E-Book, Deutsch, Band 293, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Fernthaler Alpengold 293 - Heimatroman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-7866-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Glück wohnt im Waldhäusl
E-Book, Deutsch, Band 293, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-7866-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Glück wohnt im Waldhäusl
Warum ein Madl nicht ins Gerede kommen wollte
Von Maria Fernthaler
Für Heidrun Brunner erfüllt sich ein Lebenstraum, als sie in einem kleinen Gebirgsdorf eine Stelle als Lehrerin bekommt. Gleich am ersten Tag lernt sie Leopold Amrainer kennen und findet in ihm einen treuen, zuverlässigen Freund. Er zeigt ihr die Gegend, lädt sie in idyllisch gelegene Landgasthöfe zum Essen ein und erleichtert ihr die Eingewöhnung in die neue Umgebung.
Als Leopold der hübschen Lehrerin aber seine Liebe gesteht, erklärt Heidrun ihm, dass er nie mehr als ein Freund für sie sein wird. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in Leopolds Bruder Markus, der als Holzschnitzer in einem abgelegenen Waldhäusl ein karges Dasein fristet. Da schlägt Leopolds Liebe in Hass um ...
Markus und Heidrun genießen ihr Glück in vollen Zügen und ahnen nichts von den dunklen Schatten, die ihre Zukunft bedrohen ...
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Das Glück wohnt im Waldhäusl
Warum ein Madl nicht ins Gerede kommen wollte
Von Maria Fernthaler
Für Heidrun Brunner erfüllt sich ein Lebenstraum, als sie in einem kleinen Gebirgsdorf eine Stelle als Lehrerin bekommt. Gleich am ersten Tag lernt sie Leopold Amrainer kennen und findet in ihm einen treuen, zuverlässigen Freund. Er zeigt ihr die Gegend, lädt sie in idyllisch gelegene Landgasthöfe zum Essen ein und erleichtert ihr die Eingewöhnung in die neue Umgebung.
Als Leopold der hübschen Lehrerin aber seine Liebe gesteht, erklärt Heidrun ihm, dass er nie mehr als ein Freund für sie sein wird. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in Leopolds Bruder Markus, der als Holzschnitzer in einem abgelegenen Waldhäusl ein karges Dasein fristet. Da schlägt Leopolds Liebe in Hass um …
Erbarmungslos prasselte der Regen auf die wenigen dunkel gekleideten Menschen, die um das offene Grab auf dem kleinen Dorffriedhof von Leogang standen.
„Er hat ein stilles, zurückgezogenes Leben geführt, der Steffl.“ Mit diesen Worten schloss der greise Pfarrer seine Ansprache. „Aber wir, die wir hier stehen, werden uns immer gern an ihn erinnern.“
Eine ältere und eine jüngere Frau traten an das Grab und warfen ihre Blumensträuße hinunter. Der Pfarrer reichte ihnen die Hand und sprach ihnen sein Beileid aus.
Es waren die Schwester des Verstorbenen und ihre Tochter, die aus der Stadt gekommen waren, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Man sah ihnen an, dass sie froh waren, das kleine Gebirgsdorf bald wieder verlassen zu können.
Das jedenfalls dachte Markus Amrainer, der die beiden Frauen während der ganzen Feier beobachtet hatte.
Wenig hatte Steffl von seiner Schwester gesprochen, und noch seltener war er in die Stadt gefahren, um sie zu sehen. In den letzten Jahren hatte er es ganz unterlassen, und Markus wusste, dass einige spärliche Briefe der letzte Kontakt zwischen den Geschwistern gewesen waren.
Jetzt trat der Pfarrer zu ihm und schlug ihm auf die Schulter.
„Es freut mich, dass du gekommen bist, Markus! Dich hat der Steffl lieb gehabt wie seinen eigenen Sohn. Und ich glaube, du wirst ihn sehr vermissen.“
Markus Amrainers dunkle Augen waren voller Trauer.
„Er war mein bester Freund, Herr Pfarrer. Er war für mich da, solange ich zurückdenken kann. Ich hab unendlich viel von ihm gelernt.“
„Ich hab gehört, deine Schnitzereien stehen den seinen net nach“, sagte der Geistliche. „Vielleicht könntest du mir mal etwas zeigen?“
„Gern.“ Markus nickte erfreut. „Wenn Sie am Amrainerhof vorbeikommen, treten Sie ein. Meine ganze Kammer ist voll von meinen Arbeiten.“
Der Geistliche versprach zu kommen, und dann stand Markus allein auf dem Friedhof.
Steffl hatte nicht viele Freunde gehabt im Dorf, er hatte wie ein Einsiedler oben in seinem kleinen Häusl gelebt. Nur für sich und seine Arbeit. Die Friedhofsarbeiter machten sich daran, das Grab zuzuschaufeln.
Markus bekreuzigte sich.
„Lebe wohl, Steffl“, sagte er leise und spürte erst jetzt, dass er bis auf die Haut durchnässt war.
Doch das hinderte ihn nicht daran, einen Umweg zu machen und hinauf zum Häusl des Stefan Kroller zu steigen. Es gehörte eigentlich gar nicht mehr zum Dorf, das kleine windschiefe Holzhaus, das schon jahrzehntelang direkt am Waldrand stand, zwischen Leogang und Saalfelden.
Als Stefan Kroller vor mehr als dreißig Jahren gekommen war, war es ein Unterschlupf für Holzfäller gewesen. Es hatte einem Bauern aus Saalfelden gehört, und der hatte es für einen geringen Preis an ihn verkauft. Nach und nach hatte Stefan Kroller einige Umbauten vorgenommen.
Von seinen letzten Cent – Geld hatte er nie viel besessen – hatte er sich Werkzeug gekauft und mit dem Schnitzen begonnen. Schon bald waren die ersten Holzfiguren fertig gewesen, und es hatte sich schnell herumgesprochen, dass dort oben im Waldhäusl ein Künstler lebte und arbeitete.
Meistens waren es Urlauber gewesen, die Steffl seine Arbeiten abgekauft hatten, und hin und wieder auch ein Geschäft in Saalfelden.
Die Tür des Häusls war nicht abgesperrt. Markus musste sich bücken, um in die niedere Diele zu kommen. Dort hing noch Steffls alter abgewetzter Lodenmantel am Haken, darüber sein unverwüstlicher Hut, den er Sommer wie Winter getragen hatte.
Das ganze Häusl bestand aus drei kleinen Räumen, von denen einer, der am meisten Licht hatte, die Werkstatt war. Es lag alles dort, als würde Steffl jeden Augenblick zur Tür hereinkommen und zu arbeiten beginnen. Mitten in seiner letzten Arbeit, dem Schnitzen einer Madonna, hatte ihn der Tod überrascht. In sich zusammengesunken auf seinem Stuhl hatte ihn Anna, die junge Magd vom Huberbauern, gefunden.
Das Madl war immer einmal in der Woche heraufgekommen, um nach dem Rechten zu sehen und ihm Lebensmittel zu bringen.
Markus bückte sich und hob das Messer auf, das dem Steffl aus der Hand gefallen sein musste. Er wollte es behalten als letzte Erinnerung an den Mann, der für ihn zum Vorbild und Lehrmeister geworden war.
Keine zehn Jahre alt war er gewesen, als er die Hütte vom Kroller-Stefan zum ersten Mal betreten hatte. Kindliche Neugier war es gewesen, die ihn heraufgetrieben hatte. Im Dorf hatte der Holzschnitzer als menschenscheu gegolten.
Der Markus vom Amrainerhof, der Bub mit den großen dunklen Augen und dem Lockenkopf, hatte dem Künstler jedoch auf den ersten Blick gefallen. So einen Sohn wie den goldigen kleinen Kerl hatte der Steffl sich einst als Sohn gewünscht. Doch das Madl, das er geliebt hatte, hatte einen anderen geheiratet. Und später hatte der Steffl nicht mehr ans Heiraten gedacht.
Der kleine Markus hatte mit großen Augen stundenlang die Arbeit des Holzschnitzers verfolgt. Und eines Tages hatte ihm Steffl ein Messer in die kleine schmutzige Hand gelegt.
„Da, versuch es auch einmal. Ich war net älter als du, als ich mit dem Schnitzen angefangen habe.“
Markus hatte sich sofort mit Feuereifer daranbegeben. Er hatte sich geschickt angestellt und konnte schon bald kleine Figuren schnitzen, auf die er mächtig stolz gewesen war. Steffl hatte nie vergessen, den Buben zu loben.
Fortan war Markus an jedem Wochenende gekommen und hatte den ganzen Nachmittag in der Werkstatt bei dem alten Mann gesessen. Das hatte sich auch nicht geändert, als aus dem Buben ein junger Bursche geworden war.
Eines Tages dann hatte es mit dem Vater einen schlimmen Streit gegeben. Voller Stolz hatte Markus seine erste selbst geschnitzte Muttergottes mit auf den Hof gebracht, und während die Mutter sich darüber sehr gefreut hatte, hatte der Vater keine Miene verzogen.
„Du bist jetzt bald zwanzig, Markus, und solltest an etwas anderes denken als nur an dein Hobby. Willst du deine ganze Jugendzeit bei dem komischen Kauz da oben vertrödeln? Schau dich nach einem Madl um. Man redet schon über dich. Willst du etwa so ein Sonderling werden wie der Stefan?“
Zornesröte war dem jungen Burschen bei den Worten des Vaters ins Gesicht gestiegen.
„Der Steffl ist mehr wert als alle anderen im Dorf“, hatte er seinen Lehrmeister und Freund verteidigt, „und wenn einer was Schlechtes über ihn sagt, dann bekommt er es mit mir zu tun. Und ich denk net daran, das Schnitzen aufzugeben. Es gibt nix, was mir so viel Freude macht.“
„Auch der Hof net, den du einmal erben wirst?“, hatte der Bauer voller Spott gefragt, „du bist mein ältester Sohn. Hast du das vergessen?“
Markus hatte geschwiegen und war gegangen. Niemals konnte er dem Vater eingestehen, dass ihm das Schnitzhandwerk viel mehr Freude machte als die Arbeit auf dem Amrainerhof. Und manchmal hatte er so etwas wie Neid auf seinen jüngeren Bruder Leopold gespürt. Der konnte einmal einen Beruf ergreifen, der ihm Freude machte.
Markus hätte es nichts ausgemacht, auf sein Erbe zugunsten des Bruders zu verzichten. Aber es war schon immer so gewesen, dass der älteste Sohn den Amrainerhof übernommen hatte.
Jetzt, wo er in der verlassenen, verstaubten Werkstatt des alten Kroller-Stefan stand, musste er an jenes Gespräch, das schon vor vielen Jahren stattgefunden hatte, denken. Heute war er siebenundzwanzig Jahre alt, und noch immer begeisterte ihn die Schnitzkunst mehr als alles andere.
Vom Vater ließ er sich längst nicht mehr reinreden, wenn er am Wochenende über seinen Figuren saß. Bis jetzt hatte er immer oben im Häusl vom Steffl gesessen und gearbeitet, aber das war nun bestimmt bald vorüber.
Sicher würde die Schwester in der Stadt das Haus erben und es verkaufen. Ein neuer Besitzer würde mit dem alten Häusl nicht viel anfangen können und es womöglich abreißen und ein neues Haus hinstellen. Die Lage war herrlich hier oben am Waldrand.
Vielleicht stand Markus heute zum letzten Mal hier in dem kleinen Raum, der ihm seit seiner Kinderzeit vertraut war. Überall standen noch Steffls Figuren, jede einzelne drückte sein einmaliges Talent aus. Ob es ihm jemals gelingen würde, so wundervoll zu schnitzen wie er?
Vom Dorf her klang die Kirchturmuhr. Markus erschrak. Auf dem Amrainerhof saß man sicher schon um den Mittagstisch. Schnell steckte er Steffls Schnitzmesser in die Tasche. Einen letzten Blick warf er...




