Forcher / Mertelseder Gesichter der Geschichte
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7099-3645-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schicksale aus Tirol 1914?1918 E-BOOK
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3645-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Forcher, geboren 1941 in Lienz/Osttirol, lebt in Innsbruck. Promovierter Historiker, Journalist, Gründer und langjähriger Verleger des Haymon Verlags. Zahlreiche Publikationen und Bücher zur Geschichte und Kulturgeschichte Tirols, bei Haymon zuletzt: 'Tirol und der Erste Weltkrieg' (HAYMONtb 2014) und 'Zu Gast im Herzen der Alpen' (2015). Bernhard Mertelseder ist Referent für das Chronikwesen beim Tiroler Bildungsforum und wissenschaftlicher Mitarbieter am 'Zentrum für Erinnerungskultur und Geschichtsforschung (ZEG)' sowie an der Universität Innsbruck. Zahlreiche Publikationen zur Tiroler Geschichte und Erinnerungskultur.
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»Ich verfluchte Gott und den Teufel ...«
Giovanni Pederzolli und seine aufwühlenden Kriegserinnerungen
Er war nur ein Tischler, allerdings nicht ein ganz gewöhnlicher, denn er war auch »lucidatore di mobili«, also ein Möbelpolierer, ein Kunsttischler könnte man sagen. Giovanni Pederzolli, 1879 in Sacco geboren, heute ein Stadtteil von Rovereto, schrieb auch Gedichte und hinterließ eine der beeindruckendsten Beschreibungen des Krieges in Galizien. Sie ist nicht bruchstückhaft in einem Tagebuch festgehalten, aber auch nicht rückblickend Jahre danach entstanden. Das Erzähltalent Pederzolli brachte den ersten Teil bereits ein Jahr nach seiner schweren Verwundung und Gefangennahme in einem Spital in Nischni Nowgorod noch ganz unter dem Eindruck des Geschehens zu Papier und beendete die Niederschrift im November 1916 im Lazarett der Wiener Stiftskaserne. Eine zentrale Stelle daraus:
Giovanni Pederzolli hatte sich als Wehrpflichtiger sofort nach Bekanntgabe der Mobilmachung bei seinem Kaiserjägerregiment in Trient gemeldet, war aber nicht unter den ersten, die nach Galizien geschickt wurden. Seinem leichtsinnigen Temperament schreibt er es später zu, dass er sich in angetrunkenem Zustand auf eine Rauferei mit einem Unteroffizier und einem Offizier einließ, die beiden bedrohte und beschimpfte, und das Vaterland gleich noch dazu. Dass ihn deshalb ein Militärgericht im Castello del Buon-consiglio zu vier Monaten schwerem Kerker verurteile, betrachtete Pederzolli Noch dazu begnadigte ihn der General schon nach neun Tagen und schickte ihn zurück zur Truppe.
Wieder bei seiner Einheit, erkrankte Pederzolli und brauchte Monate, bis er wieder einsatzbereit war. So wurde er erst am 2. Mai 1915 mit einem Marschbataillon nach Galizien einwaggoniert. Dort setzt seine Niederschrift ein. Es sind die Tage nach der siegreich geschlagenen Durchbruchschlacht von Gorlice-Tarnów. Immer wieder kommt es bei der Verfolgung der Russen zu blutigen Kämpfen; einmal Rückzug, dann erneuter Angriff. Nahkampf mit Bajonetten.
Pederzolli erzählt von Hunger und Durst, die sie zu erleiden hatten, weil der Train nicht rasch genug folgen konnte. Schlimmer noch als der Hunger sei der Durst gewesen. Und der wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Es war am 7. Juli 1915. Seit drei Uhr morgens war die Hölle los. Artillerieduelle über die Köpfe der Kaiserjäger hinweg, die in ihren für die Nacht gegrabenen Löchern steckten. Ein wolkenloser Tag. [] Da rief der Kommandant Pederzolli zu sich und befahl ihm nicht, sondern bat ihn , mit ein paar Freiwilligen im nahen Dorf Wasser zu holen. Dazu mussten sie unter russischem Feuer ungefähr 600 Schritte über freies Gelände laufen, bis ihnen ein kleiner Wald und dann das Dorf Schutz boten. Zu fünft liefen sie um Wasser und um ihr Leben. Zwei schafften es nicht, drei kamen im Wald an und erreichten das Dorf, füllten so viele Flaschen mit Wasser, wie sie tragen konnten, und machten sich auf den Weg zurück. Wieder im Wald angekommen, lag das freie Gelände davor derart unter Feuer, dass an ein Durchkommen nicht zu denken war. Was tun? Da sahen sie die eigene Kompanie in überstürzter Flucht, verfolgt von den Russen. [] [] Es war ein hünenhafter russischer Soldat, der Giovanni Pederzolli das Leben rettete, indem er ihn verband und unter dem Feuer der Kanonen vom Hügel hinunter an eine sichere Stelle trug. Danach holte er Pederzollis Kameraden, rief die Sanitäter und verschwand. Pederzolli war dem Tode näher als dem Leben, als man ihn ins nächste russische Feldspital brachte.
Giovanni Pederzolli (links) als Kaiserjäger zusammen mit einem namentlich nicht bekannten Kameraden
Er bestand aus grässlichen Schmerzen in überfüllten Lazaretten, auf endlos langen Fahrten kreuz und quer durch Russland bis nach Sibirien, während er nur durch ein Röhrchen oder mit kleinen Löffelchen Schluck für Schluck mühsam ernährt werden konnte, und aus mehreren Operationen, deren erste in Minsk ein russischer und ein österreichischer Arzt gemeinsam vornahmen. Im Zuge einer Austauschvereinbarung über verwundete Kriegsgefangene wurde Giovanni Pederzolli im Juni 1916 zusammen mit vielen Leidensgenossen ins neutrale Schweden überstellt und von dort über Deutschland und quer durch Böhmen nach Wien, wo er ins Reservespital der Stiftskaserne eingeliefert wurde. Die Schmerzen, die er 24 Stunden am Tag zu erdulden hatte, waren schier unvorstellbar, schreibt Pederzolli.
Überwältigend aber auch die Freude, seine Mutter im Flüchtlingslager Mitterndorf bei Wien besuchen zu dürfen. Seit der Evakuierung von Rovereto im Mai 1915 musste sie dort in einer der vielen Baracken ihr Leben fristen. Auch seine Frau hatte damals die zum Kriegsgebiet gewordene Heimat verlassen müssen und hatte Budweis in Böhmen als Aufenthaltsort zugewiesen bekommen. Jetzt konnten die Eheleute mehrmals beisammen sein, mehrere Tage in Wien und ganze vier Wochen in Budweis. Maria Pederzolli übersiedelte später zu ihrer Schwiegermutter ins Lager von Mitterndorf, das näher bei Wien lag.
Giovanni Pederzolli im Spital von Rovereto (wahrscheinlich 1924)
Giovanni Pederzolli musste sich in Wien zwei schwierigen Operationen unterziehen. Nach dem Krieg versuchte man in Rovereto noch einmal, durch eine Operation eine Verbesserung seiner eingeschränkten Lebensqualität zu erreichen. Im dortigen Krankenhaus bekam er Besuch von einem Mönch, der ihm die Kommunion spenden und davor die Beichte abnehmen wollte. Und in einer neuen Zeile lässt Giovanni Pederzolli einen der späteren Nachträge zu den Erinnerungen mit den Worten enden:...




