E-Book, Deutsch, Band 275, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Fernthaler Alpengold 275
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6555-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Hof ohne Erben
E-Book, Deutsch, Band 275, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-6555-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Hof ohne Erben - Das tragische Schicksal einer einsamen Bergbäuerin
Als nach zehn Jahren immer noch kein Hoferbe in der Wiege der Hoflechners liegt, gerät ihre Ehe in eine schwere Krise. Veith wird immer unleidlicher und gibt Gitta sogar die Schuld an ihrer Kinderlosigkeit.
In seinem Frust lässt Veith bei der jungen, drallen Magd seinen Charme spielen, und Irmgard ist einem Gspusi mit dem Hofbauern durchaus nicht abgeneigt. Insgeheim träumt sie nämlich längst davon, die neue Hofbäuerin zu werden.
Schon bald kündigt sich bei Irmgard Nachwuchs an. Veith ist vor Freude ganz aus dem Häuschen. Endlich wird er den ersehnten Hoferben bekommen, auf den er so lange vergebens gewartet hat. Was er seiner Frau antut, daran scheint er nicht zu denken ...
Autoren/Hrsg.
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Die Wiesen und Wälder rund um das kleine Dorf Saalfeld waren sonnendurchflutet. Es war schon Nachmittag, aber immer noch schien die Sonne heiß auf die junge Frau, die langsam den Wiesenrain zur kleinen Kapelle hinaufstieg.
Mädchenhaft zart war ihre Gestalt im bunten Sommerdirndl. Die kastanienbraunen Haare, die in der Sonne kupfern schimmerten, trug sie nach Landessitte in zwei dicken Zöpfen um den Kopf gebunden. Das Gesicht war schmal und fein geschnitten, die Augen groß und dunkel. Trotz des herrlichen Sonnenscheins lag Traurigkeit in ihnen. Um den roten Mund zuckte es hin und wieder schmerzlich.
Ihr Blick wanderte hinauf zur kleinen Kapelle. Wie oft war sie schon hier heraufgestiegen voller Hoffnung, dass ihre heißen Gebete eines Tages erhört werden würden!
Brigitte Hoflechner – jeder in der Umgebung kannte diesen Namen, denn jeder wusste, dass sie die schönste junge Bäuerin weit und breit war. Aber beneidet wurde sie von niemandem. Nicht um den schönsten Hof und nicht um den Hoflechner-Bauern, ihren Mann. Niemand wusste, wie reich er war, aber seinen Jähzorn kannten alle.
Brigitte, die alle nur Gitta riefen, war ein blutjunges Mädchen gewesen, als sie der bereits einmal verwitwete Hoflechner vor den Altar geführt hatte. Er war gute zwanzig Jahre älter als sie und ging jetzt auf die fünfzig zu, während seine junge Frau noch in der Blüte ihrer Jahre stand.
Sie hatte schon zu Lebzeiten seiner ersten Frau als Magd auf dem Hof gearbeitet, und schon immer hatte sie der Bauer mit besonderem Wohlgefallen betrachtet. Und es waren keine zwei Jahre seit dem Tod seiner ersten Frau vergangen, da hatte er sie zu sich geholt – als seine Bäuerin.
Gitta, die damals keine Eltern mehr gehabt hatte, hatte fast willenlos alles mit sich geschehen lassen. Es hatte gutgetan, jemanden zu haben, zu dem man gehörte. Sie wurde eine tüchtige Bäuerin, und nur manchmal noch dachte sie an den Hans, der ihre Jugendliebe gewesen war.
Sie waren zusammen aufgewachsen, drüben in Hinterglemm. Die Höfe ihrer Eltern hatten dicht beieinandergelegen. Aber dann war Hans fortgegangen. Es hatte Streit mit seinem Vater gegeben. Und über Nacht war der Junge verschwunden. Man hatte sich nicht viel Sorgen um ihn gemacht, denn Kinder gab es auf dem Gruberhof mehr als genug, und irgendwie würde der Hans schon durchkommen.
Nur Gitta war traurig gewesen und hatte jede Nacht ins Kissen geweint. Daran hatte auch der kleine Brief nichts geändert, den ihr Hans noch in der Nacht auf das Fensterbrett gelegt hatte. Sie solle nicht traurig sein, hatte er geschrieben, er würde bestimmt wiederkommen als reicher Mann und sie holen.
Sie hatte daran geglaubt mit der ganzen Gutgläubigkeit ihrer damals fünfzehn Jahre. Aber die Zeit war vergangen, und immer seltener hatte sie sich im Traum neben Hans im weißen Kleid vor dem Altar stehen sehen. Sicher hatte er sie in der Ferne längst vergessen.
Dann waren ihre Eltern gestorben. Sie hatte den Hof verkauft und das Geld bei einer Bank angelegt. Als der Hoflechner dann eine Magd gesucht hatte, war sie hinüber nach Saalfeld gegangen. Sie hatte verschwiegen, dass sie nicht so arm war, wie sie schien.
Jetzt war die junge Bäuerin oben auf dem Hügel bei der Kapelle angelangt. Gitta kniete nieder und faltete die Hände. Andächtig hing ihr Blick an der Mutter-Gottes-Figur. Wann würde die Himmelmutter ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen? Wann endlich durfte sie ein Kind in den Armen halten?
Der Anfang ihrer Ehe war gut gewesen. Sie hatte sich mit den Eltern ihres Mannes, die auch noch auf dem Hof lebten, gut vertragen. Der Bauer war stolz auf seine schöne junge Frau gewesen, um die ihn so mancher beneidet hatte.
Aber dann waren die Jahre vergangen, und heuer war es schon der zehnte Sommer, seit sie vor dem Altar gestanden hatte. Und noch immer gab es keinen Erben auf dem Hof. Im Dorf begann man schon zu tuscheln, und ihre Schwiegermutter begann sie immer feindlicher zu behandeln.
Die alten Leute hatten nicht mehr viele Jahre und wollten noch ihr Enkelkind auf den Knien schaukeln. Der Bauer hatte zuerst ihre Sorgen zerstreut, aber dann hatte auch er sich verändert. Bei der kleinsten Gelegenheit schrie er seine Frau an. Zuerst hatte ihm sein Jähzorn hinterher furchtbar leidgetan, aber seit einigen Monaten kam er auch nicht mehr wie früher, um sich zu entschuldigen.
Er war kein junger Mann mehr, und sein Wunsch nach einem Sohn war berechtigt. Gitta verstand ihn, aber wie sollte sie ihm helfen? So waren die Tage auf dem Hof beinahe zur Qual für sie geworden.
Gitta barg das Gesicht in den Händen, und wieder einmal dachte sie an den Jugendfreund. Hätte auch er sie so behandelt, wenn sie seine Frau geworden wäre? Sie sah sein Gesicht mit den blauen Augen und dem jungenhaften Lächeln vor sich, aber was nutzte es, wenn sie an ihn dachte?
***
»Wahrscheinlich rennt sie wieder durch den Wald«, lästerte die alte Hoflechner-Bäuerin missbilligend und warf ihrem Sohn einen lauernden Blick zu. Der saß neben ihr und rührte nachdenklich in seiner Kaffeetasse.
Er war kein schöner Mann, der Hoflechner-Veith, dazu war sein Gesicht zu grobflächig. Die Haare an den Schläfen waren grau, und auf der Stirne begannen sie sich zu lichten. Trotzdem wirkte er durchaus imposant, und das verdankte er seiner beachtlichen Größe und den maßgeschneiderten Trachtenanzügen, die er gern zu tragen pflegte.
»Lass sie doch, Mutter, sie ist jung und muss halt einmal allein sein mit sich«, nahm er seine Frau in Schutz.
»So, jung ist sie! Das möcht man halt manchmal vergessen, wenn man die leere Wiege oben auf dem Speicher sieht«, sagte die alte Frau bissig und wusste genau, dass sie mit ihren Worten seine wunde Stelle traf.
Sie hatte ja recht, die Mutter! Zehn Jahre Ehe und noch kein Kind!
Der Hoflechner-Veith schob die ganze Schuld auf seine junge Frau und dachte nicht daran, dass die Kinderlosigkeit auch an ihm liegen könnte. Immerhin hatte auch seine erste Frau kein Kind gehabt, und das hätte ihm zu denken geben müssen.
Während sich die alte Hoflechnerin am Herd zu schaffen machte, ging der Bauer vor die Tür, um nach Gitta Ausschau zu halten.
Über die Wiese sah er sie kommen. Sie hielt den Kopf gesenkt, und im Sonnenlicht glänzte ihr Haar wie Kupfer. Sein Herz schlug schneller. Was war sie doch für eine wunderschöne Frau! Wenn er sie so ansah, vergaß er manchmal, dass sie seinen innigsten Wunsch noch nicht erfüllt hatte. Und Stolz erfüllte ihn, Besitzerstolz.
Erschrocken blieb Gitta ein paar Meter vor ihrem Mann stehen. Hatte er sie etwa gesucht? Seine Augen blickten sie heute fast zärtlich an.
»Hast du einen Spaziergang gemacht, Gitta?« Er legte seinen Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich.
Gitta atmete unwillkürlich auf. Sie hatte sich schon vor einem Donnerwetter gefürchtet.
»Ja, ich war oben auf dem Hügel«, antwortete sie leise und schmiegte sich an ihn.
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände.
»Und warum sagst du mir das net? Ich wär gern mit dir gekommen.«
Die junge Bäuerin sah ihren Mann erstaunt an. So lieb und zärtlich hatte er schon lange nicht mehr mit ihr gesprochen.
»Ja, das hab ich net gewusst, ich …«
Er streichelte über ihr dichtes Haar.
»Ich weiß schon, ich hab viel zu wenig Zeit für dich. Aber heut Abend machst du dich recht fesch, und dann fahren wir irgendwohin, wo wir im Garten sitzen können, ja?«
»Da freu ich mich aber, Veith. Vielen Dank«, entgegnete sie dankbar.
Sie schlüpfte an ihm vorbei ins Haus. Er sah ihr zufrieden nach. Sie war ja noch so jung, seine Gitta. Noch keine dreißig Jahre. Warum drängte er da so nach einem Erben? Man musste ihr Zeit lassen.
***
Der Gasthof »Zum Hirschen« war zugleich auch das einzige Hotel im Dörfchen Saalfeld. Hotel nannte es der Besitzer, der Steirer-Wastl, aber wenn man das alte Haus sah, musste man beinahe lachen. Zwar waren die Zimmer sauber und nett eingerichtet, aber unter einem Hotel stellte man sich doch etwas anderes vor.
Das war dem Wastl aber egal. Er hatte sein Haus stets voll, und warum sollte er dann etwas für die äußere Fassade tun? So war er eben Hotelier und Gastwirt in einer Person, und das machte ihn zu einem der wichtigsten Männer im Ort. Ja, eigentlich kam er gleich nach dem Bürgermeister und dem Herrn Pfarrer.
Heute waren wieder etliche Sommergäste gekommen, und bis auf ein Zimmer war nun alles belegt. Er musste schauen, dass er noch ein Mädchen zur Aushilfe bekam. Am besten ging er einmal gleich hinüber in die Bürgermeisterei, vielleicht wusste man da etwas für ihn.
Er band die blaue Schürze ab und trat hinaus, als vor seinem Haus gerade ein großer Wagen anhielt.
Ein junger Mann in einem eleganten Anzug stieg aus. Sein Gesicht war tiefbraun und seine Haare fast weißblond. Er sah sich suchend um und lachte, als er den Wirt erblickte.
»Du kennst mich wohl nimmer, Wastl, was?« Der Fremde war auf ihn zugekommen.
Wastls kleine Augen wurden größer.
»Sie kennen? Net dass ich mich erinnern könnt.«
Der junge Mann schlug ihm lachend auf die Schulter.
»Ich bin es, der Gruber-Hans. Von Hinterglemm drüben.«
Wastl schluckte. Er hatte Hans gekannt, als er noch ein kleiner Bub gewesen war. Er war verschwunden damals über Nacht, und niemand hatte je wieder von ihm gehört. Und nun stand er leibhaftig vor ihm und war ein richtiges Mannsbild geworden.
...



