Fischer | Der Kaktusforscher | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Fischer Der Kaktusforscher


2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-0275-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-7412-0275-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alex ist ein Physiker, der frustriert von seiner Arbeit die innere Kündigung ausgesprochen hat und sich nur noch für die Kakteenzucht interessiert, bis ihm eines Tages der Einfall kommt, wie das Zeitreiseproblem technisch gelöst werden kann. Fast gleichzeitig lernt er Karin kennen, seine Traumfrau. Heimlich beginnt er, im Keller seines Institutes seine Zeitmaschine zusammenzubauen. In der Neujahrstristesse schließlich testet Alex die Zeitmaschine... Eine lange, ruhige Achterbahnfahrt durch Wissenschaftsparodie, Liebesgeschichte und Entwicklungsroman, mit etwas Alternativ-Popkultur-Geschwätz, Zimmergärtnerlatein und systematischem Missbrauch der Fußnote.

Der Autor Rainer Fischer schreibt seit 1988 Kurzgeschichten und Erzählungen. 1992 Preisträger beim 'Jungen Literaturforum Hessen'. 2012 erschien die Kurzprosa-Sammlung 'Küchendienst in der Hölle'. Mehr unter www.druckraif.de
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Als es draußen dämmerte, fingen die Halbstarken an, Böller zündend durch die Straßen zu ziehen – jedes Jahr derselbe Mist! Gegen halb sechs fuhr Alex müde und hungrig nach Hause. Morgen musste er das Steuerprogramm testen, das heißt, es mit abgeschalteten Spulen laufen lassen, die Steuerspannungen mit einen Speicheroszilloskop aufnehmen, das er aus seinem »richtigen« Labor holen würde. Und das musste er solange wiederholen, bis er alle Programmierfehler gefunden und korrigiert hatte.

Alex öffnete später am Abend eine Flasche Wein, legte seine Lieblings-CD von Nick Cave ein – »The Good Son« – und zog die Kopfhörer über. Dann schaltete er das Licht aus und stellte sich ans Fenster, das volle Glas in der Hand und die Flasche in Reichweite, und betrachtete die Fenster der gegenüberliegenden Häuser. Hier und da brannte noch ein Weihnachtsbaum, in den meisten Wohnungen liefen Fernseher. Manchmal stand jemand auf und ging durch ein Zimmer. Es war wie ein Film, er hörte kein Geräusch außer der Musik direkt in den Ohren, der Wein fing an, sein Bewusstsein aufzuweiten. Auf einem Fensterbrett im Haus gegenüber stand ein großer runder Gegenstand, schwarz gegen das schwach erleuchtete Zimmer dahinter. War das vielleicht die Katze, die im Sommer außen über die Fensterbretter lief? Es war das richtige Haus und der richtige Stock und sehr wahrscheinlich die richtige Wohnung. Die Katze saß regungslos, wahrscheinlich beobachtete auch sie die Straße. Oder war das keine Katze, sondern ein großer Kugelkaktus? Oder eine Vase? Alex konnte sich nicht erinnern, so etwas jemals da drüben gesehen zu haben. Hatte sich die Katze jetzt etwas bewegt? Alex war sich nicht sicher, vielleicht täuschte ihm der Wein das nur vor. Langsam kam er innerlich ins Schwanken und die CD war beim letzten Lied, das ihm ohnehin nicht besonders gefiel.

Er zog sich ins Zimmer zurück und versuchte, Karin anzurufen. Karin ging es gut, aber sie wollte erst an Neujahr zurückkommen, weil sie zu einer Silvesterparty eingeladen worden war. Alex wollte sie einerseits gern wiedersehen, andererseits war er froh, dass sie nicht zusammen Silvester feiern mussten. Er hatte keine Ahnung, was bis in den frühen Morgen zu feiern war, wenn sich eine Zahl auf dem Kalender änderte. Viel zu viel trinken, mit viel zu vielen Menschen zusammen zu sein und viel zu spät ins Bett kommen war einfach zu anstrengend. Obwohl sie noch kein Wort darüber verloren hatten, was sie an Silvester unternehmen sollten. Ins Kino zu gehen oder auf ein Konzert, wenn es denn eines gegeben hätte, wäre wohl nicht das Richtige gewesen. Alex wäre mehr als zufrieden damit gewesen, mit Karin allein zu bleiben, ein oder zwei Flaschen Wein zu trinken, Musik zu hören und zu reden und miteinander ins Bett zu gehen. Ein ganz normales Programm für einen Abend, wenn man am Morgen nicht früh aufstehen musste, auch wenn die Reihenfolge immer wieder variierte. Vermutlich fing es an, Karin zu langweilen.

Alex fühlte sich todmüde, morgen musste er unbedingt einkaufen und dann ins Institut und weiterarbeiten. Offenbar war diese gehetzte Arbeit anstrengender als gedacht, aber jetzt hatte er ja ein paar Tage mehr Zeit. Und allein Rotwein trinken machte depressiv.

Die vermeintliche Katze war tatsächlich eine Vase gewesen, denn die richtige Katze saß in einem anderen Fenster und blickte erstaunt zu ihm herüber. Alex stand mit einer Tasse Tee im Fenster, es war Mittag und einigermaßen hell.

Karin hatte erzählt, dass sie sich programmgemäß mit ihren Eltern gestritten hatte, trotzdem wollten ihre Eltern, dass sie noch länger bliebe. Von Alex hatte sie ihnen noch nichts erzählt. Das war ihm eigentlich recht so. Zwei von ihren Schulfreunden planten eine Party, zu der sie eingeladen sei. Karin hatte ungewöhnlich gut gelaunt gewirkt und mindestens zweimal unaufgefordert gesagt, dass sie ihn liebe.

Offenbar war er nicht sehr konzentriert gewesen bei seinen Bastelarbeiten vor Weihnachten, an den Schaltungen war viel zu verbessern und zu reparieren. Alex hatte das große Speicheroszilloskop geholt, um die Output-Signale zu überprüfen, die die Trafos ansteuern und die Induktionsspulen versorgen sollten. Er fand einen Fehler nach dem anderen in seinen Versuchsaufbauten, Tippfehler in den Programmen, Stecker, die nicht fest saßen, Lötstellen, die nicht richtig hielten, so dass er nach und nach alles an Aufbauten und Software durchgehen musste. Was so passierte, wenn man sich über Gebühr beeilte, mit den Gedanken woanders war und überdies noch ein schlechtes Gewissen hatte, weil man gerade das Eigentum seines Arbeitgebers zweckentfremdete und seiner Freundin etwas verheimlichte. Bis auf das Beeilen nichts, was man bei einer großen Erfindung vermuten sollte. Hoffentlich waren wenigstens die Spulen anständig gewickelt. Alex erkannte seine Arbeit wie nach einem Abstand von Jahren wieder, wie alte Schulhefte, bei denen es einem peinlich war, wie umständlich und naiv man früher gewesen war und was für blöde Fehler man gemacht hatte. Und das, nachdem er sich auf seine Lötkünste und sein Improvisationstalent so viel eingebildet hatte. Am Silvesternachmittag schließlich war endlich alles fertig: Das Steuerprogramm war getestet und endlich fehlerfrei, alle Geräte funktionierten, jedenfalls im Trockentest. Alex schloss die Kellertür hinter sich ab und trug das Speicheroszilloskop nach oben in sein Labor zurück. Das Rack, in das er es zurück einbaute, war reichlich staubig.

Alex wusch sich die Hände im Mikroskopraum – auf den Toiletten gab es nur kaltes Wasser –, als die Tür aufging und Professor Dunkelfeld erschien.

»Na, Alex, was machst du denn hier? Noch nicht unterwegs zum Feiern?«

»Nee, ich dachte, ich kucke zwischendurch mal, ob hier im Labor alles noch okay ist. Eine von den Vakuumpumpen machte vor Weihnachten komische Geräusche. Ist aber alles in Ordnung.«

»Ich wollte nur eben ein paar Bücher holen, da habe ich hier was gehört. Hab mir schon gedacht, dass es einer von euch ist.«

Dunkelfeld fing an, ihn auszufragen, wie es Weihnachten zu Hause gewesen war. Alex erzählte Unverbindliches und frei Erfundenes und überlegte sich gleichzeitig, dass er einen erheblichen Teil des Abend in der Badewanne verbringen könnte. Dunkelfeld wollte entweder unterhalten sein oder den Leutseligen spielen, dabei wirkte er halb abwesend. Er sog genießerisch an seiner Zigarre, und tippte zwischendurch auf seinem PDA30 oder einem ähnlichem elektronischen Spielzeug herum. Alex fand es plötzlich eigenartig, einen älteren Mann mit wesentlich jüngerer Technik hantieren zu sehen und dann so selbstverständlich. Es war irgendwie obszön und ein kleines bisschen rührend. Eines Tages würde er endgültig zu alt dafür sein. Dirty old man. Seine Studenten, die sich schneller in die Technik hineinfanden, konnten sich so teures Spielzeug normalerweise nicht leisten.

Schließlich verabschiedete sich Alex mit dem vorgeschobenen Hinweis auf eine Silvesterparty. In sechsunddreißig Stunden würden sie ohnehin wieder im diesem Gebäude sein. Wahrscheinlich würde Dunkelfeld jetzt zu spät zum Karpfenessen nach Hause kommen und seiner Frau erzählen, er sei von Dr. Girlitz noch unerwartet aufgehalten worden.

Kaum war er wieder zu Hause, rief Karin an, nur so zum Reden und um ihm zu sagen, mit welchem Zug sie morgen zurück käme. Ihr letztes Gespräch in diesem Jahr, immerhin. Alex aß sein Abendbrot und legte sich für eine Dreiviertel Stunde in die Badewanne. Ab und zu hörte man verfrühte Böller und Raketen krachen und zischen, einige warfen sogar kurz Licht durchs Badezimmerfenster. Dabei war es gerade erst neun Uhr.

Alex fühlte sich schwer und müde nach dem Bad und wäre am liebsten ins Bett gegangen. Er öffnete jetzt schon seine Flasche Prosecco, in der Hoffnung, sie möge seinen Kreislauf anschieben. Sein Großvater hatte so etwas immer gesagt, der Sekt – er trank immer grauenhaft süßen – sei gut für seinen Kreislauf. Oder nein, der war fürs Herz. Zu spät, die Flasche war schon offen. Alex legte sich bäuchlings aufs Bett und blätterte seinen geliebten Kakteen-Bildband durch. Danach griff er nach dem Kakteenlexikon im Regal neben seinem Bett.

Alex hatte das Kakteenlexikon – Enumeratio diagnostica Cactacearum – von Curt Backeberg in der zweiten Auflage von 1970 für zwanzig Mark in einem Antiquariat in Radevormwald entdeckt. Ein altes DDR-Fachbuch, VEB Gustav Fischer Verlag, Jena, ein echtes Schnäppchen. Als Lesezeichen eines Vorbesitzer stecke noch ein Losabschnitt der Lotterie »Der Große Preis«31 darin, abgestempelt im Jahr 1977. Was weckte der für Kindheitserinnerungen an Fernsehabende mit den Eltern oder den Großeltern. In der Rückschau war es unglaublich, wie naiv und harmlos das öffentlich-rechtliche Fernsehen vor dreißig Jahren gewesen war. Höchstwahrscheinlich war mit dem Los nichts gewonnen worden, sonst wäre es ja nicht als Lesezeichen benutzt worden. Keine Ahnung, was die Großeltern mit einem Gewinn gemacht hätten. Jedenfalls kein Gewächshaus für Kakteen gebaut. Eine zweiter Zettel schien ein halbierter Parkberechtigungsschein für einen...



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