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E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Flock Ich & Emma


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-166-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-95576-166-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die achtjährige Carrie möchte nichts weiter als glücklich sein. Doch dieser Wunsch bleibt ihr verwehrt. Sie wird von ihrem Stiefvater misshandelt. Die Mutter, zu schwach, um sich zu wehren, schaut tatenlos zu. Immer mehr flüchtet sich Carrie in eine Welt, die sie nur noch mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Emma zu teilen scheint. Emma ist alles, was Carrie gern wäre: lebenslustig, ausgelassen, mutig, stark ... Sie verteidigt Carrie, wann immer es nötig ist. Bis sie selbst ein Opfer der väterlichen Gewalt wird und Carrie nur noch einen Weg sieht, um sich und ihre Schwester zu retten ...

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1. KAPITEL

Als Richard mich zum ersten Mal schlug, habe ich wie bei einem Zeichentrickfilm Sternchen vor den Augen gesehen. Es war allerdings nur eine Ohrfeige – nicht wie bei Tommy Bucksmith, dessen Vater ihn so verprügelte, dass sein Kopf regelrecht vom Steinpflaster abprallte. Ich schätze, Richard wusste nichts von den Saltos, die ich früher mit meinem Daddy machte. Wir hielten uns an den Händen, ich kletterte seine Beine hoch bis kurz übers Knie, drückte mich ab und machte eine Rolle durch das Dreieck, das unsere Arme bildeten. Das war total lustig. Ich versuchte Richard zu zeigen, wie das funktionierte. In diesem Moment lernte ich allerdings, dass es besser war, Richard in Ruhe zu lassen. Seither versuche ich, so selten wie möglich zu Hause zu sein.

In einer Kleinstadt namens Toast kann man nicht verloren gehen. Ich weiß nicht, wie es woanders ist, aber bei uns sind alle Straßen danach benannt, was man dort vorfindet. Es gibt die Post Office Road und die Front Street, die direkt an den Vorderfronten der Ladengeschäfte vorbeiführt, die Back Street, eine Parallelstraße dahinter. Es gibt die New Church Road, obwohl die Kirche an deren Ende inzwischen nicht mehr neu ist. Dann die Brown’s Farm Road, wo Hollis Brown mit seiner Familie lebt, und davor lebten andere Browns dort, die Mama kannte und nicht sonderlich mochte. Es gibt die Hilltop Road und sogar die Riverbend Road. Also egal wohin man will, die Straßenschilder zeigen einem den Weg. Ich wohne in der Murray Mill Road. Nun würde man vermuten, dass mein Nachname Murray ist, aber der ist Parker – Mr. Murray starb lange bevor wir hier einzogen. Wir haben in dem Haus nichts verändert: Der Weg von der Route 74 besteht einfach nur aus Gras, das in zwei geraden Streifen wächst, sodass die Autoreifen von ganz allein wissen, wo sie entlang müssen. Das Erste, was man sieht, wenn man bis sechzig gezählt hat, ist die Mühle am Teich, die von alten Pfählen abgestützt wird. An einen Baum ist ein Brett festgenagelt, darauf steht in abgeblätterten Buchstaben: Fischen am Sonntag verboten. An einer Wand der Mühle hängt noch ein altes Schild von Mr. Murray, auf dem man einen gemalten Hahn sieht, der folgende Worte kräht: Fütter Nutrena … sicher, zuverlässig und günstig. Es ist nicht leicht, die Wörter zu entziffern, weil sich feiner roter Staub darüber gelegt hat. Aber den Hahn kann man noch ganz deutlich erkennen. Und an die Tür der Mühle ist ein Zettel geheftet: “Warnung: Es ist rechtswidrig, verdorbenes oder falsch gekennzeichnetes Getreide zu verkaufen, zu liefern oder zu lagern. Bei Zuwiderhandlung drohen 100 Dollar Bußgeld oder Gefängnis oder beides.” Den Satz habe ich in mein Schulheft abgeschrieben.

“He!” Das Schulheft fliegt aus meiner Hand in den Schmutz.

“Wette, das haste nicht kommen seh’n!” Richard lacht mich aus, als ich auf dem Boden herumkrieche, um das Heft wieder aufzuheben, bevor er es ergattern kann. “Muss ja was ziemlich Wichtiges sein, so wie du’s festhältst. Zeig mal.” Und bevor ich auch nur einen Pieps sagen kann, reißt er es mir aus der Hand.

“Gib’s mir zurück.”

“Collie McGrath spricht wegen dem Froschvorfall nicht mehr mit mir … was für ein Vorfall?” Er blickt von meinem Tagebuch hoch.

“Gib es Aber als ich versuche, es zu ergreifen, schiebt er mich zur Seite, blättert die Seiten durch und fährt mit seinen schmutzigen Fingern die Zeilen entlang. “Wo steh’ ich? Kann’s gar nicht erwarten zu lesen, was du alles über schreibst. Hmm.” Er blättert weiter. “Mama hier und Mama da. Jesus Christus, nix über deinen guten alten

Er wirft es wieder auf den Boden, und ich muss verrückt sein, dass ich nicht warte, bis er gegangen ist, denn als ich mich danach bücke, stößt er mich mit seinem Stiefel in den Dreck.

“Da! Jetzt haste was, worüber du schreiben kannst!”

Ich lebe hier mit meinem Stiefvater Richard, meiner Mama und meiner Schwester Emma. Emma und ich sind wie Schneeweißchen und Rosenrot. Wahrscheinlich gefällt uns diese Gutenachtgeschichte deshalb auch am besten. Da geht es um zwei Schwestern: Eine hat ganz blasse Haut und blondes Haar (genau wie meine Mama), und die andere hat dunklere Haut und Haare so schwarz wie das Innerste im Auge (genau wie ich). Mein Haar ändert seine Farbe je nachdem, von wo aus man es betrachtet und wann. Von der Seite bei Tageslicht sieht mein Haar blauschwarz aus, aber abends von hinten sieht es aus wie verbranntes Holz im Kamin. Wenn es sauber ist, ähnelt Emmas Haar einem Wattebausch: weiß, weiß, weiß. Aber normalerweise ist es so schmutzig, dass es aussieht wie die verstaubten alten Briefe, die Mama in einem Schuhkarton in ihrem Schrank aufbewahrt.

Richard. Also das ist ein Typ, der mich an niemanden aus den Gutenachtgeschichten erinnert. Mama sagt, dass er und mein Daddy so unterschiedlich sind wie Feuer und Wasser, und ich glaube ihr. Ich meine, man muss schon sehr nett sein, wenn die Leute Schlange stehen, um einem einen Teppich abzukaufen, so wie meinem Vater. Das hat Mama erzählt. Richard ist nicht halb so nett. Ich habe Mama mal gesagt, dass Richard eher wäre, aber sie fand das nicht lustig und schickte mich auf mein Zimmer. Ein paar Tage später, als Richard mal wieder auf Mama herumhackte, schrie sie, dass niemand ihn leiden könne und seine eigene Stieftochter ihn “unnett” nenne. Als sie das sagte, stand ich nur da und lauschte auf das Ticken der Plastikuhr, die die Form eines Gänseblümchens hat und an der Küchenwand hängt, weil ich wusste, dass es zu spät zum Weglaufen war.

Mama sagt, unser Daddy war der beste Teppichverkäufer im Staate North Carolina. Er muss Tonnen von Teppichen verkauft haben, denn für uns war keiner mehr übrig. Wir hatten harten Linoleumboden. Nachdem er gestorben war, erlaubte mir Mama, das grasgrüne Musterstück zu behalten, das sie auf dem Rücksitz seines Wagens fand, als sie ihn sauber machte, bevor Mr. Dingle ihn abholte. Das Musterstück war wohl von der großen Pappe gefallen, auf die ganz viele weitere Teppichstücke in verschiedenen Farben geklebt waren, damit die Leute schauen konnten, was am besten zu ihnen passte. Ich bewahre es in der Schublade des weißen Korbnachtschränkchens neben meinem Bett auf, und zwar in einer Zigarrenkiste, auf der ganz viele Bildchen von altmodischen Koffern, Briefmarken und Flugzeugen kleben. Manchmal, wenn ich gründlich an dem Musterstück schnüffle, ist da immer noch der Geruch nach neuem Teppich, der Daddy immer wie ein Schatten verfolgt hatte.

Zurück zu mir und Emma. Unsere Haarfarbe ist unterschiedlich, aber noch unterschiedlicher ist unsere Hautfarbe. Wie Schokolade und Vanille. Bei Emma ist es, als hätte sie jemand gemalt und mitten drin aufgehört, damit jemand anders die Farben hinzufügen kann. Und bei mir? Nun, Miss Mary aus dem White’s Drugstore legt immer den Kopf schief, wenn sie mich sieht, und sagt: “Du siehst müde aus, Kind”. Doch das bin ich nicht – das liegt nur an den Schatten unter meinen Augen.

Ich bin acht – zwei Jahre älter als Emma, aber weil ich so klein bin, denken die Leute bestimmt, wir wären zweieiige Zwillinge. Und genauso kommen wir uns auch vor. Ich wünschte, ich wäre mehr wie Emma. Ich kreische, wenn ich eine Zikade sehe, aber Emma macht das nichts aus. Sie nimmt sie einfach hoch und wirft sie raus. Und sie wird von den anderen Kindern niemals gehänselt. Einmal hat Tommy Bucksmith ihr den Arm auf dem Rücken verdreht und lange festgehalten (“Bis du sagst, ich bin der Größte im ganzen Universum”, sagte er und lachte, während er ihren Arm höher und höher drückte), aber sie gab keinen Mucks von sich. Emma hat vor nichts Angst. Außer wenn Richard auf Mama losgeht. Dann gehen wir beide sofort hinter die Couch. Hinter die Couch, das ist wie ein anderes Zimmer für mich und Emma. Dort ist unsere Festung. Jedenfalls steuern wir immer darauf zu, wenn das Fußpedal von dem Metallmülleimer in der Küche zehnmal gequietscht hat. Die Flaschen scheppern so laut, dass ich immer das Gefühl habe, mein Kopf spaltet sich in zwei Teile.

Richard beginnt ungefähr nach dem zehnten Quietschen an Mama rumzumeckern. Ich weiß nicht, warum sie ihm ab dem achten Quietschen nicht einfach aus dem Weg geht, aber sie tut’s nicht. Ich und Emma haben uns etwas angewöhnt, was wir Bodenpolieren nennen. Wenn wir Quietschen Nummer acht hören, beginnen wir ganz langsam auf dem Hintern vom Fernseher Richtung Couch zu rutschen. Bei der Lautstärke des Fernsehers kann man uns nicht hören, und Richard konzentriert sich so sehr auf Mama, dass er gar nicht bemerkt, wie wir uns Stück für Stück zur Couch bewegen. Beim neunten Quietschen sind wir nur noch Zentimeter entfernt, und kurz vor dem Zehnten schlüpfen wir zwischen die kühle Farbe an der Wand und den kratzigen braunen Bezug der Couch. Zuerst fanden wir, dass es hinter der Couch stinkt, aber jetzt bemerken wir das gar nicht mehr. Einmal habe ich Mamas Parfüm genommen und zweimal direkt in den Stoff gesprüht, jetzt riecht es dort nach Mama an einem Sonntag.

Wir wohnen in einem alten weißen Haus mit abgeblätterten gelben Fensterläden. Es ist drei Stockwerke hoch, wenn man den Dachboden mitzählt, auf dem ich und Emma schlafen. Wir hatten früher unser Zimmer gegenüber von Mama und Daddy, aber nachdem er gestorben war und Richard einzog, mussten wir ein Stockwerk höher gehen. Und das ist das Schlimmste. Dass Richard uns gezwungen hat, unser Zimmer zu verlassen. Ich kann darüber jetzt nicht nachdenken. Wenn ich über etwas nicht nachdenken will, tue ich so, als ob es einen kleinen Mann in meinem Kopf gäbe, der den Teil meines Gehirns, das über die schlechten Dinge nachdenkt, mit aller...



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