Fischer | Das Laubsägenmassaker | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Fischer Das Laubsägenmassaker

drei Erzählungen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-6984-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

drei Erzählungen

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7412-6984-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Laubsägenmassaker drei klaustrophobische Erzählungen Ein Student beschließt, sein Leben zusammen mit seinen finanziellen Mitteln auslaufen zu lassen und zieht sich zum Nichtstun in ein schäbiges Zimmer zurück. Bei einer verhinderten Philosophin quartiert sich deren Psychotherapeut ein, der ihre Depressionen behandelt, jetzt aber selbst in Not geraten ist. Ein Professor für Botanik macht eine private Forschungsreise und wird mit einer intriganten Künstlerkolonie unter Quarantäne gestellt. - Drei klaustrophische Erzählungen über das Nichtzurechtkommen mit sich und der Welt, die Fragwürdigkeit akademischer Bildung, zwischenmenschliche Desaster und die Bedeutung von Galgenhumor und gesunder Ernährung. »Er war einer von den neunundneunzig Gerechten, über die ganz zu Recht weniger Freude im Himmel war als über den einen reuigen Sünder.«

Der Autor Rainer Fischer schreibt seit 1988 Kurzgeschichten, Erzählungen und Experimentelles. 1992 Preisträger beim 'Jungen Literaturforum Hessen'. 2012 erschien die Kurzprosa-Sammlung 'Küchendienst in der Hölle', 2013 der Roman 'Der Kaktusforscher'. Mehr unter www.druckraif.de
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v. Die Frau


Eines Abends, es war jetzt Ende April, beschloss Alex einmal mehr, ins Kino zu gehen. Er musste sich beeilen, wenn er noch pünktlich sein wollte, und achtete beim Weggehen kaum darauf, dass einige Tropfen Regen fielen; er hatte keinen Schirm und nur eine dünne Jacke. Auf halbem Weg, er ging gerade durch eine der schöneren Einkaufsstraßen, fing es kräftig zu regnen an. Alex stellte sich unter eine Markise vor einem Schaufenster. Er stand vor einem Miederwarengeschäft. Er überlegte, ob er sich von Unterstand zu Unterstand durchschlagen konnte, um den Film noch rechtzeitig zu erreichen. Er lief wieder los, direkt in den Eingang eines Juwelier- und Uhrmacherladens. Die Schultern der Jacke waren bedrohlich nass geworden. Das Schaufenster interessierte ihn wenig, protzige Uhren und Schmuck mit zu vielen Ziersteinen. Es war ein starkes Gitter vorgelassen. Er zog den Kopf ein und lief noch einmal, diesmal unter den geräumigen Vorbau einer Bank, unter dem schon einige Leute standen. Der Regen wurde jetzt entschieden zu heftig zum Weitergehen. Über eine Viertelstunde stand er so mit den anderen und versuchte die Situation komisch zu finden. Er sagte sich, dass der Film ohnehin langweilig gewesen wäre und dass er ihn vielleicht später noch sehen könnte. Er sah sich den Regen an, wo er im Schein einer Straßenlaterne aufs Pflaster prasselte.

Schräg gegenüber war eine Kneipe, die in einem Kellergeschoss untergebracht war. Er war früher ein einziges Mal drin gewesen, wenn er auch nicht mehr wußte mit wem, und sonst sehr oft daran vorbeigegangen. Da Spazieren gehen bei dem Wetter ausgeschlossen war und er auch keine Lust hatte, den Abend zu Hause zu verbringen, überlegte er dort hinein zu gehen. Als der Regen etwas nachließ, lief er hinüber.

Das Leben schwand dahin wie eine brennende Zigarette, wurde immer kürzer und immer bitterer, und schließlich musste man aufpassen, den Filter nicht anzurauchen.

Alex drückte die Kippe im Aschenbecher aus und winkte der Bedienung, um sich eine zweite Rum-Cola zu bestellen. Er saß allein an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes neben einer Art Säule oder Pfeiler. Die Wände bestanden aus unverputztem Stein, die Möbel waren ziemlich klobig, aber im Grunde war das ganz gemütlich.

Er beschäftigte sich auf dreierlei Weise, abgesehen vom Trinken: Erstens damit, in die Kerze auf dem Tisch hinein zu starren und an ihr herum zu kneten, zweitens einen Bierdeckel in winzige Stücke zu zerreißen, bis ihm die Fingerkuppen wehtaten. Interessant, dass er beides auch tat, wenn er nur allein in einer Kneipe saß und niemand ihm Unsinn erzählte. Drittens beobachtete er verstohlen die übrigen Gäste.

Das Publikum war ziemlich gemischt. Einige Studenten waren sehr leicht als solche zu erkennen. An einem Tisch in seiner Nähe saßen zwei Paare um die vierzig, die den örtlichen Dialekt sprachen, womit sie Alex an die Putzfrauen und Hausmeister in den Unigebäuden erinnerten, und die ihm durch ihre aufdringlich ornamentierte Kleidung, Frisuren und Schmuck und ihr lautes Lachen auf die Nerven fielen. Das Proletariat in den frühen Neunzigern. Bei einigen Gästen ließ sich kaum erraten, was sie sein konnten, etwa bei den beiden Frauen, die direkt in seiner Blickrichtung saßen. Eine drehte ihm den Rücken zu, so dass von ihr nur eine Lawine brauner Locken zu sehen war. Ihre Freundin war dunkelblond, vollschlank, wenn das der richtige Ausdruck war, ein wenig älter als er selber und hätte ebenso gut Theologiestudentin wie Bäckereiverkäuferin sein können. Alex machte sie beide kurzentschlossen zu Sekretärinnen in einer Anwaltskanzlei.

Jetzt betrat ein Rosenverkäufern das Lokal, mit einem Strauß in der Hand und weiterem Vorrat in einer Plastiktüte. Während er mit aufreizender Langsamkeit seine Runde von Tisch zu Tisch machte, ärgerte sich Alex bei dem Gedanken, er konnte ihm von seinen Blumen anbieten, weil sich einsame Säufer manchmal zum Kauf überreden lassen. Nachdem er an allen gemischt besetzen Tischen gefragt hatte, hielt er den beiden Frauen den Strauß nur hin, Alex konnte ihn schließlich durch einen energischen Blick abschrecken. Er hatte nicht eine einzige Blume verkauft.

Die Prolls am Nebentisch freuten sich soeben lautstark über eine neue Lieferung Weißbier. Von wem hatte er dieses hässliche Wort Proll nur? Alex hasste Bier, er hatte früher gern behauptet, es sei eine Art biologisches Klebemittel. Ein schlechtes Klebemittel allerdings, gerade mal ausreichend, um Bierdeckel auf einer Tischplatte haften zu lassen oder um zweckfrei auf dem Tisch zu kleben. Die Bierpfützen des Vorgängers trockneten allerdings nur sehr langsam, man musste mit dem Finger darin herum malen und sie verteilen, um nachzuhelfen. Der Geruch war schlecht, säuerlich und erinnerte an mehr oder weniger Verdautes, während die Farbe dem entsprach, was später daraus werden würde. Wohl eher ein gruppendynamisches Klebemittel. Zum Betrinken war es auch nicht geeignet, weil man zu viel Flüssigkeit dabei aufnahm und dann wieder loswerden musste. Mit Sicherheit würden statistische Erhebungen ergeben, wenn man sie nur machen würde, dass Bier und Dummheit korreliert sind. Er beschloss, mit Wodka-Lemon weiterzumachen.

Die blonde Anwaltsgehilfin lachte gerade ebenfalls, und Alex entdeckte dabei einen Goldzahn in ihrem Mund. Das erinnerte ihn an ein Gespräch, dass er einmal mit einem höheren Semester Zahnmedizin gehabt in der Mensa hatte. Der Mann hatte ihm sein Leid geklagt über all die verrotteten Zähne, die er täglich zu Gesicht bekam, und er hatte in einer Art komischer Verzweiflung weiter erzählt, wie ihm der Appetit verging, wenn sich eine gut aussehende Frau sich in seinen Zahnarztstuhl setzte, sie sonst sehr gepflegt war, und dann einen Mund voller kaputter Zähne öffnete, Plomben schon in den Schneidezähnen, die durch Zigarettenrauch orange verfärbt waren, oder alle Backenzähne bis aufs Zahnfleisch runter vergammelt. Alex hatte ihm seinerzeit erwidert, er hätte auch Orthopäde werden können, dann hätte er, wenn seine Traumfrauen die Schuhe auszögen, Hühneraugen, hornige Schwielen, eingewachsene Nägel, verkrüppelte Zehen und stinkende Haltungsschäden aller Art entdeckt.

Wenn meine Eltern, anstatt mich mit allem möglichen vollzustopfen, rechtzeitig darauf bestanden hätten, dass ich mir die Zähne putzte und keine Süßigkeiten aß, dachte Alex, dann hätte ich jetzt nicht gefüllte Backenzähne und hätte in aller Gemütsruhe Zahnmedizin studieren können. Es musste ein Traumjob sein ohne irgendwelche geistige oder körperliche Anstrengungen, ein freiberuflicher und hoch bezahlter Mechaniker. Er hätte zwar mit Menschen zu tun gehabt, aber sozusagen nur mit ihrem mineralischen Teil. Geschickte Hände hatte er immer gehabt und einen Hang zum Perfektionismus auch, oder doch beinahe. Nur konnte er es sicher nervlich nicht ertragen, mit kranken Zähnen zu tun zu haben, wenn er selber schon Karies gehabt hatte und oft genug Angst vor herausbrechenden Plomben und Wurzelentzündungen. Sonst hätte er jegliches Mitleid verlernen können. Zahnärzte mussten wohl extrem dickfällig sein. Er stellte sich vor, wie er allen möglichen Leuten in den Zähnen herum bohrte, was dann vielleicht doch nicht so schön war, etwa bei dieser Frau mit dem Goldzahn. Dabei sah sie doch gar nicht so besonders aus, angenommen die Haare wären ungewaschen und strähnig und die Kleidung schlechter, so würde es sich geradezu aufdrängen, sie ein Schlampe zu nennen, warum, wusste er auch nicht so recht.

Jetzt hatte sie auch noch entdeckt, wie er minutenlang zu ihr herübersah. Vor Ärger und Verlegenheit nahm er einen tiefen Schluck.

Als Alex wenige Schlucke später seinen Wodka-Lemon ausgetrunken hatte, verabschiedete sich die brünette Freundin. Die blonde Goldzahnbesitzerin sagte, sie wolle noch bleiben. Die Bedienung hatte bereits Alex leeres Glas entdeckt und beeilte sich, es wegzuräumen und beiläufig zu fragen, ob er noch etwas zu trinken haben wolle. Er bestellte ein neues Glas. Die Frau saß ihm wieder gegenüber, sie schien geradezu Blickkontakt mit ihm zu suchen. Ohne ein Glas war Alex ihr hilflos ausgeliefert. Schließlich kam sie mit ihrem herüber und setzte sich ihm gegenüber.

Sie hieß Monika, was sehr seltsam war, da Frauen oder Mädchen, die Monika heißen, etwas dicklicher sind und vor allem dunkle Haare und eine dicke Brille haben, wie damals seine Kindergärtnerin. Er hütete sich aber, ihr das zu sagen. Außerdem musste er sich eine überzeugenden Grund einfallen lassen, warum sie nicht in seine Wohnung gehen konnten. Monika mochte seine Zigaretten nicht, sie seien zu stark. Im Grunde mochte er sie wohl selber nicht. Sie war übrigens Bankangestellte und mittlerweile auch ziemlich angetrunken.

Ihre Wohnung war ohnehin viel geeigneter als seine, auch wenn Alex nicht viel von ihr sehen konnte, da Monika nicht das Deckenlicht, sondern nur eine kleine Leselampe einschaltete, und er außerdem nicht viel Aufmerksamkeit übrig hatte, um sich umzuschauen. Sie waren noch mindestens eine Stunde unter ihrem Schirm in der...



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