E-Book, Deutsch, Band 2, 440 Seiten
Reihe: Der Nekromant
Forbes Der Nekromant - Totenkult
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96188-006-5
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 440 Seiten
Reihe: Der Nekromant
ISBN: 978-3-96188-006-5
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit einem Bein im Grab... ...diesen Zustand kennt der Gelegenheitssöldner und Nekromant Conor Night nur zu gut. Viel Zeit zum Grübeln bleibt ihm nicht, denn seine lebenswichtige und schwer aufzutreibende Medizin geht zur Neige. Grade als er einen Arzt findet, der ihm helfen kann, wird der Mediziner getötet. Die Angreifer nennen sich 'Reapers' und wollen auch Conor ins Jenseits befördern. Sein Retter in der Not ist ein mysteriöser Hexer, dem Conor nicht traut, dessen Angebot aber zu verlockend ist. Ehe er sich versieht, hat er nicht nur die Reapers im Nacken, sondern auch Mr. Tod höchstpersönlich... 'Totenkult' ist der zweite Band der dreiteiligen Urban-Fantasy-Reihe 'Der Nekromant'
Autoren/Hrsg.
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EINS
Ich versuchte immer, leise zu sein, wenn ich von einem Job zurückkam. Ich versuchte immer, die wacklige Holztreppe zum Keller des Hauses, indem ich mich derzeit verkroch, hinunterzugehen, ohne dass sie auch nur einmal quietschte.
Meistens gelang es mir.
Diesmal nicht.
Die Stufen hatten ein Muster, das ich mir gemerkt hatte. Auf der ersten Stufe fünfzehn Zentimeter nach links, auf der zweiten zehn Zentimeter nach rechts, die dritte ganz auslassen und auf der vierten knapp am Rand auftreten. An diesem Abend war ich müde, meine Glieder fühlten sich an wie Gummi, Kehle und Magen zogen sich zusammen. Ich musste meine gesamte Kraft aufbringen, damit mir auf Stufe fünf nicht die Luft ausging.
War ja klar, dass ich auf Nummer sechs trat und ausrutschte.
Ich weiß nicht, warum. Vielleicht war ein Vogel vorbeigeflogen und schiss dahin, wo ich meinen Fuß hinsetzen musste. Vielleicht war es einfach Pech. Wie auch immer, das Ergebnis war dasselbe. Mein Fuß rutschte nach vorne, mein Kopf fiel nach hinten, und ich flog die gesamte Treppe hinunter und machte dabei einen Lärm, der die Toten wecken würde, so wie nur ich das konnte.
Ich musste nicht die Toten aufwecken, um Ärger zu bekommen. Es reichte, wenn Prithis Eltern davon wach wurden.
Ich schlug ziemlich hart auf, allerdings dämpfte mein Mantel einen Gutteil des Schmerzes. Der ballistische Stoff verhinderte, dass die Stufenränder sich irgendwo zu sehr hineinbohrten, und selbst in meinem allgemeinen Zustand als Halbtoter verursachte der Aufprall keine bleibenden Schäden.
Was er allerdings verursachte, war ein Krachen, das durch den gepflegten Vorstadtgarten und hinauf und hinein ins Schlafzimmer von Satyan und Bindi Sharma drang.
Scheiße.
Ich lag da und starrte auf die Mondsichel, die über die Dachlinie lugte. Ich hielt den Atem an, wartete darauf, dass das Licht im Schlafzimmer anging und Bindi das runde Gesicht aus dem Fenster streckte und nachsah, was zur Hölle gerade passiert war. Ich verfluchte mich für meine Schwäche, den Vogel für seinen Kot und Miss Red dafür, dass sie mich überhaupt erst in diese Zwickmühle gebracht hatte.
Miss Red. Verfickte – Miss – Red. Jin. Ich konnte ihr Gespenst vor meinem geistigen Auge sehen, nebelhaft vor dem Mond. Sie trug so ein enges rote Teil, ein beknacktes Ding, wie es die alten Griechen früher trugen, dessen Vorderseite nur eine Brust bedeckte. Die andere lag frei, genauso wie die krasseste Tätowierung eines Drachen, die ich jemals gesehen hatte. Sie schlängelte sich die geschmeidigen und perfekt umrissenen Rundungen hinunter und herum und nahm sie in Besitz. Es war ein hübscher Schatz zum Beschützen, verdammt noch mal.
Vor ein paar Monaten hatte ich ihr das Leben gerettet. Ich hatte getan, worum sie und Mister Black mich gebeten hatten, obwohl meine beste Freundin Danelle dadurch umgekommen und ich noch mittelloser geworden war als zu Beginn. Klar. Ich konnte am Ende das Geld behalten, das mir versprochen worden war, aber ich hatte nichts im wahrsten Sinne nichts, als es vorbei war. Ich hatte Dannie verloren, ich hatte meinen Lieferwagen verloren, ich hatte meine Waffen und die Munition verloren sowie das Haus, in dem ich lebte. Ich hatte die Frau verloren, die meine Libido zu mehr anstacheln konnte, als mich mit ihrer Unfähigkeit zu verspotten. Zur Hölle, ich hatte sogar meine Lieblingsleiche eingebüßt.
Zumindest machte die Selbstmitleidsorgie für eine Weile Spaß.
Eins Komma irgendwas Millionen klingt nach viel, wenn jemand anderes etwas auf dein Konto einzahlt. Es klingt nach viel, wenn einem nicht Tod persönlich im Nacken sitzt. Wenn man ich ist, reicht das nicht. Bei Weitem nicht.
»Conor?«
Ich legte den Kopf zurück, sodass ich die Treppe hinaufschauen konnte. Mein Blick wanderte von dem eingerissenen, verunkrauteten Zement hinauf zu zwei dunklen, nackten, wohlgeformten Beinen in knappen Männershorts, ein bisschen weiter hoch zu einem flachen Bauch, bis zu einer großen Brust. Die meisten Männer wären dort hängengeblieben, aber ich war an den Anblick gewöhnt. Nun, nicht genau in dieser Lage. Nicht in Höschen und einem Nachthemd und ohne BH darunter. Nicht in einer kalten Nacht. Ich wartete auf eine Reaktion. Tot, wie immer.
»Was soll der Scheiß, Conor?«, fragte Prithi. Meine Augen blieben schließlich auf ihrem Gesicht haften. Sie war eigentlich ein hübsches Mädchen, zart und zierlich. Doch die Art, wie ihr Gesicht vor Wut verzerrt war und sie mich mit ihrem Blick durchbohrte, nahm einiges davon weg. Das einzige, das sie rettete, war ihre Kleidung, beziehungsweise der Mangel daran.
»Ausgerutscht«, sagte ich. Schließlich bewegte ich mich und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Natürlich machten die Stufen gerade dann einen Heidenlärm, als ich mein Gewicht verlagerte.
»Pst«, machte Prithi und blickte zum Schlafzimmerfenster rauf. »Meine Eltern können dich schon so kaum ertragen. Wenn du sie aufweckst, finden sie gleich morgen früh einen neuen Mieter.«
»Ich weiß gar nicht, warum sie mich so hassen«, sagte ich und bewegte mich etwas vorsichtiger. Ich schaffte es, mit einem Minimum an Klage der Treppe auf die Füße zu kommen.
Prithi überkreuzte die Hände vor der Brust, als hätte sie jetzt erst gemerkt, dass sie ohne Unterwäsche aus dem Haus gerannt war. »Sie halten dich für unheimlich.«
»Ich bin unheimlich.«
Ich hatte Krebs im Endstadium. Ich befand mich in einem beständigen Zustand des Sterbens. Graue Haut, die eng um meine Knochen lag, kaum nennenswerte Haare irgendwo. Unheimlich war Teil des Pakets.
»Außerdem hinkst du zwei Monate mit der Miete hinterher.«
Ich griff in eine der Taschen meines Mantels. Ich schob meine Hand an der kleinen Pistole vorbei, die darin verborgen war, und fand ein Bündel Scheine. Ich zog es hervor und warf es zu ihr hinauf. »Nicht mehr, dank dir. Der Job, den du für mich an Land gezogen hast, hat sich bezahlt gemacht. Damit sollte ich für ein oder zwei Monate ein Dach über dem Kopf behalten.«
Prithi musste die Hände bewegen, um das Geld aufzufangen. Sie stellte sich ungeschickt an, weil sie versuchte, sich weiterhin mit ihrem Handgelenk zu bedecken. Es war ein Reinfall. Die Scheine landeten vor ihr im Gras, und ohne nachzudenken, beugte sie sich vor, um sie aufzuheben. Ich hatte genug Anstand, den Kopf wegzudrehen, bevor sie aus ihrem Hemd herausfiel.
»Scheiße«, sagte sie und bedeckte sich schleunigst.
Oben ging das Licht an.
»Ach, Mist«, sagte Prithi. »Verdammt, Conner. Los.« Sie kam auf mich zu und hüpfte gekonnt die Stufen hinunter. Dann sauste sie vorbei und übertrieb ihre Schritte, als wollte sie sagen: »Da lang und versau es nicht wieder.«
Ich folgte ihr. Sie drückte die Tür auf, ohne ein Geräusch zu machen, und wir beiden schoben uns ins Innere. Wenn Bindi uns gesehen hatte … Ich lauschte einen Moment und erwartete, dass sie die Treppe herunterpolterte, dass sie herkam und uns beide anschrie für das, was ich ihrer Meinung nach mit ihrer Tochter anstellte.
Sie wusste natürlich nicht, dass Prithi lesbisch war.
»Tut mir leid, P.«, sagte ich. »Harte Nacht.«
Meine Beine zitterten immer noch und meine Lungen brannten weiterhin.
Sie drehte sich um und sah mich an. Zuerst war sie stoisch und ernst. Dann, als die aufgebrachte Meute nicht auftauchte, um Frankenstein zu verbrennen, fing sie an zu lachen.
»Als du da gelegen hast, hast du ausgesehen wie ein Trottel.«
»Was glaubst du, wie du aussiehst?«, fragte ich. Beim Sprint hatte sie vergessen, dass sie halb nackt war. Sie legte die Hände über ihre Brüste.
»Du hast nichts gesehen.«
»Ich bin ein Arschloch. Verzweifelt bin ich nicht.«
»Was soll das denn heißen? Wolltest du nicht hinsehen?«
»Selbst wenn, was hätte ich davon? Du magst keine Kerle, und ich könnte nicht, auch wenn ich es wollte. Wenn ich mir ein Paar ansehen will, habe ich das Internet.«
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Du bist unmöglich.«
»Nein, ich bin unheimlich.«
Sie lachte wieder und ging dann an meinem beschissenen Sofa vorbei zur Innentür, die aus dem Keller hinausführte. Währenddessen starrte ich ihr auf den Arsch, damit sie sich nicht zu beleidigt fühlte. Sie drehte sich abrupt zu mir um, als sie die Tür erreichte. Ich schaute weg.
»Das hab’ ich gesehen.«
»Solltest du auch.«
»Geh schlafen, Conor. Könnte sein, dass ich wieder einen Job für dich...




