E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Flaubert / Du Camp Über Felder und Strände
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-03820-925-6
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Reise in die Bretagne
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-03820-925-6
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gustave Flaubert, geboren 1821 in Rouen, studierte zunächst auf Drängen des Vater Jus, gab das Studium jedoch krankheitsbedingt 1843 auf und unternahm 1847 seine erste große Reise in die Bretagne mit seinem Freund, dem Literaten Maxime Du Camp. Die beiden beschlossen, gemeinsam einen Reisebericht zu verfassen, bei dem Flaubert die ungeraden Kapitel übernahm.
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Kapitel i
Am 1. Mai 1847, morgens um halb neun, haben die beiden Monaden, deren Verbindung dazu dienen wird, die folgenden Bögen zu schwärzen, Paris mit dem Ziel verlassen, zwischen Farnkraut und Ginster oder auf den weiten Sandstränden am Meeressaum unbeschwert Atem zu schöpfen. Sie hatten keinen anderen Ehrgeiz, als nach einem von Wattewolken geflockten, klaren Stück Himmel zu suchen oder auf der Rückseite einer weißen Klippe, versteckt unter Stechpalmen und Eichen, zwischen Fluss und Hügel, eines jener armen kleinen Dörfer zu entdecken, wie sie noch zu finden sind, mit Holzhäusern, Wein, der die Wände hochrankt, Wäsche, die auf der Hecke trocknet, und Kühen an der Tränke.
Auf ein andermal, auf später die großen Reisen um die Welt, auf dem Rücken von Kamelen, auf türkischen Sätteln oder unterm Baldachin auf Elefanten; auf ein andermal, wenn es denn je dazu kommt, das Schellengeläut andalusischer Maultiere, die verträumten Wanderungen in der Maremma und die Melancholien der Geschichte, die mit dem Dunst der Morgendämmerung aus der Tiefe jener Horizonte aufsteigen, wo sich die Dinge zugetragen haben, die man sich aus alten Büchern zusammenspinnt.
Heute ziehen wir los, ohne ihn allzu sehr aufzugeben, den Platz am Kamin, wo man seine Pfeife und seine Träumereien zurücklässt, um sie fast warm noch wiederzufinden, und, ohne die geringste Qual von Abschiedsschmerz, mit Rucksack, Nagelschuhen an den Füßen, Knotenstock in der Hand, Rauch auf den Lippen und Grillen im Kopf querfeldein zu laufen, um in Herbergen in großen Himmelbetten zu schlafen, wenn es geregnet hat unter den Bäumen die Vögel singen zu hören und sonntags die Bäuerinnen mit ihren hohen weißen Hauben und ihren dicken roten Röcken unter der Kirchentür aus der Messe kommen zu sehen, und was noch? gewiss, um sich das Fell zu verbrennen und vielleicht, um sich Flöhe einzufangen?
So kam es denn, dass zwei vernunftbegabte Wesen (Definition des Menschen in Büchern) sieben Monate lang über Muster, Farbe, Form, Ausführung und passende Zusammenstellung folgender Dinge nachgedacht haben, als da sind:
Ein Hut aus grauem Filz;
Ein Stock für Pferdehändler (eigens aus Lisieux gekommen)
Ein Paar derbe Schuhe (weißes Leder, Nägel in Form von Krokodilzähnen)
dito aus Lackleder (Stadtkostüm für diplomatische Besuche, wenn sich welche ergeben, oder für Fahrten nach Paphos, falls uns zufällig die Gänse jener göttlichen Schönheit im Wagen der Göttin entführen sollten)
Ein Paar Ledergamaschen (passend zu den derben Schuhen); dito aus Tuch (um an Lackschuhtagen unsere Socken vor Staub zu schützen);
Eine Leinenjacke (Stallburschenschick)
Eine Leinenhose (ordentlich weit, um in die Gamaschen gesteckt zu werden)
Eine Leinenweste (deren eleganter Schnitt die Gewöhnlichkeit des Stoffes ausgleicht)
Dazu füge man den gleichen Anzug noch einmal aus Tuch, außerdem ein vorzügliches Messer, zwei Feldflaschen, eine Pfeife aus Holz, drei seidene Hemden, was ein Europäer so für seine Tagespflege braucht, und dann hat man das Drum und Dran, in dem wir in der Bretagne aufgetaucht sind, in dem wir ein paar Wochen lang bei Sonne und Regen gelebt haben: über einen Anzug für den Ball wurde nie liebevoller nachgedacht, und ganz sicher wurde er nie mit so wenig Bedenken getragen.
Die Kanone donnerte, um den König zu feiern, die Nationalgarden schickten sich an, in ihrer Uniform das Kinn zu recken, und die Zündmeister der fürstlichen Verwaltung bereiteten ihren Talg für die abendliche Feierlichkeit vor, als wir nach dem Abschied von unseren beiden Freunden Fritz und Luigi in unseren Eisenbahnwagon stiegen; der Schlag wurde geschlossen; das eiserne Biest schnaubte wie ein ungeduldig stampfendes Pferd, und wir fuhren ab.
Wenn man sich früher vom einen Ort zum anderen begab, sei es im Wagen oder mit dem Schiff, hatte man Zeit, etwas zu sehen und Abenteuer zu erleben: eine Reise von Paris nach Rouen konnte ein Buch ergeben. Ich kannte Leute, die in ihrer Jugend drei Tage dafür brauchten: am ersten übernachtete man in Pont-de-l’arche, am zweiten in Meulan, und man schätzte sich glücklich, wenn man am dritten rechtzeitig zum Souper in Paris angelangt war. In einem alten Reiseführer für Frankreich, erschienen gegen Ende der Herrschaft von Henri IV, lese ich: »Um von Rouen nach Dieppe zu fahren, geht die Post dreimal die Woche: man ist einen Tag unterwegs; zu Mittag speist man in Totes, wo man drei Stunden Aufenthalt hat.« Die Männer, die jetzt Räuber und Gendarm spielen, und die Frauen, die im Garten ihren Puppen das Diner servieren, werden nur vom Hörensagen wissen, dass dies die Postkutsche war, mit ihrem Kondukteur in pelzbesetzter Jacke und mit den Postillons im Kittelhemd, die von ihrem hohen Bock ihren lauten Ruf erschallen ließen. Sie werden an die Rotunde und die Plätze unterm Verdeck denken, an die Poststationen, wo die schmutzigen, dampfenden Pferde bei ihrer Ankunft an Ringen in der Wand angebunden werden, so wie wir von einstigen Herbergsnächten träumen, mit der Verwechslung der Betten, den auf den Fluren ausgeblasenen Kerzen, dem Lärmen der Dienstboten, dem fluchenden Wirt, der schimpfenden Wirtin. Wo sind sie nun, die schlammbespritzten Karrossen und die Damen in großem Staat, die auf dem Rückweg zu ihren Schlössern in den Schlamm stürzten? Denkt man nicht allein bei dem Wort Postschiff von Auxerre an Monsieur de Pourceaugnac, der mit seinen zu kurzen Kniehosen, seinem Anzug der vergangenen Regimes und seinem Akzent aus dem Limousin nach Paris aufbrach? Hätten wir die zauberhaften Seiten von Chapelle oder Bachaumont, wenn die Herren Gouverneure und Bauern, statt in den behäbigen Wagen ihrer Freunde von Provinz zu Provinz zu ziehen, von Eisenbahn oder Dampfschiff befördert worden wären?
Alles, was wir also von Paris bis Blois gemerkt haben, war, dass die Strecke, so kurz sie währte, immer noch zu lange dauerte, gereizt wie wir stets von dieser sterilen Art der Fortbewegung sind, und im Übrigen äußerst gelangweilt durch die Gesellschaft zweier Getreidehändler, großer Schwätzer, großer Spötter, wahrscheinlich neureicher und sehr selbstzufriedener Leute. Der eine, mit Orden behängt, jovial, fett, dicklippig, mit beachtlicher Kragenweite und grober Stimme, repräsentierte den unerschrockenen Wucherer, den Spekulanten großen Stils, der Bürgermeister seiner Gemeinde ist, Abgeordneter seiner Stadt sein wird und später, ganz wie andere auch, Minister, während sein Nachbar, ein kleiner, dünner Mann mit faltigem Gesicht, verkniffenem Mund und vorspringender Nase, der mit einem zufriedenen und tückischen unsäglichen Lächeln Weizenproben in der hohlen Hand hüpfen ließ, eher wie der räuberische und heimliche Händler aussah, der hartnäckige Arbeiter, der noch den Sack flöht, aus dem er die Taler genommen hat, der unersättliche Mensch, der das Geld um des Geldes willen liebt und um des Handels willen vom Handel besessen ist: eine menschliche Spezies, die heute sehr verbreitet ist und nach Weinbergen trachtet, ohne deren Wein trinken zu wollen! Neben uns gab es noch einen armen Engländer, krank und hinkend, der mir von einem anderen Metall als dem von Silberlingen zerfressen schien: seine Enkelin mit hässlichem Gesicht, das jedoch einen bereits reifen Ausdruck besaß, wie im Allgemeinen bei Kindern, die keine Mutter haben, las Vaudevilles vom Palais-Royal und vom Gymnase, um sich mit Sprache, Sitten und französischer Lebensart vertraut zu machen.
In Orléans bekamen wir Monsieur Berryer zu Gesicht, der im Büffet saß und sich die breite Brust füllte, und wir nahmen zwei liebenswürdige junge Leute auf, die wohl zu irgendeinem Verwaltungszweig gehörten. Der eine unterschied sich vom anderen wie der Dummkopf vom Blödian und wie die Null vom Hohlkopf.
Die Erinnerung an die Dichterjugend, die in Blois verlief, überfiel uns gleich beim Hineinkommen. Als wir durch diese von Stille erfüllten, verwinkelten Gassen gingen, dachten wir daran, dass auch er dort vor ungefähr zwanzig Jahren umherwanderte und wie wir eines dieser Häuser betrachtete, um seine Marion de Lorme dort anzusiedeln, und wir fragten die Luft, die Bäume, die Mauern, dieses irgendwie Dauerhafte und Unverwechselbare, das an einem Ort herrscht und sein Kolorit und seine Seele bildet, nach dem Geheimnis der ersten Blüte des großen Mannes, als seine Dichtkunst in den unbetitelten Versen seiner ersten Sammlungen von üppigen, wie Lianen schwebenden Strophen überquoll, ihre Metaphern aufgehen ließ wie Sonnen und in vielfältigen Rhythmen und unaufhörlichen Harmonien erbebte. Wie viele zu Werken gewordene Ideen sind an dieser Ecke, an diesem Fluss, unter diesem Baum, bei Morgentau im Grünen oder an Sommerabenden entstanden, an jenen schönen Abenden, die glühend und traurig sind wie die erste Liebe, wenn der Himmel von langen Streifen überzogen ist und Fliegenschwärme in der Luft kreisen wie goldene Räder.
War es das, was uns an entzückt hat? Gibt es nicht außerdem neben der Bahnstation eine Ulmenallee mit prächtigem, dichtem Blätterdach, mit dicken Ästen, die sich eigens unten verzweigen, als sollte dort der Futtersack aufgehängt werden: richtige Ulmen des XVIII. Jahrhunderts; breit gewachsen, damit man darunter tanzt zum Geigenklang des Spielmanns, der auf ein Fass steigt und laut den Takt stampft, während die Röcke im Wind fliegen, die gepuderten Locken sich lösen und die Burschen die Mädchen um die Taille fassen, die vor Schreck auflachen und vor Freude außer sich sind.
Die Straßen von Blois sind leer; zwischen den Pflastersteinen wächst Gras: zu beiden Seiten ziehen sich lange graue...




