E-Book, Deutsch, Band 13, 544 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn The Last Man - Die Exekution
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86552-561-1
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 13, 544 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-86552-561-1
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Jalalabad, Afghanistan
Die vier toten Männer lagen nebeneinander auf dem Boden des Wohnzimmers im sicheren Unterschlupf. Mitch Rapp nahm sich zuerst den Linken vor. Das bärtige Gesicht, die dunklen leblosen Augen und das münzgroße Einschussloch in der Mitte der Stirn passten ins Bild. Eine einzelne Kugel, sauber platziert – genauso hätte Rapp es auch gemacht. Bei den beiden anderen Bodyguards bot sich der gleiche Anblick; inklusive der geröteten Falte zwischen den Brauen. Der vierte Afghane erzählte jedoch eine andere Geschichte: Ihm hatte man einen Schuss in den Hinterkopf verpasst. Ein Viertel seines Schädels hatte sich in einen zerfurchten Krater aus Fleisch, Blut und Knochen verwandelt. Die Austrittswunde verriet, dass der Kerl mit etwas deutlich Stärkerem als einer 9-Millimeter-Waffe erledigt worden war – vermutlich einem Kaliber 45 mit Munition, die aufplatzte und sich großzügig verteilte, um den angerichteten Schaden zu maximieren. Nichts an dieser Schweinerei ließ vermuten, dass alles in Ordnung kam, aber letzteres Detail stieß die Tür in eine besonders unangenehme Richtung auf, mit der er sich lieber nicht beschäftigt hätte.
Rapp verdrängte den beunruhigenden Gedanken für einen Moment und versuchte sich auszumalen, wie es abgelaufen sein mochte. Die ersten Anzeichen deuteten auf einen gut koordinierten Angriff hin. Alle Überwachungsvorrichtungen waren ausgeschaltet worden; Telefonleitungen, Kameras, Bewegungssensoren und selbst die Druckkissen hatten die Eindringlinge aus dem Verkehr gezogen. Die Back-up-Verbindung über die Satellitenschüssel auf dem Dach funktionierte ebenfalls nicht mehr.
Wer immer das Versteck angegriffen hatte, verfügte über Know-how und Fertigkeiten, um zuzuschlagen, ohne einen einzigen Alarm auszulösen. Das hätte unweigerlich die schnelle Eingreiftruppe auf dem weniger als zwei Kilometer entfernten Luftwaffenstützpunkt alarmiert. Laut den Experten in Langley war so etwas gar nicht möglich. Vor vier Jahren hatten sie behauptet, das Safe House sei für jede Bedrohung gerüstet, die sich die Taliban oder andere lokale Milizen einfallen ließen. Rapp machte keinen Hehl daraus, dass er diese sogenannten Experten für ahnungslose Schwachköpfe hielt. Da man solche Verstecke betreten und verlassen musste, traten automatisch Sicherheitslücken auf.
Wie bei den meisten Häusern der CIA ließ auch dieses keine Rückschlüsse auf den Verwendungszweck zu. Weder wehte eine US-Flagge im Vorgarten noch standen schneidige Marines vor dem Eingang auf dem Posten. Es handelte sich um einen Black Site – eine feindlichen Diensten unbekannte Einrichtung, in der man sich den unerfreulichen Begleiterscheinungen des Krieges gegen den Terror widmete. Bei der CIA wollte man unbedingt vermeiden, dass offizielle Aufzeichnungen über das Kommen und Gehen von Drogendealern, Bandenchefs, Waffenhändlern, lokalen Politikern, Polizeikräften und afghanischen Armeeoffizieren existierten, die hier geschmiert wurden.
Das Haus wirkte auf den ersten Blick wie einer der üblichen zweistöckigen Wohnbauten in Jalalabad. Im Inneren machten es einige Modernisierungen ziemlich einzigartig, aber von außen sah es schäbig und heruntergekommen wie alle anderen Gebäude in der Nachbarschaft aus. Die Mauer aus Betonziegeln, die das Grundstück umgab, war mit einem speziellen Harz lackiert, um zu verhindern, dass sie im Fall einer Autobombenexplosion in Millionen von Bruchstücken zerplatzte und das Gebäude zerstörte. Die primitiv erscheinende Eingangstür wurde durch eine zweieinhalb Zentimeter dicke Stahlplatte und einen massiven Rahmen verstärkt. Alle Fensterscheiben bestanden aus kugelsicherem Plexiglas und die Hochsicherheitskameras und Sensoren hatte man so geschickt getarnt, dass sie den übrigen Anwohnern gar nicht auffielen. Langley hatte sogar die seltene Vorsichtsmaßnahme getroffen, die angrenzenden Anwesen zu kaufen und Bodyguards mit ihren Familien dort einziehen zu lassen. All das galt dem Schutz eines einzigen Mannes.
Joe Rickman war eindeutig der gerissenste und begnadetste Agent, mit dem Rapp je zusammengearbeitet hatte. Sie kannten einander seit nunmehr 16 Jahren. Anfangs wusste Rapp nicht, was er von dem anderen halten sollte. Rickman fiel durch jedes Raster. Nichts an seiner äußeren Erscheinung blieb einem in Erinnerung. Mit 1,78 Metern war er weder groß noch klein. Sein unscheinbares braunes Haar passte perfekt zu den trüben braunen Augen. Die wenig markante Kinnpartie vervollständigte das rundliche Durchschnittsgesicht. In den seltenen Momenten, in denen er sprach, klang es seltsam unbeteiligt und extrem monoton – eine Stimme, die selbst das quengeligste Baby in Rekordzeit in den Schlaf lullte.
Rickmans leicht zu vergessender Anblick erlaubte es ihm, mit seiner Umgebung zu verschmelzen und von jenen, die ihn zu Gesicht bekamen, sofort wieder vergessen zu werden. Das kam ihm sehr gelegen. Sein Erfolg beruhte darauf, dass ihn Idioten unterschätzten. Er arbeitete seit 23 Jahren für die CIA, hatte das Hauptquartier in Langley gerüchteweise aber nie betreten. Vor ein paar Monaten stellte Rapp ihm die Frage, ob das Gerücht stimmte. Rickman tat es mit einem leichten Lächeln ab und meinte, man habe ihn eben nie einbestellt.
Anfangs hielt Rapp die Bemerkung für einen leichtfertig dahingesagten Anflug von Selbstironie. Erst im Nachhinein stellte er fest, dass Rickman es todernst meinte. Er gehörte zu den Leuten, die man nur in Krisenzeiten duldete – in der Regel, wenn man Krieg führte. Während der letzten acht Jahre hatte er im afghanischen Untergrund die Interessen Amerikas vertreten. Mehr als eine Milliarde Dollar in bar waren durch seine Hände gewandert. In der Regel setzte er das Geld ein, um Leute zu bestechen, damit sie sich dem richtigen Team anschlossen; allerdings investierte er auch größere Summen, um Feinde töten zu lassen und weitere unschöne Punkte abzuhaken, die in solchen Fällen nun mal zu erledigen waren. Die Leute daheim in Langley legten keinen Wert darauf, Details seiner Arbeit zu erfahren. Für sie zählten nur die Ergebnisse, die Rickman lieferte, und das tat er wie kein Zweiter. Hinter der unspektakulären Fassade lauerte ein raffinierter Verstand, der für die doppelbödige, ausgesprochen komplexe Welt der internationalen Spionage wie geschaffen zu sein schien.
Rapp hatte den Grund für den alarmierten Tonfall seiner Chefin sofort erkannt, als sie ihn vor etwa zwei Stunden anrief. Sobald die Wachposten zur Frühschicht aufgetaucht waren, hatten sie die Leichen und die Abwesenheit von Joe Rickman bemerkt und umgehend Meldung an John Hubbard gemacht, den Chef der CIA-Station in Jalalabad. Hubbard gab den Vorfall an seinen Boss in Kabul weiter und von dort aus rollte die Scheiße weiter den Berg hinauf. Rapp erhielt den Anruf von CIA-Direktorin Irene Kennedy, als er gerade in der großen Kantine der Bagram Air Force Base beim Frühstück saß. Er war erst am Abend zuvor im Rahmen einer Prio-1-Mission in Afghanistan eingetroffen, doch die lag nun zunächst mal auf Eis. Er und seine vier Teamkollegen wurden um kurz vor neun morgens in Jalalabad von Hubbard mit einem Konvoi aus drei SUVs abgeholt und zusammen mit einer Sicherheitsmannschaft zum Safe House gekarrt.
Langley wollte Rickman unbedingt finden, aber Mitch beschlich das merkwürdige Gefühl, dass sie es unter den aktuellen Umständen vorgezogen hätten, den Black-Ops-Chef in einem Leichensack geliefert zu bekommen. Seine Entführung ließ sich unmöglich geheim halten und Rickman verfügte über entschieden zu viel operatives Wissen und Einfluss, um es zu vertuschen. Bei der CIA arbeiteten mehrere Teams rund um die Uhr unter Hochdruck daran, den Schaden einzuschätzen. Wenn Rapp den Kollegen nicht innerhalb kürzester Zeit fand, flogen ihnen komplexe, teure Operationen um die Ohren und Informanten überall im Nahen Osten, in Südwestasien und darüber hinaus drohten in Leichenhallen zu landen. Früher oder später bekam sicher auch der US-Kongress Wind von der Katastrophe und forderte Antworten auf unangenehme Fragen ein. Eine Menge CIA-Leute hielten die Vorstellung, dass Rickman vom Kongress als Zeuge einbestellt wurde, sogar für noch schlimmer, als dass er im Rahmen eines Verhörs geheimdienstliche Erkenntnisse an den Feind weitergab.
Rapp verband eine lange und ziemlich komplizierte Geschichte mit Rickman. Nach anfänglicher Skepsis respektierte er den anderen mittlerweile. Gerade beschäftigte er sich mit dem Gedanken, von seinen Vorgesetzten möglicherweise aufgefordert zu werden, Rickman zu töten, bevor dieser Geheimnisverrat begehen konnte, da tauchte Hubbard bei ihm auf.
»Das ist eine ziemliche Scheiße.«
Rapp nickte. »Schlimmer kann’s kaum werden.«
Hubbard fuhr sich über die Vollglatze. »Wie zur Hölle sollen wir ihn bloß finden?«
»Im Moment habe ich keinen blassen Schimmer.« Rapp wusste, dass ihre Erfolgschancen gering waren, aber irgendwo mussten sie anfangen.
»Auf jeden Fall dürfte es ziemlich unangenehm werden. Falls du damit nicht klarkommst, Hub, schlag ich vor, dass du zur Basis zurückfährst und dich in deinem Büro einschließt.«
Hubbard betrachtete Rapp kritisch, ehe er erwiderte: »Mach dir darüber mal keine Sorgen. Ich bin seit mehr als zwei Jahren hier und hab eine Menge kranken Mist erlebt.«
Den meisten ›kranken Mist‹ hatten allerdings ihre Gegner angestellt. Diesmal mussten sie selbst die rote Linie überschreiten.
»Ich weiß«, meinte Rapp, »aber glaub mir, wenn wir ihn zurückholen wollen, müssen wir deutlich skrupelloser vorgehen, als du’s dir vermutlich vorstellen kannst. Solltest du zwischendurch Bauchschmerzen bekommen, kann ich damit leben,...




