Finckh / Kirchner / Sondermann | Escape | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

Finckh / Kirchner / Sondermann Escape

Die Flucht nach Costa Rica
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-2194-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Flucht nach Costa Rica

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

ISBN: 978-3-7431-2194-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die MS Pavia, ein zum Passagierschiff umgebauter Bananenfrachter, verlässt den Hamburger Hafen in Richtung Costa Rica. An Bord befinden sich unter anderem ein sinnenfreudiger Jesuitenpater, ein undurchsichtiger sudanesischer Journalist, ein Erster Offizier mit einem mysteriösen Auftrag, ein verzweifelter Blinder Passagier und eine junge Mutter, die für ihr Kind ein großes Wagnis eingeht. Wenig verbindet diese Menschen zunächst, außer der Flucht aus einem alten und der Hoffnung auf ein neues Leben. Doch bald häufen sich dramatische Ereignisse und die Reisenden lernen einander notgedrungen näher kennen. Der Roman entstand als experimentelles Gemeinschaftsprojekt von zehn Autoren aus der Schreibwerkstatt der Universität des Dritten Lebensalters (UdL) Göttingen.

Dr. Ruth Finckh ist Lehrbeauftragte der Universität des Dritten Lebensalters in Göttingen. In den Seminaren der promovierten Germanistin wird nicht nur klassische und moderne Literatur gelesen und interpretiert, in der Schreibwerkstatt probieren sich die Studenten auch aus.
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AnnaBelloumi (alias García) und Karima, 13. Februar


„Mama, der Mann mit dem Hut ist auch hier in diesem Hotel. Er ist gerade weggegangen.“ „Wie, welcher … etwa der aus dem Zug letzte Nacht?“ „Ja, der mit dem komischen Hut. Jetzt hatte er ihn auch wieder fast auf der Nase sitzen. Warum guckst du so? Der tut uns doch nichts. Oder doch?“

„Nein, keiner tut uns was. Aber hat er dich gesehen?“ „Nein, glaub ich nicht. Er ging doch gerade raus, als ich die Zeitung geholt hab. Hier!“

Wieso war dieser merkwürdige Mann in dem großen Hamburg ausgerechnet im gleichen Hotel wie sie abgestiegen? Er hatte schon in Göttingen den gleichen Zug genommen wie sie und ihre kleine Tochter. Klar, das konnte ein Zufall sein. Oder hatte er sie schon in Göttingen beschattet und sie hatte nur nichts bemerkt?

Sie wünschte, Pablo wäre jetzt bei ihnen. Na gut, ging nun mal nicht. Sie würde die Sache auch ohne ihn durchziehen können. Hauptsache, der Hutmensch war kein Detektiv.

Sie hatte schon schwierigere Situationen erlebt. Blöd war im Moment eigentlich nur die Sache mit den Leuten von . Pablo hatte alles im Voraus mit denen geklärt, aber jetzt plötzlich machten die hier Zicken. Sie wollten doch lieber kein Kind an Bord haben, das hatten sie ihm gestern Abend gemailt. Diese Arschlöcher. Sie musste doch unbedingt mit dem Kind so schnell wie möglich nach Costa Rica, und fliegen ging nun mal nicht, bei den vielen Kontrollen und so. Nach dem Mittagessen würde sie heute persönlich bei denen vorsprechen müssen. Ihr mädchenhafter Charme hatte ihr schon oft geholfen. Und gerade die Tatsache, dass sie so jung wirkte und doch schon ein Kind hatte und dass sie eine sanfte und heitere Mutter war, machte manche Männer ziemlich wehrlos. Mal sehen, ob sie etwas ausrichten konnte.

Beim Essen maulte Karima. Das Gemüse schmeckte ihr nicht so gut wie in Frankreich. Und sie wollte nun endlich wissen, wie das alles mit dem Papa abgesprochen war und wann sie ihn wiedersehen würde. Ach, und dann fiel ihr ein, dass Maurice aus ihrer Klasse in der übernächsten Woche Geburtstag hatte und dass sie eingeladen war und noch kein Geschenk hatte. Wo sollte sie das denn kaufen? In diesem Kotzarika oder wie das hieß, oder danach in Göttingen, oder erst bei der Rückkehr nach Strasbourg? Anna versprach ihrer Tochter, ihr alles ganz genau mit ihr zu besprechen, sobald sie endlich auf dem Schiff wären und Zeit und Ruhe dafür hätten.

Jetzt musste sie sich erst einmal fertig machen für den Besuch bei den Kotzbrocken, den mutmaßlichen, die diese Reise organisierten. Jeans und T-Shirt wie sonst immer – das ging offensichtlich gar nicht. Pablo hatte ihr beim letzten Skypen noch einmal deutlich gemacht, dass die Passagiere auf dem Schiff keine armen Leute sein würden. Und dass sie als seine zukünftige Frau es ja auch nicht nötig hätte, so nachlässig wie bisher umherzulaufen. Daher hatte sie also in Göttingen schon vor ihrer Blitzreise nach Frankreich ein paar Klamotten zum Aufbrezeln gekauft und war gerüstet. Das war schon schön, was sie nun im Spiegel sah, als sie sich fertig gemacht hatte! Solch ein gelegentliches Verkleiden hatte ihr schon immer gefallen, wie ein kleines Abenteuer. Es durfte nur nicht zur Gewohnheit werden, egal, wie viel Geld ihr zur Verfügung stehen würde. Pablo hatte ihr versprechen müssen, er würde nie versuchen, sie in einen goldenen Käfig zu sperren.

Für Karima hatte sie vorher auch Kleidung kaufen müssen, denn das Kind trug gestern ja nur die Schulsachen und konnte nichts weiter mitnehmen. Die meisten alten Kleidungsstücke, die damals in Göttingen zurückgeblieben waren, passten ihr jetzt natürlich nicht mehr.

Wegen des unangenehmen Schmuddelwetters fuhren sie im Taxi zu dem Bürohaus, in dem die ihren Sitz hatte. Anna hatte gestern am Telefon gemeinsam mit Pablo Argumente zusammengetragen und war nun entschlossen, sich durchzusetzen.

Jedoch: „Ah, Frau Belloumi, schön, dass Sie da sind. Jetzt können wir auch das kleine Missverständnis von gestern ausräumen.“ Anna bekam einen Kaffee angeboten, Karima einen Apfelsaft. „Wissen Sie, unsere Passagierliste war bereits ausgebucht, wir hätten Sie beide gar nicht mehr adäquat unterbringen können. Aber dann fügte es sich noch in der vergangenen Nacht, dass ein Passagier plötzlich absprang und seine Kabine frei wurde. Ich freue mich mit Ihnen, dass dieses Problem so leicht gelöst werden konnte! Ich soll Sie übrigens von Herrn Gutiérrez aus Puerto Limón grüßen, der anscheinend mit Ihrem künftigen Mann gut bekannt ist!“

Anna bedankte sich sanft und zurückhaltend. Von einem Gutiérrez hatte sie nie gehört, aber machte ja nichts, Pablo hatte ihn anscheinend sehr gut einsetzen können.

Sie sollte nun eine Etage tiefer in ein anderes Büro gehen und mit der Sekretärin alle Formalitäten regeln.

Diese Frau war nicht ganz so geschmeidig wie ihr Chef. „Belloumi heißen Sie? Es gab mal einen Fußballer, aber der war so was wie ein Araber. Sie sind doch wohl nicht auch… Also auf der Passagierliste macht sich das nicht so besonders gut, besonders jetzt mit den ganzen Islamisten, und dann noch der Vorname des Kindes. Karima! Besser, Sie halten sich ein wenig zurück auf dem Schiff.“ Anna sagte der Frau nicht, was sie von ihr hielt, machte alle nötigen Angaben, erhielt die Tickets und wandte sich zum Gehen. Da fiel der Sekretärin eine Lösung für den Umgang mit den anscheinend empfindsamen Passagieren ein: Annas algerischer Nachname sollte nur auf den offiziellen Listen für die Behörden erscheinen, auf dem Schiff jedoch sollte sie unter dem spanischen Namen ihres künftigen Mannes geführt werden. García also. Anna lächelte spöttisch und erklärte sich einverstanden. Noch auf der Treppe fiel ihr ein, dass diese Regelung überhaupt völlig in ihrem Interesse war!

Das Schiff sollte erst in drei Tagen ablegen. Sie hatte also noch Zeit, ein paar Dinge einzukaufen, zum Beispiel die „richtige“ Kinderzahnpasta für Karima, nämlich die, die nach Himbeere schmeckt. Aber andererseits bedeutete es auch, drei Tage lang sehr vorsichtig und möglichst unsichtbar zu sein. Und das auch noch ihrem Kind annehmbar zu machen, ohne zu viel zu verraten! Karima hätte die Wahrheit noch nicht ertragen und bestimmt große Schwierigkeiten gemacht.

Sie kauften sich Leckeres zu essen und zu trinken für den Abend, den sie im warmen Bett gemütlich vor dem Fernseher verbringen wollten. Karima war schon den ganzen Tag lang sehr unausgeglichen gewesen, teils nachdenklich, teils besonders anhänglich, teils gereizt. Jetzt kuschelte sie sich in den Arm ihrer Mutter. „Mama“, sagte sie nach einer Weile, „du bist so schmusig! Der Papa ist ja auch immer lieb, er nimmt mich auch in den Arm, aber du bist so schön weich. Ach Mama, ich hab dich so vermisst, ich habe zuerst ganz oft geweint.“ Anna versuchte, ihre eigenen Tränen zurückzuhalten. „Ich doch auch, mein Mäuschen, ich auch, du hast mir ja so schrecklich gefehlt.“

Karima flüsterte: „Mama, bist du verrückt? Papa sagt, du wärst schon immer etwas verrückt gewesen, aber als du mich dann nicht mehr haben wolltest, wärst du richtig verrückt geworden.“ „Kind, was sagst du denn da? Wie konnte er dir denn sagen, ich wollte dich nicht mehr haben? Du weißt doch bestimmt noch, wie er dich damals vom Kindergarten abgeholt hatte, und dann wart ihr einfach verschwunden. Ich habe das ganze Jahr nach dir gesucht, mit der Polizei und einem Rechtsanwalt und einem Detektiv und mit Anzeigen in der Zeitung. Und Pablo hat mir die ganze Zeit dabei geholfen. Der Detektiv hat euch dann Gott sei Dank gefunden, sogar deine Schule, wo ich dich dann abgeholt habe.“

Karima setzte sich plötzlich ruckartig im Bett auf. „Mama!“ rief sie mit zittriger Stimme. „Mama! Du hast – ich glaube – du hast gar nicht mit Papa geredet! Du hast mich gestern einfach von ihm weggenommen! Darum habe ich meine Sachen nicht mit. Er weiß überhaupt nichts davon.“ Ihre Stimme war immer lauter geworden. „Er sucht mich jetzt bestimmt. Mama!“ Sie schubste Anna von sich weg. „Wir machen jetzt gar keine kurze Reise mit dem Schiff, stimmt’s?“

Oh Gott, schon war es passiert, ihr Kind hatte verstanden! Sie wollte Karima in den Arm nehmen, wurde jedoch wieder zurückgestoßen. Sie weinten beide. Was für eine Verzweiflung!

Natürlich hatte Anna gewusst, dass Karima sehr an ihrem Vater hing und er an ihr. Sie hätte auch daran denken und nachfühlen können, dass das Kind nun zum zweiten Mal hintergangen und belogen und entwurzelt wurde. Bei den ganzen organisatorischen Problemen hatte sie das jedoch nicht so genau überlegen wollen, denn was wäre die Alternative gewesen? Für immer auf ihr Kind zu verzichten? Nein, dann wäre sie lieber gestorben.

„Kinder vergessen schnell“, hatte ihre eigene Oma immer gesagt, wenn sie, Anna, von anderen Menschen bemitleidet wurde, weil ihre Eltern sie als Kleinkind abgegeben hatten und dann für immer verschwunden waren. Anna wusste sehr wohl, dass das ein unsensibler und durchweg falscher Schnack ihrer Großmutter gewesen war. Sie erinnerte sich jedenfalls an Vieles in ihrer Kindheit, auch an die häufigen Schläge, die sie von den Großeltern erhalten hatte. Dieser Spruch konnte wahrlich kein Trost sein.

Nach einer Weile hatte Karima sich wieder in die Arme ihrer Mutter zurückgeschluchzt. Sie war so erschöpft von dieser großen Aufregung, dass sie Annas Vorschlag annahm, alle nun aufkommenden Fragen am nächsten Morgen zu besprechen und erst einmal zu schlafen.

Anna jedoch konnte lange nicht einschlafen. Wie...



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