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E-Book

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

Fischer Verschwunden

Eine Anthologie
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-1894-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Anthologie

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

ISBN: 978-3-7526-1894-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Anthologie verbindet einunddreißig Geschichten und Gedichte vom Verschwinden: eine Liebe, eine Erinnerung, eine Angst, ein Mensch. So unterschiedlich wie die sechzehn Autorinnen und Autoren des Schreibkollektivs freitags sind, so verschieden sind auch ihre Geschichten, eigen erzählt mit jeweils anderer Story. Was ihnen gemeinsam ist, sind die Verluste, Fragen oder Erfahrungen, wenn etwas verschwindet.

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Magnus Wenning
Brügge
Musst du wirklich morgen Mittag schon los?“, fragte meine Frau. „Ja, tut mir leid. Das Meeting beginnt gleich Montagmorgen in Brügge, und vorher wollen wir alles noch besprechen.“ „Und ich hatte gehofft, wir hätten mal ein Wochenende nur für uns. Ich habe extra für Sonntag Steak gekauft.“ „Ich kann es nicht ändern, wäre auch lieber hier. Kannst du die Steaks nicht heute machen?“ „Aber für heute habe ich doch schon Muschelsuppe gekocht.“ Ich zuckte mit den Schultern und drehte mich um. Das ganze Gespräch war mir zu kompliziert geworden. Ich nahm meine Jacke vom Haken und zog sie über. „Wo willst du denn jetzt hin?“ Ich überlegte kurz, hatte aber keine Lust auf weitere Lügen. „Ich muss noch was erledigen.“ Dann war ich zur Wohnungstür hinaus und stand im Aufzug. Das alte Ding ruckelte und ächzte, als wollte es jeden Moment seine Dienste aufgeben, spuckte mich schließlich im Erdgeschoss aus. Vor der Tür schaute ich mich um, es war niemand da. Ich zündete mir eine Zigarette an und ging zum Auto. In der letzten Zeit nervte meine Frau mit ihrer Fragerei. Ich fuhr zum Baumarkt und kaufte Schrumpffolie und Klebeband. Der Boss hatte wieder einmal eine extravagante Idee: dieses Mal wollte er die Leiche haben. Wollte er sichergehen, dass der Typ wirklich tot war? Vom Baumarkt aus fuhr ich zum Bistro Rossini. Ich setzte mich an die Theke und bestellte bei Silvio einen Espresso. Silvio brachte mir nicht nur den Kaffee, sondern auch einen dicken, braunen Umschlag. Ich steckte ihn weg, ohne ihn zu öffnen. Ich brauchte nicht nachzuschauen, er enthielt zweitausend Euro, einige Fotos und eine Glock 17. Ich leerte den Espresso, verließ das Lokal und fuhr zu unserem Wohnblock zurück. Meine Frau erwartete mich schon an der Tür. Sie hatte den Kittel, den sie zum Kochen trug, abgelegt und trug nun einen kurzen, schwarzen Rock und hohe Schuhe. Warum war sie so chic? Was war hier im Gange? „Da bist du ja, Schatz. Das Essen ist schon fertig, Liebling.“ Ich musterte sie. Sie nahm meine Hand und führte mich ins Wohnzimmer. Ein großer Kerzenleuchter schmückte unseren Esstisch. Sie hatte das kostbare Porzellan ihrer Großmutter hervorgeholt und das silberne Besteck. Ich nahm Platz, während sie mir aus einer großen Terrine Muschelsuppe auftat. „Weißt du, was morgen ist?“, fragte sie beiläufig. Meine Nackenhaare richteten sich auf. Sie beantwortete ihre Frage selbst: „Morgen vor zwei Jahren hast du mich zum ersten Mal geküsst.“ „Und ich würde es gerne wieder tun“, sagte ich und hielt ihrem Blick stand. „Morten“, ihre Stimme war nur ein Flüstern, „ich liebe dich. Ich will dich nicht verlieren.“ „Und ich liebe dich“, ich nahm einen Löffel von der Suppe, „und jetzt will ich ‘nen Steak. Von Suppe werde ich nicht satt.“ Sie lächelte mir zu: „Sollst du haben, mein Bulle.“ Ich zuckte kurz zusammen und musste unwillkürlich husten. Meine Frau war bereits auf dem Weg in die Küche. „Wenn du morgen nach Brügge fährst“, hörte ich sie von dort, „könntest du Kirsten mitnehmen. Ihr Studium fängt nächste Woche in Brügge an. Dann kann sie sich das Geld für den Zug sparen.“ „Welche Kirsten?“, fragte ich misstrauisch. „Deine Nichte – die Tochter meines Ex-Mannes, du Dussel.“ Die Beziehung meiner Frau zu den Kindern ihres Ex-Mannes aus seiner ersten Ehe blieb mir auf ewig ein Rätsel. Ich fand die ganze Konstellation ein überzeugendes Argument dafür, dass nur der Tod eine Ehe scheiden konnte. „Ich halte das für keine gute Idee“, sagte ich. „Aber es ist schon alles besprochen. Ich habe ihr gerade gesagt, sie soll morgen Vormittag zu uns kommen. Dann kannst du noch rechtzeitig losfahren.“ „Ihr hättet mich ja vorher mal fragen können“, rief ich zurück. Und fügte, als keine Antwort kam, hinzu: „Sie kann nicht mitkommen.“ „Was soll denn das? Du kennst sie doch gar nicht richtig. Du kannst meiner Familie doch auch mal einen Gefallen tun.“ „Ich tue dir sehr gerne einen Gefallen, aber nicht diesen.“ Meine Frau war aus der Küche gekommen und stand jetzt direkt vor mir. Sie hielt die Fleischgabel bedrohlich in der Hand. „Und warum willst du mir diesen Gefallen nicht tun?“ Ich setzte zu einer Antwort an, doch alles, was mir einfiel, war verräterisch. „Vergiss es, ist schon in Ordnung, ich nehme sie mit, kein Problem!“ Kirsten klingelte am nächsten Tag pünktlich um elf Uhr an unserer Wohnungstür. Sie war Anfang zwanzig, eigentlich so hübsch wie meine Frau, die sie als ihre Tante bezeichnete. Leider verbarg Kirsten ihre Schönheit unter einem braunen Parka, einer schlabberigen Hose und schweren Wanderschuhen. Auf dem Rücken trug sie einen riesigen, uralten Rucksack mit Tragegestell. Die beiden Frauen umarmten und herzten sich, als wären sie Geschwister, die sich nach Jahren wiedergefunden hätten. Fröhlich fiel sie auch mir um den Hals. „Hallo, Onkel Morten – danke, dass du mich mitnimmst. Echt klasse.“ Ich atmete tief durch: „Möchtest du ‘n Kaffee?“ Sie nickte: „Oui, oncle Morten. Ich muss schon mal die Sprache üben.“ Ich schaute sie an, überlegte, ob ich sagen sollte, dass Brügge in Flandern lag, wandte mich dann aber zu meiner Frau: „Mach uns bitte einen Kaffee.“ Ich ging ins Schlafzimmer. Während die Frauen fröhlich in der Küche plauderten, holte ich meine Reisetasche und warf lustlos einige Kleidungsstücke und den braunen Umschlag hinein. Dann nahm ich Tasche und Autoschlüssel und blieb an der Tür zur Küche stehen, schüttete den Espresso, der dort für mich stand, herunter und räusperte mich tief. Kirsten schoss hoch. „Du willst fahren?“ Ich nickte. Meine Frau legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Kirsten schnappte sich ihren Rucksack. Ich gab meiner Frau einen Kuss auf die Wange, dann waren wir auch schon im Aufzug und auf dem Weg nach draußen. Kirsten stutzte, als sie mein Auto, einen stahlblauen BMW X5, sah. „Was für eine Protzerkarre“, entfuhr es ihr. „Wenn du willst, kannst du auch zu Fuß gehen“, wies ich sie zurecht. Ich hielt viel davon, gleich die Fronten zu klären. Sie schüttelte schnell den Kopf und verstaute ihren Rucksack auf der Rückbank. Etliche Autobahnkreuze später fuhren wir über die A 40 auf die Grenze zu. Die Sonne schien und die Autobahn war frei. Da ich die Klimaanlage ausgeschaltet hatte, war es recht warm im Auto. Ich hatte Rossinis „La gazza ladra“ eingelegt und war ganz in die großartige Aufnahme aus der Mailänder Oper versunken. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Kirsten Ohrstecker einsetzte und an ihrem iPod herumfummelte. Ich drehte lauter auf. Eine knappe Viertelstunde später gab sie entnervt auf. Sie zog die Stöpsel heraus und drehte die Musik leiser. „Onkel Morten – können wir mal Rast machen?“ „Jetzt schon?“ Ich gab mich hart. „Ich muss mal.“ Also steuerte ich den nächsten Rasthof an und tankte. Kirsten verschwand mit ihrem Rucksack im Gebäude. Ich zahlte und wartete im Auto. Sie hatte die Gelegenheit genutzt sich umzuziehen. Statt Parka, Schlabberhose und Wanderschuhen trug sie nun ein enges T-Shirt, einen Minirock und Sandalen. Sie hielt mir ein großes Eis hin. „Da, für dich“, sagte sie. ‚Scheiße‘, schoss es mir durch den Kopf, als ich diese Mischung zwischen mädchenhafter Unschuld und fraulicher Verführung vor mir sah. Ich schloss die Augen und versuchte mir das Gesicht meines Bosses vor Augen zu rufen. ‚Lass dich nicht ablenken.‘ Ich öffnete wieder die Augen. „Magst du Eis, Morten?“ Ich nickte. „Lass uns weiterfahren.“ Ich musste sie irgendwie loswerden. „Du studierst also Jura in Brügge?“, fragte ich, um ein Gespräch zu beginnen Sie nickte. „Freust du dich schon?“ Erneutes Nicken. ‚Tolles Gespräch‘, schoss es mir durch den Kopf. ‚Ich muss Fragen stellen, bei denen man nicht nur zu nicken braucht.‘ „Warum denn ausgerechnet Jura?“, fragte ich. „Weil ich finde, dass es zu viel Unrecht in der Welt gibt. Ich möchte gerne Staatsanwältin werden. Im Bereich Wirtschaftskriminalität oder organisiertes Verbrechen, das fände ich spannend.“ Nun war ich dran mit Nicken. Wir schwiegen eine ganze Zeit. Vor uns tauchte ein Schild auf: „Grenze – Zoll – Douane – 5 km“ Kirsten sagte stockend: „Morten – kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“ Ich dachte: ‚Wenn ich überhaupt etwas kann, dann das, mein...



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