E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Reihe: Pulp-Krimis bei Null Papier
Fletcher Das Teehaus in Mentone
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-549-3
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Reihe: Pulp-Krimis bei Null Papier
ISBN: 978-3-96281-549-3
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Brite Joseph Smith Fletcher gilt als einer der meistgelesenen Pulp-Autoren der Krimiszene. In England kommt er gleich nach Agatha Christie und Edgar Wallace. Seine Figuren wissen immer ganz genau, wo es langgeht. Seine Helden sind knallhart, seine Frauen weiblich, seine Action reißerisch. Kurz, schnell, gnadenlos.
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1
Im November 1920 tat ich mich mit Ex-Inspektor William Chaney (früher Kriminalabteilung Scotland Yard) zusammen, bald nachdem wir beide unsere nichtamtliche Untersuchung in der Mordsache Wrides Park erfolgreich abgeschlossen hatten. Unser Geschäft sollte unter der Firma Camberwell und Chaney als Privat-Auskunftei laufen. Wir mieteten Büroräume in Conduit Street, ein paar Häuser entfernt von New Bond Street; es waren zwei sehr große Räume, dazu kam noch ein dritter für unsern Angestellten, einen gerissenen jungen Londoner, namens Chippendale. Bevor er in unsere Dienste trat, war Chippendale bei einem Anwalt so eine Art besserer Laufbursche gewesen und hatte dort eine Menge höchst brauchbarer Kenntnisse aufgeschnappt, besonders auch von den Schattenseiten des Rechts. Über unserm Büro lagen ein paar Zimmer, die ich für mich als Junggesellenwohnung einrichtete. Ich wohnte also sozusagen über dem ›Laden‹ und war wie ein Arzt Tag und Nacht verfügbar. Chaney, der verheiratet war, wohnte außerhalb. Obwohl ich also stets zur Stelle war, kann ich mich nicht erinnern, dass man mich jemals außerhalb der Bürostunden gerufen hätte; erst Anfang Februar 1921 wurde ich eines Morgens um halb sieben von jemandem angeläutet, der sich als Mr. Watson Paley, Privatsekretär Lord Cheverdales, vorstellte. Er wollte wissen, ob er mich in einer höchst dringlichen Geschäftsangelegenheit um dreiviertel acht aufsuchen könne. Ich antwortete, dass ich zu seiner Verfügung stehe. Vom Zweck seines Besuches erwähnte er nichts, ich hielt es aber für das beste, meinen Sozius hinzuzuziehen; da Chaney gerade noch anrief, bat ich ihn, sofort ins Büro zu kommen. Er erschien um halb acht, und eine Viertelstunde später öffnete ich Mr. Watson Paley die Tür. Wenn ich jetzt zurückdenke, wird mir klar, dass ich vom ersten Augenblick an gegen diesen Mann eine schwer erklärbare Abneigung fühlte. Genau so ging es auch Chaney, wie er mir später bestätigte. Wie sah der Mann aus, der einen solchen Eindruck auf uns machte? Mr. Paley war ein zart gebauter, mittelgroßer Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Selbst zu so früher Morgenstunde war er peinlich korrekt gekleidet. Sein schwarzes Jackett, seine Weste, seine gestreiften Hosen sahen aus, als wären sie gestern vom besten Schneider aus der Savile Row geliefert worden. Seine Wäsche war tadellos, Krawatte und Schuhwerk waren streng vorschriftsmäßig, ebenso sein Zylinder und sein Schirm. Die elegant behandschuhten Hände waren klein wie seine Füße: ein Gentleman wie aus dem Ei gepellt, was Anzug und Zubehör antraf – und doch ging etwas Bedrückendes von ihm aus, ohne dass man eigentlich sagen konnte, warum. Jedenfalls gefiel mir Mr. Paleys Gesicht weit weniger als sein Anzug, sein Wesen weit weniger als sein Gesicht. Er hatte eine blasse Gesichtsfarbe, seine Augen erinnerten an die eines Schafes. Seine ziemlich lange Nase war scharf geschnitten, Bart und Schnurrbart waren schütter und von einem undefinierbaren Hellbraun. Ein Zug um seine Lippen ließ deutlich erkennen, dass er sich zwar nicht offen über alle Menschen lustig mache, sich aber doch gewöhnlichen Sterblichen überlegen fühle. Mich überkam in seiner Nähe ein seltsames Frösteln.
Aber Mr. Paley kam ja als Kunde oder im Auftrag eines Kunden; ich hoffe also, dass ich es nicht an der gebührenden Höflichkeit fehlen ließ. Er nahm den angebotenen Stuhl, zog seine Handschuhe aus und setzte sich in Positur wie ein Lehrer, der eine Klasse von Neulingen zu unterrichten hat.
»Ich nannte Ihnen schon am Telefon meinen Namen, Mr. Camberwell«, begann er ruhig und gleichmütig, »Watson Paley, Privatsekretär von Lord Cheverdale. Sie sind natürlich über Lord Cheverdale unterrichtet?«
»Ich kenne Lord Cheverdales Namen«, antwortete ich; »weiter aber nichts.«
»Aber ich weiß über Lord Cheverdale ziemlich genau Bescheid«, sagte Chaney.
Paley wandte sich an meinen Sozius.
»Dann wissen Sie also, Mr. Chaney, dass Lord Cheverdale, wenn er in der Stadt ist, in Cheverdale-Haus, Regent’s Park, wohnt«, sagte er.
»Ich weiß es«, antwortete Chaney.
»Sie wissen also auch, dass Lord Cheverdale Besitzer der ›Morning Sentinel‹ ist?«
»Auch das weiß ich.«
»Dann ist Ihnen vielleicht auch bekannt, dass die ›Morning Sentinel‹, seit sie Lord Cheverdale vor einigen Jahren gründete, von Mr. Thomas Hannington redigiert wird?«
»Das ist mir gleichfalls bekannt.«
Paley zog seine Handschuhe durch die Finger und sah mit einem merkwürdigen Ausdruck seiner matten Augen von Chaney zu mir, von mir zu Chaney.
»Also«, meinte er in seiner ruhigen, eintönigen Art, »Mr. Hannington wurde vergangene Nacht auf Lord Cheverdales Grundstück tot aufgefunden, besser gesagt, heute Morgen zu früher Stunde. Die genaue Zeit steht nicht fest, etwa um Mitternacht.«
»Tot?« fragte Chaney.
»Wie festgestellt wurde, ermordet«, antwortete Paley. »Darüber besteht nicht der mindeste Zweifel. Getötet durch Schläge mit einer stumpfen Waffe auf den Kopf.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen. Chaney und ich sahen uns an; Paley fuhr fort, seine Handschuhe durch die Finger zu ziehen. Jetzt nahm ich das Wort: »Warum sind Sie zu uns gekommen, Mr. Paley?«
Er sah mit einem stillen, zynischen Lächeln von einem zum anderen.
»Warum?« antwortete er. »Lord Cheverdale gehört zu den Leuten, die in allem nach ihrem eigenen Kopf handeln. Natürlich wurde die Polizei geholt, als man Hanningtons Leiche fand, und sie ist bereits in Cheverdale-Haus. Wahrscheinlich«, fuhr er spöttisch fort, »sind Sie über die Methoden der Polizei besser unterrichtet als ich. Lord Cheverdale überlässt zwar alles der Polizei, besteht aber auf einer weiteren, davon völlig unabhängigen Untersuchung. Er hat von Ihnen gehört und wünscht, dass Sie diese Nachforschungen übernehmen. Es wird Ihnen in Cheverdale-Haus jede gewünschte Erleichterung gewährt werden und ebenso in den Büros der ›Morning Sentinel‹. Was Ihre Auslagen betrifft … Sie wissen jawohl, dass Lord Cheverdale einer der reichsten Männer Englands ist. Sie brauchen also keine Ausgabe zu scheuen, buchstäblich genommen. Das Geheimnis, das über dieser Angelegenheit liegt, wünscht Lord Cheverdale unter allen Umständen aufgedeckt zu sehen. Darf ich jetzt wieder gehen und...




