Fleck | GO! - Die Ökodiktatur | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Fleck GO! - Die Ökodiktatur

Erst die Erde, dann der Mensch
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95765-922-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erst die Erde, dann der Mensch

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-95765-922-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'GO! ist ein aufrüttelnder Roman, in dem die didaktischen Akzente immer vorhanden sind, aber nie aufgesetzt wirken. Und es ist ein Roman, der gleichzeitig zu fesseln weiß, indem mithilfe einer großen Zahl von Protagonisten, deren Geschichten in deutlichen Zusammenhängen stehen, ein weiter Querschnitt durch die postfaschistische Ökogesellschaft gezeigt wird. Mit der differenzierten Ausarbeitung seiner Charaktere schuf der Autor eine Möglichkeit und eine Verpflichtung für den Leser, sich zu identifizieren, und die Handlung nicht ins Reich der Geschichten zu verweisen, die man liest und schnell vergisst, weil sie einem fern und fremd sind.' (Jutta Haitel, Laudatio zum DSFP 1994)

Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Nach dem Ersatzdienst studierte er an der Deutschen Journalistenschule in München, volontierte beim Spandauer Volksblatt, war Lokalchef der Hamburger Morgenpost, Reporter bei Tempo sowie Redakteur bei Merian und Die Woche. Ab 1995 arbeitet Fleck als freier Autor für die Magazine stern, GEO und Der Spiegel. Flecks journalistisches und schriftstellerisches Augenmerk gilt vor allem dem Thema Ökologie. So verfasste er bereits Mitte der achtziger Jahre die erste Umweltschutzserie Deutschlands in der Hamburger Morgenpost: 'Fluss ohne Wiederkehr - Rettet die Elbe'. Auch in seinen Romanen wird sein umweltpolitisches Engagement überaus deutlich. Die taz nannte ihn nach Erscheinen des Buches 'Palmers Krieg' (1992 - Thema Ökoterrorismus) den 'Vater des deutschen Ökothrillers'. Im Jahr 1993 legte er mit dem Roman 'GO! - Die Ökodiktatur' eine beklemmende Zukunftsvision vor, von der der Hessische Rundfunk behauptet, dass sie mit jedem Jahr erschreckend aktueller wird. Das Buch besitzt inzwischen Kultstatus und wurde 1994 mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet. Nach einem langen Briefwechsel mit Rudolf Bahro entschied sich Fleck, sich aus der umweltpolitischen Debatte künftig herauszuhalten, solange sie nicht die Bereitschaft zur Radikalität erkennen lässt. Zur Überraschung seiner Leser erschien dann im Jahre 2008 im Perndo-Verlag 'Das Tahiti-Projekt', die erste positive Öko-Utopie. UN-Menschenrechtskommissar und Bestsellerautor Jean Ziegler ('Das Imperium der Schande') nannte den Roman euphorisch ein 'Buch der Hoffnung'. Im Juni 2009 wurde Dirk C. Fleck dafür erneut mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet. Flecks schriftstellerische Karriere begann 1969, als er einen viel beachteten Beitrag in der Pop-Anthologie 'Supergarde' (Droste-Verlag) veröffentlichte. 1985 folgte der Roman 'La Triviata', den er 1985 im Eigenverlag heraus brachte. Im Oktober 2009 ist sein Roman 'Hurensohn - Eine Geschichte von Sucht und Sehnsucht' als E-Book erschienen. Zur Leipziger Buchmesse 2011 erschien sein neuester Roman 'Maeva!' (Greifenverlag). Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich als Vorsitzende der URP (United Regions of the Planet, eine Art alternativer UNO) auf Weltreise begibt und sich von einer sanften Mahnerin zu einer kämpferischen Jeanne d'Arc der Ökologie entwickelt. Im Dezember 2012 erscheint unter dem Titel 'Das Südsee-Virus' als Taschenbuch bei Piper. Im August 2012 veröffentlicht der Hoffmann und Campe Verlag Flecks neuestes Werk 'Die vierte Macht - Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten'. Dirk C. Fleck trifft die wichtigsten Journalisten des Landes und befragt sie zu ihrer Verantwortung in einer Welt, die sich scheinbar gewissenlos selbst zerstört.
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GO!



Martin Heiland stocherte nervös in seinem Essen. »Siehst blass aus«, bemerkte Peter Buchholz. Als sein Freund nicht reagierte, versuchte er es mit einem Scherz: »Ich werde den Piloten bitten, die Kiste so richtig ins Trudeln zu bringen, das belebt. Die Spanier verstehen sich auf solche Kunststückchen.«

Heiland schob den Teller beiseite: »Du fliegst allein«, sagte er und stand auf.

»O nein, mein Lieber! Wir sind gemeinsam geladen, also sehen wir uns die Sache auch gemeinsam an.«

»Vergiss es«, entgegnete Heiland. »Sie wollen, dass wir uns an der Schweinerei beteiligen, also werden wir es tun. Haben wir eine Wahl?« Er legte dem Schutztruppenminister die Hand auf den Arm: »Keine zehn Pferde kriegen mich in diesen Helikopter …«

»Zu spät«, flüsterte Buchholz. Zwei Herren näherten sich ihrem Tisch, der eine im Anzug, der andere in offener Lederjacke. Buchholz stellte sie vor: »Señor Vargas vom spanischen Informationsministerium, Miguel, unser Pilot. Na, dann wollen wir mal.«

Der Bell Jet Ranger stand mit hängenden Rotorblättern auf dem Flugfeld wie ein flügellahmes Insekt. Heiland drückte sich neben Buchholz auf die rückwärtige Sitzbank. Der Pilot entfernte den Überzug vom Staurohr und drehte an der Benzinzufuhr. Seine Hand fuhr unter das Kabinendach, wo sie nach einer genau festgeschriebenen Choreografie zwischen Kipp- und Drehschaltern virtuos hin und her tanzte. Heiland vertraute sich dem Piloten an wie einem Arzt, der vor der Operation die Instrumente sortiert. In der Luft war ein Zwitschern, als hätte sich ein Vogelschwarm in der Kabine niedergelassen.

»Helikopter Seawind 2040 ready for take off.«

»Roger. Altimeter set thirty point ten. Clear for take off.«

Heiland krallte sich in den Sessel. Trotz aller Angst verursachte der Kurvenflug, in dem Algeciras wie ein Tischtuch unter ihnen weggezogen wurde, ein wohliges Kribbeln im Bauch. Die Schaumkronen auf dem Meer schienen schräg vom Himmel zu fallen, um gleich darauf, dem kippenden Horizont folgend, waagerecht auf sie zuzurollen. Er bekam eine Ahnung davon, wie es sich anfühlte, aus der Welt katapultiert zu werden, und es gefiel ihm. Insbesondere gefiel ihm, dass sich seine Verantwortung für diese Welt dabei in Nichts auflösen würde …

»In einer Stunde wird es dunkel«, hörte er Vargas sagen, »allmählich dürften sie sich bereit machen da drüben. Die meisten versuchen es nachts. Sie kapieren einfach nicht, dass wir sie genau so gut im Dunkeln aufspüren können.«

»Wie viele sind es inzwischen pro Tag?«, fragte Buchholz.

»Wer weiß das schon. Einige Tausend. Die meisten stammen aus Schwarzafrika. Die Marokkaner gehen nicht gerade zimperlich mit denen um. Erst letzte Woche haben sie an der senegalesischen Grenze ein Flüchtlingscamp bombardiert. Allmählich aber geht ihnen Treibstoff und Munition aus. Wenn wir das Problem im Griff behalten wollen, müssen wir liefern …«

»Die GO!-Staaten haben ein striktes Waffenembargo verabschiedet«, antwortete Buchholz irritiert.

»Ein Fehler«, bemerkte Vargas trocken. »Es mag für Sie makaber klingen, aber ohne die Dezimierung im Vorfeld unserer Grenzen wäre Europa verloren. Die Menschen drängen zu Millionen an die nordafrikanischen Küsten. Marokko, Algerien und Tunesien sehen aus wie nach einem Heuschreckenangriff. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird geklaut und zu Flößen umfunktioniert.« Der Spanier reichte seinen deutschen Gästen die Karte. »Wir patrouillieren mit zwanzig Schnellbooten in der Straße von Gibraltar, außerdem sind ständig sechs Hubschrauber im Einsatz. Trotzdem gelingt es einem beträchtlichen Teil von Flüchtlingen, bei uns anzulanden. Womit wir beim Punkt wären: Der spanische Öko-Rat hat beschlossen, eine zusätzliche Pufferzone einzurichten. Der gesamte Küstenstreifen zwischen Huelva im Westen und Benidorm im Osten wird bis zu zwanzig Kilometer ins Landesinnere geräumt. Das hat natürlich nur Sinn, wenn dort genügend Militär präsent ist, um die Eindringlinge aufzuspüren.«

»Und dabei dachten Sie an uns?«, nuschelte Buchholz über die Karte gebeugt.

»An Sie, an die Franzosen, die Engländer, die Schweizer, egal … Alleine schaffen wir es nicht. Die Alternative wäre für niemanden verlockend. Bedenken Sie nur die Ströme von Aids-Infizierten, die sich nach Norden bewegen würden.«

Heiland lauschte den Ausführungen des Spaniers eher beiläufig, er war viel zu sehr damit beschäftigt, Miguels Flugmanöver auszubalancieren. Als der Helikopter unvermutet niedersackte, um plötzlich mit erhobenem Schwanz in niedriger Höhe stehen zu bleiben, wurde ihm schlecht. Buchholz reichte ihm eine Kotztüte.

»Hier haben wir es mit einem der typischen Flöße zu tun«, dozierte Vargas im Tonfall eines Museumsführers. »Vier, fünf kräftige Balken aneinander genagelt, das ist es meist schon. Viele werden von der Strömung in den Atlantik gerissen.«

Heiland würgte eine gallige Flüssigkeit hervor und blickte mit tränenden Augen auf die See, die sich unter ihnen kräuselte. Inmitten dieses von peitschenden Rotorblättern entfachten Sturms kauerte eine Gruppe verängstigter Gestalten auf schaukelnden Planken. Fünf junge Männer, eine Frau. Sie saß als Einzige aufrecht. Ihre Lippen bewegten sich wie im Gebet.

Heiland kam sich in seiner Glaskuppel wie ein Alien auf Stippvisite vor. Der Pilot zog die Maschine behutsam hoch, als sei ihm der Anblick peinlich. Von Backbord näherte sich in rasender Fahrt ein Schnellboot. Es hielt direkt auf das Floß zu und pflügte es unter. Sekunden später stob der Helikopter mit gesenktem Haupt auf die afrikanische Küste zu. Heiland erbrach sich erneut. »Es sind Hunderte!«, schrie Vargas, »zählen Sie mal mit.«

»Ab wo werden sie angegriffen?«, fragte Buchholz, um Kontenance bemüht.

»Sie werden gestellt, wo immer wir ihrer habhaft werden, Señores! Was dachten Sie denn?«

»Auch vor ihrer eigenen Küste?«

Dem Spanier ging die Empfindlichkeit des Deutschen auf die Nerven. »Natürlich«, knurrte er, »je eher, desto besser.«

»Und wenn es sich um Fischer handelt?«, hakte Buchholz nach.

Vargas starrte ihn fassungslos an. Auch Heiland warf seinem Kabinettskollegen einen abschätzigen Blick zu. Fischen war in allen Anrainerstaaten seit der Choleraepidemie von 2024 unter Todesstrafe gestellt. Die ökologischen Zeitbomben tickten in solcher Menge im Meer, dass auch in hundert Jahren keine Besserung in Sicht sein würde. Fast die Hälfte der europäischen Industrieabfälle war hier über Jahrzehnte kostenneutral entsorgt worden. Der Massentourismus, der am Ende auf 340 Millionen Besucher pro Jahr angewachsen war, hatte die Gewässer zwischen Gibraltar und der Südtürkei endgültig zugeschissen.

Sie folgten der Küste nach Melilla. »Ich denke, wir haben genug gesehen«, sagte Heiland, als sie wieder einmal in geringer Höhe über die Köpfe der Flüchtlinge donnerten. Vargas gab dem Piloten das Zeichen zur Umkehr.

»War ne blöde Bemerkung, das mit den Fischern«, entschuldigte sich Buchholz, als sie eine Stunde später im Gästehaus des spanischen Öko-Rats zu Abend aßen.

»Sagen wir mal so«, antwortete Heiland, »sie hat unseren Sachverstand nicht gerade unter Beweis gestellt. Wie viele Soldaten können wir ihnen bewilligen? Zwanzigtausend?« Er schnupperte am Vino Tinto und blickte den Schutztruppenminister über den Rand seines Glases belustigt an.

Buchholz verschwand auf sein Zimmer. Er wurde einfach nicht schlau aus diesem Mann. Im Helikopter hatte Heiland Höllenqualen gelitten beim Anblick der verzweifelten Menschen, und jetzt erteilte er mit einem Augenzwinkern Unterstützung für dieses Schlachtfest an Europas verwundbarster Stelle.

Malin legte das Buch beiseite. Ihm war aufgefallen, dass seine Augen immer wieder zum Anfang des Kapitels zurückglitten, nachdem sie sich eine Zeit lang über Zeilen bewegt hatten, die ihren Sinn jedoch verborgen hielten. Er betrachtete das Foto von Marinella, das er als Lesezeichen benutzte. Seit ihrer Trennung umgab ihn ein melancholischer Schleier, als hätte sich seine Seele verpuppt. Traurigkeit brauchte keinen bestimmten Anlass, das machte ihre Autorität aus.

Er stellte die Beschallung ein und zündete sich eine Zigarette an. Es war die Letzte, aber es beunruhigte ihn nicht. Er hatte sich mit seinem Suchtverhalten arrangiert. Die monatliche Ration von fünf Schachteln war, wie üblich, nach drei Tagen verbraucht. Das Gleiche galt für den Alkohol. Was ihn ängstigte, war die Tatsache, dass es ihm nach diesen drei Tagen exzessiven Genusses immer schwerer fiel, in die Nüchternheit zurück zu finden, die am Ende doch äußerst angenehm war. Sie sollten Zigaretten und Alkohol ganz verbieten. Leute wie er würden es ihnen danken, aber Leute wie ihn gab es offensichtlich nicht in ausreichender Zahl.

Er legte den Kopf zurück und lauschte der Musik. Ein Blick auf den Monitor zeigte ihm, dass eine weitere Lesson aufgelaufen war. Vielleicht sollte er sie regelmäßiger anschauen, wer weiß, ob das Informationsministerium nicht falsche Schlüsse zog, wenn er sie jedes Mal im Paket konsumierte. Bis zu drei Lessons durfte man stehen lassen, und er nutzte diese Möglichkeit...



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