E-Book, Deutsch, Band 261, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Fernthaler Alpengold 261 - Heimatroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-5793-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Braut des Dorfarztes
E-Book, Deutsch, Band 261, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-5793-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christl, die bildhübsche Braut des Dorfarztes, nimmt den Brief in Empfang, den ihr Schatz ihr geschickt hat. Hastig reißt sie den Umschlag auf - da fällt etwas zu Boden! Christl dreht sich um und glaubt, ihren Augen nicht zu trauen. Da liegt Dieters Verlobungsring!
Mit zitternden Händen hebt sie ihn auf, dann erst liest die wenigen Zeilen, die vor ihren Augen verschwimmen:
'Unsere Verlobung war ein Irrtum. Wir haben alles überstürzt. Um mir über meine Gefühle endgültig klar zu werden, gehe ich für eine Weile aus Hofbrunn fort.'
Autoren/Hrsg.
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Die Dämmerung lag schon über dem kleinen Dorf, als Dieter Hofer die Kapelle auf dem Martinsberg erreicht hatte. Der Martinsberg war eigentlich nur ein Hügel, aber für die Dorfkinder, die hier im Winter mit ihren Schlitten hinuntersausten, war es eben ein Berg.
Der hochgewachsene Mann mit dem dunklen Haar schmunzelte. Ja, das war lange her, dass auch er seinen kleinen, vom Vater gebauten Holzschlitten heraufgezogen hatte. Damals hatten sie noch hier gewohnt, ganz am Ende des Ortes.
Er konnte das Häuschen nicht sehen. Vielleicht hatte es der neue Besitzer abreißen lassen. Es war so klein gewesen, dass ihnen die Wohnung in der Stadt riesengroß vorgekommen war. Trotzdem hatten sie Sehnsucht nach der Heimat gehabt. Besonders die Mutter hatte darunter gelitten, dass der Vater eine Arbeitsstelle in der Stadt angenommen hatte.
Und so waren es nur ein paar Kindheitserinnerungen, die den jungen Mann an dieses Dörfchen erinnerten. Er nahm seinen kleinen Koffer und schritt weiter. Vom Dorf klangen die Glocken.
Dieter wusste es noch ganz genau: Gleich neben der Kirche stand das Schulhaus, genauso ein bisschen schief und mit Efeu umwachsen wie das Gotteshaus. Dort hatte er oft gesessen und mit großen Augen den Herrn Lehrer angesehen, der so begeistert von der weiten Welt gesprochen hatte. Er hatte sie jetzt gesehen, diese Welt, vielleicht zog es ihn gerade deshalb hierher zurück.
Und er dachte an Christl, seine blonde Schulkameradin, die er oft nach Hause begleitet hatte, weil sie sich vor Georg, dem dicken, reichen Bauernsohn, gar so fürchtete. Der hatte nämlich in der Schule genau hinter ihr gesessen und sie an den blonden Zöpfen gezogen, bis ihr die Tränen in die Augen gestiegen waren.
Oft hatte Dieter sich mit Georg wegen der Christl geprügelt und dabei immer den Kürzeren gezogen. Aber ein dankbarer Blick aus ihren blauen Augen hatte alles wiedergutgemacht.
Ob sie wohl noch im Dorf war, die Christl? Ihr Vater war Bahnhofsvorstand gewesen, und sie war immer sehr stolz auf seine rote Mütze und die Trillerpfeife gewesen, auf der die Kinder blasen durften, wenn sie sehr brav waren.
Es hatte sich nicht viel verändert in Hofbrunn, nur die Straße, die jetzt durch das Dorf führte, war breiter geworden. Die Bauern auf der Straße sahen sich nach dem Mann um, der mit einem so vergnügten Lächeln auf den Lippen durchs Dorf ging. Keiner ahnte, dass es der Dieter war, der Sohn vom Hofer-Max, der vor vielen Jahren von hier weggegangen war.
Dieter betrat den kleinen Friedhof, der neben der Kirche lag. Hier waren die Großeltern beerdigt, und sein erster Besuch in der Heimat galt ihnen. Ein kleiner Junge, der am Nebengrab die Blumen goss, betrachtete den Fremden neugierig.
Dieter ging zu ihm hin.
»Kannst du mir sagen, ob der alte Doktor Gruber immer noch hinter dem Raierhof wohnt?«, wollte er wissen.
Der Kleine nickte eifrig.
»Ja, freilich, wohnen tut er schon noch da, aber nimmer lang. Er ist schon zu alt für die Doktorei und wartet jetzt, bis ein Neuer aus der Stadt kommt.«
Dieter bedankte sich und lachte, als ihm der Junge nachschaute, bis er hinter der Kirche verschwunden war.
***
Dr. Gruber war gerade heimgekommen. Die Bäuerin vom Rosenhof hatte sich eine schlimme Blutvergiftung geholt, und er musste jeden Tag nach ihr sehen.
Es hatte sich manches geändert in seiner Praxis im Laufe der Jahre, aber zu einem Auto hatte er sich nie entschließen können. Wie am Anfang, als junger Arzt, fuhr er auch jetzt noch mit dem Fahrrad. Und das machte ihm in der letzten Zeit häufig Beschwerden.
»Ist das eine Hitze heut. Sei so gut und bring mir ein Bier in den Garten, Maria.«
Die rundliche Haushälterin schüttelte missbilligend den Kopf.
»Sie sind aber auch immer dann unterwegs, wenn net das Wetter dazu ist«, meinte sie.
»Ja, die Uhrzeit kann man sich halt net aussuchen bei meinem Beruf«, sagte der Doktor lachend.
Im Garten hinter dem Haus war es schön kühl. Er setzte sich in den bequemen Korbsessel und betrachtete seine Rosen, die er liebevoll gezüchtet hatte.
Nicht mehr lange konnte er das Paradies hier genießen. Aber drüben in Harzdorf, wo seine Schwester wohnte, war es auch schön. Und weil sie ihn so gebeten hatte, hatte er sich bereit erklärt, zu ihr zu ziehen, wenn er die Praxis übergeben hatte.
Er seufzte und nahm einen tiefen Schluck aus dem Krug, den ihm Maria hingestellt hatte. Es würde sicher noch eine Weile dauern, denn aus der Stadt hatte man ihm geschrieben, Ärzte, die auf das Land wollten, gäbe es nicht viele.
Der Doktor konnte das kaum glauben. Gab es etwas Schöneres als eine Dorfarzt-Praxis? Das Vertrauen der Bauern war ihm immer der schönste Dank gewesen. Aber die jungen Ärzte wollten am Abend ihren Beruf vergessen, und das konnte man in der Stadt natürlich leichter.
Maria kam mit einem jungen Mann um die Ecke, der ihm fröhlich entgegenwinkte.
Dr. Gruber setzte sich auf. Er kannte den Fremden nicht. Er konnte sich auch das strahlende Gesicht seiner Haushälterin nicht erklären.
»Schauen Sie, wen ich Ihnen da bring, Herr Doktor.« Ihr Gesicht war vor Eifer gerötet.
»Sind Sie mir net bös«, der alte Mann erhob sich, »aber ich weiß net …«
Dieter streckte ihm die Hand hin.
»Das glaub ich gern, Herr Doktor. Aber Sie müssen sich eine Weile zurückerinnern. Vor über sechzehn Jahren hat ein kleiner Bub vor Ihnen gestanden und Ihnen versprochen, dass er wiederkommen wird als Doktor – grad so wie Sie.«
Die Augen des alten Arztes weiteten sich.
»Ich kann es net glauben, aber doch, jetzt erinnere ich mich. Du – ich meine Sie – sind der Dieter!«
Der junge Mann lachte.
»Ja, es hat ein bisserl lang gedauert, Doktor, aber jetzt bin ich da.«
Der alte Mann musste sich erst einmal setzen. Dann befahl er der Maria, eine Flasche vom besten Wein aus dem Keller zu holen.
»Das muss gefeiert werden! So was gibt es net alle Tage!«
Und dann musste Dieter erzählen. Von der Stadt, von den Eltern und vor allem von seinem Studium. Als er berichtete, er habe sein Examen mit Erfolg bestanden, leuchteten die Augen des alten Doktors auf.
»Das ist ja fast wie ein Wunder, Dieter! Sei mir net bös, aber das Du rutscht mir so einfach raus. Und jetzt willst du wirklich hier in Hofbrunn arbeiten?«
Der junge Arzt nickte.
»Ja, ich kann mir nix Schöneres vorstellen. Lange genug hab ich Sehnsucht nach den Bergen und Wiesen gehabt. Am liebsten wären die Eltern mit mir zurückgekommen, aber der Vater hat noch ein paar Jahre bis zur Pension. Aber im Urlaub wollen sie gleich herkommen.«
Dr. Gruber schüttelte immer wieder den Kopf. Er sah einen kleinen Buben mit schwarzen Haaren vor sich, der jeden Tag gekommen war und ihm zugesehen hatte, wie er seine Instrumente auswusch. Er wollte schon damals Arzt werden, der kleine Dieter, und im Stillen hatte der Doktor geschmunzelt.
Der Dorfarzt hatte Musiker werden wollen damals als Kind, und dann hatte er sich doch anders entschieden. Und genauso würde es dem kleinen Dieter ergehen. Doch nun saß er tatsächlich vor ihm als frischgebackener junger Arzt!
Dr. Gruber schlug ihm mit der Hand auf die Schulter.
»Ich gratulier dir, mein Junge. Gut, dass du net viel später gekommen bist. Ich hab schon einen Nachfolger angefordert. Aber so schnell geht es halt net. Wann kannst du denn die Praxis übernehmen?«
Jetzt schaute der junge Arzt ein bisserl verlegen drein.
»Ja, das ist so … Geld hab ich net viel im Augenblick. Ich muss einen größeren Betrag aufnehmen. Das Studium war teuer, und der Vater hat auch net so viel.«
Der alte Arzt unterbrach ihn.
»Red keinen Schmarrn, Bub. Ich bin so froh, dass du da bist! Da reden wir net lang vom Geld. Du kannst morgen anfangen, wenn du willst. Die Praxis läuft gut, und in wenigen Monaten bist du aus dem Gröbsten heraus. Ich war mit Leib und Seele Arzt, am Geld ist mir nie viel gelegen. Etwas Erspartes hab ich auch. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«
Helle Freude leuchtete aus Dieters braunen Augen.
»Sie bekommen Ihr Geld, Herr Doktor. Nur dauert’s halt ein bisserl. Ich will nix geschenkt haben.«
»Immer noch der gleiche Dickschädel.« Dr. Gruber lachte. »Aber jetzt komm, wir gehen hinüber zum Wirt. Die Bauern werden staunen.«
Dieter sah auf die Uhr.
»Ich muss heut noch zurück in die Stadt. Mein Wagen steht oben am Martinsberg. Klein ist er, aber er fährt. Vom Vater hab ich ihn zum bestandenen Examen gekriegt.«
»Ich werd schon dafür sorgen, dass du net zu viel trinkst«, meinte Dr. Gruber. »Aber jetzt komm, beim Wirt werden wir alle treffen!«
***
Er hatte recht, der Doktor. Im Dorfgasthof ging es jeden Abend um diese Zeit hoch her. Mit ausgebrannten Kehlen waren die Bauern mit ihren Knechten von der Feldarbeit gekommen. Da tat der kühle Gerstensaft gut. Außerdem war es schön kühl unter den riesigen Kastanienbäumen.
Dass der Doktor jeden Abend hierherkam, war für sie selbstverständlich. Aber den jungen Mann an seiner Seite kannten sie nicht. War das sein Nachfolger, auf den er schon lange wartete?
Mit kritischen Blicken sahen sie Dieter an.
Der Doktor hatte seinen Stammplatz. Der Lehrer, der Pfarrer und der Bürgermeister saßen mit an seinem Tisch.
»Grüß euch Gott, Männer,...




