Finckh | Familie | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Finckh Familie

eine Anthologie aus der UDL-Schreibwerkstatt
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-3675-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

eine Anthologie aus der UDL-Schreibwerkstatt

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-7481-3675-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unterschiedlichen Facetten zumThema "Familie" spürt die Anthologie aus der Schreibwerkstatt der UDL in Geschichten, Gedichten und Bildern auf. Die Verfasser gehören verschiedenen Generationen an und haben teilweise in altersübergreifenden Teams gemeinsame Entwürfe gestaltet. Die literarischen Texte werden ergänzt durch Bilder verschiedener Künstlerinnen, insbesondere aus der Ateliergemeinschaft Farbenkreis.

Dr. Ruth Finckh ist Lehrbeauftragte der Universität des Dritten Lebensalters in Göttingen. In den Seminaren der promovierten Germanistin wird nicht nur klassische und moderne Literatur gelesen und interpretiert, in der Schreibwerkstatt probieren sich die Studenten auch aus.
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Autoren/Hrsg.


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Helga Margenburg
Das Cello

„Nicht“, schreit Uli verzweifelt, als die Männer das Cello seines Vaters packen. „Nicht das Cello, es gehört meinem Papa!“ Ulis Stimme ist kräftig, obwohl er zierlich und erst sieben Jahre alt ist, sie überschlägt sich fast, doch die beiden Russen, die es zum Fenster schleifen wollen, lachen nur und erklären in gebrochenem Deutsch „Papa weg. Nix wiederkommen.“ Einer der Männer tritt zu ihm und will ihm über das kurzgeschnittene semmelblonde Haar streichen, doch Uli duckt sich unter der groben Hand weg. Diese Hand soll ihn nicht berühren. Keine der fremden Männerhände soll das. Sie haben bereits seine Schwestern und seine Mutter angefasst, er hat es genau gesehen, und außerdem haben sie ihre Möbel angefasst und sein Spielzeug. Alles liegt jetzt unten im Hinterhof des Mietshauses, in dem sie wohnen, auf einem großen Haufen, übereinander und nebeneinander, zerbrochen auf den harten Pflastersteinen.

Einfach hinunter geworfen, aus dem vierten Stock, haben sie all ihre Sachen! Auch das, was seinen älteren Schwestern Inge, Christel und Rosi gehört. Gehört hat. Rosis Farbpalette und Christels Stoffe und die Nähmaschine. Von Inges Sachen kann er nichts entdecken.

Er kann es einfach nicht begreifen. In ihrem Zuhause sollen jetzt diese fremden Menschen wohnen? Nein, er will nicht sehen, was sie angerichtet haben und hält sich die Augen zu. Vielleicht ist alles ja nur ein Albtraum und die Dinge stehen wieder an ihrem Platz, wenn er die Augen öffnet.

Doch als er seine Hände wegnimmt, liegen die Sachen noch immer unten im Hof. Er sieht den kaputten Tisch, der einmal ihr Esstisch war; die Tischplatte haben die Männer zuvor mit einer Axt durchgehauen, damit der Tisch durchs Fenster passte. Auch von Papas Lieblingssessel haben sie die Lehne abgeschlagen. „So eine Gemeinheit“, denkt Uli. Er glaubt, das Geräusch der Axtschläge und des splitternden Holzes noch immer zu hören. Es dringt durch sein Trommelfell hindurch bis in seinen Kopf hinein, wo es sich festkrallt und nie wieder loslassen wird, das weiß er genau.

Zwei kleine Schränkchen liegen da, die Türen stehen offen und hängen schief in den Angeln; da sind auch Papas Bücher und obenauf die zerborstene Spielzeugkiste. Der braune Teppich, der sonst unter dem Tisch lag, hat den Sturz der Holzstühle abgebremst und alle bis auf einen sind heil geblieben, soviel er sehen kann.

Das Bücherregal hängt im Fliederbäumchen und hat die Äste weit heruntergedrückt.

„Der arme Baum“, denkt Uli, er weiß noch, wie die Eltern ihn vor einigen Jahren auf dem schmalen ungepflasterten Streifen des Hofes angepflanzt haben. Das Bäumchen hat sie alle erstaunt, denn trotz des schattigen Standortes reckt es seine Zweige der Sonne entgegen und blüht im Frühjahr hellviolett.

Als die Wohnung fast leer war, haben die Männer ihre eigenen Dinge heraufgeschleppt. Das ist erst heute Morgen gewesen, doch Uli kommt es vor, als habe sich das in einem anderen Leben abgespielt. Da stehen jetzt Lampen und Vasen aus funkelndem Kristall, dicke, glänzende, teils bunt gemusterte Teppiche liegen auf den Holzdielen, so wie er sie einmal in einem Buch aus dem Orient gesehen hat, und gepolsterte Sitzmöbel thronen an der Wand, wo das Regal mit Papas Büchern gestanden hat. Ziemlich teuer sehen die Sachen aus, aber irgendwie passen sie nicht in ihre Wohnung, findet Uli. Trotzdem bewundert er das, was er sieht und fragt sich, woher die Männer all das wohl haben.

Noch immer trampeln die Männer die schmale Stiege hinauf und schleppen weitere Gegenstände an. Vier Leute hat er gezählt. „Die werden mehr Platz haben als wir mit sechs, da kann einer jetzt auch allein schlafen, wie Inge“, überlegt er. Außer dem Esszimmer und der Küche gibt es schließlich drei Schlafräume. Inge als Älteste hat zuletzt ein Zimmer für sich allein gehabt, sie ist ja auch schon sechzehn, denn er schlief in Papas Bett, zusammen mit Mama, solange Papa nicht da war. Christel und Rosi schliefen zusammen, „Gott sei Dank“, denkt er, „die beiden gackern ja ständig wie alberne Hühner.“ Das war oft nicht zum Aushalten.

Ob sie bei Tante Dora wohl jeder ein eigenes Bett bekommen?

Als einer der Männer das Foto von Mamas Bruder, das mit dem schwarzen Trauerflor, von der Wand genommen hat und damit zum Fenster gegangen ist, ist seine Mutter in Tränen ausgebrochen, doch der Russe hat ihr eine Pistole vorgehalten und „Frau Ruhe!“ befohlen.

Statt Onkel Max prangt nun ein prächtiges Gemälde mit Bergen und Wald in einem verschnörkelten goldenen Rahmen an der gleichen Stelle an der Wand.

Noch nie hat Uli seine Mutter weinen sehen, jedenfalls nicht so heftig wie vorhin. Wortlos und unter Schluchzen hat sie sich umgedreht und ist langsam die Treppe hinuntergegangen. Schritt für Schritt. Sie hat sich nicht mehr umgedreht.

Uli weiß, unten steht bereits der gepackte Handwagen und alle warten nur auf ihn. Die fremden Männer haben ihnen erlaubt, ein paar Sachen mitzunehmen, so viel, wie in den Handwagen hinein passt, viel ist es nicht, hauptsächlich warme Kleidung und ein paar Decken und Kissen und etwas zu essen und zu trinken. Die neunzig Kilometer bis zu Tante Dora seien ein weiter Weg, hat die Mutter erklärt, sie würden zu Fuß gehen, aber wenn die Füße zu sehr schmerzten, dürfe abwechselnd immer eines der Geschwister in dem Karren ausruhen, Also musste dafür etwas freier Raum bleiben. Die Decken und Kissen würden sie brauchen, das sieht Uli ein, auch, dass für das Cello kein Platz mehr ist. Es ist einfach zu groß.

Ob sie wohl unterwegs einen Platz für die Nacht finden? Nachts müssen sie ja irgendwo schlafen, überlegt er.

Er müsste sich jetzt beeilen, trotzdem kann er sich nicht entschließen, der Mutter zu folgen. Noch nicht. Seine Gedanken gelten seinem Vater. Hoffentlich findet er sie, wenn er zurückkommt und sie nicht mehr hier wohnen.

Noch immer steht Uli am Fenster. Er zittert und muss mühsam die Tränen zurückhalten. Fassungslos sieht er auf alles, was ihn bisher begleitet, das sein Leben ausgemacht hat, und das jetzt zertrümmert auf einem großen Haufen liegt.

Das schlimmste ist die Spielzeugkiste, darin sind die Puppen der Schwestern, ihre Spielesammlung und seine Eisenbahn, die er zu Weihnachten bekommen hat, als er sechs war. „Schöne Weihnachten waren das“, denkt er wehmütig. Papa war da, er hatte auf dem Cello gespielt, sie hatten gemeinsam gesungen und es hatte geschneit. Da waren sie eine richtige Familie gewesen, er hatte sich geborgen gefühlt und war glücklich.

Die Kiste ist bei dem Aufprall auseinander gebrochen, einzelne Holzlatten liegen herum; er sieht seine Eisenbahn aus den Trümmern herausragen, die Waggons stehen in der Luft, sie haben sich von der Lok gelöst und sind zerbeult. Nie wieder wird er damit über die Schienen fahren können. Aber auch die sind nicht mehr da. Zumindest kann er sie aus dieser Höhe nicht entdecken.

Auch wenn ihre eigenen Möbel vielleicht nicht so prächtig waren wie diese, die jetzt ihren Platz einnehmen, er ist damit aufgewachsen, er liebte sie, sie gehörten zur Familie, sie waren sein Zuhause. Am Esstisch hat er seine Schulaufgaben gemacht bis die Schule zerbombt wurde und er nicht mehr hingehen konnte, und auf den Stühlen haben sie gesessen und gemeinsam das Essen eingenommen. Worauf sollen sie denn jetzt sitzen? Ein Sofa besitzen sie ja nicht. Vielleicht hätte man ihnen das Sofa gelassen, wenn sie eins gehabt hätten, das wäre zu groß gewesen, um es aus dem Fenster zu werfen. Dass es auch zu groß wäre, um es auf dem kleinen Handwagen zu transportieren, daran denkt er nicht.

Warum haben die Männer das bloß getan? Seine Mutter hat ihm erklärt, dass der Krieg zwar zu Ende ist, sie ihre Wohnung aber jetzt den Russen überlassen müssten, weil Deutschland den Krieg verloren hat und die anderen die Gewinner seien, aber er versteht es noch immer nicht richtig.

Warum wollen die russischen Männer ausgerechnet in ihrer Wohnung wohnen und was hat seine Eisenbahn damit zu tun und was Vaters Cello?

Seine Mutter hat geweint und verzweifelt zu den Männern gesagt „Aber das können Sie doch nicht machen!“, aber sie haben nur gegrinst und weiter die Sachen gegriffen und aus dem Fenster geschmissen. Vier Stockwerke tief! Es schien ihnen Vergnügen gemacht zu haben. Bei jedem Teil, das unten ankam, haben sie in die Hände geklatscht. Das krachende Geräusch, mit dem die Sachen auf den Pflastersteinen aufgeschlagen und zerborsten sind, wird er nie vergessen.

Das war fast genauso schlimm wie das Heulen der Sirenen, wenn es wieder einmal Bombenalarm gegeben hatte und sie in den Keller mussten. Da hat er jedes Mal vor Angst gezittert und sich hinter der Mutter versteckt, damit die Bomben ihn nicht finden. Diesmal hat es nichts genützt.

Er sei jetzt der Mann im Hause und müsse die Mama und die Schwestern beschützen, hat der Vater zum Abschied zu ihm gesagt, als er nach seinem letzten Besuch wieder weggefahren ist.

Er hatte ihn ernsthaft angesehen,...



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