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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 312 Seiten

Reihe: Trugwelten

Fischer Trugwelten

Band 1
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-0364-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Band 1

E-Book, Deutsch, Band 1, 312 Seiten

Reihe: Trugwelten

ISBN: 978-3-7460-0364-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



London im Jahr 1888 Leonora Barnes, Tochter aus den besten Gesellschaftskreisen, soll nach dem Willen ihrer Eltern endlich eine standesgemäße Partie auf dem Heiratsmarkt der Upper Class machen. Nicht nur Leonoras Freigeist, sondern auch ihre Vergangenheit, die noch immer ihre düsteren Schatten wirft, stehen jedoch ihrer vorbestimmten Rolle im Weg. Dann nehmen erneut unerklärliche und grausame Geschehnisse ihren unheilvollen Lauf und Leonora beginnt allmählich zu erkennen, dass nichts jemals so ist, wie es zu sein scheint - nicht einmal das Leben selbst ... Erster Band der Mystery-Trilogie "Trugwelten"

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Kapitel 2


London

Freitag, 30. März 1888, 17:06 Uhr

Ein zweistimmiges, mit reichlich Missfallen angereichertes »Wie, bitte!?«, geleitete Leonora äußerst schwungvoll aus dem gelben Salon hinaus.

Ihren unrühmlichen Abgang hatten sicherlich auch einige der anderen Damen mitbekommen, überlegte sie, während sie die Tür hinter sich leise schloss.

»Dieses weitere Exempel meines doch insgesamt recht undamenhaften Benehmens, sollte auch noch dazu beitragen, diese ellenlange Liste von äußerst lästigen Heiratskandidaten zu verkürzen«, dachte Leonora, ganz erfüllt von grimmiger Genugtuung.

Währenddessen schlüpfte sie behände in einen warm gefütterten, schwarzen Samtumhang, den sie dem erstaunten Dienstmädchen ohne weitere Umschweife aus den Händen genommen hatte.

»Und wieder eine kleine Revolte, die niemand niederzuschlagen vermochte«, frohlockte Leonora innerlich, voller Stolz.

Sie hasste es, von anderen Menschen angekleidet zu werden, als sei sie eine Puppe, oder gar jemand, der zu so einer simplen Tätigkeit nicht in der Lage war. Auch wenn exakt das in ihren gesellschaftlichen Kreisen zum obligatorischen guten Ton gehörte und alles andere als unschicklich galt. Dummerweise hatte Leonora zeitlebens eine starke Affinität zu ebendiesen Dingen besessen: Das vorstellbar Unschicklichste, das in ihrer Welt eine Frau imstande war zu tun, war, einen eigenen Willen zu besitzen. Besonders anstößig war es, diesen nicht mit angemessener Beschämung vor aller Welt zu verbergen. Sich gar dem Willen der Gesellschaft offen zu widersetzen, aus dem vorgezeichneten Leben auszubrechen, um lieber eigenen Wünschen zu folgen - nun, das waren bestenfalls die Anwandlungen einer Wahnsinnigen.

Hauptsächlich, so schien es Leonora, musste jede Form von Unabhängigkeit unter allen Umständen vermieden werden! Darum wohl hatte auch jedes weibliche Mitglied ihres Standes eine Zofe, die beim An- und Auskleiden jeden einzelnen Handgriff übernahm, insbesondere das ›Einschnüren‹.

Auch da bildete Leonora eine heimliche Ausnahme: Zumeist gestattete sie ihrer Zofe Annie lediglich, zum besagten Schnüren ihres Korsetts, oder beim Frisieren Hand an sie zu legen. Ein solch eigenwilliges Betragen wie das Leonoras, wäre es jemals ans Licht gekommen, hätte in den Augen der Allgemeinheit schlichtweg skandalös gewirkt.

Die Konsequenzen mangelnder weiblicher Fügsamkeit waren auf dem Heiratsmarkt schlechthin verheerend: Niemand wollte seinen Familienfrieden und seinen guten Namen mit so einer Frau als Ehefrau oder Schwiegertochter gefährden. Denn wer sich leichtfertig für eine eigenwillige Frau entschied, hatte sich entweder einen künftigen Hausdrachen oder gar eine frivole Person aufgehalst. Irreparable Schäden am gesellschaftlichen Status waren dann absehbar und nur eine Frage der Zeit.

Leonora war vor einigen Wochen zwanzig Jahre alt geworden und ihre Eltern hatten inzwischen ihre Anstrengungen mehr als vervielfältigt, um ihr einziges Kind bestmöglich zu verheiraten. Dafür war es allerhöchste Zeit, denn schon bald wäre sie endgültig zu alt, um noch eine der begehrtesten Partien abzubekommen.

Da ihre Familie zwar von altem, aber niederem und unbedeutendem Landadel abstammte - zumindest auf irgendeine undurchsichtige, dubiose und sehr weit entfernte Weise - zudem sehr vermögend und stets auf einen tadellosen Ruf bedacht war, wäre eine solche Vermählung im Grunde alles andere als ein aussichtsloses Unterfangen gewesen.

Auch ihre äußere Erscheinung war alles andere, als unprätentiös: Leonora war von sehr zierlicher Gestalt und besaß ein blasses, scharf und ebenmäßig geschnittenes Gesicht mit großen, leuchtend grünen Augen darin. Umrahmt wurde das bemerkenswerte Antlitz von einer tiefschwarzen Löwenmähne, die nun, da sie eine junge Frau geworden war, täglich aufwendig frisiert und hochgesteckt werden musste. Was wiederum nicht nur Leonoras Zofe alles an Geduld und Hartnäckigkeit abverlangte! Mr. Barnes scherzte oft, er müsse schon bald eine weitere Zofe einstellen, welche ausschließlich mit der Bändigung von Leonoras Haar betraut werden könne - und zwar täglich, den ganzen Tag lang.

Wer allerdings etwas genauer hinschaute, konnte recht häufig ein unberechenbares Blitzen in Leonoras Augen entdecken, was auch für den harten, unnachgiebigen Zug um ihren Mund galt, für den sie eigentlich noch viel zu jung war. Ein Zug, der verursacht worden war von einem Verlust, der sie ihre gesamte jugendliche Unbeschwertheit gekostet und sie für immer verändert hatte. Sie sprach generell nicht viel, war zumeist in sich gekehrt und an der Gesellschaft anderer Menschen nicht sonderlich interessiert. Nur wenn sie unter freiem Himmel war, schien Leonora durch und durch zufrieden zu sein.

Seinerzeit, als sie mit ihren Eltern noch an der Küste Cornwalls gelebt hatte, wo sie einst aufgewachsen war, hatte man das zarte Mädchen bei Wind und Wetter draußen antreffen können. Sie war unendlich viele Sunden durch die Gegend gestreift, zu Fuß oder in späteren Jahren auch oft zu Pferde.

Als Leonora dann auch noch damit begonnen hatte, sich brennend für die Jagd zu interessieren, hatten ihre Eltern größte Befürchtungen gehegt, dass ihre einzige Tochter sich zu einem völlig verwilderten Wesen entwickeln könnte. Das wiederum, hätte alle Chancen auf eine standesgemäße Verheiratung gründlich zunichtegemacht. So hatten sich die Barnes kurzerhand vor fast genau zwei Jahren dazu entschlossen, mit ihrer gerade achtzehnjährigen Tochter nach London zu übersiedeln.

Mr. und Mrs. Barnes hatten wohl außerdem angenommen, dass es ohnehin besser sei, wenn Leonora nicht mehr an jenem Ort lebte, wo es passiert war. Jenes einschneidende Ereignis, das Leonora für immer verändert hatte und das niemals Erwähnung fand, nicht einmal unter vier Augen.

Nein, London war ein ungleich geeigneterer Ort für ein junges Fräulein aus guter Familie, das sich in heiratsfähigem Alter befand. Die Auswirkungen des unglückseligen Vorfalls auf Leonora, konnten gewiss auf irgendeine Weise nahezu rückgängig gemacht werden, daran glaubten ihre Eltern fest. Denn ein Ortswechsel, noch etwas Zeit und schließlich das Leben als Ehefrau und Mutter würden Leonora guttun, da waren sich die Barnes so einig gewesen, wie niemals zuvor.

Außerdem, wenn schon der gute Name mangels Söhnen leider nicht überdauerte, konnte dieser doch mithilfe Leonoras durch einen noch klangvolleren Namen ersetzt werden. Das stattliche Vermögen der Familie Barnes stellte immerhin einen großen Anreiz für einige Dynastien dar, die zwar einen klangvollen Namen samt nicht minder klangvollen Titeln ihr Eigen nannten, aber bedauerlicherweise nicht über den dazu passenden Reichtum verfügten.

Sei es durch Glücksspiel, das jahrzehntelange Leben über die wirtschaftlichen Verhältnisse, oder unkluge Investitionen zu großer Summen in Übersee, weil die garantierten Gewinne lockten, die natürlich ausblieben - vielen hochgestellten Familien fehlte glattweg ein Vermögen. So verließ man oftmals die riesigen Landsitze und siedelte in ein elegantes Stadthaus in London um, das selbst in den exklusivsten Gegenden um ein Vielfaches günstiger im Unterhalt war. Die großen Besitztümer konnten nicht ohne beträchtlichen Gesichtsverlust veräußert werden, weil es als ehrenrührig galt, ein Anwesen, das bereits seit vielen Generationen im Besitz derselben Dynastie war, umständehalber zu verkaufen. Aber durch den Umzug in die Stadt konnte man den Familiensitz ohne allzu großen Aufwand - und ohne großes Aufsehen - mehr oder weniger sich selbst überlassen. Allerdings war das nur eine vorübergehende Lösung, denn solch ein Anwesen durfte keine irreparablen Verfallsschäden davontragen, sonst würde das gesellschaftliche Ansehen des Eigentümers unweigerlich denselben Weg gehen. Aus diesem Grund waren die Nachkommen solcher Dynastien vor allem auf eine reiche Heirat erpicht. Die Standesmäßigkeit hingegen, war in solchen Fällen eher zweitrangig. In Londons feiner Gesellschaft gab es bereits einige derartige Arrangements, von denen, für alle unübersehbar, beide Seiten zu profitieren schienen.

Was indes in Leonora vorging, wussten ihre Eltern nicht. Selbst wenn doch, so wären diese weder fähig, noch willens gewesen, ihre Tochter zu verstehen, das wusste sie ohne jeden Zweifel.

Seit Leonora in London wie ein Ausstellungsstück auf dem Heiratsmarkt der besseren Gesellschaft präsentiert, ja regelrecht feilgeboten wurde, fühlte sich ihre Situation mit jedem Tag hoffnungsloser an. Es war, als würde die ganze Welt um sie herum immer mehr zusammenschrumpfen, während Leonora jedoch nicht mitzuschrumpfen imstande war. Und so verlor sie ein Stückchen nach dem anderen ihrer ohnehin viel zu knapp bemessenen Bewegungsfreiheit. Hinzu kam, dass sie seit Nicholas' Tod nur noch den Wunsch nach friedlichem und ungestörtem Alleinsein hatte. Und nach dem weiten Himmel, unter dem sie früher so viel Zeit verbracht hatte, unbekümmert und frei. Damals war ihr nicht einen Wimpernschlag lang in den Sinn gekommen, dass...



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