Fitzner | Deine fremde Tochter | E-Book | www2.sack.de
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Fitzner Deine fremde Tochter


2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98778-526-9
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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Das mysteriöse Verschwinden einer Millionärstochter und ein Netz aus Lügen
Ein fesselnder Kriminalroman, der in die dunklen Abgründe Marokkos entführt

Eine junge Norwegerin verschwindet unter rätselhaften Umständen und wird nach erfolglosen Ermittlungen für tot erklärt. Zuvor hatten die schwerreichen Eltern eine enorm hohe Lebensversicherung auf ihre Tochter abgeschlossen. Deswegen wird Detektivin Rita Kleefman auf den Fall angesetzt. Ihre Nachforschungen führen sie nach Marokko, wo das Mädchen zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Dort stößt sie auf Ungereimtheiten in den offiziellen Berichten und wird mit den Abgründen eines Familiendramas konfrontiert. Inmitten eines Geflechts aus Lügen und Intrigen, wird Rita klar, dass ihr der Fall selbst zum Verhängnis werden könnte …

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Deine fremde Tochter

Erste Leser:innenstimmen
„Unerwartet spannend und mitreißend, ich musste den Krimi in einer Nacht durchlesen!“
„Tolles Setting, Marokko zeigt sich von seiner schönsten und schlimmsten Seite.“
„Der Schreibstil des Autors war angenehm leicht und flüssig.“
„Rita ist eine Protagonistin, in die man sich super hineinversetzen kann.“
„Ein Krimi vom Feinsten – klare Leseempfehlung!“



Thomas Fitzner wurde 1960 in Bregenz (Österreich) geboren. In den 80er und 90er Jahren war er als UN-Offizier in Konfliktregionen in Nahost und Nordafrika stationiert. Danach arbeitete er zehn Jahre lang als freiberuflicher Werbetexter, Übersetzer und Dolmetscher in Spanien und danach als Redakteur bei der deutschsprachigen Mallorca-Zeitung. Ab 1998 war der Autor auch als freiberuflicher Werbetexter, Journalist, Übersetzer und Dolmetscher tätig. Seit 2012 ist Fitzner im Hauptberuf bei einem internationalen Steuerbüro in Palma de Mallorca tätig. Thomas Fitzner hat bislang sieben Romane und einen Anekdotenband veröffentlicht. Er lebt in einem kleinen Dorf in der Mitte Mallorcas.
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1.


„Wir haben Fortschritte gemacht“, sagte Doktor Peer und mimte Anerkennung.

Rita Kleefman antwortete nicht. Eine Woche hatte sie gebraucht, um zu begreifen, dass ein Kurhotel nichts für sie war. Dabei erfüllte sie alle Voraussetzungen. Seit sie im Nahen Osten einen Versicherungsbetrug aufgeklärt und dabei gewaltbereite Versicherungsbetrüger verärgert hatte, zog sie ein Bein nach, mal auffälliger, mal weniger, jedenfalls war sie die perfekte Kurbedürftige. Auch wenn sie in den Spiegel blickte, sah sie Probleme, die nach einer Therapie schrien, doch für die gab es keine Kur.

„Wenn man Ihre Krankheitsgeschichte berücksichtigt, ist es ein Wunder, dass Sie überhaupt noch gehen können“, sagte Doktor Peer, den die meisten Patientinnen mit „lieber Doktor Peer“ ansprachen. Rita hingegen sagte nur „Doktor“. Die Illusion, er könne eine Sekunde mehr in sie investieren, als es seine Vertragspflicht verlangte, war schon am ersten Tag verflogen. Und Rita legte Wert auf Symmetrie in den Beziehungen.

„Übrig geblieben ist nur eine Steifheit im Hüft- und Kniegelenk.“

Rita nickte und mimte ihrerseits Interesse an dem, was der „Doktor“ sagte. „Nur.“

„Die Sie aber geschickt kompensieren.“

Ja, dachte Rita. Ich gehe einfach so selten wie möglich. Wenn das keine geschickte Kompensation eines doppelten Gelenksproblems war.

„Daran müssen wir arbeiten“, sagte Doktor Peer und erhob sich. Die Sprechstunde war beendet.

Rita fühlte sich einmal mehr überwältigt von den Banalitäten, die der Kurarzt auf sie abgeladen hatte. Sie arbeitete sich aus dem Sessel hoch und lächelte. „Herzlichen Dank, Doktor. Ich spüre es, mit Ihrer kompetenten Hilfe werde ich in zwei Wochen zur Gazelle.“

Doktor Peer starrte sie an. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, ob Rita kokett wurde oder ihn gerade verarschte.

Manchmal zeigte der Kuraufenthalt Wirkung, und Rita fühlte sich besser. Dies war so ein Augenblick. Später kam ihr der absurde Gedanke, in der Hölle wäre ein Tor aufgegangen, als sie das Wort Gazelle aussprach. Wie anders war zu erklären, dass sie zwei Wochen später tatsächlich zur Gazelle wurde?

„Ich hätte es beinah vergessen“, sagte Doktor Peer mechanisch, während er sich verärgert abwandte. „Ihre Firma bittet um Rückruf.“

Genau damit begann es.

Ein Autobus, fünf Passagiere, eine Fernstraße an endlosen Waldrändern entlang, Tankstellen mit Blockhütten voller Souvenirs und Sandwiches. Eigentlich stünde mir ein Mietwagen zu, dachte Rita Kleefman. Oder ein Flugticket. Doch sie brauchte Zeit, um das Geschehen der letzten Tage in der Reihenfolge seiner Verwunderlichkeit zu ordnen. Die Reise mit dem Überlandbus gab ihr diese Zeit. Vorgestern das Kurhotel in Valkenburg aan de Geul, wo Deutsche und Holländer in trügerischer Harmonie ihre Körper- und Seelenwunden leckten, heute Norwegen, ein friedliches Dahinbrummen Richtung Trondheim, einem Kunden entgegen, einem verzweifelten Elternpaar, Tochter spurlos verschwunden, Tochter hoch versichert, ein Fall für die Versicherung. Kein typischer Fall, aber auch kein wirklich verwunderlicher. Nicht, wenn man die Begleitumstände dieser Reise zum Maßstab nahm.

Der Anruf, der Rita aus ihrem Einzelzimmer im Kurhotel nach Norwegen katapultiert hatte, war nicht von Anna Loeken gekommen.

war verwunderlich.

Anna Loeken, die Leiterin des Büros für Auslandsermittlungen von Safee Securities, die Vorgesetzte und alte Vertraute, war über Nacht von ihrem Chefsessel auf die Straße befördert worden.

Rita, die abgebrühte Ermittlerin, machte eine Entdeckung: Das Büroleben war gefährlicher als Ermittlungen „draußen“. Der kleinste Fehler wurde mit dem Leben bezahlt. Was tat Anna Loeken jetzt? Besäufnis im Lieblingspub, Affären zur Ablenkung, Rückkehr zur Scholle – da waren Kinder zu versorgen, mit Erklärungen zu beruhigen – oder Auflehnung wie im Film: Gefeuerte Ermittlungsleiterin macht sich auf eigene Faust daran, den wahren Schuldigen zu finden?

Die Frage, welchen Fehler Anna begangen hatte, war nebensächlich, wusste Rita. Dazu kannte sie ihre Firma zu gut. Viel bedeutsamer und auch verwunderlicher war der Umstand, dass der Anruf von Hanno de Mey gekommen war. Hanno de Mey, der heimliche Geliebte der ehemaligen Chefin, oder nunmehr womöglich ehemaliger Geliebter der ehemaligen Chefin ... wie vergänglich war doch alles: Ein Wimpernschlag und das gesamte Umfeld hat sich neu formiert, faszinierend wie der Kulissenwechsel im Theater, ein Wald verschwindet, ein Wohnzimmer senkt sich herab, keine drei Wortwechsel und das Publikum hat sich an die neuen Konstellationen gewöhnt.

Ob sich Rita an einen Leiter der Abteilung für Auslandsermittlungen gewöhnen konnte, der Hanno de Mey hieß, blieb hingegen fraglich. Das war mehr als ein Kulissenwechsel. Denn es bedeutete, dass der Intimfeind nun an den Hebeln der Macht saß.

Rita bemühte sich, auch das Positive zu sehen. Vielleicht, dachte sie, war Anna Loeken nun endlich von ihrer unverständlichen Liebe geheilt. „Wo ist Anna?“, hatte Rita gefragt, und Hanno hatte beiläufig erwidert: „Weiß ich nicht“, und es hatte geklungen, als ob er diesmal nicht gelogen hätte.

Exgeliebter, entschied Rita, nachdem sie an mehreren Seen vorbei, durch mehrere Wälder hindurch an dieser Frage gekaut hatte. Safee war zu einem Tollhaus geworden, Caligula hatte die Macht an sich gerissen, die Versicherung war drauf und dran, sich ins alte Rom zurückzumodernisieren. Königsmord, Orgien und Harfenspiel vor den brennenden Trümmern der Abteilung. Betrug als Leidenschaftsdelikt. Wie sollte man ankämpfen?

Der Bus hielt, und ein Norweger stieg zu. Norwegen ist so dünn besiedelt und so ruhig und friedlich, dass es einem Tumult gleichkommt, wenn ein einzelner Norweger in einen Bus steigt. In Indien prügeln sich fünftausend Menschen um fünfhundert Sitzplätze in einem Zug, quellen aus den Fenstern, bevölkern die Waggondächer, verstopfen die Gänge, klammern sich zwischen die Achsen und finden das normal. In Norwegen steigt ein Norweger in einen Bus, zahlt in Ruhe seinen Fahrschein, auch der Busfahrer ist ruhig, ernst, konzentriert, sie raunen einander im lieblichen norwegischen Singsang knappe Sätze zu, die häufig aus einem einzigen Wort bestehen, „Hallo“, „Jo“, „Zwölf“, „Danke“.

Rita nutzte die Busfahrt, um ihre Gedanken zu sortieren, um mit Blick auf mehrere Millionen norwegische Laub- und Nadelbäume Ordnung in ihr Gefühlsleben zu bringen. Die Kollegen würden ihre Spesenrechnung belächeln, und das war ein Grund mehr, auf die Konventionen zu pfeifen. Mietauto, Flugticket, nur weil die Firma ohnehin zahlte? Schwachsinn. Sobald der Mensch aus dem Spielalter heraus ist, bedeutet Autofahren Arbeit. Im Bus konnte sie mit Norwegen auf Tuchfühlung gehen, konnte gefahrlos ihren eigenen Gedanken nachhängen, bevor sie den Eltern einer versicherten, sehr hoch versicherten, und spurlos verschwundenen Tochter vor die Augen trat.

Sechs Norweger, mittlerweile, in einem Bus, Rita saß ganz hinten, sah nur sechs Rücken. Ein Pärchen, ab und zu schwenkten zwei Zöpfe herum, sie sagte etwas, er machte nur „Jo“, die anderen vier schwiegen und wandten nur dann die Köpfe, wenn der Bus stehen blieb und sich das Drama des Zusteigens eines Norwegers ankündigte oder das Spektakel des Aussteigens eines solchen. „Jo“, „Hallo“, „Zwölf“, „Danke“, „Jojo“.

Sie hatten wohl alle etwas in Ordnung zu bringen in ihren Köpfen, diese Passagiere, und nahmen sich Zeit dafür. Alle wirkten konzentriert, gedankenverloren. Vielleicht war dieses Volk deshalb so ausgeglichen. Alle suchten im Fernen Osten nach Techniken zur Förderung des Seelenfriedens, dabei war der norwegische Lebensstil pure Meditation. Angesichts dieser Entdeckung hatte Rita Mühe, sich auf die Verwunderlichkeiten ihres eigenen Daseins zu konzentrieren. Norwegen hypnotisierte sie. Kilometerweise grüner Tann, gelegentlich huschte ein Auto vorbei, links und rechts erhoben sich Hügel und Berge, und alle zwei- oder dreitausend Kilometer stand ein Holzhaus auf einer Wiese, alle zehntausend Kilometer spazierte ein Kind mit leuchtfarbenem Schulranzen am Straßenrand, alle hunderttausend Kilometer passierten sie so etwas wie eine Siedlung und alle drei, vier Lichtjahre so etwas wie eine Stadt mit zwölf, dreizehn Fußgängern darin, während das Ziel, die Großstadt Trondheim, in einem anderen Sonnensystem lag, ganz am Ende dieser tannenbestandenen, dramatisch friedlichen Galaxis namens Norwegen.

Gauklia hieß der Planet der Gundersons. Wieder staunte Rita. Es gab also Millionäre in Norwegen. Trotz des Ölreichtums waren sie jedoch keine Ölscheichs wie in anderen, trockeneren Ländern, wo sich der öffentliche Reichtum ganz unkompliziert in privaten verwandelte, sondern Unternehmer, Firmengründer, Firmensammler, und Leif Gunderson war einer von ihnen. „Du brauchst keine Details“, hatte de Mey ihr gesagt. „Du hörst ihnen einfach zu, dann kommst du zurück nach Amsterdam und kriegst die Akte.“ Rita hatte um ein „Briefing“ gefleht, sie wollte wenigstens wissen, a) wer die Leute sind und b) ein paar Details des Vertrags. Und de Mey hatte geantwortet: „A) Millionäre, b) Millionen, das sind alle Details, die du im Moment brauchst. Lass sie einfach reden. Sie sind verzweifelt und brauchen jemanden, der ihnen zuhört.“

Die seelsorgerische Komponente ihres Berufs. Versicherungsdetektivin und Landpfarrerin Rita Kleefman auf dem Weg zu einem verzweifelten Millionär. Die Spezialistin für anderer Menschen Probleme, die ihre eigenen unerledigten Schwierigkeiten mit sich herumschleppte wie dieses Bein, das sie seit...



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