E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Fischer Dicke Luft im Bel Aire
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-910971-07-3
Verlag: Hummelshain Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebigs dritter Fall
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-910971-07-3
Verlag: Hummelshain Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Bel Aire ist ein exklusives Wohnstift in bester Lage von Kettwig. Viel zu vornehm für den abgehalfterten Kommissar Leonardo Liebig und seinen schlampigen Kollegen Carsten Kosinski. Doch nach zwei unglaublich spektakulären Morden müssen die chaotischen Kommissare das Steuer im Stift übernehmen. Der Mörder - oder sind es mehrere? - streckt seine Arme bis nach Afrika aus. Und während die Kommissare in der Leichenhalle aus- und eingehen, kommen sie der Lösung des komplizierten Falles allmählich näher. Und dann wird Liebig selber vom Jäger zum Gejagten.
B.E. Fischer - Studium der Medizin in Indien und Deutschland, famuliert in Damaskus - führt mit ihren spannenden und entspannenden Kriminalromanen, die auf die schrägen Dialoge ihrer Protagonisten setzen, einfallsreich durch den Essener Süden.
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2 Die Beerdigung auf dem Kettwiger Bergfriedhof verlief wie alle Beerdigungen in Kettwig. Stilvoll und trotzdem bescheiden. Der Sommer hatte sich mächtig ins Zeug gelegt. Der Wind wurde still, der Regen, der am frühen Morgen eingesetzt hatte, hörte auf. Die Sonne gab ihr Bestes, um sich durch die Wolken zu drängen und sich von der alten Dame zu verabschieden. Ihre Strahlen umspielten den Priester, als er rührende Worte zu der Trauergemeinde sprach, und einen dicken Mann mit rotblonden Haaren, als er den Kieselsteinweg hinaufstolperte und sich unter die Gruppe der Trauergäste mischte. Er verschaffte sich mühelos einen Platz neben Carsten Kosinski, dem Neffen der Verstorbenen, indem er seinen mächtigen Körper als Rammwalze einsetzte. Der routinierte Priester übersah die entstehende La-Ola-Welle und brachte seine Trostworte zu Ende. „Mensch, Leo, du kommst wie immer zu spät“, knurrte Kosinski. Er hatte sich für den heutigen Tag in seinen feinen grauen Anzug geworfen. Der war zwar etwas älter und etwas knitterig, passte aber gerade deshalb hervorragend zu seinem Gesamtbild. „Was heißt zu spät“, ächzte der dicke Liebig leise und wischte sich mit einem Kleenex den Schweiß aus dem Nacken. „Die Raue hat doch noch gar nicht angefangen.“ Liebig trug einen dunkelblauen Anzug. Das Sakko konnte er wegen seines prallen Bauches nicht schließen. Die schwarze Krawatte verhinderte einen Blick auf die Knopfleiste des weißen Hemdes und auf den weißen Bauch. Kosinski hatte das Gefühl, dass er dem beleibten Kommissar in die Grube zu seiner Tante stoßen müsste. Leonardo wusste nicht, wie Empathie geschrieben wird und was sie bedeutet. Sein Mangel an Mitgefühl wurde erfolgreich durch ein hohes Maß an Taktlosigkeit ausgeglichen. Tugenden, die ihm vielleicht bei der Arbeit in den Leichensachen halfen, aber nicht gerade hilfreich waren, wenn es galt, Freundschaften zu pflegen. Kosinski fühlte sich verloren. Wie ein Fremder unter all seinen entfernten Verwandten. Niemand kondolierte ihm, obwohl er seine alte Tante vielleicht am meisten vermisste. Mit ihr starb auch ein Teil seiner Kindheit. Sie war die einzige gewesen, die ihm noch erzählen konnte, was er als Kind so angestellt hatte. Ihre Schwester, seine Mutter, war leider vor kurzer Zeit gestorben, worunter Kosinski jetzt noch litt. Kosinski hatte nicht gemerkt, dass der Priester seine Rede beendet hatte, bis ihn Liebig in die Seite stieß. „Frühstück“, sagte Liebig gut gelaunt. Ein Konvoi von teuren Automarken fuhr über die Ruhrbrücke in den Stadtteil Vor der Brücke, passierte an der August-Thyssen-Straße das Schloss Landsberg, bis er einige hundert Meter weiter auf das Gelände des Wasserschlosses Hugenpoet einbog. Kosinski parkte Liebigs Wagen in einer stillen Ecke des Parkplatzes weitab von den Luxuskarossen der anderen Beerdigungsteilnehmer. Liebig schälte sich aus dem Beifahrersitz heraus und streckte sich. Hauptkommissar Leonard Liebig war Kosinskis Vorgesetzter und manchmal auch sein Freund. Sie arbeiteten zusammen, stritten sich viel, da jeder seine eigenen Vorstellungen vom Leben und seinen eigenen Rhythmus hatte. Liebig war ein Nachtmensch und kam morgens nur schwer, meistens gar nicht in die Gänge. Kosinski dagegen stand früh auf, und während Liebig noch in den Federn lag, hatte er sich bereits sein zweites oder drittes Pfeifchen angesteckt und ein halbes Dutzend Tageszeitungen durchgelesen, die Katze auf dem Schoß. Als ungleiches Team waren sie trotzdem unschlagbar. Sie ergänzten sich gegenseitig perfekt. Liebig nahm das ergraute Backsteingemäuer mit den beiden hohen Schiefertürmen und dem barocken Mittelgiebel in Augenschein, während er sich zum wiederholten Mal mit einem Kleenex den Nacken trocknete. „Weißt du auch, dass Paul Henckels hier gelebt hat und auch hier 1967 gestorben ist?“, fragte er. „Wer ist Paul Henckels?“ „Der Schauspieler aus der Feuerzangenbowle. Professor Bömmel. Wenn ich mir überlege, dass er damals rein theoretisch bei mir in den Kinderwagen hineingeguckt haben könnte.“ „… und dann den tödlichen Schock erlitten hat.“ Die Trauergesellschaft hatte sich in dem zugewiesenen Parkrestaurant in zwei Gruppen aufgeteilt. Die vornehme Verwandtschaft saß in einer Traube auf der Türseite des Salons, bekannte Gesichter aus der örtlichen Politik hatten sich ihr zugesellt. Kosinski hielt sich von seiner verwandtschaftlichen Bagage fern. Die Bewohner und Mitarbeiter des Heims, und die alten Freunde der Verstorbenen verteilten sich, flankiert von Rollatoren und Rollstühlen, auf der anderen Seite des Raums. Anja, die junge Altenpflegerin, wieselte zwischen den alten Herrschaften hin und her, legte ihnen Servietten auf den Schoß, beugte sich zu ihnen herunter, sprach ihnen ins Ohr und sah ab und zu mit besorgtem Blick zu den Kriminalbeamten hinüber. Als die Bedienung zierliche Suppennäpfe mit einer dampfenden gelben Flüssigkeit verteilte, hielt Leo sie am Armgelenk fest. „Was esse ich da gerade?“ „Wir kredenzen Ihnen hier ein Safran-Schaumsüppchen mit Flusskrebsen.“ Liebig hielt den Napf arglos an den Mund und stürzte ihn herunter. Fast im selben Zeitpunkt bemerkte er, dass die Suppe heiß und sehr scharf gewürzt war. Er schreckte hoch und besprenkelte seine schwarze Krawatte mit gelben Flecken. Kosinski legte ihm eine Hand auf die Schulter und stand auf. „Schwarz und Gelb. Das nenne ich mal ein Bekenntnis zu Borussia Dortmund. Warte, ich besorg dir schnell mal eine nasse Serviette.“ Als Kosinskis Platz frei wurde, hatte Liebig ungehinderte Sicht auf seine Nachbarn zur Seite. Zwei Stühle weiter ein gepflegter alter Herr, hochgewachsen, mit einem Caesar-Kopf und ziemlich vollem grauschwarzem Haar, das nur am linken Seitenscheitel etwas gelichtet war. Sein Cutaway Sakko mit längsgestreifter Hose und dezenter grauer Weste schien übertrieben für den Anlass. Nicht weniger übertrieben war das Outfit seiner deutlich jüngeren Partnerin neben ihm, die ein einfarbiges, aber tief ausgeschnittenes dunkles Oberteil trug und ihren Ausschnitt mit einem schwarzen Chiffon-Schal bedeckt hatte. Wie zufällig lag ihre schwarze Gürteltasche vor ihr neben dem Besteck, die Gürtelschnalle mit dem bekannten GG-Markenzeichen nach oben. Liebig hatte es nicht nötig, das Alter seines Tischnachbarn einzuschätzen. Er hatte nur kurz überlegen müssen, dann fiel ihm ein, mit welchem Zeitgenossen er zu tun hatte. Er hatte leider das Gedächtnis eines Elefanten. „Leonardo Liebig, 30 Jahre alt, Kriminalhauptkommissar, Dienststelle in Essen-Mitte, mit der Angeklagten nicht verwandt und verschwägert.“ „Es ist schön, dass Sie wenigstens Ihr Alter wissen, junger Freund. Vom Verfahrensrecht scheinen Sie deutlich weniger Ahnung zu haben“, sagte der Mann hinter dem Richtertisch und sah ihn mit kalten Augen über seine Lesebrille hinweg an. Liebig hatte den Eindruck, dass er die Lesebrille nicht benötigte und sie lediglich für seine Showeinlagen einsetzte. Er wandte sich in Richtung der Anklage. „Ich denke, ich werde Ihre Aussage nicht brauchen, weil sie unbrauchbar ist.“ „Herr Vorsitzender“, wollte sich der junge Staatsanwalt melden, der aber von Richter Braun mit einem Handwinken zur Ruhe gebracht wurde. „Wollen wir mal kurz schauen, ob ich wirklich so falsch mit Ihnen liege, Herr …“ Der Richter tat so, als habe er Liebigs Namen vergessen, und suchte in der vor ihm liegenden roten Ermittlungsakte herum, die Brille weit nach unten geschoben. Es wäre jetzt Liebigs Sache gewesen, seinen Namen zu nennen, aber Liebig verweigerte jede Hilfe. Der Vorsitzende schob die Akte von sich weg. „Also, Liebig, Sie haben bei der Angeklagten eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Waren Sie dazu berechtigt?“ „Ich denke doch. Es gab einen Durchsuchungsbeschluss des Haftrichters.“ „So, so, gab es den? Ein Durchsuchungsbeschluss teilt dem Beschuldigten üblicherweise mit, welcher Anfangsverdacht gegen ihn besteht. Er ermächtigt die Behörde, die Beweismittel zu sichern, die den Anfangsverdacht erhärten könnten. Ist das richtig, junger Freund?“ „Das ist richtig. Aber ich habe den Beschluss nicht verfasst.“ „Es ist doch schön, Liebig, dass Sie Humor haben. Ich muss Ihnen gestehen, dass mir dieser Humor abgeht, wenn ich Ihren Bericht und dazu noch die Durchsuchungsbescheinigung durchlese.“ Der Richter lehnte sich weit über den Tisch. „Welchen Anfangsverdacht hat denn der Kollege in den Beschluss hineingeschrieben?“ „Wir haben damals den Verdacht gehabt, dass die Angeklagte an einem Einbruch in einen Juwelierladen hier nebenan in Rüttenscheid beteiligt war und sich zumindest als Hehlerin im Besitz der Beute befand, wenigstens von einem Teil.“ „Und so war auch der Durchsuchungsbefehl abgefasst? Sie sollten die in der Wohnung vermutete Beute als Beweismittel sicherstellen.“ „Richtig.“ Liebig wusste längst, worauf der Richter hinauswollte. Aber das konnte doch nicht wahr sein. „Haben Sie denn...




