E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Fitzner Die Mallorca Therapie
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96215-427-1
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-96215-427-1
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2.
Der kurzen Rede langer Sinn
„Ich habe einen Kamm dabei, wenn du vorher noch schnell ...“
Jo warf Pfaff einen vernichtenden Blick zu.
„War nur eine Idee“, beschwichtigte Pfaff und erhob sich. „Dann wollen wir mal.“
Sigmar Brand saß allein an einem Tisch und studierte eine Mappe mit Dokumenten. Vor ihm standen zwei Gläser und eine Flasche Cognac. Er sah erst auf, als Pfaff sich mehrmals und in zunehmender Lautstärke geräuspert hatte.
„Herr Sigmar Brand.“ Pfaff breitete mit einer großartigen Geste die Arme aus. Wie Bill Clinton, dachte Jo, als er Rabin und Arafat zum historischen Händedruck zusammenführte. Aber wir wissen ja, was aus Rabin und Arafat geworden ist. „Darf ich vorstellen: Doktor der Psychologie Johann Arnold Fechtmeister, verantwortlicher Therapeut des Schützenkönigs der Bundesliga, Wladislaus Nemet, und wahrscheinlich einer der größten lebenden Seelenexperten unserer Tage.“
Brand musterte ihn ohne sichtbare Gefühlsregung, wies auf den Stuhl vor ihm und sagte: „Erfreut.“
Pfaff räusperte sich, rieb sich die Hände und bekam erst allmählich mit, dass an Brands Tisch nur ein Stuhl frei war, und dass auf diesem nun Jo Platz nahm.
„Herr Pfaff – Dankeschön“, sagte Brand und schickte den Angesprochenen mit einer Bewegung seines Zeigefingers zurück an den Tisch, an dem der Werkspsychologe des Firmenkonglomerats „Brand Diversity Group“ den zukünftigen Therapeuten der Cheftochter weichgequatscht hatte.
Leibeigener, dachte Jo. Er versuchte, ein ausdrucksloses Gesicht zu bewahren. Brand war ihm auf Anhieb unsympathisch, doch es gelang ihm, den Umstand der Erpressung im Giftstofflager seines Gemüts abzuparken. Nur mal zuhören, sagte sich Jo. Aus der Haut fahren kann ich nachher im stillen Kämmerlein.
Brand wirkte erstaunlich jung für einen Konzernlenker. Er war rundlich und hatte eine zart-rosa Haut und sein Gesicht strahlte die Gutmütigkeit, Gemütlichkeit und selektive Menschenliebe eines Landpfarrers aus. Die perfekte Tarnung für einen der härtesten Geschäftsmänner Deutschlands. Auch seine Stimme klang sanft, doch in dieser Sanftheit klang bereits Gefährlichkeit mit. Die Augen, wenn man Augen lesen konnte, verrieten ihn endgültig: Es waren nicht die seelenwarmen Tümpel eines Geistlichen, sondern die Radargeräte eines Raubvogels. Sein Blick wich nicht aus und lud nicht zum Mauscheln ein, sondern suchte, scannte, prüfte, forderte und drohte. Und blieb kurz an Jos Frisur hängen.
„Geht wohl Wind draußen.“
„Was?“
Brand anullierte das Thema mit einer winzigen Geste. „Pfaff hat Sie eingewiesen. Interessiert?“
„Ich würde gerne mehr erfahren“, sagte Jo.
„Cornelia Brand, neunzehn Jahre alt, drei Semester in Harvard, exzellente Noten, einwandfreie Führung, plötzlich E-Mail aus ich weiß nicht wo in Florida, Papa, ich muss meine Existenz überdenken, alles erscheint mir sinnlos und pervers.“
Brand blickte Jo in die Augen, ohne zu blinzeln. Pfaff hatte gewarnt, Brand sei kein Freund vieler Worte. Das war wohl eine Untertreibung, dachte Jo.
„In diesen Worten?“ fragte er.
„Resümiert.“
„Könnte ich die E-Mail sehen?“
„Heißt das, Sie akzeptieren?“
Jo registrierte, wie er sich dem schnörkellosen Stil seines Gegenübers anpasste. „Könnte ich die E-Mail sehen, falls ich akzeptiere?“
Brand lächelte ein salbungsvolles Priesterlächeln. „Im Wutanfall gelöscht.“
Jo sah ihn lange an. Brand hielt dem Blick problemlos stand.
„Und was geschah dann, Herr Brand?“
„Freund in Übersee geht mir zur Hand. Kennt meine Tochter. Überredet Cornelia zu einem Treffen. Gibt ihr ein Mobiltelefon, am anderen Ende bin ich. Cornelia klingt völlig verändert. Macht Anschuldigungen. Faselt krassen Unsinn über ein neues Leben. Ich schlage ihr vor: Komm nach Mallorca, gib mir einen Monat.“
„Welche Art von Anschuldigungen?“
„Pubertäres Gewäsch, gekleidet in akademisches Vokabular. Ich sei so eine Art Göring, nur mit besseren Anwälten.“
„Studierte sie auf eigenen Wunsch in den USA?“
„Ich sage: Natürlich. Sie sagt: Natürlich nicht. In ihrem Zustand braucht es einen Psychologen, um sie zu verstehen.“ Die Andeutung eines komplizenhaften Lächelns huschte über sein Gesicht. „Eigentlich mit allen Frauen so.“
Jo stieg auf die Bemerkung nicht ein: „Warum, glauben Sie, hat Cornelia zugesagt, nach Mallorca zu kommen?“
„Sie kennt mich.“
„Was bedeutet das?“
„Sie mag mich für einen Diktator halten, aber sie weiß auch, dass ich meine Zusagen einhalte. Grundlage fürs Geschäftliche wie fürs Persönliche. Ich verspreche ihr totale Freiheit mit finanzieller Unterstützung, unter einer Bedingung: einen Monat auf Mallorca und keine Tricks. Weder auf ihrer Seite noch auf meiner.“
„Und wenn Sie sie für unzurechnungsfähig erklären und in eine Nervenheilanstalt stecken lassen?“
„Ich habe ihr gesagt: Solange du keinen echten Selbstmordversuch unternimmst, tu ich das nicht.“
„Aber war sie nicht verzweifelt?“
„Kein Mensch weiß, was wirklich mit ihr los ist. Vielleicht Drogen. Vielleicht Sekte. Mein Freund konnte nur Vermutungen anstellen, null konkrete Indizien, abgesehen von ihrem Verhalten. Ihr Job, Fechtmeister. Müssen Conny nicht nur heilen, sondern die Hintergründe rausholen. Wenn Dritte dahinterstecken, will ich Namen, Anschriften, Schuhgrößen. Werden mich kennenlernen.“
„Und wenn einer dahintersteckt? Wenn Conny sich in einen nordafrikanischen Guerillero oder einen Tellerwäscher aus Mexiko verliebt hat?“
„Sie haben einen Monat, das herauszufinden und sie wachzurütteln. Wir haben nur diesen einen Monat, um Cornelia wieder aufs Gleis zu heben.“
„Warum haben Sie nicht mehr rausgehandelt? Ihnen muss doch klar sein, dass noch niemand in nur einem Monat von einer Persönlichkeitskrise geheilt worden ist.“
„Ich glaube nicht, dass sie eine echte Persönlichkeitskrise durchmacht. Ist eher eine Anekdote. Ein Ausrutscher. Ein Monat reicht, zumal für einen Klassemann wie Sie.“ Er packte Jo am Oberarm und der Psychologe wunderte sich über den harten Griff. „Habe über Sie gelesen. Sie können das. Phantastischer Zufall, dass Sie gerade frei sind.“
„Ich habe noch nicht zugesagt“, gab Jo zu bedenken.
Brand nickte, löste seinen Griff und schnippte mit dem Finger. „Verstehe. Reden wir Zahlen.“
„Das meine ich nicht“, sagte Jo. „Bevor wir die Trompeten zum Angriff blasen, mache ich Sie darauf aufmerksam, dass in Ihrem Arrangement alles enthalten ist, was einen Fehlschlag garantiert.“
„Details“, verlangte Brand und schenkte sich Cognac ein.
„Ohne eine Ferndiagnose stellen zu wollen, stellt sich mir das Verhalten Connys wie eine Rebellion dar. Dass sie bis vor kurzem immer ‚brav‘ gewesen war, heißt für mich, dass sie sich einer starken Persönlichkeit untergeordnet hat. Also offenbar Ihnen. Dann, und nicht ganz zufällig weit weg vom Elternhaus, passiert etwas mit ihr und plötzlich stellt sie sich offen gegen den Lebensplan, den Sie, Herr Brand, für Conny zusammengestellt haben.“
„Meilenweit daneben“, sagte Brand. „Cornelia war immer sie selbst. Was noch?“
Jo ignorierte den Cognac, den Brand nun auch ihm eingegossen hatte, und pochte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. „Ihre Ablehnung richtet sich gegen Sie. Und diese Ablehnung wird sie voll und ganz auf mich projezieren. Sie muss nur einen Monat durchhalten. Das sollte für Cornelia kein Problem darstellen, es sei denn, Sie erlauben mir Foltermethoden.“
Brand warf Jo einen prüfenden Blick zu. „Bisschen krass, Ihr Humor.“
Der Psychologe winkte ab. „Die Realität ist noch viel krasser, Herr Brand. Ich werde in dieser Geschichte zum Prügelknaben. Cornelia wird nicht nur die Genugtuung erleben, den von ihrem Vater engagierten Therapeuten gegen eine Wand laufen zu lassen, sondern sie wird – verzeihen sie jetzt mal meine Unbescheidenheit – einem der bekanntesten Psychologen Deutschlands auf der Nase herumtanzen. Das Mädchen wird dermaßen motiviert sein, mich und damit stellvertretend auch Sie in die Pfanne zu hauen, dass ich gar nicht nach Mallorca fliegen muss. Danke für das Angebot, aber Sie können sich eine Menge Geld sparen, denn das Ergebnis steht fest. Wollen Sie mit Kollegen sprechen, die von Eltern engagiert wurden, um ihre bockigen Kinder zu therapieren? Und ich spreche von Therapien ohne Deadline, die sich über Monate oder Jahre hinzogen, bis sich ein erster kleiner Erfolg einstellte.“
Brand lächelte grimmig. „Klingen nicht sehr selbstbewusst.“
Jo zuckte die Achseln. „Wir sind ja keine Zauberkünstler.“
„Alternativen“, schnappte Brand.
„Wie bitte?“
„Sie haben mir gesagt, was nicht geht “, sagte der Unternehmer und statt eines pastoralen Lächelns hatte er nun eine Maske aufgesetzt, die kontrollierte Gereiztheit verriet. „ Sagen Sie mir jetzt, was geht.“
„Sie müssen Ihr Vertrauen gewinnen.“
„Gemacht. Ohne Vertrauen säße Conny nicht in meiner Villa. Was noch?“
„Wir müssen sie mit Personen zusammenbringen, mit denen sie zwanglos umgeht. Cousinen, Großeltern, Schulfreunde. Im Zweifelsfall den Che Guevara- oder Woody Allen-Typ, in den sie sich verliebt hat. Wie ist eigentlich Connys Verhältnis zu ihrer Mutter?“
Brand schnitt mit seiner Handkante waagrecht durch die...




