Fischer | Bockenheim schreibt ein Buch | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Fischer Bockenheim schreibt ein Buch

40 Autoren erzählen aus ihrem Stadtteil
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944124-93-3
Verlag: MainBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

40 Autoren erzählen aus ihrem Stadtteil

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-944124-93-3
Verlag: MainBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Bockenheim-Buch Mein. Dein. Unser Bockenheim - nach diesem Motto erzählen 40 Autorinnen und Autoren Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse aus ihrem Stadtteil. mainbook hatte im Spätsommer 2014 einen literarischen Aufruf gestartet: Es ging darum, Texte einzureichen, in denen es um Bockenheim geht. Eine unabhängige Jury hat 40 Texte ausgewählt. mainbook hat sie in dieser Anthologie veröffentlicht. Die Auswahl spiegelt ein buntes Bockenheim-Bild wider. Vergangenheit und Gegenwart, Bekanntes und Neues, Lustiges und Originelles, Spannendes und Bewegendes. Willkommen in Bockenheim - aus der Sicht von 40 Autorinnen und Autoren.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


B OCKENHEIM FRÜHER


Bockenheim, früher


Peter Kurzeck

In Bockenheim, in Frankfurt am Main. Das Jahr 1984

Übers Eis

In der Juliusstraße. Wo ist denn die Juliusstraße? Gleich rechts von der Leipziger. An der Ecke ein Supermarkt, ein HL, und direkt daneben grüngekachelt ein Kasten, ein Apartmenthaus. Ein-Zimmer-Apartment, Nachmieter zum 15.12. oder zum 01. Januar. Als Kleinanzeige im Blitz-Tip. Am Telefon eine Frau aus Pakistan und erst wenn du hinkommst, erkennst du das Haus. Jahrelang dran vorbei. Man sieht es ja von der Leipziger aus. Klingeln und an der Haustür warten. Die Sprechanlage geht nicht. Der Türöffner abgestellt oder defekt. Die Haustür wahrscheinlich abgeschlossen. Falls wieder kein Name dran, in der zweiten Reihe von links die vierte Klingel von unten (irgendwer macht immer die Schildchen ab!), und warten bis sie mit dem Schlüssel zur Haustür. Im dritten Stock. Der Aufzug geht nicht. Sie ist am Packen. Das Zimmer wird renoviert. Taschen, Tüten und Kartons auf dem Fußboden. Farbeimer. Die Möbel in der Ecke zusammengerückt. Mitten im Zimmer auf einer Leiter ein Mann und streicht die Decke an. Er sieht auch wie aus Pakistan aus, aber beide gebrochen Deutsch miteinander. Sie ihr Deutsch, er sein Deutsch. Vielleicht aus Afghanistan, Persien, aus dem Irak? Ein Türke, ein Kurde? Einmal mit ihr um die Leiter herum. Zur Straße ein großes Fenster. Unter dem Fenster die Heizung. Hier in der Ecke die Kochecke. Dort die Tür zu Dusche und Klo. Dann mit ihr auf den Gang. Rechts und links Türen. Mit Blech beschlagen. Fast alle angeschlagen, beschädigt, kaputt. Jede anders kaputt. Die Apartments alle gleich. Die einen zur Straße, die andern nach hinten. Auf den Bilka-Parkplatz, auf Garagen und Mülltonnen. Einmal den Gang hinauf. Und einmal den Gang hinunter. Dann ein Stockwerk tiefer. Der gleiche Gang. Ein Zimmer offen. Leer, die Tür fehlt. PVC-Belag, gegen Aufpreis auch Teppichboden. Je größer der Abstand zu ihrem Zimmer, umso deutlicher ihre Erleichterung. Oder kommt mir vielleicht nur so vor? Aus Pakistan. So dicke Brillengläser. Und wie bestürzt dahinter die Augen, das siehst du erst jetzt. Jeans und Pullover und einen offenen weißen Kittel drüber. In Darmstadt bei Merck. Abfüll- und Packkontrolle. Und deshalb ihr Umzug nach Langen bei Darmstadt. Aber eigentlich ausgebildete Chemie-Laborantin. Eigentlich schon ihr Leben lang unterwegs nach Amerika.

Weiter die Treppe hinunter. Das Treppenlicht nur immer von Stockwerk zu Stockwerk. Und knackt jedesmal beim Einschalten. Beim Hauseingang jetzt. Eine ganze Wand Briefkästen. Die meisten offen. Aufgebrochen, die Türen verbogen. Ganz ohne Türen. Und Briefkästen, in denen es gebrannt hat. Erst kürzlich? Schon länger? In manchen gar mehrfach gebrannt. Es brennt jede Woche. Ganze Reihen von Briefkästen schwarz vor Ruß. Der Ruß auch die Wand hinauf. Riecht auch angesengt und verbrannt. Und die Menschen, die Namen? Türkische, indische, polnische, serbokroatische Namen. Portugiesen und Griechen, die tagsüber bei Messer Griesheim, in Höchst bei den Farbwerken und in Rüsselheim bei Opel am Band. Die Frauen bei VDO, bei den Adler-Werken, bei Hartmann und Braun. Und nachts mit der ganzen Familie als Putzkolonnen in die Kaufhäuser in der Innenstadt, zum Verkehrsverbund und in die Bürostadt nach Niederrad. Die meisten Briefkästen ohne Namen. An der Wand die Hausordnung, Befehle und obszönes Gekritzel ohne eine Spur von Leidenschaft und Talent. Auf dem Fußboden Stapel von Gratiszeitungen und Frankfurter Anzeigenblättchen. Teils noch druckfrisch verpackt und verschnürt und teils nur Papierfetzen. Die Wände entlang bis zur Treppe. Die Ausgaben mehrerer Wochen. Und Farbprospekte vom Bilka, vom Aldi, vom Kaufhof, vom Schlecker und vom HL. Druckfrisch. In Stapeln. Auch Hochglanz. Manche nur einmal kurz naßgeworden und jetzt ein einziger feuchter Klumpen, der abfärbt, der ganze Stapel. Abgebrannte Streichhölzer, leere Zigarettenschachteln, Kippen, Bierflaschen, Bierbüchsen, Cola-Büchsen, Glasscherben, Fußspuren, Kaugummi, hingespuckt, Plastiktüten, Müll, Abfall, Dreck. Müllschlucker ja, aber geht nicht. Soll nicht benutzt. Der Aufzug offen und fährt nicht. Vielleicht weil die Tür nicht zu. Geht nicht. Lauter Ein-Zimmer-Apartments, alle gleich, aber auch Familien mit Kindern. Und wer alles illegal, wieviel Inder in einem Zimmer. Ein Inder mit Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis als Hilfskraft in einer Imbiß-Spülküche. Acht Mark Stundenlohn. Und läßt für sich einen Inder mit Aufenthaltsgenehmigung, aber ohne Arbeitserlaubnis. Für sieben Mark, für sechsfuffzich. Der den nächsten an seiner Stelle für sechs. Und der siebte oder achte hat keinen Paß, hat gar keinen Namen mehr und macht die Arbeit schon dankbar für dreineunzig die Stunde. Ohne Namen. Keiner kennt sein Gesicht (Gesicht braucht er nicht!). Eine Spülküchenhölle. Und Ordnung und Putzen nach Feierabend. Umsonst. Jeden Tag eine Dreiviertelstunde. Mindestens eine Dreiviertelstunde. Gehört mit zur Arbeit dazu, jeden Tag, ist gratis mit drin. Oder zu dritt mit Pauschale und teilen sich sparsam in ein Achtel Leben. Drei Gesichter, drei eilige Schatten mit ohne Gesicht, und eine stellvertretende Arbeitserlaubnis. Die Spülküche ist im Keller. Geschirraufzug. Solang die Spülküche funktioniert, läßt sich außer dem Aufzug von oben keiner drin blicken. Der mit der Arbeitserlaubnis, der erste, der Hauptinder, macht die Dienstpläne, hat neuerdings eine Krankenkassenbrille und spricht mit den Hilfsindern englisch.

1975, als die Warte noch/wieder mal rot war (das Straßenbahndepot ist bis zur Sophienstraße noch unversehrt)

Hinterhof Homburger Straße, mit Blick auf das Sanierungsfeld Schanzenbach

Der große Basar – ten years later Buchverkauf auf dem campus Mitte der 70er (wie an den Fenstern zu sehen, muß es kurz vor Fertigstellung der ‚neuen Mensa‘ sein)

Hin und her mit der U-Bahn und in der U-Bahn Schweißausbrüche, die Luft anhalten, stehen und zittern. Im Sitzen dösen und zittern. Sogar im Schlaf und im Halbschlaf noch zittern. In Bockenheim, Preungesheim, Griesheim, im Bahnhofs-, im Gutleut-, im Gallusviertel. Am Leben bleiben, sich selbst nicht mehr kennen und jeden Tag schichtweise. Teilen sich in den Tag. Schichtweise leben und schlafen. Vier-acht-zwölf Inder oder Hilfsinder in einem Zimmer, im Flur, im Heizkeller und auf der Treppe zum Heizkeller. Die Zahlen jeden Tag aus der Zeitung. Genau wie die Lottozahlen, Fußballergebnisse, Börsenkurse und die Summe der toten Fixer vom Tage. Frankfurt am Main. Und als Fahrradbote, Austräger, Zeitungsverkäufer. Mit flinken Augen und fleißigen Händen. Auf Abruf im Frachtkontor. Kisten schleppen in der Großmarkthalle. Illegal Handlanger aufm Bau. Und früh um halb vier auf gut Glück vor den Lagerhallen und Kühlhäusern beim Güterbahnhof. Ab sechs Uhr morgens, auch wenn es regnet, vor jeder Ampel mit Zeitungen, ganzen Stapeln von kostbaren unverständlichen Zeitungen auf der Fahrbahn. Sollen nicht naß und sollen nicht dreckig! Fremd, eine Last, ein Gewicht. Kommission. Alleenring, Reuterweg, Schloßstraße, Theodor-Heuss-Allee, Kennedy-Allee, Stresemann-Allee, Friedrich-Ebert-Anlage, Taunusanlage, Theaterplatz, Bockenheimer, Mainzer, Darmstädter, Mörfelder, Friedberger, Hanauer, Offenbacher Landstraße, die Innenstadt, alle Ausfallstraßen. Bild, Rundschau, Abendpost und die Allgemeine. Kapuze und Plastikumhang, Wechselgeld durch das Seitenfenster. Berufsverkehr. Immer die Straße im Auge, immer die Ampel im Auge. Im Fahrtwind. Sich nicht verzählen und sich nicht überfahren lassen! Kein Regen, nur so ein Geniesel. Täglich von sechs bis neun. Und am Nachmittag mit dem Geschrei der Abendausgaben durch leuchtende Abgaswolken. Lärm, Staub und Gegenlicht. Nachts in den Kneipen mit toten Blumen, die keiner will. Bei einer Razzia, die selbstredend keine Razzia, sondern eine routinemäßige Personen- und Ausweiskontrolle, in einem Haus in der Schleusenstraße sechzehn Inder in einem Neunzehn-Quadratmeter-Raum. Inder und Hilfsinder. Aus Eritrea, Algerien, Rumänien und Bangladesh. Es gibt auch reiche Inder in Frankfurt.

*
Als Gast

Und dann, danach, ein paar Tage später. Wieder am Abend machst du dich auf den Weg. Noch früh. März. Noch lang hell. Unterwegs eine Telefonzelle mit Aussicht. Erst Sibylle und Carina, dann Jürgen, aber niemand hebt ab. Weiter durchs Westend und über den Campus und dann in der Gräfstraße auf dem Gehsteig unter Bäumen, die schon lang auf den Frühling warten. Ins Bastos. Jürgen? Nicht da. Im Spiegel der Abend. Du trinkst einen Espresso im Stehen. Dann die Leipziger Straße kurz vor Ladenschluß. Sibylle und Carina immer noch nicht daheim. Ich wünschte, sie kämen mir jetzt gleich entgegen! Lang in der Dämmerung müd und leer leere Seitenstraßen. Ludolfusstraße,...



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