E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Fleck Die vierte Macht
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-455-85050-5
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-455-85050-5
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Die Politik ist immer weniger fähig, die Welt und sich selbst zu erklären. Das müssen die Medien übernehmen." Hans-Ulrich Jörges
Dirk C. Fleck trifft die wichtigsten Journalisten des Landes und befragt sie zu ihrer Verantwortung in einer Welt, die sich scheinbar gewissenlos selbst zerstört. Wie stark engagieren sich die Medien für einen Wertewandel in der Gesellschaft? Nutzen sie in heutigen Krisenzeiten ihren Einfluss als vierte Macht, um die Zuschauer, Zuhörer und Leser aufzuklären und zu sensibilisieren? Und lassen die Medien eine solche Berichterstattung überhaupt zu - denn ist das Mediengeschäft nicht in erster Linie ein Unterhaltungsgeschäft?
Dirk C. Fleck führt sehr substanzielle, informative Gespräche und präsentiert gestandene Journalistengrößen in kurzweiligen Porträts, welche die Medienprotagonisten auch von einer persönlichen Seite zeigen.
Die Gespräche wurden geführt mit: Kai Diekmann, Harald Schumann, Volker Panzer, Cordt Schnibben, Hans-Ulrich Jörges, Geseko von Lüpke, Dietmar Schumann, Anne Gesthuysen, Robert Misik, Peter Unfried, Michel Friedman, Jochen Schildt, Matthias Leitner, Giovanni di Lorenzo, Helge Timmerberg, Michael Jürgs, Anne Will, Klaus Liedtke, Lars Haider, Mathias Bröckers, Gert Scobel, Jakob Augstein, Kurt Imhof, Hubertus Meyer-Burckhardt und Frank Schirrmacher.
Autoren/Hrsg.
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KAI DIEKMANN
Bild muss süchtig machen
Vor meinem Gespräch mit Kai Diekmann gerate ich ins Träumen. Kurz hinter Hamburg geht es los. Was wäre, wenn der Mann sich neben dem aufreibenden Tagesgeschäft plötzlich Zeit nehmen würde, die Studie Global 2000 zu lesen, die der US-amerikanische Präsident Jimmy Carter bereits 1977 in Auftrag gegeben hatte. Der »Bericht an den Präsidenten« wurde von Wissenschaftlern und Regierungsstellen erarbeitet und sollte auf der Basis absehbarer Entwicklungstrends die politische Planungsgrundlage für eine ökologisch orientierte Politik liefern. Die Studie kommt zu folgendem Ergebnis: »Angesichts der Dringlichkeit, Reichweite und Komplexität der vor uns liegenden Herausforderungen bleiben die jetzt auf der ganzen Welt in Gang gekommenen Anstrengungen weit hinter dem zurück, was erforderlich ist. Es muss eine neue Ära der globalen Zusammenarbeit und der gegenseitigen Verpflichtung beginnen, wie sie in der Geschichte ohne Beispiel ist.« Wo ist sie, die globale Zusammenarbeit, die gegenseitige Verpflichtung? würde sich Kai Diekmann vielleicht fragen und einen entsprechenden Leitartikel in Auftrag geben. Der ICE rattert in stark vermindertem Tempo durch Ludwigslust. Ich spinne meinen Tagtraum fort. Was wäre, wenn Kai Diekmann einer Studie der Bundeswehr Gehör schenken würde? Das Zentrum für Transformation der Bundeswehr in Strausberg nahe Berlin hat gerade die mit Steuergeldern finanzierte Untersuchung Streitkräfte, Fähigkeiten und Technslogien fertiggestellt. Darin werden »langfristige sicherheitspolitische Herausforderungen in einem Zeithorizont von 30 Jahren« beschrieben. Die Autoren zeichnen die Folgen der unumkehrbaren Rohstoffverknappung in dramatischen Bildern. Sie warnen vor Verschiebungen des globalen Machtgleichgewichts, vor neuen »Abhängigkeitsverhältnissen«, vor einem Bedeutungsverlust westlicher Industrienationen, vor einem »Komplettversagen der Märkte«. Wirtschaftszweige und Banken, ja ganze Staatsgebilde stürzen ab, die Massenarbeitslosigkeit wächst, Hungersnöte und soziale Unruhen brechen aus. Noch 45 Minuten bis Berlin. Im beschaulichen Wittenberge lichtet sich der Morgennebel. Vielleicht hat Kai Diekmann ja das Welt-Online-Interview mit Dennis Meadows gelesen, dem Vater aller Untergangspropheten, der 1972 mit seinem Buch Die Grenzen des Wachstums weltweit für Furore gesorgt hatte. Anlässlich seines jüngsten Deutschlandbesuches sagte Meadows: »Die Inanspruchnahme des Planeten etwa durch Ölverbrauch und Bevölkerungswachstum ist inzwischen über ein nachhaltiges Niveau geklettert. Ein Kollaps ist heute wahrscheinlicher als damals und wird wohl noch früher geschehen.« Wir passieren Nauen im schönen Havelland. Ich male mir aus, dass Kai Diekmann wohl geschockt gewesen sein muss, als er von dem jüngsten Bericht der UNEP 1 erfuhr, der für die nächsten zwanzig Jahre das größte Artensterben seit 55 Million Jahren vorausgesagt hat. Oder davon, dass das sommerliche Eis in der Arktis seit 1972 um fünfzig Prozent zurückgegangen ist, wie das Institut für Umwelttechnik an der Universität Bremen kürzlich errechnet hat. Die aktuelle Meldung des US-Energieministeriums, dass der Kampf gegen den Klimawandel verloren zu gehen scheint, dürfte auch nicht zu seiner Beruhigung beigetragen haben. 2010, so die Statistik des Ministeriums, hat es den größten je verzeichneten CO2-Anstieg gegeben. 512 Millionen Tonnen mehr als 2009. Als der ICE 709 in Berlin Hbf eintrifft, ist der Tagträumer in mir optimistisch gestimmt. Er setzt sogar noch einen drauf: Die Bild, sagt er sich, wird unter Führung dieses Mannes zwar nicht zum Sturmgeschütz der Ökologiebewegung werden, aber vielleicht wird sie ihre Leser zumindest mitzunehmen versuchen, wenn es um die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft geht. Die Personenkontrolle am Empfang der imposanten 150 Meter langen und 85 Meter breiten Axel-Springer-Passage steht der eines Großflughafens in nichts nach. Auch hier muss man ablegen, den Gürtel lockern, sich hinter der Sicherheitsschleuse abtasten lassen. Schließlich begleitet mich eine Dame bis hinauf in den 16. Stock, wo ich von der Büroleiterin des Chefredakteurs außerordentlich zuvorkommend begrüßt werde. Kai Diekmann, der mir hinter seinem Schreibtisch aus der Ferne zuwinkt, bittet um ein wenig Geduld. Ich genieße die Aussicht auf die von der Herbstsonne beschienene Hauptstadt. Jeder Tag birgt das pralle Leben in sich und somit genügend Material, um daraus eine Großplastik wie die Bild zu formen. Die Kunst des ›Blattmachens‹ besteht darin, die Realität auf jenen Extrakt einzudampfen, der den größtmöglichen Erfolg verspricht. Kai Diekmann scheint sich auf diese Kunst besser als jeder andere zu verstehen, immerhin leitet er Europas auflagenstärkste Tageszeitung bereits seit elf Jahren. Das hat noch kein Chefredakteur vor ihm geschafft, nicht einmal der legendäre Günter Prinz, der es auf zehn Jahre brachte. Kai Diekmann bittet mich in sein Büro. Hinter seinem Schreibtisch hängt das leicht verfremdete Bild-Logo in Öl, ein ähnliches Gemälde ziert die gegenüberliegende Wand, vor der wir Platz nehmen. Beide Bilder stammen von dem Berliner Künstler Jens Lorenzen, der schon die berühmteste Bild-Schlagzeile der letzten Jahre zur Kunst erhoben hatte: »Wir sind Papst!« Ähnlich spektakulär titelte damals nur die taz, die die Wahl Kardinal Ratzingers mit den Worten »Oh, mein Gott!« bedachte. Da die verkaufte Auflage der Bild allerdings 63-mal höher ist als die der tageszeitung, war das kein wirklich faires Rennen. »Schießen Sie los«, sagt Kai Diekmann, »Sie fragen, ich versuche zu antworten.« Er wirkt erstaunlich unprätentiös. Es ist 15 Uhr, die Redaktion befindet sich mitten in der Produktion der neuen Ausgabe, aber mein Gesprächspartner gibt mir das Gefühl, als hätten wir alle Zeit der Welt. Das ist angenehm, weil so nicht erwartet. Also frage ich, nach welchen Kriterien er den Supertanker Bild steuert, immerhin hat er mit dieser Zeitung ein Instrument in der Hand, das gesellschaftspolitisch von erheblicher Bedeutung ist. Was ist seine Philosophie als Blattmacher, was sind seine Intentionen? »Gut«, antwortet Diekmann schmunzelnd, »wenn Sie mit mir über Gartenbau reden wollten, hätte ich ein Problem. Bei Bild kenne ich mich ein bisschen aus. Sehr gut auf den Punkt gebracht hat es die Süddeutsche Zeitung, die einmal geschrieben hat, die Bild-Zeitung sei so etwas wie der Seismograph der deutschen Befindlichkeit. Was ist damit gemeint? Damit ist gemeint, dass Bild nicht nur darüber berichtet, was passiert, sondern auch darüber, wie das, was passiert, von den Menschen empfunden wird. Ich vergleiche das gern mit den Wettervorhersagen, die auch die gefühlte Temperatur angeben. Durch den Windchill-Faktor werden aus gemessenen minus zwei Grad oft gefühlte minus zehn Grad. Und wenn man nicht frieren will, muss man sich entsprechend der gefühlten Temperatur anziehen. Das ist das, was Bild leistet. Eine Zeitung wie die FAZ versucht die Welt nach logischen Kriterien zu ordnen. Bild hingegen ist eine emotionale Zeitung. Wir fragen uns: Wie empfinden die Menschen die Ereignisse und Geschichten? Wie reden sie darüber? Wir wollen Gesprächsstoff bieten. Wir wollen, dass Menschen sich unterhalten und austauschen können. Das ist der Ansatz, mit dem wir uns dem Tag nähern. Was sind die großen Themen, die die Menschen bewegen, und wie finden wir einen Zugang zu ihnen? Dabei müssen wir im Hinterkopf behalten, dass wir nicht 300 000 Leser bedienen, sondern zwölf Millionen. Hinzu kommen noch über zwölf Millionen User unseres Online-Portals. Bild muss süchtig machen. Dieser Begriff kann auch negativ geprägt sein, aber das meine ich gar nicht. Ein gutes Buch macht süchtig, eine gute Zeitschrift macht süchtig und eine gute Zeitung eben auch. Um das zu erreichen, muss Bild mit Leidenschaft gemacht sein. Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute jeden Tag das Bedürfnis verspüren, uns wieder lesen zu wollen. Die Abonnementszeitungen liegen jeden Morgen auf dem Schreibtisch, im Briefkasten. Bild verkauft sich zu neunundneunzig Prozent am Kiosk. Wir verlangen von unseren Lesern, dass sie sich jeden Tag wieder auf den Weg machen, um Bild zu kaufen – bei Wind und Wetter. Das bedeutet, dass Bild sich von allen anderen Printprodukten unterscheiden muss. Wir müssen klare Alleinstellungsmerkmale haben. Das Wichtigste ist dabei der emotionale Zugang zu den Themen und hervorragender Journalismus. Wir versuchen, unseren Lesern einen Informationsvorsprung zu geben und exklusiv zu berichten. Bild-Leser sollen besser informiert sein als alle anderen. Die heutige Ausgabe ist ein Beispiel, wo uns das gelungen ist: Sowohl die Schlagzeile (›Babs Becker: Schon wieder Ehe kaputt‹) als auch das Interview mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zeigen, dass wir Themen früher besetzen als die Konkurrenz. Emotionaler Zugang heißt natürlich auch, dass Bild die Leser nicht gleichgültig lässt. Bild provoziert, Bild polarisiert – das gehört zum Kern der Marke. Uns geht es nicht darum, das beliebteste Presseorgan der Bundesrepublik zu sein. Damit gewinnt man nichts. Es geht darum, Debatten anzustoßen. Wie für alle Medien gilt: Wir verkaufen Inhalte, wir sind Journalisten. Aber was ist Journalismus? Journalismus ist vor allem eines: Welterklärung. Aber auch dort haben wir einen ganz besonderen Anspruch. Die Herausforderung liegt nicht darin, Informationen anzubieten,...




