E-Book, Deutsch, Band 11, 544 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn EXTREME MEASURES – Der Gegenschlag
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98676-021-2
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Mitch Rapp Thriller
E-Book, Deutsch, Band 11, 544 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-98676-021-2
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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5
Bagram Air Base, Afghanistan
Nash näherte sich dem Zugang zum Zellentrakt und wartete auf das surrende Geräusch, das die Entriegelung des Schlosses begleitete. Rapp lief dicht hinter ihm und pustete ihm in den Nacken wie ein Stier, der darauf wartet, in die Arena zu preschen. In Summe hatten sie weit über 100 Terroristen, Informanten und feindliche Kämpfer verhört. Bei neun früheren Gelegenheiten hatten sie ihre Talente kombiniert und den Verstand von Männern wie Abu Haggani und Mohammad Al-Haq gebrochen. Innerhalb von Wochen saugten sie alle Informationen aus ihnen heraus. Einzeln arbeiteten Rapp und Nash sehr effektiv. Gemeinsam tobten sie wie ein Hurrikan; in einem unerbittlichen Wirbel staute sich ihre Energie auf bis zum finalen Ansturm. Es gab keinen Zweifel, dass sie die Männer brechen konnten. Blieb nur die Frage, ob es ihnen in so kurzer Zeit gelang.
Ein Klicken ertönte, dann ein gleichmäßiges Summen. Nash stieß die Tür auf und sie betraten den Zellentrakt. Es gab vier Verschläge auf der linken und vier auf der rechten Seite, getrennt durch einen breiten Gang in der Mitte. Jeder Gefangene war in einem separaten, 30 Zentimeter über dem Boden schwebenden Kubus untergebracht, mit dem gleichen Abstand zum Zellennachbarn. Natürlich existierte eine lückenlose Video-Audio-Überwachung, hinzu kamen Türen aus von außen durchsichtigem Plexiglas.
Nash und Rapp durchquerten den gesamten Trakt und verharrten vor der letzten Tür rechts. Nash streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus. Wäre es nach ihm gegangen, hätten die Lampen rund um die Uhr gebrannt, aber die Air Force hatte das Sagen.
Rapp sah den Gefangenen an, die in Falten gelegte Stirn verriet seine Missbilligung. »Sie haben ihm weder Schädel noch Bart rasiert?«
»Nein.«
Rapps Stirnrunzeln vertiefte sich und er murmelte ein paar Flüche in sich hinein.
»Das Gesetz über die Behandlung von Gefangenen besagt, dass es entwürdigend ist«, dozierte Nash mit gespieltem Ernst.
»Entwürdigend«, ereiferte sich Rapp. »Der Kerl haust neun Monate im Jahr in einer Höhle. Seine Spezialität ist es, die Eltern von Kindern mit Downsyndrom davon zu überzeugen, ihren Nachwuchs als Selbstmordattentäter einzusetzen. Das Wort Würde gehört überhaupt nicht zu seinem Wortschatz.«
Nash dachte gar nicht erst daran, die Rechte einer Bestie wie Haggani zu verteidigen, aber heute Abend musste es anders ablaufen als bei ihren bisherigen Bemühungen. Er musste Rapp davon abhalten, zu weit zu gehen und Spuren zu hinterlassen, die den Vernehmungsspezialisten des Militärs am nächsten Morgen auffielen. »Wir wissen beide, dass er ein Stück Scheiße ist, und bei jeder anderen Gelegenheit wäre es mir egal, was du mit ihm anstellst, aber heute Abend wirst du dich ausnahmsweise mal zügeln.«
Das einzige Zugeständnis, das Rapp ihm gönnte, war ein leichtes Nicken. »Fangen wir an. Wir verschwenden Zeit.«
Nash zog ein kompaktes digitales Funkgerät aus der Tasche, drückte die Sendetaste und sprach ins Mikro: »Marcus, bitte öffne Nummer acht für mich.«
Sobald die Entriegelung surrte, riss Rapp die Tür auf und betrat den winzigen Würfel. Mit dröhnender Stimme brüllte er: »Guten Morgen, Sonnenschein.« Er riss Haggani die Decke weg. »Zeit zum Aufstehen, du Stück Scheiße!«
Abu Haggani trug einen orangefarbenen Häftlingsoverall. Er wälzte sich mit dem Blick eines wilden Hundes herum und entfesselte einen Schwall Spucke, der Rapp am Kinn traf.
Rapp blinzelte ein Mal, bevor er eine Flut von Schimpfwörtern ausstieß.
»Ich vergaß, dir zu sagen, dass er ein Spucker ist«, warnte Nash nachträglich.
»Verdammt«, fluchte Rapp, während er sich mit dem Ärmel das Gesicht abwischte und sein Wutpegel anstieg.
Haggani holte mit den Beinen aus und trat auf Rapp ein. Dieser wich rasch zurück und stolperte dabei fast über Nash. Er fand das Gleichgewicht wieder und erwischte dann Hagganis rechten Knöchel, kurz bevor dieser Tuchfühlung mit seinen Eiern aufnahm. Er packte den Fuß mit beiden Händen, wich einen ausgreifenden Schritt zurück und zerrte den Terroristen von der Matratze. Haggani schlug mit einem Knall auf dem Boden auf. Ehe er sich davon erholen konnte, bewegte Rapp den Fuß um 90 Grad nach links. Das bewirkte, dass Haggani sich aufrichtete und die Leistengegend entblößte. Rapp vollzog eine schnelle Drehung und nahm sie mit dem Absatz seines Springerstiefels ins Visier. Die Luft entwich pfeifend, als Haggani der Sauerstoff aus der Lunge getrieben wurde. Der Gefangene stöhnte laut und griff sich schützend in den Schritt.
Laut auf Dari fluchend, schleifte Rapp einen nun weitaus kooperativeren Haggani aus dem Zellenkubus in den Flur. Nash eilte voran und öffnete die nächste Tür. Als Rapp die Schwelle erreichte, erwachte Hagganis Widerstand zu neuem Leben. Er robbte nach vorn und angelte nach Rapps rechtem Bein, riss den Mund auf und wollte die Zähne in den Oberschenkel des Amerikaners versenken. Rapp sah die Attacke kommen. Gerade als Haggani zubeißen wollte, holte er zu einem Ellbogenschlag aus, der den Afghanen oberhalb des rechten Auges traf. Die Wucht war so enorm, dass Hagganis Kopf zurückschnellte und er mit der vollen Länge des Oberkörpers auf den Boden klatschte. Die Augen rollten in den Höhlen zurück und er erschlaffte. Eine dünne, etwa zwei Zentimeter lange, purpurrote Linie zeichnete sich dort ab, wo die rechte Augenbraue des Terroristen endete. Für ein, zwei Sekunden passierte nichts, dann strömte Blut aus dem Cut.
»Um Himmels willen, Mitch.« Nash starrte ihn vorwurfsvoll an.
»Was sollte ich denn machen? Mich von ihm beißen lassen?«
»Nein, aber du hättest ihm keine Kopfwunde verpassen müssen.« Nash beugte sich vor, um den Schaden zu begutachten. »Ich fürchte, er muss genäht werden.«
»Daran können wir jetzt nichts mehr ändern.« Rapp packte Haggani an den Füßen und schleifte ihn durch die Tür, den Flur entlang und in den Verhörraum auf der linken Seite. Drinnen warteten zwei Männer. »Setzt ihn auf den Stuhl und fesselt ihn«, befahl Rapp. »Ich will nicht, dass er sich rühren kann. Falls er euch anspuckt, habt ihr meine ausdrückliche Erlaubnis, ihm die Scheiße aus dem Leib zu prügeln.«
Rapp kehrte in den Zellentrakt zurück. Nash wartete vor dem ersten Verschlag auf der linken Seite. Darin hockte Mohammad Al-Haq mit Gebetsperlen in der Hand auf der Bettkante. Das 49-jährige ranghohe Taliban-Mitglied sah eher aus wie 70. Haare und Bart waren fast vollständig ergraut. Körperhaltung und knorrige Hände zeugten von dem harten Leben, das er fast 30 Jahre lang geführt hatte – zunächst als Revolutionär in den Siebzigern, als er gegen die eigene Regierung gekämpft hatte, später für die Sowjets in den frühen Achtzigern, wo es noch danach aussah, dass sie gewannen, und schließlich für die Mudschahedin, nachdem sich das Blatt gegen die Sowjets gewendet hatte. Nach dem Konflikt mit den Sowjets arbeitete Al-Haq mit unterschiedlichen Fraktionen der Nordallianz zusammen, darunter auch mit General Dostum, bevor er erneut die Fronten wechselte und zu den Taliban überlief. Al-Haq war der ultimative Opportunist. Seine Vorgeschichte deutete darauf hin, dass er extrem leicht zu bekehren sein dürfte.
Nash öffnete die Zellentür. »Mohammad, ich fürchte, die Zeit ist gekommen.«
Der bärtige Mann blickte mit nervösen Augen zu ihm auf. Bei ihm mussten sie kein Spucken oder Treten befürchten. »Wofür?«, fragte er auf Englisch.
»Für eine Wiedervereinigung mit deinem alten Weggefährten General Dostum.«
Der Mann schaute auf die Gebetsperlen und erhob sich dann auf Drängen von Nash. Zu dritt betraten sie den anderen Vernehmungsraum. Nash platzierte Al-Haq auf einem Stuhl mit dem Rücken zur Tür. Rapp wechselte auf die andere Seite des Tisches, beugte sich vor, stützte sich mit beiden Händen auf und starrte dem Gefangenen in die Augen. Auf Dari fragte er: »Mohammad, weißt du, wer ich bin?«
Der Gefangene zögerte und sah dann auf. Seine Pupillen inspizierten für einige Sekunden Rapps Gesicht, dann nickte er.
»Findest du, dass du während deines Aufenthalts bei der United States Air Force gut behandelt wurdest?«, fragte Nash.
»Ja.«
»Nun, die Party ist vorbei, Mohammad.« Er kam um den Tisch herum. »Ich habe deinen alten Kumpel General Dostum aus Masar-e Scharif hergeholt. Er erwartet sehnlichst euer Wiedersehen.«
Sein Gegenüber musterte Rapp misstrauisch und verkündete mit so viel Überzeugung, wie es aufbringen konnte: »Ich glaube nicht, dass der General hier ist. Wenn es so wäre, stünde er längst vor mir.«
Nash und Rapp wechselten einen Blick, den Al-Haq als nervös interpretierte. Der Terrorist wischte die verschwitzten Handflächen am Overall ab und schob hinterher: »Ich habe mich eingehend mit eurem Land beschäftigt. Ich weiß, wie wichtig es für eure Anführer ist, sich als aufgeklärt und mitfühlend zu inszenieren. Sie würden niemals zulassen, dass man mich einem Monstrum wie General Dostum ausliefert. Die Senatoren, mit denen ich mich Anfang der Woche getroffen habe, sicherten mir eine humane Behandlung zu.«
Rapp lachte. Nash schüttelte nur den Kopf. Al-Haq gönnte sich ein selbstzufriedenes Grinsen, weil er den Punkt für sich verbuchte.
»Deine Überlegungen«, klärte ihn Nash auf, »sind nicht weit von der Wahrheit entfernt, aber du hast ein wichtiges Detail vergessen. Wir arbeiten für die CIA. Wir spielen nicht nach den üblichen Regeln. Unser Job, unser einziger Job auf Befehl des...




