Feist Die Krondor-Saga 3
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18589-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Tränen der Götter
E-Book, Deutsch, Band 3
Reihe: Die Krondor-Saga
ISBN: 978-3-641-18589-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raymond Feist wurde 1945 in Los Angeles geboren und lebt in San Diego im Süden Kaliforniens. Viele Jahre lang hat er Rollenspiele und Computerspiele entwickelt. Aus dieser Tätigkeit entstand auch die fantastische Welt seiner Romane: Midkemia. Die in den 80er-Jahren begonnene Saga ist ein Klassiker des Fantasy-Genres, und Feist gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Fantasy in der Tradition Tolkiens.
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Prolog
Angriff
Das Wetter wurde schlechter.
Am Himmel ballten sich dunkle Wolken zusammen, aus denen immer wieder bösartige Blitze zuckten, die die finstere Nacht in alle Richtungen durchlöcherten. Der Ausguck auf dem höchsten Mast der Morgenröte Ishaps kniff die Augen zusammen; er dachte, er hätte in einiger Entfernung eine Bewegung gesehen, und versuchte jetzt trotz der Dunkelheit etwas zu erkennen, wobei er mit der Hand die Augen vor der salzigen Gischt und dem beißenden, eisigen Wind zu schützen versuchte, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Er blinzelte die Tränen weg, und dann war die Bewegung – was für eine es auch immer gewesen sein mochte – fort.
Die Dunkelheit und die Bedrohung durch den Sturm hatten dafür gesorgt, dass der Ausguck hier oben eine elende Nacht verbracht hatte, und das nur, weil die unwahrscheinliche Möglichkeit bestand, dass der Kapitän vom Kurs abgekommen war. Dabei konnte sich der Ausguck so etwas kaum vorstellen, denn der Kapitän war ein erfahrener Seemann, der nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeiten, Gefahren aus dem Weg zu gehen, ausgewählt worden war. Und er wusste so gut wie jeder andere Mann, wie gefährlich diese Überfahrt war. Für den Tempel besaß ihre Fracht einen einzigartigen, unermesslichen Wert, und Gerüchte über Piraten, die sich entlang der queganischen Küste herumtreiben sollten, hatten einen gewagten Kurs in die Nähe der Witwenspitze notwendig gemacht – ein Gebiet voller Felsen und Riffe, das man, wenn möglich, am besten meiden sollte. Doch die Morgenröte Ishaps war mit erfahrenen Seeleuten bemannt, die auf jeden Befehl des Kapitäns achteten und ihn unverzüglich befolgten, denn jeder von ihnen wusste, dass ein Schiff, das erst einmal in die Felsen bei der Witwenspitze geraten war, keine Überlebenschance mehr besaß. Die Männer fürchteten um ihr Leben – das war nur natürlich –, aber sie waren nicht nur deswegen ausgewählt worden, weil sie erfahrene Seeleute waren, sondern auch wegen ihrer Treue zum Tempel. Und sie wussten alle, wie teuer ihre Fracht dem Tempel war.
Unten im Frachtraum umringten acht Mönche des Ishap-Tempels von Krondor ein überaus heiliges Objekt – die Träne der Götter. Dabei handelte es sich um ein Juwel von erstaunlicher Größe – so lang wie der Arm eines großen Mannes und zweimal so dick –, das von innen heraus in einem mystischen Licht leuchtete. Alle zehn Jahre wurde in einem Kloster, das verborgen in einem kleinen versteckten Tal in den Grauen Türmen lag, eine neue Träne geformt. Wenn der größte Teil der heiligen Riten vollzogen worden und die Träne bereit war, transportierte eine schwer bewaffnete Karawane sie zum nächsten Hafen in den Freien Städten von Natal. Dort wurde sie auf ein Schiff verladen und nach Krondor gebracht. Von dort aus würde die Träne mit einer Eskorte aus Kriegsmönchen, Priestern und Bediensteten nach kurzer Zeit Salador erreichen, dort an Bord eines weiteren Schiffes verladen und schließlich zum Muttertempel in Rillanon gebracht werden, wo sie die vorhergehende Träne ersetzen würde, deren Macht geschwunden war.
Die wahre Natur und der wirkliche Zweck des heiligen Edelsteins waren nur den obersten Rängen derer bekannt, die dem Tempel dienten, und der Seemann hoch oben auf dem Hauptmast stellte keine Fragen. Er vertraute auf die Macht der Götter und wusste, dass er einem größeren Wohl diente. Und er wurde gut dafür bezahlt, dass er auf Wache aufmerksam war – und nicht dafür, dass er Fragen stellte.
Aber nach zwei Wochen, in denen sie sich mit widrigen Winden und schwerer See herumgeschlagen hatten, begann auch der frömmste Mann das blauweiße Licht, das jeden Abend aus dem Laderaum heraufschimmerte, und den immer währenden Gesang der Mönche nervenaufreibend zu finden. Die andauernden, für diese Jahreszeit untypischen Winde und unerwarteten Stürme hatten einige Mannschaftsmitglieder von Zauberei und dunkler Magie reden lassen. Der Ausguck schickte ein stummes Gebet an Killian, die Göttin der Natur und der Seeleute (und fügte dann noch ein kurzes an Eortis hinzu, von dem man sagte, er wäre der wahre Gott des Meeres), dass sie in der Morgendämmerung endlich ihren Bestimmungsort erreichen würden: Krondor. Die Träne und ihre Eskorte würden die Stadt schnell wieder in Richtung Osten verlassen, doch der Seemann würde in Krondor bei seiner Familie bleiben. Die Heuer, die ihm diese Reise eingebracht hatte, würde es ihm ermöglichen, längere Zeit zu Hause zu bleiben.
Der Seemann im Mastkorb dachte an seine Frau und seine beiden Kinder, und ein leichtes Lächeln huschte über seine Züge. Seine Tochter war jetzt alt genug, um ihrer Mutter in der Küche zu helfen und sich um den kleinen Bruder zu kümmern, und schon bald würde das dritte Kind zur Welt kommen. Wie schon hunderte Male zuvor schwor sich der Seemann, dass er sich eine andere Arbeit suchen würde – eine, die näher an seinem Heim war, sodass er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen konnte.
Eine Bewegung in Richtung der Küste riss ihn aus seinen Träumereien. Das Licht der Schiffslaternen flackerte über sturmzerzauste Sturzwellen, und er konnte den Rhythmus der See spüren. Irgendetwas hatte gerade diesen Rhythmus unterbrochen. Er spähte durch das Zwielicht, versuchte, mit reiner Willenskraft die Düsternis zu durchdringen, zu sehen, ob sie zu nah auf die Felsen zutrieben.
»Dieses blaue Licht, das von dem Schiff kommt, verschafft mir ein schlechtes Gefühl, Kapitän«, sagte Knute.
Der Mann, den Knute angesprochen hatte, schaute auf ihn herunter. Mit einer Größe von sechs Fuß und acht Zoll überragte er alle um ihn herum und ließ sie klein erscheinen. Seine überaus kräftigen Schultern und Arme wurden nicht von dem schwarzen Lederharnisch bedeckt, den er bevorzugte, obwohl er ein paar mit stählernen Dornen besetzte Schulterstücke hinzugefügt hatte – eine Trophäe, die er der Leiche eines ziemlich bekannten Gladiators aus Queg abgenommen hatte. Die Haut, die zu sehen war, wies Dutzende von kreuz und quer verlaufenden Narben auf, Erinnerungen an frühere Kämpfe. Eine dieser Narben zeichnete sein Gesicht; sie verlief von der Stirn bis zum Kieferknochen, mitten durch das rechte Auge, das milchig weiß war. Doch das linke Auge schien in einem bösen inneren roten Licht zu glühen, und Knut wusste, dass diesem Auge so gut wie nichts entging.
Von den Dornen auf den Schulterstücken abgesehen, war die Rüstung glatt und zweckmäßig, gut eingefettet und generell in einem guten Zustand, auch wenn sie an einigen Stellen geflickt und ausgebessert worden war. Um den Hals des Mannes hing ein Amulett; es war aus Bronze, und dass es so dunkel war, lag nicht nur an seinem Alter und einer gewissen Nachlässigkeit – es war von alten schwarzen Künsten befleckt. Der rote Edelstein in seiner Mitte pulsierte schwach, wie um die Worte seines Trägers zu unterstreichen, als Bär sagte: »Kümmere dich lieber darum, uns auf Abstand zu den Felsen zu halten, Lotse. Das ist der einzige Grund, warum du noch am Leben bist.« Er drehte sich nach achtern. »Jetzt!« Seine Stimme klang leise, trug aber dennoch bis zum Heck des Schiffes.
Einer der Seeleute am Heck wandte sich an die Männer im Frachtraum unter ihm. »Vorwärts!« Der Hortator hob eine Hand und ließ sie dann mit der Kante auf die Trommel zwischen seinen Knien fallen.
Beim ersten Trommelschlag hoben die Sklaven, die an ihre Bänke gekettet waren, die Ruder, und beim zweiten senkten sie sie und zogen wie ein Mann. Sie wussten Bescheid, doch der Sklavenmeister, der zwischen den Ruderbänken auf und ab schritt, wiederholte noch einmal eindringlich seine Worte. »Leise, meine Lieblinge! Ich werde jeden von euch töten, der ein Geräusch von sich gibt, das lauter ist als ein Flüstern.«
Das Schiff, eine queganische Patrouillen-Galeere, die bei einem Überfall vor einem Jahr erbeutet worden war, schob sich vorwärts, wurde schneller. Knute kauerte am Bug und beobachtete eifrig die Wasseroberfläche. Er hatte das Schiff in eine Position gebracht, von der aus es direkt auf das Ziel zukommen würde, doch sie mussten immer noch eine Wende nach backbord durchführen – das war nicht schwierig, wenn man den rechten Zeitpunkt wählte, aber nichtsdestotrotz gefährlich. Plötzlich drehte Knute sich um und sagte: »Jetzt – hart backbord!«
Bär drehte sich um und gab den Befehl weiter, und der Steuermann setzte ihn in die Tat um. Einen Augenblick später befahl Knute: »Ruder mittschiffs«, und die Galeere begann, die Wogen zu durchschneiden.
Knutes Blick huschte kurz zu Bär hinüber, dann kehrte seine Aufmerksamkeit zu dem Schiff zurück, das sie überfallen wollten. Knute hatte noch nie zuvor in seinem Leben so viel Angst gehabt. Er war ein geborener Pirat, eine Hafenratte aus Natal, die sich vom einfachen Seemann zu einem der besten Lotsen des Bitteren Meeres hochgearbeitet hatte. Er kannte jeden Felsen, jede Untiefe und jedes Riff zwischen Ylith und Krondor und westwärts bis zur Straße der Finsternis und entlang der Küste der Freien Städte. Dieses Wissen hatte dafür gesorgt, dass er mehr als vierzig Jahre lang am Leben geblieben war, während andere Männer gestorben waren – Männer, die weitaus tapferer, stärker und intelligenter als er gewesen waren.
Knute...




