E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Fink Zu Gast beim König der Zeit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-6984-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gestalten aus Folklore, Geschichte und Literatur. Ein Spaziergang durch Europas Erzählwelten
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-8192-6984-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hans Fink (geboren 1942 in Temeschburg/Timisoara, Rumänien) ist ein rumäniendeutscher Journalist und Publizist. Er studierte Germanistik und Rumänistik und arbeitete viele Jahre als Journalist in Bukarest. Seine Themenfelder waren Unterricht und Erziehung.
Autoren/Hrsg.
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Zweite Einführung:
Die ungleichen Stiefschwestern
Ähnlich den Märchen von der Buschschule waren die Märchen „vom guten und vom schlechten Mädchen“ (AT 480) einst weit verbreitet – ihr Verbreitungsgebiet reichte vom Atlantischen Ozean bis zum Stillen Ozean und dehnte sich nach der Entdeckung der Neuen Welt auf Lateinamerika aus. Die Erklärung für den Erfolg des Märchentypus liegt in der gemeinverständlichen pädagogischen Aussage. Er umfasst eine Unmenge von Texten. Bei aller Verschiedenheit der Einzelheiten weist ihre Fabel eine einfache Struktur auf: Zwei Personen werden nacheinander mit denselben Umständen, mit denselben Aufgaben konfrontiert – die eine verhält sich richtig und wird belohnt, die andere verhält sich falsch und wird bestraft. Die positive Heldin … ist höflich, barmherzig, hilfsbereit, fleißig und bescheiden, die negative ist in allem ihr Gegenteil, manchmal auch eine Betrügerin. Zuweilen ist die Anweisung des jeweiligen Dienstherrn widersinnig, um das Mädchen zu prüfen, und die positive Heldin ist verständig genug, sie nicht zu befolgen bzw. das Gegenteil zu tun.
Bei den Protagonisten handelt es sich gewöhnlich, aber nicht immer, um zwei Stiefschwestern. Im schlesischen Märchen „Tones und Hans“46 sind es zwei Brüder, ebenso im slowakischen Märchen „Der König der Zeit“47, im griechischen Märchen „Die Katzen“48 sind es zwei benachbarte Frauen, und es gibt noch mehr Kombinationen.
Die Instanz, die das gute Mädchen belohnt bzw. das schlechte bestraft, ist eine jenseitige Gestalt. Die Jenseitsgestalten sind von Märchen zu Märchen verschieden, ein wahres Panoptikum, das gilt für Europa und trifft auch auf Asien und Afrika zu. Beginnen wir mit Europa. Als Jenseitsgestalten treten auf: eine alte Frau oder ein alter Mann – Frau Holle – die Baba Jaga – eine Hexe oder ein Zauberer – eine Fee – eine Nixe, Nymphe oder Vila – eine Riesin oder ein Riese – ein Männlein, Zwerg oder Erdmännchen – ein wilder Mann oder der Thürschemann – ein Trollweib oder ein Troll – ein Drache – die Mammadràa (d.h. Drachenmutter, spezifisch für Sizilien) – dankbare Tiere – der Wind – die Jahreszeiten bzw. die Monate und der König der Zeit – die Geister der zwölf Nächte (genannt Lykokantzaren, spezifisch für Griechenland) – ein alter kranker Mann im Himmel – ein Schneedämon – ein Totenkopf.
Nach der Verbreitung des Christentums wurden die heidnischen Jenseitsgestalten durch Gestalten der christlichen Legende ersetzt: durch Gottvater, Christus, die Himmelskönigin, durch Heilige und Apostel.
Werfen wir einen Blick auf Asien und Afrika. In Syrien ist die Jenseitsgestalt eine Ghula (Die Stiefmutter49) – in Georgien die Mutter eines Dews (Das Lumpenmägdlein50) – in Persien ein Dîw (Stirnmöndlein51) – in Indonesien eine Riesin (Weißzwiebelchen und Rotzwiebelchen52). – Bei den berberischen Bewohnern Nordwest-Algeriens ist es Fricha, die Tochter des Glücks (Fricha und die beiden kleinen Mädchen53) – bei den Wolof in Senegal Ginneh, eine Art Fee (Hammat und Mandiaye54) – bei den Kpelle in Liberia ein Krokodil (Die Tochter der guten und die der eifersüchtigen Frau55) oder ein Waldteufel (Das Kind der guten und das der eifersüchtigen Frau56) – bei den Yoruba in Nigeria ein Geist aus dem Totenreich (Die Palmölverkäuferin57) – bei den Dschugga-Negern im Gebiet des Kilimandscharo die Geisteralte (Die Pforten der Unterwelt58) – in Lesotho der Flusskönig, d.h. ein Krokodil59.
Bei den Arakanesen in Burma erscheint in dieser Funktion eine Schar weißer Krähen (Das Dorf der weißen Krähen60).
Der US-amerikanische Folklorist Warren Everett Roberts (19241999) hat 600 Varianten des Typus AT 480 untersucht und die Akteure, ihr Verhältnis zueinander, ihre Motivation, ihre Aufgaben, die Belohnungen und Strafen etc. in einem klassisch gewordenen Werk systematisch geordnet, es heißt „The Tale oft the Kind and the Unkind Girls. Aa-Th 480 and related Tales“ [Das Märchen vom guten und vom schlechten Mädchen. Aa-Th 480 und verwandte Märchen] und wurde 1958 beim Verlag de Gruyter in Westberlin veröffentlicht.
Im Zentrum Europas hat sich die ursprüngliche Fabel, bei der das gute Mädchen von der Jenseitsgestalt mit einem Glückwunsch entlassen wurde, aus mir unbekannten Gründen weiterentwickelt. Im slowakischen Märchen „Goldmarie“61 soll das gute Mädchen elf Zimmer fegen, aber das zwölfte nicht betreten. Es entdeckt im zwölften Zimmer eine Tonne mit Gold, badet in dieser Tonne und muss dann flüchten. Ähnlich im niedersächsischen Märchen „Die böse Stiefmutter“62 und im siebenbürgisch-sächsischen Märchen „Die beiden Mädchen und die Hexe“63. Auch in einem Alpenmärchen aus Lundenburg an der niederösterreichischmährischen Grenze – „Die zwei Schwestern“64 – muss das gute Mädchen fliehen, weil es heimlich die in den Töpfen eingesperrten armen Seelen entlassen hat. Die Brüder Grimm zitieren in ihren Originalanmerkungen eine vergleichbare Fassung aus der Schwalm-Gegend. Hier geht das gutmütige Mädchen gleich in die Kammer, wo alles voll von goldenen Sachen ist, zieht ein goldenes Kleid an und flieht damit.65
In Mitteleuropa verbreitet ist die Variante mit der Stieftochter, die zur Winterzeit erst um Veilchen, dann um Erdbeeren, dann um Äpfel in den Wald geschickt wird. Dort trifft sie zwölf Männer, die um ein Feuer sitzen, das sind die zwölf Monate. Ihr zuliebe tauschen sie die Plätze, erst nimmt der März, dann der Juni, dann einer der älteren Monate den Vorsitz ein, und das Mädchen kann seinen Korb mit Veilchen, mit Erdbeeren bzw. mit Äpfeln füllen.66 Aber es gibt auch andere Varianten. Bei der im Folgenden zitierten sind die Protagonisten zwei ungleiche Brüder: ein reicher, gottloser, und ein armer, rechtschaffener, der in seiner Verzweiflung, nachdem jener ihm die Tür gewiesen hat, als er um ein Stück Brot bat, zum Glasberg wandert, wo angeblich ohne Unterlass ein Feuer brennt.
Schon von weitem sah er auf dem Glasberg ein mächtiges Feuer brennen, und rund um das Feuer saßen zwölf Männer. Als er die Männer bemerkte, hielt er an, denn er wusste nicht, ob sie böse oder gut waren. Was sollst du dich fürchten, dachte er, auch dort ist der liebe Gott mit dir. Und so ging er schnurstracks aufs Feuer zu. Wie er nun hinkam, blieb er stehen, verbeugte sich, grüßte und bat: „Liebe Leute, habt Erbarmen mit mir, ich bin ein armer Mensch, niemand sieht sich nach mir um, ich habe nicht einmal ein Feuer. Erlaubt mir, daß ich mich bei eurem Feuer wärme.“ Die Männer blickten ihn an, und einer von ihnen sprach mit ernster Stimme: „Setze dich, mein Sohn, zu uns und wärme dich bei einem von uns.“ Er setzte sich zu ihnen, wärmte sich an ihrem Feuer, doch da sie alle schwiegen, hatte er nicht den Mut, etwas zu sagen. Aber er bemerkte wohl, daß sie der Reihe nach ihre Plätze wechselten; so kamen sie rings um das Feuer, und als jeder wieder auf demselben Platz saß, auf dem er vorher gesessen hatte, als der Arme gekommen war, da erhob sich inmitten des Feuers ein alter Mann mit einem weißen Bart und einem kahlen Kopf und sprach zu dem Armen: „Lieber Mann, vergeude da nicht dein Leben, sondern gehe heim, sei fleißig und nähre dich tapfer. Nimm von dieser Kohle, wir verbrauchen sie doch alle.“ Nach diesen Worten verschwand der Alte. Die zwölf erhoben sich von ihren Sitzen, füllten dem Armen einen Sack voller Kohle, hoben ihn auf dessen Schulter und befahlen ihm, nach Hause zu gehen. Der Arme bedankte sich schön, doch bei sich dachte er, ob die Kohlen ihm den Sack nicht durchbrennen würden und wie er sie am besten nach Hause brächte; aber er fühlte keine Hitze, und die Last war ihm so leicht, als hätte er Federn geladen. Er freute sich, daß er nun wenigstens eine warme Hütte, wenn schon nichts anderes, haben würde. Kaum war er zu Hause angelangt, schüttelte er die Kohlen neben den Herd; doch welch Wunder! Jedes Kohlenstück, jeder Funken verwandelte sich sogleich in ein Goldstück! Der Arme wusste vor Freude nicht, was er tun sollte, er glaubte seinen Augen nicht, daß ihm all dieser Reichtum gehören sollte. Im Stillen dankte er den guten Leuten, die ihn von aller Not befreit hatten.67
44 Fata cu frate cerb (AT 403). In: B. P. HASDEU: Literatura populara. S. 238-241, hier S. 241.
45 Iwan Hatnichtsan und sein Bruder. In: DAS FLIEGENDE SCHIFF. S. 269-286, hier S. 269-270.
46 Tones und Hans (AT 480). In: WILL-ERICH PEUCKERT (Hg.): Schlesische Kinder- und Hausmärchen. S....