E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Fischer Der Tod spielt ohne Gage
3. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7386-7858-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Braunschweig-Krimi in drei Episoden
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7386-7858-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katrin Fischer ist in Braunschweig geboren. Während ihrer Schul- und Studienzeit hat sie viel Zeit im Staatstheater verbracht - zunächst als Chorkind, später als Statistin und als Mitglied des Extrachores. Ihre Liebe zum Schreiben hat sie bereits während des Studiums entdeckt und Verschiedenes im Star Trek Fandom publiziert. Ihren ersten 'FanFiction-freien' Roman hat sie 2008 veröffentlicht.
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Spinnefeind
Die letzten ekstatischen Klänge verhallten hohl auf der spartanisch ausgerüsteten Bühne im Großen Haus des Staatstheaters und hinterließen beinahe so etwas wie ein akustisches Vakuum. Tänzer und Publikum schienen den Atem anzuhalten, als erwarteten sie, dass noch etwas käme.
Dann durchschnitten grelle Scheinwerfer das rötliche Halbdunkel der Bühne und donnernder Applaus brandete auf, durchmischt mit Pfiffen und Bravo-Rufen, als die Tänzer und Tänzerinnen Hand in Hand an den Bühnenrand schritten und sich gemeinsam verbeugten.
Es war geschafft. Und mit Erfolg!
Mascha stand still vor ihrem Garderobentisch und starrte in den Spiegel, vollkommen unberührt vom ausgelassenen Treiben der anderen.
Geradezu aufgekratzt tänzelten ihre Kolleginnen herum, als hätten sie noch nicht genug Bewegung gehabt.
Die allgemeine Anspannung der letzten, mit Training und aufreibenden Endproben ausgefüllten Tage hatte sich mit dem Schlussapplaus in ein kollektives Hochgefühl verwandelt. Wie in einem Rausch schwirrten sie umher, warfen sich alberne Bemerkungen zu und versuchten, sich bei der Ausstaffierung zur Premierenfeier gegenseitig zu übertrumpfen.
Niemandem schien es aufzufallen, dass Mascha sich diesem allgemeinen Rausch entzogen hatte.
Bis auf Justina. Sie hatte ihre Freundin schon seit einigen Minuten im Auge. Was war nur mit ihr los? Justina zog nachdenklich ihre langen Stiefel an. Mascha müsste nach ihrem heutigen Erfolg eigentlich rundherum zufrieden sein. Mindestens genauso gut gelaunt wie alle anderen. Aber nein, da stand sie, in der hintersten Ecke der Garderobe, beinahe apathisch. Die blonden Barbiepuppenhaare hingen strähnig und überhaupt nicht Premierenfeier-tauglich über ihre nach vorn gesunkenen Schultern.
Justina seufzte besorgt. Wie blass sie aussah! Irgendetwas stimmte nicht. Erst dieses übertriebene Lampenfieber – Lampenfieber war eigentlich ein Fremdwort für Mascha – und nun diese abwesende Haltung. Justina ging beunruhigt auf sie zu.
Mascha starrte mit leerem Blick in den Spiegel, der nichts als ihren nackten weißen Bauch zwischen Slip und BH wiedergab. Wie würde es weitergehen? Würde es überhaupt weitergehen? Sie holte bebend Luft. Wenn es nach ihr ginge, ja. Unvermittelt füllten Tränen ihre Augen. Sie presste die Lippen aufeinander. Bloß nicht heulen, nicht vor den anderen… Aber ihr Entschluss stand fest. Und sie würde die Mittel dafür aufbringen, sie musste einfach! Sollte denn alles umsonst gewesen sein?
„Hey. Bist du in Ordnung?“
Mascha zuckte erschrocken zusammen. Justina war plötzlich hinter ihr aufgetaucht. „Verdammt, musst du dich so anschleichen?“ Sie stülpte hastig ihren Pullover über den Kopf.
„Schleichen? Bei diesem Krach hier?“ Justina warf einen konsternierten Blick auf Maschas zünftigen Strickpulli, wollweiß mit blauen Rentieren und Tannenbäumen. „Das willst du zur Premierenfeier anziehen? Oder“, sie zögerte argwöhnisch, „kommst du etwa gar nicht?“
Maschas wirrer Haarschopf tauchte endlich aus dem Rollkragen auf. „Doch. Ja. Später. Geh doch einfach schon vor“, entgegnete sie angespannt und griff nach ihrer Jeans.
Justina zog alarmiert die Stirn kraus. „Wir gehen zusammen, wie immer. Ich kann doch auf dich warten!“
Mascha schüttelte entschlossen den Kopf und ließ sich auf ihren Stuhl sinken. „Nein, kannst du nicht. Ich habe noch etwas... Privates zu erledigen. Aber ich komme nach.“ Sie schlüpfte in ihre Schuhe und beugte sich über die Schnürsenkel.
"Etwas Privates!" Justinas Gesicht verzog sich ungnädig. „Vielleicht erzählst du mir endlich, was hier läuft? Seit einer Woche bist du so ausweichend. Ich dachte, es hinge mit deinem Solo zusammen, es war immerhin dein erstes. Aber jetzt hast du es mit Bravour hinter dir! Also, was ist los?“ Sie stemmte herausfordernd ihre Hände in die Hüften. „Steckt mal wieder ein Mann dahinter? Mensch, Mascha, mit mir kannst du doch reden, ich bin deine Freundin!“
Mascha nickte bedrückt. „Ich würde ja gerne. Aber…“, ihr Blick flackerte unsicher über Justinas besorgtes Gesicht. „Ich kann nicht! Nicht bevor ich mit–“, sie brach ab und biss sich auf die Lippen. „...mit jemandem gesprochen habe. Ich muss dringend etwas klären. Aber danach erzähle ich dir alles.“
Sie stand auf und ergriff Justinas Hand. „Versprochen. Bei der Premierenfeier. Warte dort auf mich, es dauert sicher nicht lange.“ Dann sah sie sich in der inzwischen verlassenen Garderobe um. Die Tür stand weit offen und im Gang dahinter war es ganz still.
Maschas Hand fühlte sich eiskalt an. Justina musterte sie mit einem mulmigen Gefühl. „Soll ich nicht doch lieber bei dir bleiben?“
„Auf gar keinen Fall!“ Mascha ließ die Hand ihrer Freundin abrupt los. „Ich bin okay.“ Sie trat ungeduldig einen Schritt zurück. „Bitte, Justina“, sagte sie drängend. „Geh jetzt!“
Justina blickte sich nervös um. Rund um sie herum war die Stimmung ausgezeichnet. Aber sie saß wie auf glühenden Kohlen. Ihren Platz ganz am Rande der Bar hatte sie mit Bedacht gewählt. Zum einen saß sie hier etwas abseits vom Geschehen – bei einigen war die Stimmung schon etwas zu feuchtfröhlich für ihren Geschmack – und zum anderen konnte sie gut den Eingangsbereich überblicken.
Wo blieb Mascha nur? Sie kramte beunruhigt ihr Handy aus der Handtasche und wählte Maschas Nummer. Es klingelte, drei, vier, fünf Mal, dann kam die Mailbox. Dann wählte sie Maschas Festnetznummer. Dasselbe! Einige Minuten später versuchte sie es wieder. Und dann noch einmal. Und jedes Mal kam nur die Mailbox oder der Anrufbeantworter.
Das mulmige Gefühl, das sie seit dem Verlassen der Garderobe begleitet hatte, schlug um in eine üble Vorahnung.
Sie steckte entschlossen ihr Telefon weg und ging, ohne sich von jemandem zu verabschieden.
Der Pförtner des Staatstheaters Braunschweig saß bei einer Tasse dampfenden Tees in seinem Glashäuschen. Er blickte Justina träge entgegen, als sie den Künstlereingang betrat.
„Hallo Mark“, begrüßte sie ihn atemlos. „Sag mal, hast du Mascha sehen? Mascha Diederich?“
Mark schüttelte bedauernd den Kopf. „Wenn sie nicht bei dem großen Pulk dabei war, der vor über einer Stunde hier raus ist...“
„War sie nicht. Okay, danke.“ Justina öffnete die Tür zum Gang, der unter der Bühne hindurch auf die andere Seite des Hauses, die Damenseite, führte. Sie stieg die Treppe zum ersten Stock empor, zog die schwere Feuerschutztür zum Gang neben der Bühne auf, in dem die Garderoben lagen.
Hastig riss sie die Tür zur ersten der drei Garderoben auf. Eigentlich sollte hier alles dunkel sein. Aber es sah genauso aus, wie gut eine Stunde zuvor, als sie diesen Raum widerwillig verlassen hatte.
Nur stand Mascha jetzt nicht mehr vor ihrem Garderobentisch.
Sie lag.
In einer Lache aus Blut.
Kriminalhauptkommissarin Verena Bertram trat in den matt beleuchteten Gang neben der Bühne und schloss leise die Tür zur Garderobe hinter sich. Verrückt. Das war nun schon der zweite Mord im Staatstheater innerhalb weniger Monate! Sie atmete tief durch und stieg langsam die Treppe hinunter. Hatte es ‚zu ihrer Zeit’ auch so etwas gegeben? Als sie Statistin in diesem Theater gewesen war? Sie konnte sich nicht erinnern. Aber bekam man als Statist alles mit, was so passierte? Vermutlich nicht. Es sei denn, man war direkt involviert.
Am Fuß der Treppe angekommen, ging sie entschlossen durch die Unterführung zur Herrenseite, in Richtung Ausgang. Der Pförtner hatte sich freundlicherweise um die junge Frau gekümmert, die das Opfer gefunden hatte. Justina Greim, eine Tänzerin, genau wie die Tote. Hoffentlich hatte sie sich inzwischen etwas beruhigt.
Ja, da saß sie in der Pförtnerloge. Verängstigt und in sich zusammengesunken, ihr bleiches, spitzes Gesicht noch immer vom Schock gezeichnet. Der Pförtner sah auch nicht besser aus. Er war es, der die Polizei informiert hatte. Und er hatte das Opfer ebenfalls gesehen. Kein schöner Anblick.
Jetzt sah er der Kommissarin mit Erleichterung entgegen. Verena lächelte freundlich. „Vielen Dank, Herr Bauer, dass Sie sich um Frau Greim gekümmert haben. Sagen Sie, gibt es einen nah gelegenen Ort, an dem ich ungestört mit ihr sprechen kann?“
Bauer dachte kurz nach. „Die Kantine hat um diese Zeit vermutlich schon geschlossen. Und wenn nicht, dann nur, weil noch Kundschaft da ist. Da wären Sie auch nicht allein.“
„Dann würde ich gerne Ihre Pförtnerloge benutzen. Wäre das möglich? Es wird sicher nicht lange dauern.“
Der Pförtner sah sie zögernd an. „Ja... Aber ich muss in Rufweite bleiben. Sie verstehen das sicher.“
Verena nickte. „Selbstverständlich. Sobald...




