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E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Finke Citizen Science

Das unterschätzte Wissen der Laien
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86581-638-2
Verlag: oekom
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection

Das unterschätzte Wissen der Laien

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-86581-638-2
Verlag: oekom
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection



Charles Darwin und Gregor Mendel gelten zu Recht als herausragende Figuren der Wissenschaftsgeschichte. Sie waren auf ihren Gebieten Amateure, keine Berufsforscher im heutigen Sinne. Was sie antrieb, war eine unstillbare Neugier, die auch heute noch vielen Laien zu Eigen ist und in leidenschaftlich gepflegten Hobbys und ehrenamtlicher Forschung in vielen Problemfeldern der Zivilgesellschaft ihren Ausdruck findet. Doch Wissenschaft und Forschung gelten mittlerweile als Privileg der Profis, das oftmals lebensnähere Wirken der Laien als zweitklassig. Dabei sind ihre Leistungen bedeutsamer denn je: das Jahrhundertprojekt Wikipedia wäre ohne Citizen Science undenkbar und auch erfolgreiches bürgerschaftliches Engagement kommt ohne fundierte Sachkenntnisse nicht aus. Peter Finke legt die erste Einführung in die Ideenwelt von Citizen Science vor und lädt ein, die unterschätzte Welt der Wissensbürger zu entdecken. Sein Fazit: Wenn wir wirklich eine Wissensgesellschaft werden wollen, müssen wir unsere akademischen und politischen Maßstäbe neu justieren.

Peter Finke war 25 Jahre lang als Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld tätig, ehe er aus Protest gegen die Hochschulpolitik freiwillig vor der Pensionsgrenze aus dem regulären Dienst ausschied. Er gilt als der führende Experte für Citizen Science im deutschsprachigen Raum. Ervin Laszlo ist der international hoch angesehene Präsident des Club of Budapest.
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Weitere Infos & Material


1;Citizen Science – Wissenschaft für die Bürger einer Welt im Wandel;1
2;Inhalt;5
3;Vorwort;7
4;TEIL I: Die Expedition, oder: Laien sind nicht dumm ;11
4.1;Der Status quo: Eine Ausgangslage mit manchen Lücken;13
4.2;Alte und neue Wurzeln von Citizen Science;25
4.3;Zwei Philosophen als Wegbereiter;29
4.4;Citizen Science: Der Begriff und seine Pole;36
4.5;Das Korsett der Pro.s: Institutionalisierung und Ökonomisierung;46
5;TEIL II: Der Apfelbaum, oder: Lebensnähe als Prinzip ;57
5.1;Veränderte Perspektiven: Auch Wissen geht vom Volk aus;59
5.2;Die lebensnahe Wissenschaft ist nicht überholt;81
5.3;Eine Abwägung von Chancen und Risiken;106
6;TEIL III: Das Gebäude, oder: Das Wissen der freien Bürger ;113
6.1;Komplexe Wissensfelder und Motive;115
6.2;Vom Hobby zur Wissenschaft: Die privaten Motive;120
6.3;Bürgerschaftliches Engagement: Das zentrale Motiv;126
6.4;Neue Medien: Information ist noch kein Wissen;149
6.5;Sprachprobleme: Citizen Science kommuniziert anders;155
6.6;Akteure: Wutbürger sind Wissensbürger;159
6.7;Schnittstellen: Wissenschaft im Dialog;164
6.8;Förderung: Zwei unterschiedliche Strategien;172
6.9;Geld: Warum das Ehrenamt nichts mit Kostenlosigkeit zu tun hat;175
7;TEIL IV: Die Pyramide, oder: Der schwierige Weg in eine zukunftsfähige Gesellschaft;183
7.1;Wissenschaftswandel: Es geht um Wahrheit, nicht um Macht;185
7.2;Politikwandel: Das demokratische Bildungsgebot ist nicht erfüllt;192
7.3;Kulturwandel: Wir erreichen die notwendigen Veränderungen nur mit Citizen Science;201
8;Zusammenfassung;207
9;Nachwort von Ervin Laszlo - Citizen Science – Wissenschaft für die Bürger einer Welt im Wandel;211
10;Anmerkungen;217
11;Literatur;234
12;Hinweise auf weiterführende Informationen;237
13;Maßnahmen zur Förderung von Citizen Science;239


Teil II
Der Apfelbaum,
oder:
Lebensnähe als Prinzip
Im zweiten Teil des Buches geht es darum, die Besonderheiten von Citizen Science als Basisbereich der Wissenschaft genauer kennenzulernen. Die Metapher eines Apfelbaums mit einer Leiter kann die Zusammenhänge erhellen: Die Leiter ermöglicht es uns, viele hoch hängende Wissensfrüchte zu ernten, aber für viele, ebenfalls schöne und reife Früchte ist sie gar nicht nötig oder allenfalls ihre unteren Sprossen.
Wir erfahren immer neue Varianten und zusätzliche Spezialitäten über Wissenschaft, wenn wir uns die hohe, professionelle Wissenschaft ansehen. Citizen Science spielt sich jedenfalls im Wesentlichen weiter unten ab, auf dem Erdboden oder in geringer Fallhöhe.
Grundsätzlich bedeutet das, im anschaulichen, erfahrungsnahen Raum zu bleiben und das, was man nicht erreichen kann, auch nicht unbedingt anzustreben. Wer mehr will, was natürlich legitim ist, muss hinzulernen. Den Profis bleibt aller Raum, den sie nach oben benötigen; die Leiter steht bereit und ist nach oben offen. Der Verzicht auf das Erklimmen ihrer hohen Sprossen wird aber durch einen Gewinn an Lebensnähe und Bodenhaftung kompensiert. Um Konkurrenz oder Prestige geht es nicht.
Was sind also die Besonderheiten, Methoden und Aufgaben, Stärken und Schwächen sowie die Risiken von Citizen Science?

Veränderte Perspektiven: Auch Wissen geht vom Volk aus


Inzwischen ist Helmut Mensendiek seit langem pensioniert. Zuvor war er Verwaltungsangestellter im Katasteramt einer Großstadt. Er hat nie studiert und war doch lange Zeit der führende Kopf bei der Kartierung der ökologisch wertvollen Biotope in der Region. Als Leiter einer von ihm gegründeten Arbeitsgemeinschaft zog er mit seinem Programm und seinem intuitivem Verständnis von Ökologie viele mitarbeitswillige Menschen an, darunter Studenten und Universitätsprofessoren. Sie bekamen hier die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten in den Dienst einer Sache zu stellen, die eines Anschubs ehrenamtlicher Sachkenner bedurfte, weil die Trägheit und Hilflosigkeit der damals zuständigen Verwaltungsabteilungen unübersehbar war. Helmut Mensendiek, der kein Wissenschaftler war und doch als solcher verantwortlich und erfolgreich handelte, ist eine der bescheidenen Leitfiguren einer Bewegung, die sich aufgemacht hat, die Wissenschaftswelt zu verändern.
Das am meisten verbreitete Bild von Wissenschaft ist sehr stark von der professionellen Wissenschaft geprägt. Ihre Absonderung in eigenständigen Institutionen (»Universitätscampus«), durch schwer vermittelbare Fachsprachen (»Soziologenchinesisch«) und seltene, prestigeträchtige Markenzeichen (»Nobelpreis«) hat dazu beigetragen, das alte Bild vom Elfenbeinturm trotz aller Neubauten in Beton bis heute lebendig zu erhalten. Zwar hat dieses Bild eine lange Tradition und ist deshalb von Dauer, doch leben wir in einer durch und durch von Medienrücksichten geprägten Zeit. Diese braucht »Public Science«, Formen der öffentlichen Vermittlung von Wissenschaft, die für ein schlecht informiertes allgemeines Publikum geeignet sind. Insbesondere das Fernsehen hat deshalb ein neues, populäres Sendeformat für die Darstellung von Wissenschaft ins Leben gerufen: die Wissenschaftsshow. Bestimmte Disziplinen eignen sich für das Format eher als andere, einige hingegen kommen nie vor. Auch außerhalb des Massenmediums ist diese Form der Selbstdarstellung von Wissenschaft inzwischen zu einer äußerst beliebten Präsentationsoption geworden, die vielen Menschen vermittelt, was Wissenschaft ist und leisten kann. »Science Events« und »Fame Labs« haben Konjunktur. Zwischen den Extremen Elfenbeinturm und Show changiert ein Wissenschaftsbild in der heutigen Gesellschaft, welches das wahre Geschehen weitgehend ausschließt. Zwei verzerrte Extrembilder bestimmen die Vorstellungen eines Großteils der Bevölkerung: die oft abstrakte, eher unansehnliche Realität kommt faktisch kaum vor, die Welt um Citizen Science schon gar nicht. Die Helden einer mediengerechten Wissenschaft sind Stars ganz eigener Art, die aus der normalen Reihe der Zeitgenossen herausfallen.
Die Wissenschaftsforschung orientiert sich natürlich nicht an solchen Zerrbildern, aber auch für sie ist das Musterbild von Wissenschaft nicht Citizen Science.
Die empirische Wissenschaftsforschung identifiziert Wissenschaft weitgehend mit den Institutionen, in denen sie betrieben wird, mit den Personen, die dort vertreten sind, und ihren Berufen, und mit den Methoden und Regeln, denen sie dabei folgen. Universitäten und Forschungsinstitute, Professoren und Studenten, Paradigmen, Denkschulen und argumentativer Meinungsstreit sind die Kennzeichen dieser Wissenschaft. Aber auch die tatsächliche Lage der Rahmenbedingungen, unter denen professionelle Wissenschaft stattfindet, wird beschrieben, günstige und ungünstige Verhältnisse, hilfreiche Unterstützungsmechanismen und Störfaktoren des Betriebs.
Die theoretische Wissenschaftsforschung hingegen konzentriert sich eher auf die erkenntnisphilosophischen Strukturen, die vorliegen müssen, damit man von Wissenschaft sprechen kann. Sie beschreibt die Logik der Forschung, ihre Erklärungsmuster, die Form ihrer Theorien und Methoden, die Sprache der Forschung sowie ihre Bemühungen um Erkenntnisfortschritte.51 Aber auch sie sieht ihr Objekt fast ausschließlich in der akademischen Wissenschaft. Eines ihrer zentralen Probleme, die Frage nach der Struktur wissenschaftlicher Theorien und Erklärungen, ist immer mehr zum Demonstrationsfeld der idealen und maximalen Möglichkeiten von Wissenschaft geworden. Es wird kaum mehr betont, was Wissenschaft und Alltag miteinander verbindet: Es sind die ersten, die einfachen Schritte, die zeigen, dass Wissenschaft im normalen Leben der Bürger beginnt, mit dem Wissen der Laien.
Der theoretische und der empirische Zugang zum Thema Wissenschaft sind seit einigen Jahrzehnten immer mehr aufeinander zugewachsen. Heute bilden die Wissenssoziologie und die Wissenschaftstheorie schon manchmal eine Melange aus empirischen und theoretischen Teilen einer mehr oder weniger homogenen Wissenschaftsforschung. Homogen auch darin, dass sie eine gemeinsame Schwerpunktsetzung vornehmen: Die professionelle Wissenschaft ist das Maß aller Dinge, aber ihre Verbindung zum gewöhnlichen Leben gerät aus dem Blick.
Diese verbreitete Sichtweise von Wissenschaft enthält jedoch einen Fehler: Angesichts des beeindruckenden Methodenarsenals der Profis unterbewertet sie die Rolle, welche auch Laien in Wissen und Wissenschaft spielen können. Denn nicht die Insignien der Profiwissenschaft, sondern Wissen ist der wichtigste Rohstoff und Baustein jeglicher Wissenschaft. Und das ist jedermann zugänglich. Das einfache, grundlegende Wissen ist nicht weniger wert als das komplexe, raffinierte. Im Gegenteil: Es ist fundamental. Auch Wissen geht vom Volk aus.
Hier soll nicht der Begriff des Wissens definiert werden; daran sind schon viele Philosophen gescheitert. Wissen sei »wahre Meinung«, lässt Platon zum Beispiel den Theätet sagen, aber wenn es so wäre, dürfte sich nicht immer wieder herausstellen, dass etwas, das lange für wahr gehalten wurde, doch nicht wahr ist. »Für wahr gehaltene Meinung« käme der Sache schon näher, aber auch das müsste man im Detail erläutern. Darum geht es hier nicht.52 Wir müssen nur darin übereinstimmen, dass Menschen wissensfähige und wissenschaftsfähige Wesen sind, und dass auch das sogenannte Alltagswissen (»kaltes, ziemlich weiches Wasser«) kein anderes, besseres oder schlechteres Wissen ist als das bisweilen komplizierte und abstrakte Spezialwissen (»H2O + Mineralspuren, Temperatur 7,2 °C, pH-Wert 6,8, Härte KH 2,1 und GH 8,5, Leitfähigkeit 105 Mikrosiemens/cm«).
Wie auch immer eine philosophische Wissensdefinition aussehen könnte, sie muss beides umfassen: nicht nur die Betonung der notwendigen Fähigkeiten und Methoden, sondern auch die Rehabilitierung des normalen Alltagswissens. Die Erkenntnis, dass die Rolle des Letzteren bedeutend ist, wird durch die mangelnde Unterscheidung zwischen Tatsachenwissen und Handlungswissen erschwert. In gewisser Weise sucht Professional Science vor allem nach Tatsachenwissen, Citizen Science aber nach Handlungswissen. Handlungswissen jedoch ist Tatsachenwissen, das wir für unser tagtägliches Handeln brauchen. Unser Alltagswissen besteht also zum größten Teil daraus: Wissen, das genau und konkret genug ist, um uns bei unseren Alltagsentscheidungen anzuleiten. Abstraktheit ist hier wenig hilfreich, übergroße Genauigkeit ebenfalls. Nicht fachspezifisches Faktenwissen, das oft ein Bücherwissen bleibt, wird hier gebraucht, sondern lebensnahes Handlungswissen, das wir alle als Laien suchen, vervollkommnen und nutzen möchten.
»Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus« lautet Satz 2 des § 20 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Ähnlich steht es in den Verfassungen anderer demokratischer Staaten. Der Volkssouverän ist aber auch ein Wissenssouverän; er ist Quell- und Anwendungsort des Alltagswissens, das wir als Bürger zum Leben benötigen. In ihm mischen sich individuelle und soziale Erfahrungen zu einem umfangreichen Wissenskorpus, zu dem der Einzelne sowie die Institutionen der Gemeinschaft auf unterschiedliche Weise beitragen und Zugang haben. Diesen Zugang möglichst einfach und für alle gleich zu gestalten ist eine staatliche Aufgabe in einer Demokratie. Sie nimmt diese Aufgabe ernst, wenn sie ihre Bürger und deren Wissen ernst nimmt. Wir können sie deshalb »Wissensbürger« nennen. Dies ist die epistemische und zugleich demokratische Basis von Citizen Science.53
Wenn aber Wissen etwas ist, das...


Peter Finke war 25 Jahre lang als Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld tätig, ehe er aus Protest gegen die Hochschulpolitik freiwillig vor der Pensionsgrenze aus dem regulären Dienst ausschied. Er gilt als der führende Experte für Citizen Science im deutschsprachigen Raum. Ervin Laszlo ist der international hoch angesehene Präsident des Club of Budapest.



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