E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Fischer Tragik der Allmende
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2178-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und drei weitere Erzählungen
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-6951-2178-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Achim Fischer, geboren in Posen, aufgewachsen in Potsdam und München. Er studierte Pädagogik, Politologie und Publizistik in Bochum und Berlin. "Tragig der Allmende" ist sein achtes Buch. Achim Fischer lebt in Würzburg Kontakt: achimfischer-och@web.de
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CHOU-CHOU
In der ersten Ferienwohnung in Amboise wurde in der Küche mit Gas gekocht. Das war aber das Einzige, was an Positivem an dieser Behausung hervorzuheben ist, denn mit Gas lässt sich bekanntermaßen gut kochen. In ihrem Fall wog dieser Vorteil nicht viel, denn sie kochten Tee, Kaffee und hin und wieder Eier oder Bratkartoffeln, die sie natürlich brieten. Alles in allem nicht der Rede wert. Einige Mal gingen sie essen. Vielleicht noch, nein nicht vielleicht, sondern gewiss - ein Mindestmaß an Fairness sollte man beibehalten - wäre die Größe der Wohnung hervorzuheben. Ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer mit insgesamt vier Betten, zwar ohne jeden Schrank oder Kleiderhaken, dazu Küche und Bad, demgemäß geräumig genug, um immer auf der Suche zu sein nach einem abgelegten Kleidungsstück, einem Buch oder einem der vielen Ladekabel für die verschiedenen kommunikativen Endgeräte.
Peter hatte einen Laptop, ein kleines Handy zum Telefonieren, ein Smartphone, ein Tablet und ein E-Book. Gisela war weniger reichlich ausgestattet, griff daher beliebig auf Peters Gerätschaften zurück und hüpfte in den sozialen Medien mit ihrem Smartphone herum. Gisela verfügte neben ihren beiden Koffern über eine zusammengerollte Matratze, weil sie die Unbequemlichkeit der Betten fürchtete, und vier prall gefüllte Taschen. Peter führte ebenfalls zwei Koffer mit und seine Laptoptasche. In der schweren Kiste befanden sich die Lebensmittelvorräte für beide, denn sie wollten in den Wohnungen kochen, wenn ihnen danach war. Und ein weiterer Vorteil der Wohnung, der nicht unterschlagen werden sollte, war die Nähe zur Innenstadt.
Die Wände schmucklos und kahl, sieht man von einer grässlichen Plastikuhr und einer noch grässlicheren Ansicht von Amboise ab. Das Schlimme an der Wohnung, das wirklich Schlimme, war ihre Lage. Man wurde an eine Gruft erinnert. Die Wohnung lag im ersten Stock, aber kein Sonnenstrahl hatte ihr Inneres jemals erhellt oder gar ihre Bewohner geblendet. Ihr gegenüber erhob sich eine uralte Mauer aus grauem Gestein, über der sich ein wuchernder Garten mit hohen, dicht an dicht stehenden Bäumen ausbreitete. Eine Schlucht war geschaffen, durch die unablässig der Verkehr strömte, denn es handelte sich um eine der beiden Ausfallstraßen von Amboise, nämlich die nach Chenonceaux auf die A85 Richtung Vierzon. Durch die Schlucht schnitt die Ausfallstraße, die die Eigentümlichkeit besaß, sich vor der Häuserfront an drei Stellen hintereinander zu verjüngen, um schließlich auf eine Breite von nicht mehr als zwei, drei Metern zu schrumpfen. Ein Auto konnte da gerade durchschlüpfen, aber nicht gleichzeitig ein zweites. Mehr gab der Raum nicht her, und jeder musste sich dort wechselseitig hindurchzwängen. Rote und weiße Pfeile zeigten dem Verkehr an, wer an den jeweiligen Flaschenhälsen Vorfahrt beanspruchen durfte und wer zu warten hatte. Weiter oben gab es noch eine Ampel. Hatte das Warten ein Ende, weil die Kette der einströmenden Fahrzeuge abbrach, heulten die Motoren auf, und man versuchte, auf schnellstem Wege dem Engpass zu entkommen. Das ging den ganzen Tag und die halbe Nacht mit zusätzlichen Einsprengseln verspäteter Heimkehrer bis zum Morgengrauen, wenn wieder die ersten Berufspendler die Stadt erreichten.
Die Wände der Schlucht boten einen hervorragenden Resonanzboden und radierten in den zur Straße hin liegenden Schlafzimmern jede Stille aus. Der Verkehr führte geradewegs durch die Betten. Die Vermieterin pries die Wohnung im Internet unter dem Namen „Cosy“ an und verstand die zur Schau gestellten Fotos so geschickt zu arrangieren, dass von der Tristesse nichts zu bemerken war. Die abgegebenen Bewertungen der Kundschaft priesen in der Mehrzahl die Stadtnähe der Wohnung und waren unverständlicherweise recht positiv gestimmt. Von Lärm kein Wort. Hatte ihn bisher keiner bemerkt? Man spürte doch die Vibration im ganzen Körper, wenn man im Bett lag.
Dass die Vermieterin das schlechte Gewissen plagte, zeigte sich, als Gisela ihr eine Nachricht schrieb und sich beschwerte. Ja, meinte sie in ihrer Antwort, sie wisse das, und es täte ihr leid, aber sie könne nichts machen. Sie hätte schon Doppelfenster einbauen lassen, und Gisela möge doch als Trost die Flasche Crémant im Kühlschrank aufmachen.
Peter und Gisela hatten ihre lang geplante Frankreichreise dieses Jahr endlich angetreten und dafür den September gewählt, wenn die Urlaubssaison in Frankreich zu Ende ging. Und dann die Waldbrände über den Sommer. Überall wüteten furchtbare Brände und zerstörten ganze Landstriche.
Das erste Ziel war die Loire mit ihren Schlössern. Für Gisela waren die Schlösser der Loire der Gipfel jeglichen Vergnügens und mit nichts auf der Welt zu vergleichen. Sie hatte Kunstgeschichte studiert und war lange Zeit als Reiseleiterin für „Studiosus“ in dieser Region tätig gewesen. Darüber hinaus tauchte sie mit ihrem ersten Mann bei den Schlössern auf, auch mit ihrem zweiten Mann und jetzt mit Peter. Ihre Töchter hatte sie ebenfalls nach und nach zu den Schlössern geführt. Es gibt sehr viele Schlösser. Zwischen Orléans im Osten und Angers im Westen zählt man 320 Loire-Schlösser, die diese Bezeichnung verdienen. Was Peter betraf, so teilte er die Begeisterung nicht in gleichem Maße. Man täte ihm sicher unrecht, wenn man behaupten würde, er vertrete die Ansicht, nach dem Besuch eines der Schlösser erübrige sich jeder weitere. Das hatte er nie gesagt, aber in diese Richtung gedacht zu haben, könnte man ihm unterstellen. Insbesondere jetzt, wo sie bei Temperaturen um die 30° - nein, nein, nicht in der Sonne - im September im Schatten, vom Schlafentzug gezeichnet, durch die immer gleichen Prunkgemächer stapften, die Tapisserien anstarrten, die ausgeblichenen, in ewig gleichen schalen Farbschattierungen, die hohen Betten mit dem erdrückenden Baldachin, wo man schon bei deren Anblick nach Luft schnappte, die endlose Reihe der Gemälde, mal Landschaften, mal Stillleben, meist Portraits der dahingeschiedenen Sippenangehörigen in allen Rahmengrößen. Alles in ein Dämmerlicht getaucht. Alles immer wieder und wieder in leichten Abänderungen.
Unaufhörlich schütteten sie lauwarmes Wasser in sich hinein, um sich auf den Beinen zu halten. Die Eintrittspreise, damit man sich schlurfend und schwitzend durch das Schloss schleppen kann, sind gesalzen. An der Kasse war Peter zunächst verblüfft, denn als er für Gisela und sich die Karten kaufte, leuchtete im Display 19,- Euro auf, was ihn angenehm überraschte und ihm preiswert erschien. Allerdings galt der Betrag nicht für sie beide, wie er angenommen hatte, sondern für eine Person. Ungeachtet dessen, der Besucherstrom wollte nicht abreißen.
Und die Schlösser von außen gesehen? Mögen sich die Stärken der Mauern unterscheiden, die Höhen, die Breiten, die Anzahl der Zinnen und Türme und Türmchen und Erker und Dachreiter und Pechnasen und was es sonst noch an Kinkerlitzchen gab, am Ende lief es darauf hinaus: es waren Schlösser, die an die Baukastensätze aus Kinderzeiten erinnerten und jedes Mal ein wenig variiert wurden.
Sie fuhren bei Saarbrücken über die Grenze, und gleich danach auf französischer Seite bei St. Avold sagte Peter:
„Gisèle, kannst du mir bitte die Wasserflasche reichen? Es ist recht heiß!“
„Mit Pläsir, Pierre“, antworte Gisèle, „tout va bien.“
Sie zog die Flasche aus der Halterung, schraubte den Deckel ab und reichte sie Pierre, der einen kräftigen Schluck nahm. Die Hitze in diesem September war schwer erträglich und hielt schon seit Wochen fast ununterbrochen an. Im Südwesten Frankreichs, in der Gironde, hatten ab Mitte Juli riesige Waldbrände gewütet. Einer in Landiras, südlich von Bordeaux, und ein weiterer bei Arcachon an der Atlantikküste, wohin auch sie wollten. Die Brände flackerten wegen der starken Winde immer wieder auf, waren nur schwer unter Kontrolle zu bringen und brachten die gesamte Region in Gefahr. Wochenlang hatte es nicht geregnet. Auf der iberischen Halbinsel, in Spanien und Portugal, brannten ebenfalls die Wälder.
Im Auto war es wegen der Klimaanlage auszuhalten. Gisèle erhielt auf ihrem Smartphone eine Nachricht von Carine – daheim heißt sie Karin -, die mitteilte, sie und ihr Mann Jean, sonst Hans, hätten wegen der Hitze ihre Frankreichtour abgebrochen und würden nach Hause fahren. Sie hatten vorgehabt, sich an einem Tag in Sarlat zu treffen. Pierre und Gisèle wollten die Reise nicht abbrechen, sie hatten im Voraus die Unterkünfte in drei verschiedenen Städten gebucht. In Amboise in der Touraine, in Biscarosse an der Côte d’Argent an der Atlantikküste und in Sarlat im Périgord Noir. Carine und Jean hatten vor der Hitze kapituliert und begaben sich heimwärts.
Als sie anhielten, um zu tanken, wussten sie, dass mit Schwierigkeiten zu rechnen war. Die französischen Tankstellen haben das personenbesetzte Kassensystem weitgehend abgeschafft und Automaten aufgestellt, die bedient werden wollen. Das ist auch eine Möglichkeit, die Frage zu beantworten,...




