E-Book, Deutsch, 574 Seiten
Fischer Griff nach der Weltmacht
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7700-4115-2
Verlag: Droste Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18
E-Book, Deutsch, 574 Seiten
ISBN: 978-3-7700-4115-2
Verlag: Droste Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. em. Dr. phil. D. Litt. h.c. Fritz Fischer, 1908-1999, bis zu seiner Emeritierung 1973 langjährig ord. Professor für mittlere und neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte (Universität Hamburg), hat mit seinen Werken Richtung und internationales Ansehen der deutschen Geschichtswissenschaft maßgeblich beeinflusst.
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BEGLEITWORT
Das Buch »Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18« ist im Oktober 1961 in 1., 1962 in 2., 1964 in 3. überarbeiteter, 1971 in 4. Auflage erschienen und inzwischen vergriffen, ebenso wie die gekürzte Sonderausgabe von 1967. Ferner sind eine amerikanische, englische, französische, italienische und eine japanische Ausgabe herausgekommen. Nunmehr wird das Buch nach dem Text der Sonderausgabe 1967 neu aufgelegt.
Dieses Buch hat nach dem Urteil des Historikers Jacques Droz von der Pariser Sorbonne nicht nur Geschichte geschrieben, sondern Geschichte gemacht. Es hat, wie er sagt, »das schmeichelhafte und bequeme Bild, das die Deutschen sich von ihrer Vergangenheit gemacht hatten«, zerstört und sie zu einer »einschneidenden Revision« gezwungen, was eine »unpopuläre, aber notwendige Aufgabe« war. Oder, wie Ralf Dahrendorf sagte, mit diesem Buch ist die Ideologie der Selbstrechtfertigung zerschlagen worden. Nicht zuletzt durch die bis heute fortgehende wissenschaftliche Auseinandersetzung*, die es auslöste, und durch zahlreiche neue Forschungen, die es anregte, hat es dazu beigetragen, das politisch-historische Bewußtsein in der Bundesrepublik Deutschland zu verändern im Sinne einer größeren kritischen Distanz zur deutschen Vergangenheit und damit zur Bildung eines Bewußtseins der inneren Eigenständigkeit unseres gegenwärtigen Staates. Es hat aber auch dazu beigetragen, daß das Ausland eine höhere Achtung gewann vor der Selbstbesinnung des neuen Deutschland.
Der vehemente, vielfach emotional geladene Widerspruch gegen dieses Buch bei seinem ersten Erscheinen 1961 ist nicht allein wissenschaftsintern zu begreifen, sondern nur verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die in den 20er und 30er Jahren entstandene amtlich geförderte apologetische Grundeinstellung der deutschen Geschichtswissenschaft zur Frage des Kriegsausbruchs 1914 – für die europäischen Völker noch immer der tiefste Einschnitt in der jüngeren Geschichte – und zu den deutschen Kriegszielen 1914/18 weiterlebte über die Zäsur von 1945 hinweg bis in die 60er Jahre. Die deutsche Öffentlichkeit hatte sich mit dem Diktum von Lloyd George beruhigt: »Wir sind alle hineingeschlittert«, und hielt sich für die Zielsetzungen im Krieg nach 1918 so sehr an die Auseinandersetzungen zwischen den (bösen) »Radikalen« und den (guten) »Gemäßigten«, daß darüber die Sicht verlorenging, welche Schichten, Gruppen, Interessen und Ideen vor dem Kriege und im Kriege die entscheidenden waren. Wie stark aber selbst jene »Gemäßigten« noch Vorstellungen und Zielen anhingen, die Europa und die Welt zu ertragen nicht bereit waren, vermochte jene Zeit noch nicht zu sehen. Die deutsche Geschichtswissenschaft war so auf die Kriegsschuldfrage fixiert, die man glücklich abgeschlossen glaubte und die zum Tabu geworden war, daß in der Kontroverse um das Buch sein eigentlicher Gegenstand: die deutschen Kriegsziele in ihrer Verwurzelung in industrie-kapitalistischen, agrarischen und überseeisch-kommerziellen Interessen zusammengebunden mit den strategischen Forderungen von Heer und Marine, weit zurücktrat gegenüber der Diskussion über die deutsche Politik im Vorkrieg und in der Julikrise, die nur in den zwei ersten von 23 Kapiteln behandelt werden.
Nachdem ich schon 1964 in einem schmalen Band »Weltmacht oder Niedergang« meine auf dem Berliner Historikertag jenes Jahres vertretenen Thesen vorgelegt hatte (auch in einer amerikanischen und englischen Ausgabe), um die von mir gesehene Verzahnung außenpolitischer Aspirationen mit der innenpolitischen Machtbehauptung der privilegierten Schichten und ihren wirtschaftlichen Interessen kurzgefaßt deutlich zu machen, habe ich 1969 ein zweites umfangreiches Buch veröffentlicht über die deutsche Politik 1911-1914 unter dem Titel »Krieg der Illusionen« (ebenfalls auch in einer amerikanischen und englischen Ausgabe), in dem, aus den Quellen erarbeitet, die Voraussetzungen und Triebkräfte wie die innere und äußere Situation, die zum Kriege führten, aufgezeigt werden. Hier findet der Leser des »Griff« eine fundierte Untermauerung der zwei Eingangskapitel und damit zugleich eine Einführung in das Problem der Kontinuität von der Politik des Kaiserreichs vor dem Krieg zu der im Krieg. Da sich inzwischen Grundgedanken von »Griff nach der Weltmacht« durchgesetzt hatten, wurde das zweite Buch mit größerer Sachlichkeit aufgenommen. Allerdings geriet es in die Theoriewelle der 70er Jahre und in die Flut der Schriften der ›Kriegs- und Friedensforschung‹, die ihre Entstehung u. a. einer Fehlinterpretation der Ursachen des Ersten Weltkriegs (nämlich im mangelnden ›Krisenmanagement‹ der beteiligten Staatsmänner) verdankt.
Darüber hinaus hat das Buch »Griff nach der Weltmacht« – ohne selbst zeitlich so weit zu führen – die Frage unausweichlich gemacht, die von Hajo Hol-born (†) im Vorwort zur amerikanischen wie von Jacques Droz im Vorwort zur französischen Ausgabe gestellt und bejaht wird, ob nicht vom kaiserlichen Deutschland in den gesellschaftlichen Formationen und den ideellen Traditionen Linien oder doch Elemente der Kontinuität festzustellen sind hin zum ›Dritten Reich‹, die erst begreiflich machen, wieso dieses möglich war und kein »Betriebsunfall« der Geschichte, wie so viele es sehen wollen. Aber eben diese immanente Frage läßt erkennen, warum sich die Kontroverse so verschärft hatte.
Daß auch die anderen Großmächte im Zeitalter des Imperialismus expansive Politik betrieben und im Kriege ihre eigenen Kriegsziele verfolgt haben, habe ich nie in Frage gestellt. Ja, es ist eine erfreuliche Folge meiner Bücher, daß die Geschichtsforschung auch in den Ländern der früheren Kriegsgegner Deutschlands in den letzten Jahren sich intensiv mit dem Problem der Kriegsziele ihrer Staaten befaßt hat.
Was nun die methodischen Aspekte betrifft, die durch die Auseinandersetzung um das Buch geweckt oder gefördert wurden, so gibt es Fort- und Rückschritte. Einerseits hat, teils angeregt durch meine Arbeit, teils ganz unabhängig von ihr, im letzten 1½ Jahrzehnt die wirtschafts- und sozialgeschichtliche Forschung zum Deutschen Kaiserreich Außerordentliches geleistet. Andererseits hat, entgegen der Konzeption meiner drei Bücher und in offenbarem Fortwirken älterer Denkformen, eine psychologisierende Personalisierung stattgefunden. Denn die überwiegende Zahl der kritischen Würdigungen dieser Bücher konzentriert sich auf die Persönlichkeit des ersten Kriegskanzlers Bethmann Hollweg, der gegen den Kaiser, gegen den Kronprinzen und die Fronde, gegen das Auswärtige Amt, gegen das Preußische Staatsministerium, gegen die Alldeutschen, die Konservativen, das Zentrum und die Nationalliberalen, gegen Großindustrie und Agrarier und vor allem gegen die Marine und die Militärs gekämpft haben soll, so daß am Ende das Bild eines ›Widerstandskämpfers‹ entsteht, eine inadäquate Vorstellung, da er doch immerhin der erste und der einzige politisch verantwortliche Beamte des Deutschen Reiches gewesen ist, berufen von Wilhelm II. und nur so lange im Amt, als er dessen Rückhalt besaß. Auf wen hätte er sich eigentlich stützen sollen, wenn er, wie viele es sehen wollen, so weit von all den anderen abweichende Ziele vertrat? Etwa auf die Sozialdemokraten oder die kleine Gruppe der Linksliberalen (die übrigens beide bei Kriegsbeginn entschiedene Gegner des zaristischen Rußland waren, darin ganz auf seiner Linie)? Das war freilich, wie man weiß, völlig ausgeschlossen, und er selbst wollte auch weder eine Parlamentarisierung noch eine Demokratisierung, sondern er erkannte nur, im Gegensatz zu vielen anderen, daß ein Krieg nicht ohne die Arbeiterschaft geführt werden konnte und daß im Interesse der Erhaltung des deutschen Regierungssystems Konzessionen gemacht werden mußten. Ist er nicht vielmehr ein Repräsentant dieser Gesellschaft und dieses Staates – und wie erst würde sein Bild in der Geschichte sich darstellen, hätte Deutschland gesiegt!
Es geht in diesem Buch nicht um das Anprangern des deutschen Imperialismus als einer maßlosen Machtpolitik, sondern um die Analyse seiner Voraussetzungen und seiner Stellung im Staatensystem. Aber eben hier gibt es Grenzen der Machtentfaltung, die nicht überschritten werden dürfen durch ein »Periklitieren« (um ein Bismarcksches Wort zu gebrauchen) über das einem Staatswesen Zuträgliche und Mögliche hinaus; und es gibt ein Überwiegen des Militärischen in Staat, Gesellschaft und Geistesverfassung einer Nation (zumal wenn es sich noch steigert durch einen Wirtschaftsimperialismus), das selbstzerstörerisch sein kann. Schließlich hat das Deutsche Reich eine Politik geführt, die eine Überschätzung und eine Überspannung seiner Kräfte darstellte und zu seinem eigenen und Europas Niedergang führte. Solche Erscheinungen aufzuweisen gehört zu den legitimen und zentralen Aufgaben des Historikers.
| Hamburg, den 9. Januar 1977 | Fritz Fischer |
* Aus der kaum mehr zu übersehenden Literatur der sog. Fischer-Kontroverse (über 300 Rezensionen und Aufsätze) seien die bibliographisch weiterführenden Darstellungen genannt: Deutsche Kriegsziele 1914-1918, hrsg. Von Ernst W. Graf Lynar, Frankfurt a.M./Berlin 1964; Fritz Fellner, Zur Kontroverse über Fritz Fischers Buch »Griff nach der Weltmacht«, Sammelreferat, Mitt. d. Inst.f. Österr. Geschichtsforschung LXXII. Bd. 1964, S. 507-514; Wolfgang J. Mommsen, Die deutsche Kriegszielpolitik 1914-1918, in: Kriegsausbruch 1914, München 1967, S. 60-100; John A. Moses, The War Aims of Imperial Germany: Professor Fritz Fischer and his critics, Univ. of Queensland Press, St. Lucia 1968; George W. Hallgarten, Deutsche Selbstschau...




