E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Filhol Doggerland
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96054-233-9
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-96054-233-9
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Élisabeth Filhol, geboren 1965 in Mende/Lozère, hat Wirtschaftswissenschaften studiert und als Buchprüferin in der Industrie, im Finanzwesen, in der Wirtschaftsanalyse und als Beraterin für Betriebsräte gearbeitet. 2011 erschien ihr Debütroman 'Der Reaktor', in Frankreich erschien 2014 außerdem der Roman 'Bois II'. Sie lebt in Angers. Cornelia Wend, geboren 1965 in Detmold, hat Französisch und Germanistik in Hannover, Hamburg und Rouen studiert und arbeitet seit 1994 als Übersetzerin, u.a. von Jérôme Leroy, Patrick Pécherot, Paul Colize und Chloé Mehdi. Sie lebt in Hamburg.
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Sie haben gesehen, wie es geboren wurde, wie es im Meer vor Island aus dem Nichts auftauchte. Sie verfolgten gebannt, wie es sich entfaltete, eingenistet in seinem Tiefdruckbett, gezeugt von einem Schwall subtropischer feuchter Luft, der sich an die Grenzen des arktischen Ozeans verirrt hatte. Und nun explodiert es förmlich, eine Bombe. Wie in einem Film, den man im Schnellvorlauf abspielt, da war nichts und nun ist es da. Man spricht es auf Französisch eher wie aus und weniger wie , noch ist Xaver keine Katastrophe, noch ist es ein schönes Anschauungsobjekt. Als solches verdient es, auf Initiative der europäischen Meteorologen, mit einem eigenen Taufnamen ausgezeichnet zu werden. Es ist ausreichend unerwartet, unvorhersehbar und spektakulär.
Sie haben gesehen, wie es sich südöstlich vor Grönland erhob, wie es in Rekordzeit dreist seine Hülle durchbrach, vor den Augen der von Tempo und Ausmaß des Phänomens kalt erwischten numerischen Wettervorhersagemodelle.
Sie haben gesehen, wie es sich einkringelte, sich einrollte, in der aufsteigenden Bewegung der Konvektion, und wie es im Zeitraffer, aufgeputscht durch einen schwindelerregenden Druckabfall in diesem Gebiet, seinen Durchmesser vergrößerte. Da war nichts und urplötzlich ist es da, von Anfang an ganz es selbst, ein Titan, kaum auf der Welt, schon aktiv und im Vollbesitz seiner Kräfte. Jetzt erwacht es über dem Nordatlantik zum Leben und sprengt sogleich den Bildschirmrahmen, dabei nimmt es ohne weitere Umschweife eine vollendete Form an, wie Athene, die in voller Rüstung dem Schädel ihres Vaters entsprang. Es wird größer, es wächst, entwickelt sich in einem exponentiell zunehmenden Tempo und beginnt, sich von Westen her auf den Weg Richtung Osten zu machen, wird im Laufe der Stunden immer größer, die Isobaren werden immer zahlreicher, stehen immer enger. Und sie sitzen hinter ihren Bildschirmen, verarbeiten, analysieren und bemühen sich um eine möglichst korrekte Einordnung der vielen ungewöhnlichen Parameter, die das möglich gemacht haben, und bereiten sich auf das Schlimmste vor.
In diesem Stadium wird noch keine offizielle Warnung herausgegeben. Aber die Mitarbeiter der verschiedenen meteorologischen Dienste, vom Met Office, vom Deutschen Wetterdienst, von Météo-France oder vom Meteorologisk Institutt, stehen bereits Gewehr bei Fuß. Denn das, was die Modelle der in Echtzeit mit Daten gefütterten Hochleistungsrechner jetzt voraussagen, ist, dass man ihre Hilfe nicht mehr benötigt, um Xaver vorherzusehen, das Ausmaß lässt sich mit eigenen Augen abschätzen, ein Ausmaß, das für viele Meteorologen präzedenzlos ist, ein solches Phänomen hat man seit zwanzig oder dreißig Jahren nicht mehr beobachtet. Sie starren auf die Satellitenbilder und können nicht glauben, was da im Gange ist, was sich im Schatten der Drei-Tages-Vorhersagen abspielt, die Jüngeren unter ihnen haben dergleichen noch nie gesehen. Es wächst und breitet sich in diesem Zeitraum, in dem es ohne jeden Zeugen über dem Atlantik bläst, übertragen durch Sensoren, Bojen, Satelliten und über den Umweg von Simulationen, immer weiter aus, wie eine mythische Macht, halb konkret, halb abstrakt, nicht wirklich real, aber auch nicht nur rein theoretisch. Sie bewundern es für das, was es ist, eine Ausnahmeerscheinung in all seinen Parametern und dem Zusammentreffen dieser Parameter, wie eine seltene Planetenkonstellation, ein Schauspiel, das man nur ein- oder zweimal in seinem Leben erlebt, sie sind hingerissen von der Schnelligkeit seiner Entwicklung und seinem Wachstumspotenzial, während die Daten auf den Bildschirmen an ihnen vorüberziehen, permanent aktualisiert werden, und das ist erst der Anfang. Sie sehen bereits die zweite Phase voraus, je näher es dem Jetstream kommt, jenem Starkwindband in großer Höhe, das mit einer konstanten Geschwindigkeit von 320 km/h um die Erde rast. Unter allen Szenarien, über die man sich bei den verschiedenen Diensten, von kleinen Abweichungen abgesehen, einig ist, wird das Worst-Case-Szenario in nicht mal einer Stunde das Rennen machen, das imponierendste von allen, wegen der maximalen Energieübertragung durch den über Xaver hinwegziehenden Jetstream, der die Konvektion zusätzlich verstärkt, seine Rotationsgeschwindigkeit um ein Vielfaches beschleunigt und das Sturmtief im Handumdrehen in eine meteorologische Bombe verwandelt. Überall bei den staatlichen Wetterdiensten in Nord- und Westeuropa werden Meteorologen und IT-Experten an ihre Arbeitsplätze beordert. Sie stehen untereinander in engem Kontakt, haben einen direkten Draht zu den Behörden und zum Katastrophenschutz, denn was sich da aufbaut, ist gigantisch, das wissen sie. Der Sturm wird in seiner wahren Dimension erfasst, er wird in die ihm angemessene Kategorie eingeordnet. Auf Basis dieser Einstufung werden, untereinander abgestimmt und in sämtlichen Landessprachen, Unwetterwarnungen herausgegeben.
Am Sitz des Met Office in Exeter eilt Ted Hamilton in den Gängen des weitläufigen Open-Space-Büros von einem zum anderen, kommentiert, unterbricht sich, geht zum nächsten, beobachtet die Gesichter hinter den Bildschirmen, die eher gebannt als verängstigt wirken. Er ist gerade erst zu seinem Team gestoßen und richtet sich darauf ein, die ganze Nacht hier zu verbringen. Er hält diese Hochspannung für wünschenswert und notwendig, solange es keine fruchtlose Nervosität ist, oder, noch schlimmer, eine stressbedingte Überforderung, sondern ein Bereitschaftszustand, in dem alle Sinne geschärft sind, eine angespannte Aufmerksamkeit, die über einen längeren Zeitraum hinweg produktiv ist, den Dimensionen des Phänomens angemessen. Seine Mitarbeiter sind dafür ausgebildet, sind genau darauf geeicht. Auch Offiziere, Chirurgen oder Piloten sind schließlich dafür trainiert, mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen, die dafür nötigen Kompetenzen gehören zwar nicht zum eigentlichen Kernbereich ihrer Tätigkeit, sind aber dennoch unabdingbar für die Ausübung ihres Berufes. So sieht Ted Hamilton das jedenfalls, als sturmerprobter Schotte. Er lebt hier in der Grafschaft Devon gewissermaßen im Exil, seitdem ihn ein allerletzter Karrierekick vom Wettervorhersagezentrum in Aberdeen, das er sieben Jahre geleitet hat, hierher verschlagen hat. Er ist der Auffassung, dass die Routine, die ihren Arbeitsalltag prägt, die dreimal täglich herausgegebene Vorhersage, nicht das Wesentliche überlagern darf, ihre eigentliche Aufgabe, nämlich, sich mit Katastrophenszenarien zu befassen, jene Fähigkeiten zu mobilisieren, die durch die tägliche Routine eingeschläfert werden, und das Unvorhersehbare zu managen. An diesem Abend also tritt das Unvorhersehbare in Gestalt von Xaver auf, der selbst in Ted Hamiltons Augen ziemlich dick aufträgt, hier gleitet eine bereits außergewöhnliche Lage in einen Zustand ab, der präzedenzlos ist, in ein meteorologisches Extrem, dazu angelegt, sie mindestens fünf Tage Vollzeit zu beschäftigen, angefangen von seinem Auftreffen auf die Westküste dieses Landes in dieser Nacht bis hin zu seiner vollen Entfaltung über Mitteleuropa im Laufe des Sonntags oder Montags.
Die Stadt Exeter wurde 2003 als Standort für das Met Office ausgewählt. Breitet man eine Karte Südenglands vor sich aus, dann entdeckt man sie an einer Flussmündung, etwa sechzig Kilometer nordöstlich von Plymouth gelegen. Die Flussmündung gehört zum Fluss Exe, der sich bei Exmouth in die Bucht von Lime ergießt, einem kleinen Badeort, in dem Ted Hamilton ein Haus gemietet hat. Man kann sich ausmalen, was eine Versetzung von Aberdeen nach Exeter für ihn bedeutet hat. Das ist in etwa so, als würde man jemanden von Lille nach Marseille versetzen. Im Bewusstsein, in Schottland fest verankert zu sein, dort seine Wurzeln und all seine Bindungen zu haben, hielt er es für keine gute Idee, dass irgendjemand ihm nach Exeter folgte. Diejenigen, die das hätten tun können, brachte er davon ab, oder zumindest ermunterte er sie nicht dazu. Er wollte sie nicht dazu nötigen, in einen tausend Kilometer weiter südlich gelegenen Ort auszuwandern. Nun nutzt er seinen Urlaub und seine Überstundenausgleichstage, um regelmäßig den Weg in umgekehrter Richtung zurückzulegen, von Süd nach Nord. In der restlichen Zeit vertieft er sich komplett in seine Arbeit. Eine Zeit wie diese, in der die Ereignisse sich überstürzen, sind in seinen Augen ein willkommenes Intermezzo. Draußen der Sturm und er eingeschlossen in seinem Glaskasten. Wenn er wieder auftauchen, seinen Glaskasten verlassen und nach Hause fahren wird, um sich auszuruhen, wird der Wind sich gelegt haben, aber die wilde Brandung vor seiner Villa am Ende des Strandes wird bezeugen, dass all das kein Traum gewesen ist, dass er nicht aus einem Paralleluniversum wieder aufgetaucht ist, dass in seiner Abwesenheit tatsächlich etwas passiert ist. In einigen Stunden ist es so weit. Jedes Mal erlebt er das abgekapselt vom Rest der Welt, über den Umweg von Bildschirmen. Er analysiert, stellt Prognosen auf, beaufsichtigt die Reaktionen, alles mittels ein paar Mausklicks – in Ermangelung von Joysticks, wie sie in der modernen Kriegsführung verwendet werden. Aber es findet statt. Zuerst trifft es immer die Westküsten, während...




