Flor | Klartraum | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Flor Klartraum

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-99027-158-2
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-99027-158-2
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Es ist immer dasselbe mit der Liebe. Oder doch nicht? Ändert sie sich, weil die, die lieben, sich ändern? Und wie sähe eine Liebe heute aus? Wo wäre heute ihr Platz? Zwischen Familie und Karriere, in einer Welt, die einen drängt, seinen Vorteil zu suchen, zu erzwingen, den Nachteil des anderen in Kauf zu nehmen. Ist die Liebe in Zeiten umfassender Ökonomisierung mehr als eine Verhandlungssache, bei der der eine die andere (oder umgekehrt) immer über den Tisch zieht? So wie im Fall von P, unserer Protagonistin, und A - dem Allergeliebtesten, dem Antagonisten? -, die sich das kleine große Glück einer leidenschaftlichen Affäre gegenseitig abringen, als wäre es ein Kampf auf Leben und Tod.Olga Flor hat einen Liebesroman geschrieben, der so ganz anders klingt als das alte Lied vom Glück und Unglück zu zweit, zu dritt, zu viert usw. Haltlos im Begehren, voller Furor im Leiden, aber ohne jeden Seelenkitsch, schmerzhaft klar und nüchtern. Trost? Der Trost liegt darin, nicht aufzugeben.

geboren 1968 in Wien, aufgewachsen in Wien, Köln und Graz,. Nach dem Abschluss eines Physikstudiums arbeitete sie im Multimedia-Bereich. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet: u.?a. mit dem Anton-Wildgans-Preis (2012), mit dem Franz-Nabl-Preis (2019) und mit dem Gert-Jonke-Preis für Prosa (2023).
Flor Klartraum jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Verlust 2


Das Gute ist, sagt P: Was ich zu sagen habe, kann ich niederschreiben. Das hilft mir, klarer zu denken, und es rettet mich. Weiter behauptet sie, dass ihr beispielsweise von Anfang an klar gewesen sei, dass ihr das alles nicht zusteht, dass sie hier nicht nur die Grenzen der meisten Konventionen überschreitet, sondern auch die des Glücksanspruchs, des Anspruchs auf das Maß an Glück, das ein durchschnittliches Leben bietet: Ich habe schon mehr als genug davon gehabt.

Das stimmt allerdings. Sie lebte in einer friedlichen Umgebung mit einem Mann, mit dem sie in den wesentlichen Dingen einig war, sogar darin, was die eigentlich wären. Zog mit ihm gemeinsam Kinder groß, hatte einen Job, eine Wohnung, berufliche Anerkennung, meistens jedenfalls. Nur manchmal war da ein wenig Kälte, Gewohnheitshärte als Folge der mutuellen Überlastung der Elternteile durch die Anforderungen pubertätsreifer Teenager. Vorbehalte wurden beiläufig gesammelt. Wenn er etwa sagte, er hätte das, er würde anders, und sie ihm Überheblichkeit vorwarf und sich in eine kleine Wut hineinsteigerte, unangemessen, wie sie wusste; insgesamt nicht wirklich nennenswert. Lauwarmes Desinteresse aneinander, gerade auch in sexueller Hinsicht, geteilte Langeweile. Dinge eben, die in jeder Beziehung vorkommen, vor allem, wenn sie lange genug andauert, dass unterwegs aus Kindern Jugendliche werden. Völlig im Normalbereich. Das alles gab ihr nicht das Recht, in einer Zweitbeziehung Glück finden zu wollen. Sie tat es trotzdem, denn es war das große Glück. Das, was so einzigartig schmeckt, jedes einzelne Mal.

Sie ruft dem Rücken einen Namen nach, er hört nicht darauf. Sie folgt ihm und lacht ein wenig über sich selbst, denn eigentlich liegt sie ja am Boden, wie konnte sie das vergessen. Das ist jetzt radikal parteiisch hier, sagt sie und stapft hinter ihm her, was ihn aber nicht weiter interessiert. Diese Partei entzieht sich.

Das tue ihr jetzt sehr leid wegen der Verunreinigung der Kreuzung. Doch das ist eine der Kreuzungen, bei denen man nicht mehr viel ruinieren kann, genau das richtige Ambiente, um in einer Herbstnacht, in der eben dieser Berliner Nieselregen ein wenig unentschieden einsetzt, von einer Lebensliebe stehen gelassen zu werden.

Vorher noch verschließt A sein Gesicht, stützt es in die Hände, bohrt die Fingerkuppen in die Augenhöhlen, um schließlich, als er es endlich wieder auftauchen lässt, aus einer Festung in die Welt zu blicken. Auf P. Er sehe sie am Rand sitzen, am Rand des Lochs, in das er gestürzt sei, und sich um Annäherung bemühen, doch das funktioniere nicht. Es ist aus, sagt sie, oder fragt sie das? Sie würde gerne ein Beweisstück aus der Tasche zaubern, das ihn von der Lauterkeit ihrer Absichten überzeugt, das den Zauber belegen könnte, der sich naturgemäß verflüchtigt, wenn man ihn bannen will. Sie spürt, dass alles, was sie zu halten versucht, zerrinnt, sie sucht nach Worten, die sich dem Fluss entgegenstellen könnten, egal, er hört sie nicht. Er brütet traurig vor sich hin, sitzt auf seinem Thema, und das heißt Einschluss, Krater, Boden, Wand. Am Boden er, und hinter tausend Wänden eine Welt, möglicherweise. Du erreichst mich nicht, sagt er, keine Chance.

Sie schweigt, ratlos, fragt schließlich, was das nun wieder bedeute, ob sie es nicht versuchen könne, sinnlos, sagt er, und es sei ihm bewusst, dass er sie nur enttäusche. Auf diese Weise könne er das nicht fortsetzen. Ob er glaube, sie lasse sich alles bieten? Der Ton wird schärfer, er registriert das nicht, sie legt nach: von Mal zu Mal mehr? Von Verständnis zu Verständnis schiebe er die Grenze weiter hinaus, Verständnisse, die er selbstredend den anderen abverlange. Er wehrt sich nicht, er lässt das über sich ergehen, zieht den Kopf ein, was komisch aussieht. Sagt, er nehme an, er habe das verdient, eine Feststellung, die sie schachmatt setzt.

Sie habe nie etwas verlangt außer Verbindlichkeit, das schon, sagt sie blass, doch er ist nun bei seiner Frau angelangt, stellt fest, dass sie bleibe, bei ihm bleibe. Dass sie bleibe, sagt er, genaugenommen. Man sollte das nicht überbewerten, sagt P ein wenig spitz, eine unglückliche Mischung aus Defensive und Positionsbehauptung, die kaum das Zeug hat, irgendein Ziel zu erreichen. Die Jüngste noch klein, zu klein, sagt er, und er hat recht, sie stimmt ihm völlig zu. Die Handlungsübereinkunft war: den Kindern keinen Schmerz zufügen, die Familien nicht verlassen. Doch er scheint alles vergessen zu haben, keine Gemeinsamkeit mehr greifbar, da kann sie noch so sehr auf die eigene Ungefährlichkeit hinweisen: Der Verzehr dieser Person ist völlig nebenwirkungsfrei. Sie stellt sich vor, wie er sie zu seinem Mund führt, der Mund von durchaus ansehnlicher Größe. Am Lippenrand stellt er sie ab, sie starrt auf sein Gaumenzäpfchen, das stalaktitengleich den Schlund säumt hinter dem weichen Zungenbett, sie lacht. Hilft aber alles nichts. Er sitzt in Griffweite, wie es aussieht, dabei handelt es sich um eine optische Täuschung.

P resümiert, das Verfassen von Erinnerungsauszügen ist alles, was sie hat. In den Erinnerungsgeschichten, die man sich selbst erzählt, wird die Deutung gleich mitgeliefert, das macht das Erlebte mundgerecht und handhabbar. Später in der U-Bahn, Hochbahn, ist sie froh, dass sie nicht früher davongegangen ist, abgerauscht in einer dieser großen Szenen, die ihr ja doch nicht liegen. Das Davongehen hätte sie vor der Einsicht bewahrt, wie einsam so ein Ich doch ist. Unten im Klo, in das sie sich geflüchtet hatte, schockiert von der Schärfe seiner Zurückweisung, versuchte sie, die Fassung wieder zu gewinnen, stand da in einem Raum, an den sie keine Erinnerung mehr hat. Sicherlich kühl, mit nackten Ziegelwänden, isolierten, aus dem Boden wachsenden Stahlwaschbecken und einem Riesenspiegel, in dem sie ihr Bild sah, getroffen. Ziemlich gut sogar. Ich könnte, sagte sie zu sich. Einfach gehen. Doch dann müsste sie sich ewig vorwerfen (führt sie ins Treffen), die Flucht ergriffen zu haben, ihm keine Chance zur Rechtfertigung gelassen, ihn womöglich falsch interpretiert zu haben. Ihm Grund gegeben zu haben für den Rückzug, der nun ohnehin folgen würde. Aber wenigstens will sie ihm dafür nicht auch noch die Munition liefern, das Erklärungsmodell auf dem Silbertablett, ihr stürmischer, ihn womöglich blamierender Abgang sei schuld gewesen an der nun umso konsequenteren Verhärtung. Denn der Wunsch drängt sich in den Vordergrund, ist ausgesprochen fordernd, das, was jetzt noch folgen müsste, bis zur Neige in sich aufzunehmen. Im Hintergrund, versteckt und schon recht angeschlagen, doch leider nicht ganz kleinzukriegen, sitzt die Hoffnung.

Ein französisches Lied, das sie in der Schule gelernt hatte, summte sie jetzt vor sich hin. Darin ging es um die Frage, welcher der Matrosen auf einem verlorenen Schiff von den anderen gegessen werden sollte. Der mit dem kürzesten Strohhalm nämlich, und den zog der Schiffsjunge, was insofern dumm war, als an dem am wenigsten dran war: pro Mord maximaler Nährwertgewinn, das musste doch das Ziel sein, hatte sie gedacht. Oder vielleicht dachte sie das erst heute, vielleicht waren das die Gedanken einer gründlich Erwachsenen mit Erfahrung in Anträgen bei lokalen, trans- und supranationalen Institutionen, die sich gewogen zeigen könnten, einer Professionellen im Umgang mit Zielvereinbarungen und Deliverables für Projekte, die mittel- und unmittelbar die eigene Stelle finanzierten. (Dass zum Beispiel die Arbeitslosigkeit anderer die Voraussetzung für das eigene Arbeitsverhältnis darstellen konnte, hatte sie nur anfangs seltsam berührt, man gewöhnt sich an vieles.)

Ich kann zurücksehen auf all die Hoffnungsverlängerungsversuche, sagt sich diese Erwachsene. Ich kann meinen Selbstbetrügereien Denkmäler setzen, Gummienten, die ich auf den Überresten vergangener Intensität deponiere. Auf die kurze, heftige Erleichterung, die ihr das Abschicken von Nachrichten verschaffte, auf Kommunikationsangebote, deren Annahme der Adressat meist fürs Erste verweigerte, egal, wie wohldurchdacht und feingestrickt die waren, folgte demgemäß ein Warten. Das Reaktionstempo bestimmt immer die passivere Partei. Es war keine große Kunst gewesen, ein Regime des Wartenlassens zu etablieren. Eine Bedeutungshierarchie, die sich an der Kostbarkeit orientierte, zumindest nach der Kostspieligkeit der Eigenzeiten, und da lag die seine um Längen vorne.

P geht mit strahlendem Lächeln durch noch strahlendere Herbsttage. Die Stadt glüht, der Himmel ist weit, und über der Tempelfront eines Theaters ruht ein aufgebahrter Leichnam, der Bildermacht der Spätgotik entgeht man nicht. Woher die Energie kommt, um so zu strahlen, weiß P nicht, nur dass sie strahlen muss um jeden Preis, dass das die einzige Möglichkeit ist, sich gegen den inneren Zerfall zu wappnen. In der Straßenbahn schießen ihr plötzlich Tränen in die Augen, als sie ein junges Paar sieht, eine Armlänge entfernt, maximal, und der junge Mann links berührt den jungen Mann rechts neben sich an der Wange, oder ist es eine Frau?, wer will das sagen und wozu auch? Mehr braucht es nicht als diese Geste, in der...


Flor, Olga
geboren 1968 in Wien, aufgewachsen in Wien, Köln und Graz. Nach dem Abschluss eines Physikstudiums arbeitete sie im Multimedia-Bereich. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet: u.?a. mit dem Anton-Wildgans-Preis (2012), mit dem Franz-Nabl-Preis (2019) und mit dem Gert-Jonke-Preis für Prosa (2023).

geboren 1968 in Wien, aufgewachsen in Wien, Köln und Graz, studierte Physik und arbeitete im Multimedia-Bereich. Seit 2004 freie Schriftstellerin. Zahlreiche Auszeichnungen, u.?a. Anton-Wildgans-Preis 2012, Veza-Canetti-Preis 2014.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.