Firestone | Als wir unendlich wurden | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Firestone Als wir unendlich wurden


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-401-80534-4
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-401-80534-4
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Maddies To-Do Liste vor dem College ist endlos. Erst als sie erfährt, dass ihre geliebte Grandma Astrid sterben wird, kommt alles zum Stillstand. Aber Astrid wäre nicht Astrid, wenn sie nicht mit einem großen Knall aus dem Leben gehen wollte, und sie lädt prompt die gesamte Patchworkfamilie zu einer Kreuzfahrt-Weltreise ein. Doch die „Wishwell“ ist kein normales Schiff … und ihre Passagiere keine Pauschaltouristen. Und Maddie bleibt genau ein Sommer, um zu lernen, wie man einem geliebten Menschen für immer Lebwohl sagt.
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EINS

Als Gram anruft, drücke ich sie weg. Lizzie und ich sitzen bei Starbucks und warten darauf, dass Kyle und Ethan vom Lacrosse-Training kommen. In der Zwischenzeit arbeiten wir an unseren Unbedingt-noch-machen-Listen und kommen dabei gerade so richtig in Fahrt.

Ich scrolle durch meine, während Lizzie ihren Strohhalm in einem weiteren Glas Eistee versenkt. Für Mai ist es unangenehm heiß.

Eins. Geld von meinem Rettungsschwimmer-Job für einen Roadtrip sparen.
Letztes Jahr habe ich mein gesamtes Geld für eine bescheuerte Designertasche aus dem Fenster geschmissen, deren Innenseite inzwischen komplett mit Tinte versaut ist.
Zwei. Mit jeder der »Is« einen Tag nur zu zweit verbringen.
Ich liebe meine drei engsten Freundinnen heiß und innig, aber diese Mädels kleben aneinander wie Kotze an einem Klodeckel. Das Geschnatter, das ewige Drama und die unterschiedlichen Ansichten können einen echt auf die Palme bringen.
Drei. Kochen lernen, damit ich wenigstens ein einziges Gericht so perfekt hinkriege, dass ich selbstständig überleben kann.
Mom backt zwar ständig, aber sie kocht nicht. Und Dads Thanksgiving-Menüs sind echt fantastisch, aber sonst gibt es bei uns fast jeden Abend Hummus und Linsenchips. Ich möchte, dass mein Onkel Wes ein Menü zusammenstellt und mir dann Schritt für Schritt beibringt, wie man es zubereitet.
Vier. Ein neues Sternbild entdecken.
Dad, Jeb und ich beobachten den Sternenhimmel schon, seit Dad uns in sein Sweatshirt eingekuschelt wie kleine Beuteltierbabys mit nach draußen geschmuggelt hat. Jeb betrachtet gerne die Sterne, weil er ein Kiffer ist. Mir gefällt es, weil ich die große Weite mag. Außerdem ist es das Einzige, was ich mit Dad gemein habe.

Sosehr sich meine Freundinnen auch über mein Hobby lustig machen: Die Astronomie hat mir letzten Winter geholfen, während einer Schlittenfahrt Ethan klarzumachen. Ich habe eine wohlbekannte Schwäche für Teamkapitäne und hatte schon ein Auge auf Ethan geworfen, seit er Lizzies ach-so-tollem Kyle den Titel als Kapitän des Lacrosseteams vor der Nase weggeschnappt hat. Ich sprang hinter Ethan auf den Schlitten, woraufhin wir prompt in einer Schneewehe landeten. Kurzerhand schlang ich meine Beine um ihn und brach die Stille mit einem beherzten »Guck mal, der Große Wagen. Cool, oder?«. Als er hochsah, drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange.

In jener Nacht musste ich ihm ganze vier weitere Sternbilder zeigen, bevor er mich küsste. Er schmeckte nach Bier und Kaugummi mit Wassermelonengeschmack, aber ich hatte mir Ethan, den heißesten Teamkapitän von allen, gekrallt.

Fünf. In einer Wochenend-Marathonsitzung noch mal die ganzen Filme aus den Achtzigern gucken.
Am liebsten mit Abby, weil sie außer mir die einzige ist, die gerne tonnenweise Junkfood in sich hineinstopft, ohne sich darüber zu beschweren, wie fett sie davon wird.

Gram ruft erneut an.

»Ist bloß meine Oma«, sage ich. »Wahrscheinlich steht sie gerade in irgendeiner Boutique. Sie hasst mein Kleid für den Abschlussball und wird so lange nicht lockerlassen, bis sie ein besseres gefunden hat.« Ich nehme einen Schluck von meinem Chai-Eistee. »Okay, ein paar Punkte hab ich noch, die ich gerne abhaken würde. Und zum Abschluss machen wir dann was richtig Großes.«

»Ist ein Roadtrip etwa nicht groß genug?« Lizzie musste bei unserem kolossal gescheiterten Roadtrip letzten Sommer ebenfalls passen, nachdem ihr Vater das mit dem Oben-ohne-Selfie rausbekommen hatte. Gram sagt immer, Lizzie überlasse nichts der Fantasie, was ich schon ein starkes Stück finde, wenn man bedenkt, dass es aus dem Mund einer älteren Dame mit einer ganzen Bibliothek von VHS-Pornovideos kommt.

Sechs. Irgendwo in Connecticut ein Autokino auftreiben und mir im Schlafanzug einen Film ansehen.
Das gedenke ich, mit meinen Freundinnen zu machen, denn Ethan würde nur wieder versuchen, mit mir zu poppen.
Sieben. Mit Ethan poppen.
Das erste Mal war eine Katastrophe. Ethan hatte einen »kleinen Unfall«, kaum dass wir in seinem Bett lagen. Ich will nicht allzu sehr ins Detail gehen, aber es war eklig und die Tatsache, dass er sich danach fünftausend Mal entschuldigt hat, machte es auch nicht besser.
Am Ende war ich so genervt, dass ich einfach abgehauen bin. Mit dem Resultat, dass er jetzt verunsichert ist und ständig behauptet, es sei bloß passiert, weil ich so hübsch bin.

Sosehr er mir manchmal auch auf die Nerven geht, habe ich doch beschlossen, vorläufig mit Ethan zusammenzubleiben. Er ist nun mal ein festes Mitglied in meinem Freundeskreis und es wäre viel zu anstrengend, ihm den ganzen Sommer aus dem Weg gehen zu müssen.

Acht. Auf das Leben in der Großstadt vorbereiten.

Mein Handy vibriert. Gram.

»Gott, meine Oma kann beim Shoppen echt aufdringlich werden.« Ich drücke sie erneut weg.

»Sie ist so lustig«, schwärmt Lizzie. »Meine Oma guckt immer nur Glücksrad. Wenn sie mal ganz abenteuerlustig drauf ist, geht sie in einen anderen Laden einkaufen.«

»Tja. Wenn meine Oma abenteuerlustig drauf ist, kriecht sie in irgendeinem wilden Urwald durch den Schlamm«, erwidere ich. »Du solltest mal ihren Freund sehen. Denny ist so alt wie meine Mom und trägt Diamantringe an beiden kleinen Fingern.«

»Ich kann Männer, die Schmuck tragen, nicht ausstehen«, verkündet Lizzie.

»Der Typ ist stinkreich, ein richtiger Diamantenscheißer. Hey, eigentlich kein schlechter Name für ihn.« Ich schnappe mir Lizzies Handy. Ihre Liste ist ziemlich einfallslos. Lernen, wie man einen Kurzen ext. Fünf Kilo abnehmen.

»Lizzie, das ist doch nur eine simple To-do-Liste. Du bist so langweilig.«

»Maddie, ich versuche schon seit Monaten, einen Kurzen anständig auf ex zu kippen. Mir kommt das Zeug jedes Mal zur Nase raus. Meine Sauftechnik muss unbedingt perfektioniert werden.«

»Okay, dann streich wenigstens Fünf Kilo abnehmen. Du bist sowieso schon superschlank, damit verschwendest du nur Platz für was richtig Gutes.«

»Hey, du hast Haare färben auf deine Liste gesetzt. Das ist auch nicht besser.«

»Ich hab’s wieder gestrichen. Für New York brauche ich aber echt einen markanteren Look. Ich hatte an ein kräftiges Rotblond gedacht.« Ich drehe meine unbezähmbaren Korkenzieherlocken zu einem Knoten zusammen.

»Bloß nicht. Das macht dich total blass. Mein Stylist sagt: blaue Augen, helle Haut, dunkle Haare. Bleib bei Braun.«

»Dein Stylist lebt in Connecticut«, kontere ich. Mein Handy vibriert erneut; eine SMS von Gram. MUSS AUF DER STELLE MIT DIR REDEN. DRINGEND. Mir rutscht das Herz in die Hose. Gram hat mir noch nie eine SMS geschrieben. Ich renne nach draußen, um sie zurückzurufen.

»Gram, was ist los?«

»Jetzt rufst du mich nicht mal mehr zurück? Bist du inzwischen zu beliebt, um dich mit deiner Großmutter abzugeben?«

»Du hast mich erschreckt. Du schreibst sonst nie SMS.«

»Du bist ja nicht ans Telefon gegangen. Zufällig weiß ich, dass das Ding praktisch an dir festgewachsen ist.«

Mein Herz hämmert immer noch wie verrückt. »Mach so was nie wieder, okay?«

»Also, was hattest du gerade so Wichtiges zu tun?«, erkundigt sich Gram.

»Ich hab an meiner Unbedingt-noch-machen-Liste gefeilt.«

»Was ist eine Unbedingt-noch-machen-Liste? Klingt faszinierend.«

»Das ist eine Liste mit Dingen, zu denen ich in der Highschool nicht gekommen bin, die ich aber unbedingt noch machen will, bevor ich aufs College gehe.«

»Zum Beispiel einen Blowjob?«

»Oh mein Gott, Gram. Du bist echt ekelhaft.«

»Schön, dass wir das geklärt haben. Ich möchte, dass ihr heute Abend um Punkt sieben bei mir vorbeikommt.«

»Aber es ist Freitag. Ich muss alle zu einer großen Party fahren.« Gram weiß, dass ich als einzige Nichttrinkerin auf ewig dazu verdammt bin, meine betrunkenen Freundinnen in einem babyblauen Minivan durch die Weltgeschichte zu kutschieren.

»Schätzchen, ich muss euch etwas Wichtiges sagen und ich möchte, dass die ganze Familie dabei ist. Dann muss halt mal jemand anderes deine tussigen Cheerleaderfreundinnen fahren.« Ihre Stimme klingt ungewohnt dringlich.

»Du machst mich ganz nervös.« Gram ist jederzeit für eine Überraschung gut, aber normalerweise platzt sie damit heraus, bevor überhaupt so etwas wie Spannung entstehen kann.»Hast du Mom schon angerufen?«

»Ich hab mit deinem Vater gesprochen. Er sagte, sie würden kommen. Ich musste ihn mit indischem Essen und Theaterkarten bestechen, den alten Schnorrer.« Gram hält Dad für einen verschrobenen, sozial inkompetenten Schmarotzer, der ihrer Meinung nach nur deswegen bei Mom landen konnte, weil diese über die emotionale Widerstandskraft eines neugeborenen Pandababys verfügt.

Womit sie nicht ganz unrecht hat.

Nur gut, dass ich nie wirklich auf meine Eltern angewiesen war. Sie sind fürs Sternegucken und Schuhekaufen da, um den Rest kümmert sich Gram. Wir gehen shoppen, besuchen Restaurants und Museen, unternehmen hammermäßige Ausflüge und lernen berühmte Leute kennen. Einmal hat Gram, nur um meinen Vater zu ärgern, einen ihrer Freunde aus dem Vorstand des örtlichen Planetariums überredet, Jeb und mir eine Privatvorstellung zu geben.

Gram hält immer, was...


Ulrike Köbele, geboren 1982 in Freiburg i. Br., studierte Anglistik/Amerikanistik und Geschichte. Nach dem Studium absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin und war danach einige Zeit als Kinder- und Jugendbuchlektorin tätig. Seit 2011 arbeitet sie als freie Lektorin und Übersetzerin.



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