Fitzner | Mallorca, vorläufig für immer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 318 Seiten

Fitzner Mallorca, vorläufig für immer


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96215-429-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 318 Seiten

ISBN: 978-3-96215-429-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Oskar hat alles: Mit einer Traumfrau lebt er im Ferienparadies Mallorca. Doch bald bröckelt die Idylle: Das "romantische Landleben" erweist sich als Sackgasse, der wohlhabende Ex der Gefährtin entdeckt eine mittelalterliche Wunderwaffe gegen seinen Widersacher und einige sonderbare Mallorca-Deutsche veranstalten eine Zerreißprobe mit Oskars Nervenkostüm. Unerwartet kommt Beistand von einer kühlen Insulanerin ...
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1.


Oskar kehrt nach Mallorca zurück und kriegt keinen Kuss


Madeleine Zarfou schrie: „Rechts!“

Oskar Tschann, einundvierzig Jahre alt, international tätiger Fotoreporter, stieg auf die Bremse. Der Geländewagen kam mit einem Ruck zum Stehen. Sie standen mitten in einem Kiefernwald in den Bergen der mallorquinischen Tramuntana. Oskar trommelte aufs Lenkrad des Geländewagens und pfiff durch die Zähne.

„Ich meinte links“, sagte Frau Zarfou und nestelte an ihrem Papier herum. Sie war ungefähr in Oskars Alter, schwieg aber hartnäckig über ihren Jahrgang. Sie trug einen glänzenden grünen Hosenanzug und sah damit aus, als sei sie gerade dem Melassebecken einer Bonbonfabrik entstiegen. An ihren Ohren hingen Seepferdchen und an ihren schlanken Händen klimperten Bernstein-Goldreifen. Ihre Armbanduhr war supermodern und machte alle fünf Minuten dideldidü und Frau Zarfou versuchte sie umzuprogrammieren, doch das einzige, was sich dabei veränderte, war die Dideldidü-Tonhöhe.

„Sie halten den Plan verkehrtrum“, knurrte Oskar.

„Moment mal. Doch rechts.“

Oskar holte tief Luft. „Madeleine ...“

„Fahren wir geradeaus weiter und sehen, wohin’s da geht“, schlug Frau Zarfou vor, faltete das Papier zusammen und blickte erwartungsfroh nach vorne, wo außer ein paar Meter Feldweg aufgrund der Dunkelheit absolut nichts zu sehen war.

„Werfen Sie das nicht weg“, sagte Oskar und deutete auf das Papier. „Damit kann die Polizei später unseren Tod rekonstruieren.“

„Ihre Helene ist keine begnadete Planzeichnerin“, bemerkte Frau Zarfou. „Was ist? Wollen wir weiterfahren?“

„Nein, wollen wir nicht“, maulte Oskar. „Wir warten hier, bis jemand vorbeikommt. Wenn das wirklich der Weg zu Alfred Schnabels Supervilla und Superfiesta ist, dann müssen hier schicke Geländewagen vorbeibrausen. Warten wir auf einen. Ich war noch nie der letzte Gast auf einem Fest.“

„Und wenn keiner vorbeibraust?“

„Dann wissen wir, dass wir uns verfahren haben. Dann müssen wir wieder zurück.“

„Und wo ist zurück?“

Oskar machte eine Handbewegung, die alle Himmelsrichtungen abdeckte. „Na dort irgendwo.“

Stille sank auf die beiden herab. Dann sagte Frau Zarfou: „Jetzt sind Sie wieder mal sauer auf mich. Dabei kann ich nichts dafür, wenn Ihre Lebensgefährtin sich am Tag Ihrer Ankunft aus dem Staub macht, nur weil irgendwo in der Tramuntana eine Party ...“

„Bitte“, flehte Oskar.

Frau Zarfou verstummte.

Das Problem war, dass sie Recht hatte. Oskar musste sich eingestehen, dass sein ganzes Leben an einem Punkt angelangt war, der auf gespenstische Weise diesem Moment entsprach: Er wusste nicht mehr weiter.

Eigentlich sollte Oskar Tschann der glücklichste Mensch der Welt sein. Vor einem Jahr hatte ihn der Zufall nicht nur auf die schönste Insel der Welt verschlagen, sondern ihn auch mit der schönsten Frau der Welt zusammengebracht. Gemeinsam bewohnten sie eine Finca auf dem Lande und lebten genau das Leben, von dem fünf komma neun Milliarden Menschen nur träumen können.

Warum war Oskar trotzdem schlechter Laune? War es der Jetlag nach der siebzehnstündigen Reise mit Zwischenlandungen auf Flughäfen, deren bloße Erwähnung jedem Piloten Zitterkrämpfe beschert?

Oder war es die Enttäuschung, weil seine Helene ihn nicht am Flughafen abgeholt hatte, obwohl Oskar sein Leben riskiert und seine vorletzten Devisen ausgegeben hatte, um aus einer obskuren mittelasiatischen Republik einen Anruf nach Mallorca zu tätigen und seine Geliebte rechtzeitig über die Rückreise zu informieren, und über den Umstand, dass er, nebenbei erwähnt, noch am Leben war?

Dabei hatte sie durchaus glücklich geklungen am Telefon, jedoch plötzlich eine Pause gemacht, und als sie gesagt hatte: „Du, ich muss dir was ...“, hatte offenbar ein Guerillero die Leitung abgeklemmt und die fette Telekommunikationsbabuschka hatte ihm zweihundert Dollar abgeknöpft. Alle weiteren Kontaktversuche hatten ihm das Vergnügen beschert, von seinem eigenen Anrufbeantworter abgewimmelt zu werden.

Hungrig nach Essen, Trinken, Ruhe, Frieden, und hungrig vor allem nach Helene, ihrer Zärtlichkeit, ihrem Humor, ihrer Schönheit, ihrerm bloßen Bei-ihm-Sein, war er in Palma de Mallorca aus dem Flugzeug und durch die Gänge und Hallen des Flughafens geschlurft. Und hatte wen vorgefunden?

Madeleine Zarfou.

In seinem Kopf durchlebte er zum wiederholten Mal die Szene am Flughafen, deren Inszenierung so ganz anders ausgefallen war, als er sich das Tausende Kilometer lang vorgestellt hatte. Selten war seiner Vorfreude so die Luft rausgenommen worden wie vor knapp einer Stunde auf dem Flughafen Son Sant Joan, Palma de Mallorca. Willkommen in der Wirklichkeit.

„Helene hat mich gebeten, Sie abzuholen“, begrüßte ihn dort Madeleine, während ihre Miene in Sorgenfalten versank. „Mein Gott, Sie sehen ja aus, als seien Sie Dschingis Khan begegnet.“

„Ich bin mehreren hundert Dschingis Khans begegnet“, erwiderte Oskar unwillig. „Die meisten in Zollbeamtenuniform. Wo ist Helene?“

„In Alfred Schnabels Supervilla.“

„WO?“

„Lassen Sie mich das Gepäckwägelchen schieben, Sie sehen schwach aus.“

Oskar ließ es widerstandslos geschehen lassen und fragte: „Madeleine, ich verstehe nicht.“

„Helene“, erklärte Madeleine und machte ein hochoffizielles Gesicht dazu, „ist vor einer Woche von Alfred Schnabel eingeladen wor...“

Wer ist Alfred Schnabel?“ bellte Oskar und ein Sicherheitsbeamter wandte sich abrupt um.

„Keine Ahnung“, erwiderte Frau Zarfou. „Ich weiß nur, dass er heute in seiner Villa eine phan-tas-ti-sche Party steigen lässt, mit einer Kunstvernissage, und Helene meinte, bevor sie wieder auf einen Flug wartet, der sowieso verspätet ankommt, und deshalb diese ein-ma-li-ge Vernissage versäumt, möge doch lieber ich auf Sie warten und dann nachkommen.“

„Ist sie allein ...?“, fragte Oskar, doch Frau Zarfou schüttelte bereits den Kopf. „Nein, mit Jürgen natürlich.“

Oskar lachte auf. Natürlich. Jürgen Debarcon, der stets hilfsbereite Nachbar.

Er zwang sich zu einem Themenwechsel, denn er wollte Madeleine keinen Triumph gönnen. Hatte sie nicht von Anfang an ihre Skepsis spüren lassen, was seine Beziehung mit Helene betraf? War sie nicht immer ein wenig eifersüchtig gewesen? Er beschloss, ihr auf den Zahn zu fühlen, und fragte: „Madeleine, seit wann interessieren Sie sich für Vernissagen?“

„Seit niemals“, erwiderte Madeleine geantwortet. „Aber ich mache mir Sorgen um Sie.“

„Lassen Sie meine Sorgen meine Sorge sein“, erwiderte er forsch. Schweigend gingen sie zu Zarfous Wagen.

„Fahren bitte Sie“, bat Frau Zarfou.

„Warum ich?“

„Damit ich nicht verhaftet werde. Ich bin alkoholisiert.“

Stockbesoffen wäre ein uneleganter Ausdruck gewesen, aber ein präziser. Oskar fiel das erst jetzt auf. Der Alkoholmief hätte ja auch von den vorbeiströmenden Ballermann-Touristen ausgehen können, und seltsam wirkte Frau Zarfou eigentlich immer. Nur jetzt, da sie es selbst bestätigte, erkannte Oskar, dass sie tatsächlich himmelblau war. „Wie sind Sie denn zum Flughafen gekommen?“ fragte Oskar mit Entsetzen.

„Mit Vertrauen in das Gleichgewicht des Universums“, gurrte Madeleine.

Oh, Gott, dachte Oskar. Die Zarfou-Theorie. Die abstrusen Ideen seiner treuesten Kumpanin auf der Insel. „Warum haben Sie getrunken?“

„Ich mache eine Kur.“

Eine Kur!?!?“

Frau Zarfou schaffte es binnen fünfzehn Minuten, aus einem müden Wrack ein hellwaches Individuum zu machen. Metamorphosen dieser Art waren ihre Spezialität. Sie lebte in ihrem eigenen Universum, propagierte ihre eigene Religion und kassierte dafür teures Geld von einer Anhängergemeinde, in der die Prachtexemplare des deutschen Menschenzoos auf Mallorca zusammenfanden. Oskar hatte den Verdacht, dass er der einzige Ungläubige war, zu dem Madeleine freiwillig Kontakt pflegte, und noch dazu gebührenfrei. Momentan hatte er ein Gefühl, als hätte er ein Starkstromkabel berührt und als sprössen ihm überall Antennen aus dem Kopf. Das war der Zarfou-Effekt.

„Sie trinken? Madeleine, wie wollen Sie das Gleichgewicht des Universums herstellen, wenn Sie schon Probleme mit Ihrem eigenen haben? Ehrlich, jetzt bin ich es, der sich Sorgen macht.“

„Das ist süß von Ihnen. Vorsicht, fahren Sie nicht die Schranke nieder.“

Die Geschichte war, wie Madeleine mit bemerkenswert nüchterner Diktion dargelegt hatte, die folgende: Im Kreis ihrer „Frequentanten“, wie sie ihre Kunden, Apostel, Schüler oder Opfer nannte, waren mehrere Fälle von Depression aufgetreten, und Frau Zarfou, die auf alles eine Antwort wusste, musste sich eine Therapie ausdenken, um ihren Dunstkreis nicht zu enttäuschen. Die Antwort hieß „Gleichgewichtstherapie“ und war noch verrückter als alles, was Madeleine jemals mit Oskar angestellt oder anzustellen versucht hatte. Eine Woche wurde in sieben Lebensabschnitte unterteilt, jeder Tag erhielt ein Etikett. Mittwoch – nach Zarfou der eigentliche, universelle Wochenbeginn – war der Tag der Geburt. Donnerstag der Tag der Entdeckung der Welt. Freitag die Entdeckung der Mitmenschen („Da sind so Sachen passiert, dadadim, dadadam, ...“), Samstag die Erfüllung, Sonntag die Enttäuschung, Montag die Depression, Dienstag Versöhnung und Tod. „Die Idee besteht darin, den natürlichen Zyklus eines Lebens so lange nachzuspielen, bis uns Aufstieg und Niedergang. Euphorie und Depression, Geburt und Tod nichts mehr ausmachen.“ Die Themen würden in gemeinsamen...



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