Der Westen
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
ISBN: 978-3-96196-270-9
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses Kursbuch stellt sich dieser Ambivalenz auf vielfältigste Weise. Daniel-Pascal Zorn widmet sich dem Universalismus des Westens. Der Westen sei nur mit sich selbst beschäftigt. Philosophisch tue er so, als beginne das Denken (Griechenlands) bei sich selbst, statt zu sehen, wie sehr dieses Denken bereits an anderes anschließt. In Indien, China oder Afrika. Die Historikerin Franziska Davies zeigt die wechselvolle Geschichte der Ukraine, dessen Zugehörigkeiten stets mit Randlagen in geostrategischen Großlagen zu tun hatten. Besonders für die deutsche Perspektive zeigt sie, wie stark diese von der historisch durchaus verständlichen Bemühung um Aussöhnung mit Russland geprägt ist – dabei aber an der Komplexität der regionalen Verflechtungen scheitert. Im Gespräch mit Ines Geipel beklagt sie ein merkwürdiges Desinteresse an der Aufarbeitung der Gewaltgeschichte der DDR, sie spricht von der "Härtesubstanz des Ostens", der den neuen Menschen gewaltsam herstellen wollte, vor allem durch Disziplinierung der Körper. Der Westen zeigt nur Desinteresse, was auch dazu führe, dass sich gerade im Osten Deutschlands eine Renaissance autoritärer rechter politischer Formen etabliere.
Für die Intermezzi wurde diesmal die Frage gestellt: Was ist für mich der Westen? Auch in den 14 kurzen Texten von Ulrike Draesner, Karl Bruckmaier, Shila Behjat, Peter Unfried, Olaf Unverzart (in Bildern), Rasha Corti, Jürgen Dollase, Irmhild Saake, Wolfgang Schmidbauer, Karsten Fischer, Georg von Wallwitz, Andrea Römmele, Thomas K. Henning und Malek Mansour kommt die Ambivalenz des Westlichen zum Ausdruck, vor allem aber die pluralen Perspektiven auf das Thema.
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OSTEN scannt WESTEN
Ein Gespräch mit Ines Geipel über blinde Flecke und den neuen Machtdiskurs zwischen Ost und West sowie die gewaltige Grenzüberschreitung der Menschheit.
Von Peter Felixberger und Armin Nassehi »Erst nach meiner Flucht 1989 wurde der Westen tatsächlich real für mich.« Kursbuch: Ihre Biografie bezieht Westen und Osten aufeinander. Die eine Hälfte ist DDR-Bürgerin, die andere hat im Westen gelebt. Da stellen sich mehrere Fragen: Wo fängt der Osten an – bei Helmstedt, hinter dem Ural oder sogar erst an der chinesischen Grenze? Die andere Frage lautet natürlich: Wo fängt für Sie der Westen an? Geipel: Der Westen hatte sicherlich bei vielen im Osten verschiedene innere Bildstationen. ZDF-Hitparade, Politmagazine, Nachrichten, die Mainzelmännchen mit den Werbeblocks dazwischen. Der Osten scannte den Westen unentwegt. Über die Werbebilder konnte man in der DDR in das Imaginäre des Westens blicken. Für mich war es wohl noch etwas anders: Ich kam aus Dresden, aus dem sogenannten Tal der Ahnungslosen, konnte dann aber als junge Sportlerin Rom und Paris sehen, mit der realen Erfahrung, dass es hinter der Mauer die wirkliche Welt gibt. Was in mir letztlich auch den Wunsch auslöste, in dieser Welt zu leben. Aber erst nach meiner Flucht 1989 wurde der Westen tatsächlich real für mich. Kursbuch: Werbebilder sind konkrete Bilder. Wenn Sie den Westen eher abstrakt beschreiben müssten, was würde Ihnen zuerst einfallen? Geipel: Die Geschichte des Ostens ist die Geschichte eines doppelten Blicks. Man lebte real im Osten und schaute die ganze Zeit in den Westen. Darauf wurde man konditioniert. Eine Schule der Imagination. Wie hätten die Ostdeutschen den Westen in ihrer Einschlussgesellschaft denn real werden lassen können? Wenn man Glück hatte, gab es den Verwandten, der ab und zu ein Päckchen schickte. Mein Anfang war eine Kultur der Indoktrination: Dresden, kommunistischer Haushalt, eine Sozialisation hinter der Mauer, null Westverwandte. Da gab es den Westen praktisch nicht. Erst später mit Internat, Thüringer Wald, Studium dehnte sich das Bild auf. Als Studentin in Jena waren die Bundestagsdebatten Standard. Kursbuch: In dieser Zeit, so schreiben Sie in Ihrem neuen Buch Schöner Neuer Himmel eindrucksvoll, entwickelte sich im Osten eine differenzierte Forschung über die Körperlichkeit eines neuen Menschen. Ein Überlegenheitsideal, welches in den Alltag übersetzt werden musste. Wann wurden Sie erstmals mit der Schaffung eines neuen, dem Westen überlegenen Menschentyps konfrontiert? Geipel: Sie sprechen von der Idee der grenzenlosen Machbarkeit, die dem Kommunismus genuin zugrunde liegt. Ein Entgrenzungs- oder auch Entwurzelungsprojekt und damit das Gegenprogramm zum europäischen Humanismus. Man wollte den Neuen Menschen, den permanenten Helden, der den Himmel nicht nur erobern, sondern für immer da oben leben konnte. Was für eine Hybris. Aber dieser Enterdungsplan war auch eingebaut in eine komplexe Gedankenwelt: ab 1948 kein Sigmund Freud mehr im Osten, eine instrumentelle Gedächtniskultur, viel Ideologie, viel Schweigen. Das emotionale Regime der DDR zielte auf die innere Betäubung des Kollektivs. Da war nichts mit Individualisierung und Psychologisierung wie im Westen. Wenn es um Ost und West geht, reden wir seit Jahrzehnten über Renten, Steuern und materielle Dinge, aber der fehlende Missing Link zweier emotionaler und auch intellektueller Welten kommt dabei kaum in den Blick. Aber gehört nicht auch das zum immateriellen Erbe eines geeinten Landes? Kursbuch: Spielt das auch in den aktuellen Ukrainekrieg hinein? Geipel: Absolut. Wenn wir für das Putin-System eine Lösung denken wollen, geht es noch einmal um den Kommunismus, um Stalin, um die Auslöschungsprogramme des letzten Jahrhunderts. Ein System lässt sich nur am Extrem verstehen, an seinen Kipppunkten und jetzt natürlich an seinem Programm der Restauration. Das verlangt schlicht mehr Analyse. Kursbuch: In den 1960er- und 1970er-Jahren gab es auch im Westen eine Gegenbewegung etwa gegen die Psychoanalyse, Linguistik, Ethnologie, wir erinnern uns an Foucault und seinen Begriff der Gegenwissenschaften. Sie sagen, auch im Osten wird das Nichtplanbare, das Uneindeutige infrage gestellt. Der Neofaschist Alexander Dugin, einer der wichtigsten Stichwortgeber Putins, kritisiert am Westen vor allem das Dekadente, das Homosexuelle, das Ästhetisierende oder alles, was einer natürlichen Ordnung widerspricht. Geipel: Der menschliche Körper ist die Exerzierstätte für diese Art Ideologien. Zudem wird das lange Ausatmen Osteuropas am Ende einer langen Diktaturgeschichte im Westen noch immer stark ausgeblendet. Insbesondere die westdeutsche Linke schaut weg. So bleiben die blinden Flecke Teil des Diskurses. Man nimmt die Gewaltgeschichte des Ostens immer noch nicht ernst. Der Vorhang zu dieser Traumadimension wurde schlicht nicht aufgemacht. Insofern hat es eine Logik, wenn sich das System der Restauration breitmacht und bereits geleistete Aufarbeitung zurückgeschrieben wird. Das ist brutal für die Opfer. Kursbuch: Noch mal nachgefragt. Im Härteprogramm des Ostens wurden menschliche Körper unter extremen Bedingungen weiterentwickelt, leistungsfähiger gemacht und optimiert. Im Westen ist dieses Leistungsmotiv ebenfalls sehr stark ausgeprägt. Im Sport und in der Wirtschaft lässt sich ebenfalls eine Härtesemantik erkennen. War diese westliche Selbstentfaltungslinie von Leistung und Nutzen im Osten überhaupt ein Thema? Geipel: Im Begriff der Leistung steckt in meinen Augen noch etwas anderes. In den westlichen Gesellschaften kam nach dem Zweiten Weltkrieg über die USA die ausgesprochen dominante Glücksidee. Im Osten hat sich dieses Thema nie gestellt. Wer konnte sich schon die Frage leisten, ob er oder sie glücklich ist? Das System war über Mangel, Reduktion, akkurate Brutalität und Einschluss bestimmt. Der Osten war gut, sich eine Welt zu imaginieren, aber die Realität hatte deutliche Grenzen. Dabei gebe ich Ihnen völlig recht: Die Leistungsmaschine oder der Hochdruckkessel des Westens können nicht die Lösung sein. Aber die Idee setzt sich womöglich etwas anders zusammen. Dahinter stehen je eigene Menschen- und damit auch Gesellschaftsentwürfe. Und auch je eigene Antworten auf die großen Bruchlinien des 20. Jahrhunderts. Etwa auf die beiden Weltkriege. Die Individualisierung und Psychologisierung im Westen sind insbesondere Entlastungsstrategien gewesen oder auch eine Strategie, die Schulddynamiken aus den Kriegen in ein großes Wohlfühlprogramm umzucodieren. Im Osten wurde die Wahrnehmungs-, Denk- und Sprachwelt des Einzelnen ins Kollektiv umgetopft und in den Hyperanspruch, als sozialistischer Mensch, also als allseits Siegender, möglichst rasch zu reüssieren. Eine Art Opferholismus. Heute beatmen wir in einem fort Spiegelszenen, ohne dass es uns gelingen würde, die substanzielle Differenz unserer im Kern verschiedenen Geschichten zu klären. Das scheint sich jetzt auch im Putin-Krieg gegen die Ukraine zu wiederholen. Ich würde sagen, Deutschland hat ein Putin-Syndrom in der Tiefe, aber es sieht in Ost und West verschieden aus. Der Westen hat spätestens seit Gerhard Schröder mit Putin die besten Geschäfte gemacht. Da fällt es mitten in einem Auslöschungskrieg offenbar schwer, das Schiff umzusteuern und vom business as usual zu lassen. Der Osten wiederum hat eine Besatzungsgeschichte mit den Sowjets. Das bedeutete zu DDR-Zeiten großteils Abwehr, viel Nein im Ostkollektiv. Ab 2015 gab es genau da aber paradoxerweise eine breite Phalanx von »Putin-Verstehern«, letztlich Putin-Bejahern. In ihr steckt für mich insbesondere ein gezieltes Ressentiment gegenüber dem Westen. Man kann sich abgrenzen, besteht auf einer besonderen Beziehung zu Russland, ohne je erklären zu müssen, was das Besondere sein soll. Wir haben es in den letzten 30 Jahren nicht geschafft, diese Spiegelszenen aufzulösen, sondern legen die alten Spaltungssyndrome immer wieder neu auf. Der Westen schlüpft mühelos in seine Schuldschuhe, der Osten macht auf Superopfer, auch in Entlastung mit Putin. Dabei verspielen wir miteinander viel Politsubstanz und vor allem wichtige Zeit. Kursbuch: Wenn ich das aus einer westdeutschen Biografie spiegele, dann bildet sich hier vieles von dem ab, was Sie gerade erörtert haben. Der Osten war in den 1980er-Jahren in der akademischen Linken eine ästhetische Projektionsfläche, die Führungsriege der SED sah nicht so aus, wie man gerne selbst aussehen wollte. Dahinter aber stand die Vorstellung, dass man Gesellschaften planen und Sicherheit produzieren kann. Man hat geträumt von den ästhetischen Freiheiten des Westens kombiniert mit der Sicherheit einer ostdeutschen Gesellschaft. Was wiederum eine produktive Selbstkritik des Westens sowie eine Kritik der staatssozialistischen Diktatur im Osten verhindert hat. Geipel: Sicherheit für wen? Was bis heute nicht erzählt wird, ist die Gewaltdimension des Ostens. Die UOKG, die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, beziffert drei Millionen DDR-Unrechtsopfer. Ich sitze gerade im Beirat, wo es um das Denkmal für die Opfer des Kommunismus geht, und erlebe eine harte Diskussion, weil das Thema, dass diese Opfer einen politischen Ort bekommen, in Berlin schwer durchsetzbar ist. Wir erleben im Grunde eine Derealisierung von Geschichte. Die Forschung über die DDR ist praktisch beendet, die Härtesubstanz des Ostens wird zunehmend ausgeblendet. Nach 1989 hat...