E-Book, Deutsch, Band 279, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Fernthaler Alpengold 279 - Heimatroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6758-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Wildschütz von der Geierwand
E-Book, Deutsch, Band 279, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-6758-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Wildschütz von der Geierwand - Kann er das Herz der Sennerin gewinnen?
Von einem Tag auf den anderen gerät Margots beschauliches Leben aus den Fugen. Plötzlich steht ein fremder Mann mit einem kleinen Madl vor ihrer Almhütte und bittet sie um Hilfe. Ein Streifschuss hat ihn schwer am Arm verletzt.
Margot dämmert es bald, dass dieser Mann der Wilderer sein muss, der in den Wäldern sein Unwesen treibt. Und gewiss hat kein anderer als ihr Verlobter, der Jäger Stefan Moser, auf ihn geschossen.
Dennoch beschließt sie, den Fremden nicht zu verraten, sondern ihm zu helfen. Und während sie die Wunden versorgt, verliebt sie sich unsterblich in den geheimnisvollen Mann mit dem großen Schlapphut und den dunklen Augen ...
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Die Abkühlung nach dem Gewitter tat der Natur gut, denn seit einigen Wochen hatte in den Tälern und auf den Bergen eine starke Hitze geherrscht.
Es war August, und für diese Jahreszeit war es recht ungewöhnlich, dass Schnee auf die Felsen oberhalb der Branneralm gefallen war. Einen richtigen Schneesturm hatte es gegeben, und die junge Sennerin sah staunend auf die weiße Pracht ringsherum. Gerade noch rechtzeitig hatte sie die Kühe in den Stall bringen können, da war das Unwetter auch schon hereingebrochen.
Margot seufzte und schaute auf ihre Wäsche. Die hatte sie hängen lassen müssen, weil die Tiere wichtiger gewesen waren. Und nun waren die Wäschestücke wieder durch und durch nass. Sie musste sie abnehmen, denn es sah nicht aus, als würden sie an der Luft trocken werden. Die Sennerin war ärgerlich, denn die Arbeit zweimal zu machen, dafür hatte sie eigentlich keine Zeit.
Jetzt, im Hochsommer, ging es den ganzen Tag wie im Taubenschlag zu in ihrer Almhütte. Bergsteiger kamen und gingen, ein jeder suchte etwas Kaltes zu trinken und einen schattigen Platz zum Ausruhen. Sonst hatte Margot immer den Pepperl, ihren jüngsten Bruder, mit oben gehabt, aber heuer war der Vater dagegen gewesen. Pepperl war jetzt groß genug, dass er unten auf dem Hof helfen konnte.
Sie vermisste Pepperl schon manchmal, besonders am Abend, wenn Stefan einmal keine Zeit hatte, um sie oben auf dem Berg zu besuchen. Der Moser-Stefan war vor zwei Jahren als Hilfsjäger ins Dorf gekommen, und er hatte sich gleich beim ersten Tanzabend in die jüngste Tochter vom Brannerbauern verliebt.
Und jetzt trug das bildsaubere Madl einen goldenen Ring vom Stefan am Finger.
Margot liebte ihren Stefan von ganzem Herzen und war manchmal recht unruhig, wenn er so weit weg war von ihr. Denn in seiner grünen Uniform, hochgewachsen und braun gebrannt, sah er schon fesch aus, das erkannten auch andere Madln.
Deshalb war Margot froh, wenn der Vater sie im Herbst wieder hinunter ins Dorf holen würde, weil sie da dem Liebsten näher war.
Wenn alles gut ging, musste sich der alte Branner übers Jahr eine neue Sennerin auf seine Alm holen, denn Stefan und Margot wollten nicht mehr länger aufeinander warten. Und sobald der alte Jäger sich auf das Altenteil zurückziehen würde und Stefan an seine Stelle treten konnte, sollte die Hochzeit sein. Denn dann verdiente er gut genug, um für zwei sorgen zu können.
Margot hatte gerade die letzten nassen Tücher in ihren Korb gelegt, als zwei starke Arme sie umfassten.
»Schatzl!« Sie drehte sich um und schlang beide Arme um den Hals des Mannes, der sie lachend in die Luft hob.
»Gott sei Dank ist dir nix passiert, Margot! Deswegen bin ich gleich von der Edelweißspitze herübergestiegen. So ein Unwetter hab ich noch net erlebt.« Er presste sie an sich und küsste sie, dass ihr die Luft ausging. »Wenn du net bald hinunterkommst, sterb ich vor Sehnsucht.«
»Komm, gehen wir in die Hütte, es ist kalt heraußen«, sagte sie, und er nahm ihr den schweren Korb ab. In dem einfachen Holzhaus war es gemütlich warm. Das Feuer im Ofen prasselte, und Margot schob rasch noch ein paar Scheite nach.
Stefan hatte seinen Rucksack mit dem Gewehr auf die Holzbank gestellt und schnürte jetzt seine schweren Bergstiefel auf.
»Ich soll noch zur Geierwand hinüberschauen. Im Berghaus hat man in der Nacht Schüsse gehört. Und ein paar Böcke gehen auch ab. Wie mir scheint, ist da ein ganz gerissener Wilderer am Werk.«
Margot setzte erschrocken den Teekessel ab.
»Zur Geierwand kommst du heut nimmer, Stefan. Es ist gleich drei Uhr und der Weg verschneit und glatt. Sei gescheit und bleib hier. Was nützt es dir, wenn du den Wilderer kriegst und verunglückst dabei?« Sie setzte sich neben ihn und strich ihm eine Strähne seines dichten schwarzen Haares aus der Stirn.
»Einmal so einen Kerl zu erwischen, das ist der Stolz eines jeden Jägers! Erst dann wird er anerkannt.«
Der junge Mann war mit Leib und Seele Jäger. Die Natur, die Berge und Wälder, ihnen gehörte seine Liebe. Und er konnte es sich nur schwer vorstellen, dass es Menschen gab, denen dies nichts bedeutete. So wie dem Wilderer, dem seit Sommerbeginn sämtliche Jäger und Förster aus den Dörfern im Umkreis auf der Spur waren. Wenn es ihm gelang, den Kerl zu erwischen, dann gnade Gott dem Lumpen.
»Wir wissen alle, dass du ein guter Jäger bist, Stefan. Das hast du schon oft genug bewiesen. Aber bitte, tu mir den Gefallen und steig nimmer in die Wand. Wenn die da oben wirklich Schüsse gehört haben, dann war das in der Nacht, und jetzt ist der Kerl schon über alle Berge.«
»Aber er wird wiederkommen, und das muss er, solange es hell ist, Margot. Er versteckt sich, bis es dunkel wird, sicher in einem Felsenvorsprung. Deswegen muss ich hinüber, verstehst du.«
»Nein, das versteh ich net. Aber ich will dich auch net aufhalten. Tu, was du net lassen kannst. Kommst du dann am Abend noch einmal vorbei?«
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie zuerst auf die kleine Stupsnase, dann auf den Mund.
»Ich werde im Berghaus bleiben, Schatz. Dann kann ich gleich in der Früh wieder los. Mach kein Gesicht, ich komm morgen und möchte ein gescheites Frühstück.«
»Ja, gut. Ich begleite dich ein Stückl, denn ich will im Wald noch ein paar Zweige sammeln«, erwiderte Margot und band ein buntes Kopftuch um die langen braunen Haare. Stefan hatte seinen Rucksack genommen und sah sich noch einmal in der Stube um.
»Hoffentlich lässt er dich in Ruh! Verriegle die Tür, wenn du nimmer raus musst. Wer weiß, was so einem Kerl einfällt!«
Das Mädchen lachte silberhell auf und griff nach seiner Hand.
»Das fünfte Jahr bin ich nun schon hier oben, und noch ist mir keiner hereingekommen, den ich net wollen hab.«
Es hatte wieder angefangen zu regnen, und oben, wo der Schnee eben noch gelegen hatte, sah man wieder den kahlen Felsen. Stefan zog seine Kapuze hoch.
»Bei dem Wetter siehst du keine fünf Meter. Und da soll man einen Wilderer erwischen! Noch dazu so einen gerissenen. Wirst sehen, ich hab heut auch wieder kein Glück.«
Margot ging mit bis zum Wald, da nahm er sie noch einmal in die Arme.
»Vergiss mich net«, flüsterte Stefan und presste sie an sich.
Margot hielt ihn fest und hatte auf einmal furchtbare Angst.
»Komm gesund wieder, Schatz, ich …«
Er legte ihr die Hand auf den Mund.
»Sag’s net! Ich denk an dich, und dann passiert mir schon nix.«
Ein letzter Kuss, dann war Margot allein. Ihre Hände umklammerten den Korb, und sie hätte weinen mögen vor Angst. Wenn es ein Leben lang so ging, dass sie immer um ihn zittern musste – der Gedanke war alles andere als schön.
Margot ging tiefer in den Wald hinein. Dort war der Regen nicht hingekommen und das Holz trocken. Plötzlich hörte sie ein seltsames Geräusch.
***
Ungefähr eine halbe Stunde von der Branneralm entfernt stand mitten im Wald eine verfallene Holzhütte. Dort hatten früher die Holzfäller ihre Nächte verbracht, wenn ihnen der Abstieg zu gefährlich gewesen war.
Nun hatte schon seit Jahren keiner mehr darin gewohnt, denn das Holz war morsch und das Dach undicht geworden. Auf der anderen Seite des Berges hatte man eine neue Hütte mit mehreren Räumen gebaut, die schön eingerichtet war.
An die alte Hütte dachte keiner mehr. Das kleine Mädchen, das mit gefalteten Händen drinnen in dem ungeheizten kalten Raum saß, fror erbärmlich und hatte obendrein große Angst. Als der Donner über den Berg gebraust war, hatte es sich an die Wand gedrückt und laut um Hilfe gerufen. Aber niemand hatte es gehört, und niemand war gekommen.
Längst waren das Brot und die Milch aufgebraucht, die der Vater ihr zurückgelassen hatte. Der kleine Magen knurrte erbärmlich. Sie hatte dem Vater versprechen müssen, nicht wegzulaufen, bis er wiederkam. Es war nicht das erste Mal, dass er sie hierhergebracht hatte, in die kalte Hütte.
Wenn er doch nur endlich käme und sie abholte! Sie hatte Angst, das Gewitter würde noch einmal zurückkommen. Und bis zum Abend war es sicher auch nicht mehr lange. Kurz entschlossen öffnete sie die Tür und erschrak, als sie nichts als den dunklen Wald um sich herum sah. Trotzdem wagte sie einen Schritt hinaus ins Freie.
Neben dem schmalen Pfad, der zu der Hütte führte, wuchsen Blaubeeren. Über das bleiche Gesicht des Mädchens glitt ein Lächeln. Sie kniete sich nieder, um die Beeren zu pflücken. Dass sie sich dabei immer weiter von der Hütte entfernte, merkte sie gar nicht.
Erst als der größte Hunger gestillt war, sah das Mädchen auf. Ringsumher Wald, und kein Holzhaus war mehr zu sehen! Sie erschrak heftig. Sicher war der Vater schon zurückgekommen und hatte das Haus leer vorgefunden. Und ganz bestimmt würde er wütend werden, sie vielleicht sogar schlagen.
Die Angst vor seinem Zorn war so schlimm, dass die Kleine anfing zu weinen. Sie lief durch das Dickicht und hoffte einen Weg zu finden, aber vergebens. Längst hatte sie sich die dünnen Ärmchen zerkratzt, und die Füße taten ihr weh.
Schließlich kam sie zu einer Waldlichtung, wo eine Frau in einem bunten Kleid und mit einem Kopftuch Holz in einen Korb sammelte.
Der Vater hatte ihr verboten, mit anderen Menschen zu sprechen, doch das hatte die Kleine jetzt vergessen. Sie lief über das weiche Moos, bis sie vor dem jungen Mädchen stand, das sie überrascht ansah.
Das Mädchen war...




