E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Flender Helden der Nacht
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8321-8429-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8429-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl Wolfgang Flender, geboren 1986 in Bielefeld. 2015 erschien sein Debütroman >Greenwash, Inc.< bei DuMont, 2019 >Helden der Nacht<. Er lebt in Berlin.
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1
NÄCHTLICHE OBSERVATION
Bryan schreckte auf. Der Lichtkegel einer Taschenlampe tastete das Innere des Wagens ab. Glitt über Kamera, Fernglas, Nachtsichtgerät. War er entdeckt worden? Fünf Nächte mit einem klapprigen Clio in einem Benz-Kiez, kein Wunder, wenn sie ihn jetzt schnappten. Die zugefrorenen Scheiben verschafften ihm vielleicht noch ein paar Sekunden. Bryan griff unter den Sitz, erwischte aber nichts als Staubflusen.
Schritte knirschten um den Wagen. Der Schatten eines Mannes zeichnete sich im Schein der Straßenlaterne ab, breite Schultern, eine Hand in der Manteltasche. Ein Hund schlug an. Klang nach zwanzig Kilo Menschenfresser. So ein Mist. Die Fahrertür war seit Ewigkeiten kaputt und ließ sich von innen nicht verriegeln. Wegfahren konnte er auch vergessen, der Motor brauchte mindestens drei Anläufe bei dieser Scheißkälte.
Es klopfte an die Scheibe, erst leise, dann bestimmter. Deine Tarnung ist dein Kapital, dachte Bryan und ließ sich tief in den Sitz sinken, Kopf zur Seite geknickt, den Mund weit geöffnet, er war nur ein Penner auf der Durchreise, ein Besoffener, der es nicht mehr nach Hause geschafft hatte. Keine Gefahr für niemand.
Es rüttelte an der Tür. Bitte, sei zugefroren, dachte Bryan, nur noch ein paar Eiskristalle zwischen ihm und dem Schatten, er betete, dass sie hielten. Im nächsten Moment wehte ein kalter Windzug herein. Er presste die Augen zusammen, sah den Mann sich schon über ihn beugen, spürte das kalte Metall des Schalldämpfers an seiner Schläfe, hörte das Klicken beim Entsichern.
»He Sie!« Ein Schütteln an der Schulter. »Sie erfrieren hier noch!«
Schlaftrunken öffnete Bryan die Augen. Ein Rentner mit Hut lehnte sich zu ihm in den Wagen und blendete ihn mit der Taschenlampe. In der anderen Hand hielt er ein Pfefferspray, den Finger am Abzug.
»Nur ein Nickerchen«, murmelte Bryan und gähnte. »Bin schon weg.« Er drehte den Zündschlüssel, und beim dritten Versuch startete der Clio tatsächlich mit einem Stottern.
»Na dann«, nickte der Alte, offensichtlich von der Harmlosigkeit des jungen Mannes überzeugt, der da in mehrere Schichten Hawaiihemden und einen Columbo-Mantel gewickelt in einem klapprigen Renault kauerte. »Gute Heimfahrt.« Er klopfte zweimal aufs Dach und pfiff nach seinem Köter, der gerade das Bein im nächstbesten Blumenbeet hob. Dann wurde die Tür zugeworfen und die Schritte entfernten sich. Was für eine Scheiße, dachte Bryan, fast hätte ich mir in die Hose gepisst. Er löste die Handbremse, fuhr drei Meter und stellte den Motor wieder ab. Deine Tarnung ist dein Kapital. Für den Arsch. Konzentration jetzt.
Das Haus der Zielperson lag noch immer im Dunkel. Bloß der Lichtkegel einer Laterne flackerte auf den überfrorenen Asphalt, ein Kiefernast gab unter dem Gewicht des Schnees nach. Auf der Straße war niemand mehr zu sehen. Nur ein glatzköpfiger Politiker starrte aus finsteren Augenhöhlen von einem Wahlplakat auf ihn herab: Ihr Ja zur deutschen Kernfamilie.
Bryan ließ seinen Kopf gegen die Lehne sinken. Wäre das hier New York und nicht Berlin, er hätte jetzt Schwermetall in der Birne. Die Utensilien auf dem Beifahrersitz kamen ihm plötzlich vor wie aus einem Yps-Heft: das Fernglas, der halb ausgefüllte Protokollbogen, seine Kamera mit Teleskopobjektiv, lächerlich. »Nachbar lässt Hund in Garten pissen« – mehr hatte er nach fünf Nächten nicht zu berichten. Und wenn er nicht zeitnah gerichtsfähige Beweise lieferte, dass die Noch-Ehefrau ihres Klienten von einem mysteriösen Liebhaber flachgelegt wurde, war wohl bald Schicht im Schacht. Frustriert schlug Bryan gegen das vergilbte Duftkleeblatt, das sein Vater vor fünfzehn Jahren an einer französischen Tankstelle gekauft hatte. Bonne chance. Witzig. Er fühlte sich furchtbar matt.
Die Straßenlaternen erhellten den Wageninnenraum nur schemenhaft. Der Zeiger des bei 60km/h festklemmenden Tachos und die Uhr am Armaturenbrett glommen schwach. Es war noch nicht mal halb vier. Immer wieder kippte sein Kopf unmerklich nach vorn, fast bis runter auf die Brust. Jedes Mal riss er im letzten Moment die Augen wieder auf und klopfte sich mit der flachen Hand auf die Wangen. Warum musste es auch so scheiß dunkel sein beim Observieren? Wegen der Spannung, klar. Aber das hier war öder als ein Tatort aus Hannover. Vorn auf der Hauptstraße glitt alle halbe Stunde der Lichtkegel eines Autos vorbei, irgendwann käme das Räumfahrzeug und streute Salz auf den Asphalt, gegen fünf Uhr morgens die Zeitungsjungen …
Er nahm den Energy-Drink aus dem Getränkehalter und würgte den letzten Schluck herunter. Schon die fünfte Dose heute Nacht. Um wach zu bleiben, hatte er von Schicht zu Schicht die Dosis steigern müssen; jetzt drückte seine Blase wie nach einem Maxibecher Cola bei einem Film mit Überlänge. Bisher hatte er immer in einen Gully gepinkelt, der dann dampfte, wie es sich für einen Detektiveinsatz in Downtown Manhattan gehörte. Aber solange der Typ von der Bürgerwehr hier rumschlich, konnte er das nicht riskieren. Und so abgebrüht wie die Fahrer der Mafia, die für solche Fälle leere Flaschen unterm Sitz liegen hatten, war er noch nicht. Er zerdrückte die Dose und warf sie in den Fußraum, wo sie gegen die anderen Blechklumpen klonkte.
Er schob seine Hände unter den Hintern, um sie zu wärmen. Die Heizung war leider keine Option. Seit irgendwann eine Packung Vanillemilch aus dem Getränkehalter direkt in die Lüftung gekippt war, strömte ein Verwesungsgeruch aus den Schlitzen, als wäre ein Iltis unter der Motorhaube verreckt.
Sein Handy fiepste. Neue Nachricht von Kenny, der allein auf diese Start-up-Party gegangen war, weil Bryan wieder für seinen rückenkranken Vater einspringen musste: Valhalla Capital rockt. Das reinste MILF-Paradies hier. Klar, dachte Bryan, Kenny stand wieder in der Sekretärinnenecke, weil er panische Angst vor Mädels in seinem Alter hatte. Dass der sich überhaupt mal unter Menschen traute, grenzte schon an ein Wunder. Hoffentlich verschonte er die Damen wenigstens mit seinem Roboter-Tanz – der Anblick dieses Informatiker-Gezappels war eindeutig gesundheitsgefährdend.
Sein Handy fiepste noch mal. Laura ist auch hier. Sie hat nach dir gefragt. Bryan stutzte. Arbeitete die jetzt für Valhalla Capital? Er hatte sich schon gewundert, wie die Detektei zu der Ehre kam, als die verfluchte Einladung im Briefkasten steckte. Geheimtinte, er hätte es wissen müssen. Und er saß sich hier Hämorrhoiden! Bryan griff zum Zündschlüssel, ließ die Hand aber sofort wieder sinken. Woher der plötzliche Sinneswandel? Sie hatte schließlich seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen, genau genommen seit seiner Blamage im Eiscafé. Außerdem konnte er seinen Vater jetzt unmöglich hängenlassen, denn dem war dieser Mist hier heilig.
Das Handy regelte seine Display-Beleuchtung eine Stufe herab. Akku schon wieder fast leer. Zu Anfang der Schicht hatte er sich wenigstens die »Top 10Verfolgungsjagden des Film noir« bei YouTube reinziehen können, das hatte die Observation halbwegs erträglich gemacht, und er konnte es sogar als Recherche für seine stagnierende Masterarbeit zu den »Figurationen des Mysteriösen im Detektivfilm der 1960er-Jahre« verbuchen. Aber er hatte mal wieder verpeilt, das Drecksding tagsüber zu laden. Das Radio konnte er auch vergessen, die Antenne war schon seit Ewigkeiten abgebrochen. Der Legende nach hatte irgendeine Zielperson seinen Vater entdeckt und das Auto demoliert. Aber nach den Erfahrungen der letzten Nächte war es vermutlich eher die Waschanlage gewesen.
Bryan ließ das Handschuhfach aufschnappen, und ein Haufen alter Kassetten klapperte in den Fußraum. In den Tiefen des Fachs fand er zwischen einem Shell Atlas von 1991 und einer Sonnenbrille mit zerbrochenen Gläsern eine Metallbox mit Hustenbonbons. Er wickelte eins aus dem Wachspapier und steckte es in den Mund. Bah. Er spuckte es zu den Essensresten in die fettdurchtränkte Tüte von Fast-Food-Freddy. Gepresster Staub schmeckte besser.
Er nahm die erstbeste Kassette, drehte das Tonband wieder rein und steckte sie in die Anlage. Play. Aus den Lautsprechern tönte blechernes Französisch. Eine Frauenstimme fragte ihn: »Est-ce que tu aimes le cinéma?« Dann wechselte sie in eine tiefere Stimmlage und wiederholte: »Magst du das Kino?« – »Moi? Oui, j’y vais tout le temps.« – »Ich? Ja, ich gehe dort dauernd hin.«
Bryan drückte die Kassette wieder aus dem Gerät. Französisch-Kurs IV stand auf dem gelben Plastik. Auch alle anderen Kassetten waren Sprachkurse: Französisch für Anfänger I-V, Französisch für Fortgeschrittene I-IV, Französisch für das DELF I-VI. Bryan stopfte die Kassetten zurück in die Klappe und zündete einen vorgebauten Joint an. Er zog ein paarmal daran und stieß den Rauch durch die Nasenlöcher wieder aus. Was für eine miese Nummer. Während er mit pochendem Herzen nächtelang in seinem Kinderbett gelegen hatte, weil sein Vater Gangster jagte, hatte der in aller Ruhe Französisch gelernt. Bryan wischte etwas Kondenswasser von der Frontscheibe und rieb es sich auf die Wangen. Dann kramte er den Atlas hervor und suchte das kleine Dorf an der Côte d’Azur, in dem sein Vater angeblich Hercule Poirot kennengelernt hatte, aber das war nicht mehr zu finden. Er matschte den Atlas wieder ins Handschuhfach. Scheiß drauf, ob die Kassetten dran glauben mussten.
Er schob den Sitz nach hinten und brachte die Lehne so weit wie möglich in Liegeposition, auch wenn jeder zusätzliche Grad die...




