E-Book, Deutsch, Band 16, 480 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn / Mills Enemy Of The State - Der Verräter
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86552-762-2
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 16, 480 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-86552-762-2
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vince Flynn wird von Lesern und Kritikern als Meister des modernen Polit-Thrillers gefeiert. Dabei begann seine literarische Laufbahn eher holprig: Der Traum von einer Pilotenlaufbahn beim Marine Corps platzte aus gesundheitlichen Gründen. Stattdessen schlug er sich als Immobilienmakler, Marketingassistent und Barkeeper durch. Neben der Arbeit kämpfte er gegen seine Legasthenie und verschlang Bücher seiner Idole Hemingway, Ludlum, Clancy, Tolkien, Vidal und Irving, bevor er selbst mit dem Schreiben begann. Insgesamt 60 Verlage lehnten sein Roman-Debüt ab. Doch Flynn gab nicht auf und veröffentlichte es in Eigenregie. Der Auftakt einer einzigartigen Erfolgsgeschichte: Term Limits wurde ein Verkaufsschlager, ein großer US-Verleger griff zu, die Folgebände waren fortan auf Spitzenpositionen in den Bestseller-Charts abonniert. Der Autor verstarb 2013 im Alter von 47 Jahren infolge einer Krebserkrankung. Fans erinnern sich. Der Anti-Terror-Kämpfer Mitch Rapp ist der Held in bisher 17 Romanen. Aufgrund des bahnbrechenden Erfolgs (Verkauf alleine in den USA schon über 20 Millionen Bücher) wird die Reihe in Absprache mit Flynns Erben inzwischen von Kyle Mills fortgesetzt.
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1
Über Asch-Schirqat, Irak
Mitch Rapp suchte vergeblich nach einer bequemeren Sitzhaltung. Sein Helm stieß gegen die Decke der Kabine und etwas Scharfes bohrte sich durch das Geflecht des Sitzes in seine rechte Rückenseite.
Nicht gerade der Komfort, den er von der G550 der CIA gewohnt war, allerdings hatte man dieses Flugzeug auch nicht konstruiert, um damit VIPs der Regierung herumzukutschieren. Es diente einzig und allein dem Zweck, ausgewählte Teams auf feindliches Terrain einzuschleusen. Damit das reibungslos funktionierte, mussten die Maschinen kompakt, schnell und unauffällig sein. Es gab weder einen Piloten noch ein Cockpit, keinen Druckausgleich in der Kabine, geschweige denn eine Klimaanlage. Und als einzige Beleuchtung musste der fahle Schimmer des Displays zu seiner Rechten herhalten.
Er blickte darauf und überflog die Daten. 400 Knoten, 25.000 Fuß Höhe, Kurs Südsüdwest. Eine ruckelnde Infrarotkarte neben Kompass und Zahlenkolonnen zeichnete den Kurs nach. Ganz unten auf dem Schirm schob sich gerade das Ziel in Sicht.
Asch-Schirqat.
Obwohl er schon viel erlebt und durchgemacht hatte, gab es wenige Orte auf der Welt, deren bloße Erwähnung bei ihm schwitzige Hände auslöste. Genau genommen nur zwei: die Stelle, an der seine Frau gestorben war, und eben Asch-Schirqat.
Eine grüne Lampe über der Luke flackerte auf. Er koppelte die Atemmaske von der Sauerstoffversorgung des Flugzeugs ab und verband sie mit dem mickrigen Tank am Wingsuit, den er trug, rutschte aus dem Stuhl auf den Karbonbelag des Bodens und zurrte ein kleines Päckchen zwischen den Beinen fest. Der Countdown hatte begonnen. Er wartete, bis die Luke zur Seite glitt, schob dann die Schutzbrille vor die Augen. Draußen erwarteten ihn Temperaturen um 30 Grad unter dem Gefrierpunkt. Rapp kämpfte sich an die tintenschwarze Öffnung heran. Wind peitschte ihm ins Gesicht. Der Countdown in der Hörkapsel erreichte null. Er schleuderte sich nach draußen und kämpfte um eine stabile Position, während er in den freien Fall beschleunigte.
Nach einigen Sekunden hatte er den Körper so weit austariert, dass er kurz auf die Anzeige am Handgelenk schauen konnte. Neben der aktuellen Höhe zeigte sie Richtung und horizontale Distanz zum Landepunkt an. Nicht dass es so entscheidend gewesen wäre, ihn exakt zu treffen – letztlich handelte es sich um eine zufällig gewählte Stelle knapp eine Meile vom Rand der IS-kontrollierten Stadt entfernt. Sein alter Mentor Stan Hurley hatte ihm beim Fallschirmtraining allerdings Genauigkeit als oberste Maxime eingebläut. Rapp erinnerte sich noch genau, wie der Kerl ihn inmitten der gezeichneten Landemarkierung empfangen hatte, den Blick himmelwärts gerichtet:
Wehe, du trittst bei der Landung nicht mit dem Fuß genau gegen meinen Kopf, dann tret ich dich hinterher, bis du blutest.
Kaum zu glauben, wie sehr ihm der elende Griesgram fehlte.
Unter ihm herrschte tiefe Finsternis, die das beunruhigende Gefühl erzeugte, frei im Weltall zu schweben. Saddam Husseins frühere Offiziere bekleideten in der IS-Führungsspitze zunehmend wichtige Posten. Ihr Aufstieg führte gleichzeitig zu einem drastischen Anstieg der Disziplin. Sie hatten Asch-Schirqat komplett verdunkelt, um den Amerikanern ein Bombardement zu erschweren. Schlimmer noch: Einige mobile SAM-Einheiten kurvten durch die zerstörten Straßen. Welchem Zweck sie dienten, wusste niemand, aber allein das Wissen, dass sie da waren, hatte ihn zu einer Strategieänderung veranlasst. Aus großer Höhe abspringen und sich der Stadt aus sicherer Entfernung nähern.
Knapp 300 Meter über dem Boden löste er den Fallschirm aus, koppelte das Päckchen zwischen den Beinen ab und klinkte es am Haupttragegurt ein. Mit ein paar kräftigen Zügen an den Steuerleinen manövrierte er den Schirm direkt über die vorgesehene Landezone – einen sandigen Hügel, der eine gute Sicht aus erhöhter Position ermöglichte.
Rapp raffte den Schirm eilig zusammen und streifte Schutzbrille und Helm ab. Fast zwei Minuten lag er still da und lauschte. Nachdem er davon überzeugt war, dass niemand seine Ankunft mitbekommen hatte, zog er sich bis auf ein paar schmuddelige Jeans und ein T-Shirt aus und zog das Päckchen zu sich heran.
Es enthielt lediglich ein Schulterholster samt Glock und Schalldämpfer, zwei Ersatzmagazine, etwas Trockenfleisch und eine kleine Schaufel, um das Sprungequipment zu vergraben. Sobald er damit fertig war, ging er problemlos als einheimischer Iraki durch, den es kurz nach Sonnenaufgang in die Wüste verschlagen hatte.
Ohne das Display am Handgelenk musste er die Sterne am Nachthimmel zur Orientierung nutzen. Glücklicherweise klappte das heutzutage genauso gut wie bei den ersten Forschern, die zu ihren Expeditionen aufbrachen. Er folgte einem Kurs nach Süden und massierte sich die Abdrücke der Schutzbrille im Gesicht weg. Nach wochenlanger Luftbeobachtung rechnete er zwar nicht damit, beim Erreichen der Stadt auf Sicherheitstruppen zu stoßen, aber Überraschungen gehörten zum Geschäft.
Als Rapp die zerbombten Gebäude am Rand von Asch-Schirqat erreicht hatte, robbte er zunächst auf dem Bauch weiter. Die Männer, derentwegen er gekommen war, hielten sich im Stadtzentrum auf. In Gedanken ging er die Route durch, die von den Kartografen der Agency festgelegt worden war.
Bei seiner letzten Flucht aus der Siedlung am linken Ufer des Tigris hatte er sich als amerikanischer IS-Rekrut ausgegeben. Der ehemalige irakische General, der das Gebiet kontrollierte, beabsichtigte seinerzeit, die saudi-arabische Ölförderung mithilfe schmutziger Bomben lahmzulegen, dadurch die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht zu bringen und die Saudis für eine Machtübernahme durch islamische Radikale verwundbar zu machen. Rapp war es gelungen, das Komplott zu vereiteln, nicht zuletzt dank der Unterstützung örtlicher Widerstandskämpfer.
Inzwischen kannte der IS die Identitäten dieser Verräter und hatte sich auf sie eingeschossen. Die meisten Verantwortlichen in Langley hielten es für puren Wahnsinn zurückzukommen, und argumentierten, dass das Risiko zu hoch und die Erfolgsaussichten zu gering waren. Vermutlich stimmte das sogar. Es änderte jedoch nichts daran, dass die fünf jungen Männer, die Rapp in Sicherheit bringen wollte, in Schlachten ziemlich unerfahren waren. Okay, bei der Informationsbeschaffung taugten sie nicht besonders viel. Die meiste Zeit hockten sie zusammen, schwangen theoretische politische Reden und ließen sich von ihren Kumpeln dafür feiern. Trotzdem hatten sie ihr Leben für ihn riskiert, als er sie brauchte. Da verdienten sie es verdammt noch mal, dass er umgekehrt dasselbe für sie tat.
Dummerweise zwang ihn diese Entscheidung, einem zaghaften Joe Maslick die Verantwortung für die Operation im marokkanischen Rabat zu übertragen. Letztlich wahrscheinlich gar nicht so verkehrt. Die Mission war nicht besonders komplex und Maslick musste dringend wieder Einsatzerfahrung in verantwortlicher Position sammeln, ob es ihm nun gefiel oder nicht.
Rapp schloss kurz die Augen und stellte fest, dass er das Unvermeidliche bewusst hinauszögerte. Er wäre am liebsten nie hierher zurückgekommen, hatte sogar versucht, die Militärs zu überreden, einen groß angelegten Angriff zur Rückeroberung der Stadt in die Wege zu leiten. Wenig erstaunlich: Sie wollten davon nichts hören. Sie hielten es zwar grundsätzlich für machbar, zumal die irakische Armee mit Unterstützung von US-Truppen über ausreichend Kampfkraft verfügte. Das Problem bestand darin, dass die Einheimischen kaum einen Unterschied zwischen irakischen Soldaten und IS-Milizen machten. Am Ende hielten sie beide nur für eine weitere Besatzungsmacht, der sie in ihrem endlosen Guerillakrieg gegenüberstanden. Willkommen im Nahen Osten.
Rapp stand auf und zwang sich zum Weiterlaufen. Er glitt zwischen zwei Gebäuden hindurch und orientierte sich mithilfe des leuchtenden Vollmonds. Dieser Teil der Stadt hatte eine Menge Gefechtsschäden erlitten, deshalb lebte hier so gut wie niemand mehr. Er war schon mal hier gewesen, hatte die Umgebung aber nicht verinnerlicht.
Nach knapp fünf Minuten, in denen er sich grob nach Süden orientierte, erreichte er einen eingestürzten Straßenzug, von dem kaum mehr als die östliche Begrenzungsmauer erhalten geblieben war. Einer der Orientierungspunkte, den er aus den Unterlagen aus Langley wiedererkannte. Er bog links ab und lief quer über einen von Bombenkratern übersäten Platz.
Auf der anderen Seite angelangt, beschlich ihn das Gefühl, verfolgt zu werden. Die Trümmer der umliegenden Bauten verfügten über einen natürlichen Rhythmus, der aus dem Gleichgewicht geraten zu sein schien. Die Schritte des Gegners waren unregelmäßig und vorsichtig, für sein trainiertes Gehör jedoch trotzdem unüberhörbar.
Er schlenderte betont gelassen weiter und kletterte über ein verbranntes Autowrack, um zu einer Gasse zu gelangen. Sobald er das Sichtfeld des Verfolgers verlassen hatte, huschte er in eine Wandnische auf der rechten Seite.
Wer immer da kam, ging äußerst diszipliniert vor, das musste Rapp ihm zugestehen. Es dauerte volle zwei Minuten, bis sich ein gut getarnter Schatten zentimeterweise in seine Richtung vorarbeitete. Mitch klaubte einen Betonsplitter aus einem Schutthaufen und schleuderte ihn in Richtung Neuankömmling. Fast unhörbar landete er etwa 20 Meter weiter südlich.
Die Schritte verstummten kurz. Rapp zückte die Glock und wartete, atmete flach. Einige Sekunden vergingen, dann tauchte der Umriss wieder auf. Der Mann überragte ihn um ein paar Zentimeter und hatte deutlich breitere...




