E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Fercec Wunder wird es hier keine geben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7017-4653-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4653-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Goran Fer?ec ist 1978 in Koprivnica (Kroatien) geboren, lebt in Zagreb und Rijeka. Er ist Theaterautor, Dramaturg und Essayist, für seine Performances und Theaterstücke hat er zahlreiche Preise gewonnen, seine Werke wurden in Zagreb und Rijeka, aber auch in Leipzig, Bonn und beim steirischen herbst in Graz aufgeführt. 2015 erschien seine Essaysammlung 'Handbuch für Gestern', 2018 seine gesammelten Performancetexte 'Überstunden'. 'Wunder wird es hier keine geben' ist sein erster Roman (Orig. 'Ovdje ne?e biti ?uda', 2011). Mascha Dabi? (Übersetzung), 1981 in Sarajevo geboren, übersetzt Literatur aus dem Balkanraum, u.?a. 'Ausgehen' von Barbi Markovi? oder die Werke von Svetislav Basara, Dragan Veliki?, Damir Ov?ina und Goran Fer?ec. Studium der Translationswissenschaft (Englisch und Russisch). Lebt in Wien, arbeitet als Dolmetscherin im Asyl- und Konferenzbereich und lehrt an den Universitäten Innsbruck und Wien. Mit ihrem Debütroman 'Reibungsverluste' landete sie auf der Shortlist Debüt des Österreichischen Buchpreises 2017; 2018 erhielt sie den Literatur-Förderungspreis der Stadt Wien.
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Er schlief und träumte in Farben. Der Traum duftete nach zerbröselter Erde und Angst. Im Traum trägt er einen Pyjama, er ist einer sommerlichen Nachmittagshitze ausgeliefert, er sitzt im hinteren Teil eines offenen Militär-Jeeps, neben ihm zwei Typen in Uniform. Sie bringen ihn irgendwohin, er kann die Landschaft nicht erkennen. Die Männer haben ihm nichts gesagt, er weiß gar nicht, wie er hier gelandet ist. Er denkt, das könnte ein schmerzloses Ende seiner Reise sein. Die untergehende Sonne brennt auf seinen Rücken. Er muss weglaufen, aber die Wächter halten ihn fest. Sie führen ihn ins Unbekannte. Er ist überzeugt, dass er nicht viel tun kann, um sich zu retten, aber der Traum ist auf seiner Seite, und so muss einer von den beiden Typen, der rechte, seine Blase entleeren. Das Fahrzeug hält an. Das ist die Gelegenheit, die er ausnützen muss. Er schlägt dem linken, tollpatschigeren Wächter auf den Kopf, mit einer Kraft, die nur in Träumen existiert. Der Wächter fällt tot um. Er selbst läuft in ein weiches Gestrüpp, das am Straßenrand wächst, und fällt hin, dann rollt er über die Blätter wie über Wasser. Er lacht, weil genug Licht da ist, dass er seine Hände sehen kann, und wenn es Licht gibt, dann ist auch die Rettung nah. Er springt auf, läuft auf die leere Straße hinaus, schnurstracks den beiden Männern, vor denen er davongelaufen ist, in die Arme. Der rechte, der seine Blase entleert hat, fasst ihn am rechten Unterarm, der linke, lebendig und unverletzt, am linken. Sie zwingen ihn, wieder in den Jeep einzusteigen, und fahren weiter. Er wendet sich an sie und sagt, er glaube, vor ihnen sei schon jemand auf diesem Weg gegangen. Die beiden schweigen zunächst, dann unterhalten sie sich miteinander in einer Sprache, die er erkennt, jedoch nicht versteht. Die stumpfen Sätze, die er aufschnappt, während der Wind in seinen Ohren rauscht, lassen ihn schlussfolgern, dass die Männer ihn an den Ort seines Anfangs führen. Ganz leise, wie ein Kind, das sich mit Unterwürfigkeit Schokolade erschleichen möchte, beginnt er zu bitten, sie mögen ihn freilassen. Und sie lassen ihn frei. Er steht auf der Straße, schaut zu, wie der Jeep weiterfährt, und sieht sich selbst, wie er zwischen den beiden Typen sitzt. Ein anderes Ich. Er dreht sich um, um dorthin zu gehen, wo er herkommt. Er sieht riesige Buchstaben auf einer Werbefläche, durch die die Sonne scheint. Im Kopf reiht er einen Buchstaben an den anderen. AIVALSOGUY. Er steht auf der falschen Seite. Man hat ihn zurückgebracht. Dann wacht er auf. Es ist schon wieder passiert. Es beginnt in den Fingerspitzen und steigt allmählich hinauf in die Schultern. Eine Lähmung, wie wenn man die eigenen Glieder vernachlässigt und die halbe Nacht mit den Armen unter dem Oberkörper geschlafen hat. Er hat es schon vergessen und gedacht, es würde nicht wieder vorkommen. Seiner eigenen Erfahrung nach wiederholt sich jeder Zustand und dauert eine bestimmte Zeit lang. Jetzt ist es wieder soweit. Beim ersten Mal hat er Angst verspürt. Jetzt ist es ihm egal. Er ist wütend auf die Fähigkeit seines Körpers, Signale zu wiederholen, die unzweideutig darauf hinweisen, dass das, was war, jetzt nicht mehr ist. Wenn etwas verschwindet, dann sollte es nicht mehr sein. Sein Körper signalisiert, dass die Häufigkeit eines Symptoms nichts mit seinem geistigen Willen zu tun hat. Er versucht, seinen Körper zu drehen, als gäbe es keine Kraft, die ihn festhält, an das Bett drückt. Er liegt auf dem Bauch, die Beine gespreizt, den Kopf zur Seite gedreht. Das Bett übernimmt seine Körperwärme. Er würde sich gerne von der Bettoberfläche abstoßen und auf den Füßen landen, so geschickt, als lenkte der Wille eines unsichtbaren Puppenspielers seinen Körper, als wären seine Hand- und Fußgelenke mit dünnen, unsichtbaren Fäden irgendwo befestigt. Das würde bestätigen, dass der Verzicht auf den eigenen Willen endlich Früchte getragen hat. In der Tat gibt es weniger Willensstärke in seinem Geist, und auch sein Körper ist träger als noch vor fünf oder zehn Jahren. Daraus folgert er, dass das gesamte philosophische Denken des Westens zwar gute Gründe hat, das eine mit dem anderen verbinden zu wollen, aber er selbst weiß davon nicht mehr als das, was er bislang aus seinem eigenen gespaltenen Wesen erfahren hat. Mit der linken Hand versucht er, die Finger der rechten Hand aufzuwärmen. Die Angst hat ihn dazu getrieben, sich zu berühren. Sonst würde er das nicht tun. Er vermeidet es tunlichst, seine eigenen Hände zufällig zu berühren. Er meidet Momente, in denen der Körper sich mit sich selbst beschäftigt und sich in seiner Selbstgenügsamkeit zeigt. Immer schon erschauerte er davor, wie einfach es ist, mit der Hand sein eigenes Knie zu umfassen und zu massieren, oder davor, wie schnell seine Hände in der Lage sind, die Finger miteinander zu verflechten, ein perfektes Fischgrätenmuster zu bilden und damit Wärme zu speichern. Es fällt ihm schwer, die Symmetrie des menschlichen Körpers zu ertragen. Des eigenen langweiligen Körpers. Eines langweiligen Körpers, der seinen eigenen Willen durchsetzen will. Er bewegt seine Finger, als würde er einen unsichtbaren Gummiball kneten, und streckt seine Hand wie zum Protest in die Luft. Die Nervosität lässt seinen Hinterkopf brennen. Er hat den Nachmittag verschlafen. Er hebt seinen Oberkörper an und setzt die Füße auf dem Boden ab. Es ist am sichersten, die Stunden, die unmittelbar auf den Schlaf folgen, am Bettrand zu beginnen. Durch das Doppelfenster mit Betonrahmen dringt das Nachmittagslicht, dermaßen verdünnt, dass man sich am Geiz dieses Lichts gar nicht sattsehen kann. Das äußere Glas, überzogen von der Gravur, die das inzwischen getrocknete Regenwasser hinterlassen hat, sieht aus wie ein kleines Kirchenfenster für den Hausgebrauch, für einen einzigen Gläubigen. Wenn er lange genug das Glas betrachtet, dann sieht jeder zufällige Fleck irgendwann wie eine Erscheinung Gottes aus. Vielleicht fehlt Gott ein Auge. Vielleicht fehlt ihm ein Finger, aber wenn Gott den Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffen hat, dann kann der Mensch das Antlitz Gottes auch seinem eigenen Ebenbild anpassen. Bender hebt seinen Hintern vom Bett, um einen Furz zu befreien. Die Abenddämmerung bricht allmählich herein. Er steht auf. Das Gleichgewicht im Kopf verliert sein Verhältnis zur Welt und löst eine übermäßige Ansammlung von Spucke im Mund aus. Die Spucke schmiert die Speiseröhre, um das Essen leichter aus dem Magen zurückzutransportieren. Die Säure schießt in seinen Kopf, und Bender rast zur Toilette. Mit geschlossenen Augen speit er das Essen aus und spürt den Geruch der Säure. Er öffnet die Augen. In der Toilette ist es dunkel. Er drückt auf den Schalter. Das monotone Vibrieren des Ventilators setzt sich in Gang, und im Licht von fünfundvierzig Watt erwacht ein Fleck zum Leben, der aussieht wie die Spaghetti auf dem Bild I LOVE YOU WITH MY FORD von James Rosenquist aus dem Jahr neunzehnhunderteinundsechzig. Bender hat vergessen, den Klodeckel hochzuheben. Rosenquists Bild ist horizontal geteilt und zeigt drei ganz unterschiedliche Motive, aber während Bender über dem eigenen Erbrochenen steht, kann er sich nicht erinnern, was in der oberen Hälfte von Rosenquists Werk zu sehen ist. Das Einzige, woran er sich erinnern kann, sind die leuchtenden Spaghetti in roter Sauce in der unteren Hälfte des Bilds. Spaghetti, die einigermaßen lebendig aussehen, so wie die Spaghetti, die er in diesem Moment sieht. Irgendetwas von alldem muss doch eine Bedeutung haben, entweder Rosenquists Illusion oder diese Realität hier. Der Fußboden im Vorzimmer ist kalt. Auf Zehenspitzen geht er ins Bad. Er hebt den Kopf und schaut in den Spiegel. Die getrocknete Spur des verdauten Essens auf seiner Oberlippe lässt ihn für einen Moment an eine Hasenschnauze denken. Er dreht das Wasser auf und wäscht sich mit den Fingern das Essen aus dem Gesicht. Er schaut noch einmal hin. Unter dem Waschbecken zieht er einen Putzlappen hervor. Dann nimmt er einen gelben Eimer, füllt Wasser ein und geht zurück zur Toilette. An der Tür bleibt er stehen. Sein Mund füllt sich mit Spucke. Der Ekel im Mund ruft die gleiche Reaktion hervor wie Hunger. Wenn er es nicht schafft, an etwas anderes zu denken, wird er sich noch einmal übergeben müssen. Während er mit dem Putzlappen die ausgespienen Essensreste einsammelt, fällt ihm wieder ein, was in der oberen Hälfte von Rosenquists Bild zu sehen ist. Ganz oben die Vorderansicht eines Ford-Modells aus den Sechzigern, darunter die Seitenansicht eines Frauenkopfs im Zustand der melancholischen Geistesabwesenheit. Er übertreibt. Die Sechziger ertragen nur das Konkrete. Nur das Buchstäbliche. Das Frauenprofil auf dem Bild liebt seinen Ford, und das Unbewusste beschwört Spaghetti herauf. Der Putzlappen hat eine hohe Saugkraft. In nur zwei Zügen gelingt es Bender, die gesamte Unordnung, die er angerichtet hat, wieder einzusammeln. Im Wasser aufgelöst, verströmt die Unordnung keinen Geruch mehr. Das Wasser neutralisiert sowohl die Gerüche als auch die Inhalte. Die substanzlose Mischung im Eimer ist bloß Wasser mit den Resten von etwas, das aussieht, als würde es von...




