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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Fil Kannibalen und Liebe

Ultra-fetzige Horror-Stories | Vom Meister der schrägen Komik
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8437-3258-1
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ultra-fetzige Horror-Stories | Vom Meister der schrägen Komik

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3258-1
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Obwohl Kannibalen und Liebe eine Horrorkurzgeschichtensammlung ist, kommt der Horror hier keinesfalls zu kurz. Vielmehr (wie man an dem gerade gelesenen Satz auch erkennen kann ...) breitet er sich süffisant auf Kosten des Humors aus. Doch immer dann, wenn der Leser (bzw. die Frau oder das Mädchen) denkt, der Humor hätte vor dem Grauen kapituliert, taucht er unvermittelt auf und schlägt zurück. Harhar! Die Geschichten in diesem Buch sind nichts weniger als extrem blutige, nervenzerfetzende Zweikämpfe zwischen den beiden  Urkräften Horror und Humor. Wer zum Schluss obsiegt? Findet es heraus!

FiL, eigentlich Philip Tägert, geboren 1966 ist Urberliner, im Märkischen Viertel aufgewachsen, ein Ex-Punk. Seine Bühnenshow mit SHARKEY, dem Handpuppen-Hai aus Plüsch, ist eine Offenbarung. Bereits mit zehn Jahren gewann FiL den Schreibwettbewerb der Berliner Morgenpost, 1980, mit vierzehn veröffentlichte er seine ersten Comics im Berliner Stadtmagazin Zitty, das seitdem in zweiwöchigem Rhythmus die Abenteuer seiner Helden Didi & Stulle präsentierte. Nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Kunstmaler konzentrierte er sich hauptsächlich auf seine Arbeit als Zeichner, ist seit 1992 allerdings mindestens genauso erfolgreich als Bühnen-Entertainer und Sänger tätig. Auch die Bühnenkarriere hatte sich schon früher abgezeichnet, als er - ebenfalls bereits mit vierzehn - als Gitarrist der Punkband »Kollektiv Antiserum« fungierte. Ständiger Begleiter seiner Bühnenshows ist der Handpuppenhai Sharkey. Dem erfolgreichen One-Pager bei Zitty folgte ein umfangreiches Oeuvre weiterer Comic-Werke wie der Reihe Always Ultra und den kleinformatigen Geschichten Teufel und Pistolen, der Kultheftreihe von Berlin Comix. Im Verlag Reprodukt sowie im Zitty Verlag sind bislang zehn vierfarbige Sammelbände von »Didi & Stulle« erschienen. Seit 2009 gibt es eine DVD von FiL: »Die FiL & Sharkey Show«, einen Mitschnitt der gleichnamigen Show aus dem Kölner Wohnzimmertheater. Im Oktober 2013 veröffentlicht Fil seinen neustes Werk »Mädchenworld«. Im Oktober 2014 erschien sein esrter autobiographischer Roman »Pullern im Stehen« (rororo) und 2016 sein zweiter Roman »Mitarbeiter des Monats« (Rowohlt Hundert Augen). Seine aktuelle Bühnenshow heißt 'The FiL on the Hill'.
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»Hast du das Teewasser aufgesetzt?«, fragt Mutter.

»Haha, sehr witzig«, antworte ich, die Augen verdrehend. Aber dann muss ich doch lachen.

»Was denn?«, fragt Mutter daraufhin mit schönster Unschuldsmiene und stemmt die Hände in die Hüften. »Wolltest du dir keinen Tee machen? Du weißt, ICH trinke Kaffee.«

»Ja, das weiß ich, Mutter. Genauso, wie ich weiß, dass DU dieses Wasser aufgesetzt hast. Wenn du mich ins Bockshorn jagen willst, musst du früher aufstehen.«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst. So langsam wird mir das unheimlich. Also, du möchtest keinen Tee.«

Sie dreht die Gasflamme runter, schüttelt den Kopf, holt die Pralinenschachtel aus dem Hängeschrank und offeriert mir eine.

Ich nehme Nougat, Mutter natürlich Krokant.

»Da fehlen auch welche«, sagt sie genüsslich kauend.

Mutter! An der ist eine Staatsschauspielerin verloren gegangen. Vier Tage hausen wir nun schon zu zweit in dieser abgelegenen Skihütte, und seit vier Tagen unterhält sie mich unermüdlich mit ihrem albernen Quatsch. Sie setzt Wasser auf, öffnet Schranktüren, vertauscht Sofakissen, versteckt Schuhe, Zahnpasta, Hosen, meine Brille – um dann stets zu beteuern, sie wäre es nicht gewesen.

Wenn das jemand anders mit mir abziehen würde, würde es mich vermutlich wahnsinnig nerven, vor allem, weil das alles so glasklar durchschaubar und todesalbern ist. Aber es macht einfach solche Freude, Mutter beim Komödiespielen zu beobachten. Wie sie die Stirn runzelt, die Lippen schürzt, mit dem Fuß aufstampft und dann so wunderschön verdächtig unverdächtig flötet: »Waaas? Iiiiich doch nicht!«

Es ist so süß. Wie sie diese ganze alberne Gruselkomödie stoisch einfach immer weiter durchzieht, das ist typisch Mutter. Wenn die sich einmal etwas ins Köpfchen gesetzt hat, dann ist dagegen kein Kraut gewachsen.

Und natürlich rührt es mich auch, denn ich weiß ja, warum sie das alles macht. Für mich. Manchmal denke ich, alles, was Mutter macht, macht sie für mich. Aber ich glaube, nie konnte ich ihre Hilfe so gut gebrauchen wie jetzt. Auf andere Gedanken will sie mich bringen.

Mich aus dem Loch rausholen.

Das Loch. Dorthinein war ich gefallen, nachdem Ellie aus heiterem Himmel verkündet hatte, dass es aus ist zwischen ihr und mir. Einfach so. Aus. Nachdem wir nun zwei Jahre verlobt waren und nächste Woche sogar zusammenziehen wollten, lässt sie die Bombe platzen: »Ich liebe dich nicht mehr.« Ohne Begründung, ohne ein weiteres Wort, zack, bumm. Ich war am Boden zerstört. So hatte mich Mutter vorgefunden, als sie vom Einkaufen kam.

»Wir brauchen einen Tapetenwechsel«, hatte sie gesagt und sofort diese Hütte hier in den Schweizer Alpen gemietet.

»Aber die Arbeit«, hatte ich eingewandt. »Ich kann da doch nicht einfach weg.«

»Papperlapapp, schnippschnapp«, hatte sie geantwortet. »Schau dich mal an, wie du hier im Sessel hängst! Du bist doch gar nicht in der Lage zu arbeiten, dafür hat Madamchen gesorgt. Nein, ich werde nichts gegen sie sagen, ich bin ja froh, dass es endlich vorbei ist. Du weißt, was ich von dem ganzen Kokolores hielt. Aber eine Auszeit brauchst du, da gibt es gar keine Diskussion. Soll ich mit deinem Chef sprechen, oder willst du das machen?«

»Ich mach’s selbst«, hatte ich gemurmelt. Mutter hatte ja recht gehabt. Auf der Arbeit anzurufen, hatte ich mich dennoch nicht getraut, sondern stattdessen eine E-Mail geschrieben, und noch am selben Abend waren wir aufgebrochen. Mutter am Steuer. Das schien uns beiden sicherer, ich neige in emotionalen Ausnahmesituationen dazu, etwas – sagen wir mal – zögerlich zu fahren. Kaum zu glauben, dass das erst fünf Tage her ist.

Schon auch witzig, dass wir nun ausgerechnet in einer Skihütte gelandet sind – weder Mutter noch ich fahren ja Ski.

Wir waren nie im Skiurlaub gewesen wie andere Leute. »Ich kann dir auch so den Fuß brechen, dann sparen wir das Geld für die Reise«, hatte Mutter immer gesagt, wenn ich etwas in der Richtung vorgeschlagen hatte, und so war es dann doch immer wieder Mallorca geworden. Bereue ich nicht. Tatsächlich habe ich mir in meinem ganzen 43-jährigen Leben noch nie etwas gebrochen, und wenn das nicht Mutters Verdienst ist, fress ich ’nen Besen.

Die Hütte ist geräumig und auf eine rustikale Art fast luxuriös – hat Mutter mal wieder blendend ausgesucht, die Frau ist der Mozart des Online-Bookings. Man könnte hier jetzt sowieso nicht Ski fahren wegen des Sturms. Er fing gerade an, als wir am Mittwoch eintrafen, und seither wird er mit jedem Tag wüster. Im Radio nennen sie ihn bereits den Jahrtausendsturm, da möchte man wirklich nicht vor die Tür.

Zum Glück hatten wir uns am ersten Tag schon im örtlichen Supermarkt mit Proviant für zwei Wochen eingedeckt. Und so sitzen wir nun seit vier Tagen urgemütlich im Warmen, während draußen die Hölle losbricht, spielen Scrabble, essen Pralinen und schauen fern. Das perfekte Leben.

Zum Glück funktioniert der Fernseher, Internet haben wir nämlich nicht. Darüber kam es dann doch fast zum Streit, als Mutter vor der Abreise meinte: »Nichts da, schnipp, schnapp, Tablet und Smartphone bleiben zu Hause. Nicht, dass du nächtelang Madamchen hinterhergoogelst wie ein kranker Kater. Das hätte sie gern, oh ja, das würde ihr gefallen, dieser Person, aber das lasse ich nicht zu, da kannst du dich auf den Kopf stellen.«

Ich hatte nachgegeben. Jetzt vermisse ich meine geliebte Börsen-App, aber in Bezug auf Ellie hatte Mutter hundertprozentig recht. Es tut gut, keine Stalking-Möglichkeit zu haben. Ich werde schnell schwach. Mutter weiß das.

Tatsächlich denke ich viel weniger an Ellie, als ich befürchtet hatte. Es ist einfach zu nett hier mit Mutter, und ihre albernen Pranks halten mich zusätzlich auf Trab.

Aber täusch dich da mal nicht, damit kommst du auf Dauer nicht durch, Mutter.

Einmal werde ich dich auf frischer Tat erwischen, zieh dich warm an.

»Was glaubst du, wie lange der Sturm noch anhält?«, frage ich Mutter drei Tage später beim Frühstück. Es gibt ihre legendären Speckpfannkuchen. Ich kann mich nicht zurückhalten und nehme einen dritten. Dazu hat Mutter echten Kaba-Kakao gemacht, mit einem großen Tupfer Sprühsahne. Wenn der Urlaub vorbei ist, passe ich nicht mehr durch die Tür.

»Woher soll ich das wissen?«, sagt sie gut gelaunt. »Irgendwann wird er schon abflauen. Sag mal, hast du mein Strickzeug gesehen?«

Dein Strickzeug ist fein säuberlich im Badezimmerschrank verstaut, Mutter. Das hat der Geist heute Nacht gemacht. Was du kannst, kann ich nämlich schon lange.

»Nein«, sage ich. »Meinst du, Hugo hat es stibitzt?«

Da! Lachfältchenattacke an Mutters Mund. Aber sie behält die Fassung. Oh, diese Komödiantin!

»Hugo ist ganz schön umtriebig in letzter Zeit«, sagt sie. Wir sind dazu übergegangen, den Geist Hugo zu nennen. Einen lieben Namen wollten wir ihm geben, er ist ja ein freundlicher Geist und versteckt die Dinge immer so, dass sie ganz leicht zu finden sind. Jetzt kippt sie noch eine Kelle Pfannkuchenteig in die spritzende Pfanne.

»Oh nein, ich bin total voll«, jammere ich.

»Papperlapapp, Schnickschnack«, entgegnet sie. »Hat dir das dein Madamchen in den Kopf gesetzt? Dass du ›auf deine Linie achten‹ sollst? Ein Spornosexueller solltest du werden, oder wie war das? Quitschquatsch. Du bist prima, wie du bist, und wenn’s dir schmeckt, dann schmeckt’s dir, basta.«

Volltreffer. Mutter natürlich wieder. Tatsächlich hatte Ellie ständig an meinem Gewicht rumgenörgelt. Gut, bei 1 Meter 65 sind 99 Kilo kein Pappenstiel. Allerdings bin ich auch nicht mehr der Jüngste, und ab dreißig setzt es bei Männern an, da kann man nichts machen. Ellie durfte ich mit solchen wissenschaftlichen Fakten allerdings nicht kommen, da ging es immer nur Salat hier, weniger Speckpfannkuchen da.

Ich gebe nach, halte Mutter meinen Teller hin und mache die freudige Entdeckung, dass es mir fast gar nichts mehr ausmacht, an Ellie zu denken. Es schmerzt nicht, es ist da nur noch so eine leichte Übelkeit.

Ellie war die erste Frau in meinem Leben (nach Mutter natürlich), sie hatte allerdings schon mit mehreren was gehabt. Nun gut, sie war auch zwölf Jahre älter als ich. Während der zwei Jahre, die wir zusammen gewesen waren, war ich ständig verunsichert gewesen, ob ich ihren Erwartungen auch entsprach. War ich »männlich« genug? Sollte ich ihr die Tür aufhalten, das Essen bezahlen, sollte ich meine Eifersucht zeigen oder verbergen? Mit Mutter hatte ich über Ellie nie reden können, das artete immer sofort in Streit aus. Und das, wo Mutter und ich sonst praktisch nie stritten. Wenn ich bei Ellie übernachtet hatte, hatte ich oft wach gelegen und diese fremde Frau neben mir beobachtet, mit der ich nun mein Leben teilen sollte. Es kam mir falsch vor. Vor allem: Was würde aus Mutter werden, wenn ich zu Hause auszog? Ich war doch alles, was sie hatte. Aber ich konnte...



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