Fischer | Die Forelle | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 782 Seiten

Fischer Die Forelle

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8353-4563-8
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 782 Seiten

ISBN: 978-3-8353-4563-8
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Und genauso sei es, sagte er. Ein Widerhaken sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis.' In ein oberösterreichisches Provinzkaff hat es Mozarteumsabgänger Siegi Heehrmann verschlagen, wo er als Musikschullehrer für Saiteninstrumente arbeitet. Seine Leidenschaft steckt er dort aber vor allen Dingen in eine andere Kunst, die Kunst, einen perfekten Köder herzustellen. Von Ernstl Thalinger lässt er sich in die Geheimnisse des Fliegenfischens einweihen, wobei er zunächst lernen muss, Fliegen zu binden, die den Fischen als echte Lebewesen erscheinen sollen. Nicht nur in der Dorfwelt sind Siegi und seine Freunde dabei Außenseiter, auch der örtliche Fliegenfischerverein beobachtet ihr Treiben mit feindlicher Gesinnung. Und steht der vorsitzende Obmann Volki nicht Siegis Frau Lena verdächtig nahe? In seinem Debütroman entspinnt Leander Fischer aus dem Fliegenbinden eine ganze Welt, in der Themen wie Kunst und Nachahmung, Natur und Umwelt, Gesellschaft und Politik Österreichs in den 80er Jahren, aber auch die bis in die Gegenwart nachwirkende nationalsozialistische Vergangenheit eine wichtige Rolle spielen. Und dies in einem Stil, der den Leser sofort in seinen Sog zieht. Mittels Rhythmus und Sprachspielen fließen die verschiedenen Ebenen des Textes ineinander, die Sprache ist zugleich überquellend wie ein sprudelnder Gebirgsbach als auch präzise gebunden wie eine der Fliegen - ein außergewöhnlich starkes Debüt voller Sprachspiele und rhythmischer Elemente.

Leander Fischer, geb. 1992 in Vöcklabruck / Österreich, absolvierte ein Studium des Kreativen Schreibens und des Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Er veröffentlichte mehrfach in Zeitschriften und war Mitherausgeber der Jahresanthologie der Studierenden des Studienganges Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim (2018). 2019 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Preis teil und wurde dort mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet.
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Prolog: Goldkopf


»So, pass auf jetzt!«, noch wusste ich nichts über Ernstl, über sein Leben, über seine Ansichten, »setz dich her!«, warum er immer barfuß war, warum seine Hände ständig zitterten, »trink was!«, ob er längst das Delirium tremens oder einfach schon ein tattergreises Alter erreicht hatte. »Gentlemen!«, während Ernstl einschenkte, klackerte der Flaschenhals in solcher Frequenz auf das Glas, dass es fast ein einziger Ton wurde. Kurz trillerte das Geräusch noch im Zimmer, wurde immer leiser, verebbte, Stille. Ernstl knallte die halbvolle Doppelliterflasche auf die Tischplatte, an der wir nebeneinandersaßen, jeder einen randvollen Pokal vor sich, beide den Blick durch das Fenster in den sonnengefluteten Garten gerichtet. Die Farbe des Mittagslichts und des Weins glichen sich. Es war nicht Ernstls erster. »Endlich«, sagte er, als seine Herbergsgeberin Nina draußen an die Grundwasserpumpe trat. Aus dem Hahn schoss sogleich ein glitzernder Strahl in einen Waschzuber. Beim Aufprall spritzten die Tropfen durch die Luft, verwandelten sich in Weißwein und dann zu einem Wirrwarr aus Spektralfarben, fielen auf die Gartenerde, als wäre nichts gewesen. Ernstl nahm einen Schluck, legte einen Köder zwischen uns, flüsterte: »Die Goldkopfnymphe, eines der fängigsten Muster, die wir kennen«, ob Ernstl von sich im Majestätsplural sprach oder die Fliegenfischgemeinschaft meinte oder beides, wusste ich ebenfalls nicht: »Bitte?«, sagte ich. »Bitte fortfahren, oder was?« – »Nein, bitte was, also, was bitte?« – »Ja, was, was bitte? Gold-Kopf-Nymphe! Murmel aus Gold, auf den Haken gefädelt, ist schwer, geht unter, Nymphe, im Gegensatz zur leichten Trockenfliege, die oben schwimmt«, Ernstl hielt währenddessen die Fliege direkt vor meine Augen, wozu er den Hakenbogen zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. Seine Hand zitterte so stark, dass ich glaubte, gleich erwache der Köder zum Leben und schwirre durchs Zimmer. Doch dann warf Ernstl ihn wieder auf die Tischplatte, wo er reglos liegen blieb. Ohne dass ich einen Luftzug gespürt, Schritte oder die Türe aufgehen gehört hätte, ging Nina an uns vorbei in das Zimmer nebenan. Ich sagte: »Aber was meinst du mit Muster?« – »Nina, Nina!«, schrie Ernstl durch die Tür. Sogleich erschien sie im Rahmen. »Sie haben uns einen Trottel geschickt, einen völligen Idioten, den geben wir an den Volki ab.« Während Ernstl sein Glas austrank, hob aus einem überdimensionierten Käfig, den Nina unterm Arm trug, ein hohes, vielstimmiges Fiepen an. Es begleitete ihre Antwort, die darunter wie ein Hauchen verklang, dazu ihr Blick, ausdruckslos, nicht gerichtet, in sich gekehrt: »Nimms nicht so schwer!«, womit sie wieder verschwand. Ich wertete das als Zuspruch an mich: »Ist der Köder kaputt? Der hat keinen Widerhaken?« Ernstl trank einen großen Schluck aus der Doppelliterflasche: »Das gehört sich so.« – »Warum?« – »Damit der Fisch leichter entkommt.« – »Ist das nicht widersinnig?« – »Du willst fliegenfischen. Warum?« – »Die Wurftechnik fand ich immer schon toll, so leicht, unbeschwert.« Und genauso sei es, sagte er. Ein Widerhaken sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis. Eine uralte, quasi humanistische, in England zur Hochkultur perfektionierte Gentlemenbetätigung. Wenn etwas totgeschlagen werde, bloß die Zeit, völlig widerhakenlos, sinnlos, undsoweiter, well, Ernstl deutete mit einem zittrigen, versöhnlichen Schwenken auf die Tischplatte. Mein Blick ging darüber hinaus, durch das Fenster, in den Garten, wo Nina kniete und aus dem Waschzuber den ersten reglosen Katzensäuglingskörper hievte. »Schau nicht so, erschlagen tränkt das Fell mit Blut. Dann sind die Haare für die Katz.« Wieder klackerte das Glas.

»Früher hast du mir wenigstens welche mitgebracht«, als ich noch in dem nahe gelegenen See auf Barsche fischte oder während des Urlaubs in Tiefseen mit lebendigen Ködern auf dreifachen Haken Seeteufel erbeutete, »ab und zu zumindest«, wenn ich welche fing. »Nie bist du da!« – »Er wartet sicher schon.« – »Soll er, bis er alt wird.« – »Ist er. Deswegen ja. Ich muss.« –»Geh bitte!« Wenn ich den Fluss allein hinauffuhr, dachte ich viel an Lena, und erst während meiner Unterweisungen. Sie war eine Goldkopfnymphe, mein Schatz, und ihre Maria, die Jüngste, damals noch nicht geboren, wurde wieder eine. Die Söhne schlugen mir nach, hatten meine Haare und Augen. Sie bekamen meine Abwesenheit nur an den Wochenenden und am Esstisch mit. Das Kartoffelnkochen ließ ich an meinen freien Vormittagen bleiben. Statt gebratener Fleischscheiben lagen Minutenterrinen bereit, sobald Lukas und Johannes nach Hause kamen vom Gymnasium. Meine Arbeit begann, sobald ihre endete. Als Musikschullehrer unterrichtete ich Kinder nach ihrem Unterricht auf den Saiten von Violine, Viola und Gitarre, zeitweise Mandoline, schwer aus der Mode, so gut wie vorbei. Wie der Duft von Hechten und Flundern in unserer Wohnung am Wochenende. Wie es roch, ich wusste es nicht, Lena kochte inzwischen. Ich kam immer später. Oft schlief sie schon. Das Geschirr war bereits kalt, die Küche stets durchgelüftet. Ich zitterte dann am Fenster, stellte auf Kipp, schaute hinaus zum Fluss. Auf der Fensterscheibe spiegelte sich die Kreuzspinne im Eck. Mücken rochen offensichtlich meinen Schweiß, schwärmten in ihr Netz. Äschen, Forellen und Saiblinge, das wusste ich, fressen eben Insekten, und deren detailgetreue Doppelgänger Zeit, dachte ich, überlegte sogar, mich ebenfalls bei Nina einzuquartieren, um die Wege zu verkürzen. Während Ernstl in der Morgendämmerung alle willigen Fische fing, musste ich die Kinder zum Bahnhof chauffieren. Sobald der Zug anrollte, fuhr ich zur Herberge. Meist traf ich ein, als Ernstl gerade zurückkam. Ansonsten wartete ich. Und doch entstand jedes Mal, umso bestürzender, je öfter ich kam, eine seltsame Verwirrung, wer wem den Vortritt über die Schwelle lassen sollte. Wir standen uns dann gegenüber, deuteten gegenseitig mit unseren Handrücken Richtung Tür. »Bitte«, sagte Ernstl, »bitte«, ich, »Herr Heehrmann, nehmen Sie an?« – »Und wie ich annehme, Herr Thalinger«, und ich ging Ernstl hinterher, barfüßige Schritte schmatzten auf den frisch gewischten Eichendielen im Gang. Es klang wie der Nachhall eben gestillten Hungers und das Vorspiel bald wieder unbändigen Appetits.

»Erstens das Köpfchen, die goldene Kugel, durch das Loch auf den Haken fädeln!«, die Öse ganz vorne hielt die durchbohrte Murmel, haargenau und passscharf die Durchmesser, »zweitens den Hakenbogen einspannen!«, der Anblick des Bindestocks auf der Tischplatte überraschte mich, es handelte sich um ein Bleipodest, darauf ein aufrecht stehender, torpedoförmiger Schaft, so lang, breit und hoch wie mein Arm, die Spitze, der Sprengkopf gewissermaßen, war mittig in zwei Hälften geteilt, wie ein Schraubstock funktionierten sie, mit einem Justierrädchen drehte ich die Klemmteile auseinander und zusammen, dass der Haken schwebte vor meiner Brust, »drittens gleich mit dem Faden das Köpfchen fixieren!«, Ernstl dirigierte derart rücksichtslos, dass ich mit dem Binden fast nicht hinterherkam, »viertens jetzt das weiße Katzenfell um den Resthaken wickeln, für den Körper!«, unbefriedigend hässlich gerieten meine ersten Fliegen, ihre Unförmigkeit beschämte mich, »am allerschwierigsten fünftens den Hahnenhalsbalg zur Hand«, die gesperberten Fiebern kitzelten an meinen Fingern, »aus dem Lederfleck eine Hechel reißen«, mit einem Rupfzupfgeräusch, »hinter dem Köpfchen den Nabel der Feder niederbinden«, Hahnenhals an Nymphenkehle, »und den Kiel rundherum schürzen«, der Federschaft lag sodann am Haken an und die Fiebern waren abgespreizt wie eine Halskrause, »das werden die Beinchen. Herrlich, der Hechelkranz!«, er lechzte fiebernd nach dieser Löwenmähne. »Und nun noch. Nina, Nina! Komm!«, mit einer goldenen Nagelschere schnitt Ernstl ihr eine Strähne aus dem Haar, »sechstens, die Flügelchen, exzellent!«, die ich zum Abschluss über das Katzenfell spannte, »siebtens, Schlussknoten!«, schnapp, schnipp, whip finished. Während Ernstl seine zittrigen Hände bewegungslos trank, band ich den halben Vormittag weiter. Niemals gingen Ninas Haare zur Neige. Unerschöpflich war ihr Schopf. Immer besser gelangen die Fliegen.

Ich verfertigte sie ohne Unterlass, fast besessen, außer Rand und Band, eine um die andere, vormittagelang, eingespannt in den Bindestock, ausgespannt nach dem Schlussknoten, stets von Neuem die Gestaltwandelei, bis mir die Hände schwer wurden über der Tischplatte unter Ernstls Anweisungen in der Herbergsküche Ninas. »Erst musst du ein Muster wirklich beherrschen«, ich verstand das, lehrte ich doch meine Musikschüler genauso das Gitarrenspiel, »dann kannst du die Bindeweise variieren«, ich hielt die Kinder dazu an, statt Stücke ständig durchzuspielen, die Melodien zumindest zu Übungszwecken zu zerlegen, in Akkorden zu spielen, Rhythmen zu wechseln, bis sie innigst in den Fingern waren, »wenn die Fliegen nur so aus deinen Händen fliegen, gehen wir fischen«. »Hast du punktiert geübt?«, fragte ich meine Schüler schon streichfähig. »Ja«, sagten sie. »Hast du triolisch geübt?«, fragte ich. »Ja«, die Antwort. »Hast du im Sechsvierteltakt geübt?«, die Frage. »Ja.« – »Und warum kannst du das dann immer noch nicht?«

Nachmittags um eins ließ ich den zehnjährigen Anfängerjungen acht Viertelnoten als vier punktierte Viertel und jeweils anschließende Achtel spielen, sodass die zwei Takte abschließend wieder vollständig waren. Vormittags trank Ernstl ein Achterl nach dem anderen und...


Fischer, Leander
Leander Fischer geb. 1992 in Vöcklabruck / Österreich, absolvierte ein Studium des Kreativen Schreibens und des Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Er veröffentlichte mehrfach in Zeitschriften und war Mitherausgeber der Jahresanthologie der Studierenden des Studienganges Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim (2018). 2019 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Preis teil und wurde dort mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. 2020 gewann er für seinen Debütroman »Die Forelle« den Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt.

Hörspiel »Fischvibe«



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