E-Book, Deutsch, Band 5, 359 Seiten
Reihe: Frank Corso ermittelt
Ford Die Geisel
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-288-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller. Frank Corso ermittelt 5 | Ein Hochsicherheitsgefängnis in der Hand eines Killers: Er entscheidet, wer bestraft wird ...
E-Book, Deutsch, Band 5, 359 Seiten
Reihe: Frank Corso ermittelt
ISBN: 978-3-98952-288-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
G.M. Ford (1945 - 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank-Corso-Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.
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Kapitel 1
»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir hundertdreiundsechzig Geiseln in unserer Gewalt. Ab heute Abend, Punkt achtzehn Uhr, werde ich alle sechs Stunden eine davon erschießen, so lange, bis mir Frank Corso ausgeliefert wird.« Die Handkamera wackelte, doch die Stimme verlor nicht einen Augenblick ihren Befehlston, und die Augen, die durch den Schlitz der Skimütze zu sehen waren, blinzelten nicht ein einziges Mal.
Das Bild rollte einmal, dann war der Bildschirm leer. Gouverneur James Blaine schaute über die Schulter hinweg Gefängnisdirektor Elias Romero an. Die ungestellte Frage hing wie Artillerierauch in der Luft.
»Er heißt Timothy Driver«, sagte Elias Romero. »Er ist uns aus Washington überstellt worden. Lebenslänglich ohne Bewährung ... Doppelmord mit besonderer Schwere der Schuld.«
Begreifen flackerte über das pausbäckige Gesicht des Gouverneurs. »Dieser Navy-Typ? Der Captain?«
»Ja, Sir«, bestätigte Romero. »Driver war Captain bei der Navy« Romero räusperte sich. »Kam ein bisschen zu früh von einer Fahrt zurück. Hat seine Frau mit einem Mann aus dem Ort im Bett erwischt. Ist durchgedreht. Hat sich eine Waffe besorgt und die beiden auf der Stelle abgeknallt, in seinem eigenen Bett. In seiner ersten Woche im Staatsgefängnis in Washington hat er einen Mithäftling geblendet und einen Wachmann niedergestochen. Der Häftling war ein ganz Großer in der Arier-Bruderschaft. Der Wachmann war ein erfahrener Mann, beliebt bei seinen Kollegen. Washington hielt es für zu gefährlich, Driver noch länger zu behalten ... Also haben sie ihn zu uns geschickt.«
Der Gouverneur vergrub die Hände in den Taschen seines Anzugs. »Wie zum Teufel konnte so etwas passieren?«, wollte er wissen. »Meza Azul sollte doch eigentlich ...« Er hielt inne. »Wenn ich mich recht erinnere, sollte die Anlage doch gerade verhindern, dass so etwas jemals passiert.«
»Ja, Sir, das stimmt.« Romero zeigte auf die Phalanx der Überwachungsmonitore, die beinahe die gesamte Südseite des Wachbüros einnahm. Die Monitore waren leer und schwarz. Romero räusperte sich. »Wir haben noch die letzten Augenblicke auf Band, bevor Driver die Sicherheitssysteme ausgeschaltet hat. Eine Minute fünfundvierzig. Es ist ziemlich ...«
»Lassen Sie mich das mal sehen«, unterbrach ihn der Gouverneur.
Romero ging auf die andere Seite des Raums, drückte ein paar Knöpfe und machte dann Platz, damit der Gouverneur dicht vor den Monitor treten konnte. Weißes Rauschen füllte den zentralen Bildschirm.
»Es ist ziemlich heftig«, warnte Romero.
»Ich bin alt genug«, versicherte ihm der Gouverneur.
Das Bild erschien. Eine Aufnahme von oben. Jemand in der Uniform eines Wachmanns steckte eine elektronische Schlüsselkarte in eine Art Aufzugtür, musterte alle vier Wände, zog etwas aus der Innentasche und kehrte dann volle dreißig Sekunden lang der Kamera den Rücken zu. »Das ist Driver«, erklärte Romero. Auf dem Bildschirm konnte man sehen, wie Driver sich aufrichtete und mit dem Zeigefinger auf der Tastatur an der Wand etwas eintippte. Romero kommentierte: »Er hat gerade den Sicherheitsschlüssel für den Aufzug zum Kontrollzentrum benutzt, dann ...« Er hob verzweifelt die Arme. »Und dann hat er irgendwie die biometrische Fingerabdruck-Erkennung umgangen.«
»Sagen Sie das noch mal.«
Romero griff um den Gouverneur herum und hielt das Band an.
»Jeden Tag haben nur fünf Personen Zugang zum zentralen Aufzug. Der Mitarbeiter des Kontrollzentrums, den Sie gleich noch sehen werden, und die vier ranghöchsten Officers des Wachpersonals.« Er ließ kraftlos die Arme fallen. »Er hat eine Möglichkeit gefunden, das zu umgehen.« Mit einer schnellen Bewegung bediente er die Tastatur. Die Figur setzte sich wieder in Bewegung. »Sehen Sie. Er gibt den Sicherheitscode ein.«
Auf dem Bildschirm glitt eine Tür auf. Driver trat hindurch und verschwand für einen Augenblick.
Blaines Gesicht war jetzt rot angelaufen. »Wie um Himmels willen konnte ein Gefangener auch nur an einen einzigen dieser Gegenstände kommen?«, sprudelte er hervor. »Eine Uniform ...«, er wedelte mit einer großen, leberfleckigen Hand, »... den Sicherheitscode. Wie konnte ...?«
Romero schüttelte kaum merklich den Kopf, weigerte sich zu spekulieren. Er hielt sich an die Fakten.
Auf dem Monitor war jetzt das Innere des Aufzugs zu sehen. Der Mann in der blauen Uniform stand mit gefalteten Händen und gelangweiltem Gesichtsausdruck ruhig in der Mitte der Kabine.
»Driver hatte einen Termin für eine medizinische Untersuchung. Wir vermuten, dass er das Team, das ihn abholen sollte, irgendwie überwältigt hat.« Romero zuckte die Achseln und schluckte schwer. »Irgendwie muss er ...«, er suchte nach dem passenden Wort, »muss er den Wachtrupp dazu gebracht haben, ihm den Sicherheitscode zu verraten.«
»Und die biometrische Erkennung?«
»Keine Ahnung.«
Die beiden Männer wechselten nervöse Blicke. Das Bild auf dem Monitor zeigte jetzt das Innere des Kontrollzentrums. Ein Afroamerikaner in einem gestärkten weißen Hemd schwang auf seinem Drehstuhl zu den Aufzugtüren herum, als der Mann in Blau heraustrat und auf die Überwachungsmonitore zeigte: »Überprüfen Sie Nummer dreiundsechzig«, sagte er befehlend.
Wortlos drehte sich der Mann in Weiß um und ließ die Finger über die Tastatur huschen. Was auf Monitor 63 hätte erscheinen sollen, würde für immer ein Geheimnis bleiben, denn Driver schlang einen dünnen Draht um den Hals des anderen, drehte ihn blitzschnell im Nacken zu und begann dann mit solcher Kraft zu ziehen, dass er den Mann in Weiß von seinem Stuhl hob. Seine Finger klammerten sich um seine Kehle, und seine Augen traten aus ihren Höhlen, während sich kleine Blutrinnsale über das weiße Hemd und die Brusttasche mit dem Logo der Randall Corporation ergossen. Er begann zu krampfen, seine Beine schlugen auf den harten Steinfußboden, sein offener Mund spuckte ...
James Blaine wandte das Gesicht ab. Während der Gouverneur damit beschäftigt war, sein Mittagessen bei sich zu behalten, griff Romero wieder um ihn herum und drückte die Stopptaste. Schweigen füllte den Raum wie schmutziges Wasser.
»Das hätte nicht möglich sein sollen«, würgte James Blaine hervor.
Elias Romeros Miene blieb versteinert. »Ja, Sir« war alles, was er zu sagen wagte.
Der Gouverneur hatte recht. Vom ersten Tag an war Meza Azul im Bundesstaat Arizona dafür geplant worden, die schlimmsten Verbrecher der Vereinigten Staaten aufzunehmen. Schlimmer noch, das Gefängnis war das Herzstück einer ganzen Stadt, deren Existenz sich auf zwei Annahmen gründete: dass Meza Azul hundertprozentig ausbruchssicher war und dass die Einkerkerung von Gefangenen ein hochprofitables Geschäft sein konnte.
Im Unterschied zu vielen ihrer Vorgänger war MA, wie seine Einwohner es gern nannten, nicht aus einem jener kleinen Minenstädtchen entstanden, die sich an die zerklüfteten Sandstein- und Granithänge der nahe gelegenen San Cristobal Mountains klammerten. Und auch nicht aus einer jener staubbedeckten Posthaltereien, die sich am Boden des Tals als Geisterstädte ausgaben.
Nein, die Privatisierung des Strafvollzugs in Arizona hatte dazu geführt, dass die Ansiedelung und die personelle Ausstattung von Gefängnissen vollkommen neu überdacht wurden. Während der Staat es vorgezogen hatte, eine jener längst ausgestorbenen Geisterstädte wiederzubeleben, hatte die Privatwirtschaft rasch erkannt, wie unsinnig dieser Ansatz war.
Eine bereits existierende Stadt zu übernehmen bedeutete zuerst einmal, auch ihre Einwohner zu übernehmen, von denen, so traurig das war, nicht viele den Anforderungen für eine Anstellung in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis genügten. Wenngleich der erste Bericht an den Generalstaatsanwalt noch Begriffe wie »Bildbarkeit« und »technologische Rückständigkeit« enthalten hatte, um das Problem mit der lokalen Bevölkerung zu umschreiben, so war doch allgemein klar, dass dies bedeutete, dass es sich hierbei um Menschen handelte, die vor dem Fortschritt zurückschreckten; jene Ikonoklasten, die Zurückbleiben, während die Karawane weiterzieht, waren entweder zu schlau, zu dumm oder zu faul, um für ein junges, dynamisches Unternehmen, wie es die Randall Corporation im Sinn hatte, von Nutzen zu sein.
Natürlich konnten sie so etwas nicht direkt offen aussprechen, also hatten sie ihre Empfehlungen in wesentlich nettere Formulierungen wie »familienfreundlich« und »in sich geschlossen« verpackt. Und so wurde Meza Azul, Arizona, geschaffen.
Lkw-Fahrer auf der Interstate 506 schworen, der Gebäude - komplex sei über Nacht aus dem Boden gestampft, sei quasi direkt vom Reißbrett ausgeschnitten und in einem Stück in den Wüstensand gesetzt worden: Gefängnis, Häuser, Schule, Postamt, Golfplatz, Kino, Schwimmbad, Palmen und so weiter. Voilà. Heute fort. Morgen hier. Willkommen im 21. Jahrhundert.
In den letzten siebeneinhalb Jahren hatte Meza Azul für den Staat Arizona den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust bedeutet, zwischen Überschuss und Defizit, und war mit schöner Regelmäßigkeit vom Gouverneur als Paradebeispiel einer fantasievollen Steuerpolitik angeführt worden, die den Staat vor dem drohenden finanziellen Ruin gerettet hatte.
James Blaine hatte keinerlei Zweifel. Zum Teufel mit den Beratern. Es gab für ihn keine Möglichkeit, sich von Meza Azul zu distanzieren. Das hier war sein Baby, und je länger die Krise dauerte, desto schlechter würde es um seine Wiederwahl bestellt sein.
»Was jetzt?«, fragte der Gouverneur.
»Es sind Verhandlungsführer vom FBI auf dem Weg.« Romero sah auf die Uhr. »Sie müssten heute Abend um sechs Uhr hier sein.«...




