehnte den Kopf zurück und schaute ihren Chefredakteur Bennet Hawes von oben herab an. Sie war Mitte sechzig, mit einem Gesicht, wie man es auf einer alten Münze finden könnte. Scharf geschnitten und hochmütig wie ein Falke, mit einem dazu passenden »Zorn Gottes«-Blick. Eisengraues Haar und breitere Schultern als die meisten Männer. Machetenmörder sprangen hurtig auf und zogen die Mütze, wenn sie ins Zimmer kam. Sie hatte diese ganz gewisse Art von Stil.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, sagte sie.
»Das ist alles, was sie zu sagen bereit ist. Sie hat bei der Gerichtsverhandlung gelogen. Das, und dass sie nicht mit uns kooperieren wird, es sei denn, Corso schreibt die Story.«
Wie immer untadelig gekleidet, in einem Dreiteiler von Nordstrom, maß Hawes seiner eigenen Behauptung nach eins siebenundsiebzig, war jedoch in Wirklichkeit nur eins dreiundsiebzig groß. Was von seinem mittelblonden Haar noch übrig war, kämmte er über seine Glatze und sprayte es fest. Ging fünfmal die Woche ins Fitnessstudio, das ein Stück weiter oben an der Straße lag. Was er tat, tat er rasch.
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Man kann sie doch bestimmt überreden?«
Er kratzte sich im Nacken. »Ich glaube nicht.«
»Sie haben ihr erklärt, dass Mr. Corso nicht mehr fest bei unserer Zeitung angestellt ist?«
»Der Unterschied zwischen fest angestellten und freien Mitarbeitern scheint für Miss Samples nicht nachvollziehbar zu sein. Soweit es sie angeht, liest sie zweimal im Monat seine Kolumne in der Zeitung, also arbeitet er hier.«
»Haben Sie ihr Mr. Corsos Abneigung gegen öffentliche Aufmerksamkeit geschildert? Dass er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde, seit er es auf die Bestsellerliste geschafft hat?«
Hawes nickte angewidert. »Das ist ihr egal. Entweder schaffen wir Corso heute noch herbei, oder sie geht mit ihrer Story woanders hin.« Er drehte die Handflächen zur Decke. »Warum sie unbedingt will, dass Corso das macht, ist mir schleierhaft.«
»Haben Sie sie gefragt?«
Hawes machte ein säuerliches Gesicht. »Sie hat gesagt, weil er« – er malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft – »damals nett zu ihr war.« Dann rammte er die Hände in die Hosentaschen und schritt im Zimmer auf und ab.
»Haben wir eine Telefonnummer, unter der wir Mr. Corso erreichen können?«
»Ich hatte gehofft, Sie hätten eine«, erwiderte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Wenn Mr. Corso plaudern will, ruft er mich an.«
»Was ist mit seinem Agenten?«
»Eine Frau namens Vance, in New York.«
»Die hat doch bestimmt seine Nummer.«
»Aber sie verrät sie uns nicht«, sagte Mrs. V. »Das habe ich schon einmal versucht.«
»Ich war unten in der Buchhaltung. Wir schicken seine Honorarschecks an ein Postfach.« Aus Hawes üblichem Hin- und Hertigern wurde plötzlich eine Art Stolzieren. Sie musterte ihn eingehend. »Sie glauben, Sie haben eine Idee, nicht wahr?«, fragte sie.
Seine Miene blieb so nichts sagend wie ein Kohlkopf. »Könnte sein.«
»Kommen Sie schon, Bennet«, drängte sie. »Raus damit.«
Ein Lächeln entrang sich seinen dünnen Lippen. »Während ich unten in der Buchhaltung war, habe ich mir seine Spesenabrechnungen angeschaut. Dabei ist mir was eingefallen, wie wir ihn vielleicht schnell finden können.«
»Ach?«, bemerkte sie. »Es gab Zeiten, da haben manche Leute es sich zur Lebensaufgabe gemacht, unseren Mr. Corso ausfindig zu machen. Wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet Sie ihn zu fassen kriegen könnten?«
»Die mussten auch nie seine Spesen zahlen.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel hat Mr. Corso ein paarmal einen Privatdetektiv aus Seattle engagiert. Das weiß ich, weil wir die Rechnung von dem Typen bezahlt haben. Ich denke, der weiß wahrscheinlich, wo Corso zu finden ist.«
»Und wer ist das?«
»Ein Mann namens Leo Waterman.«
»Der Sohn von Bill Waterman?«
»Ja.«
Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. »Ich habe Leo nicht mehr gesehen, seit er noch kurze Hosen getragen hat«, meinte sie. »Wie Sie wissen, standen sein Vater und mein verstorbener Mann sich recht nahe. Wieso glauben Sie, er könnte Mr. Corso finden?«
»Ich habe die beiden einmal gesehen, wie sie zusammen ein Bier getrunken haben, beim Zigarettenholen. Drüben in Eastlake, in einer Kneipe namens The Zoo.«
»Das ist alles?«
»Sie wissen doch, wie Corso ist. Er hasst jeden. Mit jemandem ein Bierchen zu trinken, ist für den schon so etwas wie eine feste Beziehung.«
»So schlimm ist er nun auch wieder nicht, Bennet«, wehrte sie ab. »Das ist alles nur gespielt.«
Hawes machte ein Geräusch mit den Lippen. »Wenn die Arroganz von dem Kerl nur gespielt ist, dann sollte er einen Oscar kriegen.«
»Das ist nur seine Methode, sich zu schützen.«
Hawes schnaubte. »Wenn irgendjemand da draußen ihn immer noch tot sehen wollte, wäre er inzwischen tot.«
»Nicht physisch. Emotional.«
Hawes zog ein finsteres Gesicht. »Großer Gott, ich komme mir vor, als wäre ich bei Oprah.« Er ging quer durchs Zimmer. »Also, was wollen Sie tun?«
»Ich sehe nicht, was uns hier anderes übrig bleibt«, sagte sie nach einem Moment des Schweigens. »Bis zu Himes’ Hinrichtung sind es noch sechs Tage. Nicht nur, dass wir eine moralische Verpflichtung der Öffentlichkeit gegenüber haben; ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was eine solche Story für die Zeitung bedeuten könnte.«
Nein ... das brauchte sie nicht zu tun. Eine Exklusivstory wie diese könnte eine Menge dazu beitragen, die Sun zu retten. Wenn schon nicht in finanzieller Hinsicht, so doch insofern, als sie ihr ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit zurück geben konnte.
»Das Problem ist nur, selbst wenn wir ihn finden, wird er es nicht tun«, gab Hawes zu bedenken. »Warum sollte er auch?« Er schritt weiter im Zimmer auf und ab und...




