Federn | Hauptmann Latour | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Federn Hauptmann Latour


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-501-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-95676-501-8
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Karl Federn (* 2. Februar 1868 in Wien, † 22. März 1943 in London) war ein österreichischer Jurist, Übersetzer und Schriftsteller. Er emigrierte 1933 nach Dänemark und ging 1938 nach London, wo er sich einen Namen als Kritiker des Marxismus machte. Sein Buch “Hauptmann Latour” wurde in Deutschland von den Nationalsozialisten verboten. (Auszug aus Wikipedia)

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In der Marneschlacht
Ueber vierzehn Tage ist es her, seit die Batterie Latour bei Renaix im Hennegau ausgeladen war. Nein, es ist schon hundert Tage her, es könnten auch schon Jahre sein, seit sie ununterbrochen auf dem Marsch ist. Weite Felder, Baumreihen, die Augustsonne brennt, Bremsen schwirren um Menschen und Pferde und saugen Blut. Blut hatte auch der junge Husar im Gesicht, der im Chausseegraben lag. Es war der erste Tote, den die Artilleristen sahen. »Das ist ja eine feine Sorte Krieg«, sagte Hauptmann Kuntze, der Chef der zweiten Batterie, zu Talbot Latour, der die dritte führte, »eine elende Tippelei: der Staub und der Gestank in der Marschkolonne!« »Ja, das ist stiefelsaures Strumpfoxyd, zurzeit das Parfum des feinen Mannes.« Sie ritten eine Weile nebeneinander. »Was soll bloss diese Rennerei?« »Soviel ich weiss, soll der rechte Flügel vorrücken und westlich an Paris vorbei zur Umfassung ausholen. Die Schangels sollen gleich in den grossen Wurstkessel getan werden.« »Und die Engländer?« »Ja, das weiss ich nicht. Die haben schon manchesmal manchem das Konzept verdorben. Und sie werden es wieder tun.« »So? Glauben Sie?« »Wissen Sie, warum ich aus der grossen Bude in unser schönes Regiment versetzt wurde? Ich habe bisher nicht darüber gesprochen, weil es mir nicht passte. Vom Februar bis April war ich in England zum Studium der Sprache. Nun ist meine Mutter Irin, und ich spreche fliessend Englisch. Ich hörte allerlei, und als ich wiederkam machte ich pflichtgemäss einen Bericht: Bahnbauten nach den Verschiffungshäfen, Rampen, neue Befestigungen in Kosyth und Scapa Flow, Propaganda für die allgemeine Wehrpflicht und so weiter. Kurz: wir unterschätzen die Engländer geradezu sträflich. Ein simpler Hauptmann hat aber nun einmal nicht soviel zu verstehen wie die hohen Vorgesetzten. Mein Abteilungschef gab mir den Bericht mit unsanften Bemerkungen zurück. Ich reichte ihn unter Vermeidung des Dienstweges dem Chef direkt ein, und das hat mich die roten Hosen gekostet.« »Das ist ja unglaublich.« »Aber wahr.« »Dabei halten die Leute mich für anglophil; den Sohn einer Irin, die nichts so hasst wie England.« Sie ritten schweigend weiter. Endlos zog sich die Marschkolonne auf der geraden Strasse zwischen Wiesen und Feldern in der Augustsonne hin, in eine Staubwolke gehüllt. Endlos tönte das Klappern der Hufe, das Knarren der Räder und das leise Klirren des Zaumzeugs. * Ein Monat später, Maiglöckchen, Talbots Stute lahmt. Die Armee ist seit Tagen auf dem Rückmarsch durch Flandern; die Septembersonne ist fast ebenso heiss. Es sind dieselben geraden Strassen zwischen Weizenfeldern und Baumreihen. Talbot geht neben Ritchener, sein anderes Pferd ist schwer zu reiten, weil es einen zu kurzen Tritt hat. Die Batterie hat nur wenig mitgemacht. Es ging alles so furchtbar schnell und schien immer das Gleiche: Marsch in glühender Hitze, irgend eine Unterkunft, Essen und Schlaf. Das Gefecht war, so sonderbar das schien, die einzige Erholung gewesen. Das Bewusstsein des Rückzugs lastete auf allen. Es ging rückwärts, ohne dass man das Gefühl hatte geschlagen zu sein. Von hinten ruft jemand »Herr von Latour!« Es ist, rot und dick wie Falstaff, der Regimentskommandeur Oberstleutnant Stein; der Abteilungskommandeur Major Uhden mit seinem Bulldoggengesicht reitet mit ihm. »Herr Oberstleutnant befehlen?« Talbot sitzt auf, um beiden Herren folgen zu können. »Hören Sie, Latour,« sagt der Kommandeur, »in etwa einer halben Stunde erreichen wir die Lys. Die Division hat befohlen, dass ein Bataillon und eine Batterie eine Aufnahmestellung diesseits der Lys nimmt, bis die Pioniere die Brücken zur Sprengung fertiggemacht haben und alles hinüber ist. Ich habe Ihre Batterie dazu bestimmt. Sie unterstehen bis auf weiteres dem Kommandeur des Füsilierbataillons vom Regiment Ludwig Franz, Herrn Major von Wins. Melden Sie sich bei ihm an der Lysbrücke sobald als möglich und suchen Sie sich eine passende Stellung. Die Engländer drücken heftig nach. Es kann Kappen setzen. Hals und Beinbruch!« »Gehorsamsten Dank, Herr Oberstleutnant.« Talbot gibt seinem ältesten Offizier, Leutnant Bickel, die nötigen Anweisungen und trabt mit seiner Batterie an der vorne marschierenden Infanterie vorbei zur Brücke. * Drei Uhr nachmittags. Talbots vier Geschütze sind hinter einer Hecke eingegraben. Etwa vierhundert Meter vor der Batterie liegen die Füsiliere. Major von Wins steht an Talbots Scherenfernrohr. »Sehen Sie mal, Herr Hauptmann, da kommen sie!« Talbot sieht durchs Glas: »Richtig, Herr Major ... dahinten ... Staubwolken.« »Wollen Sie nicht das Feuer eröffnen?« »Noch nicht, Herr Major. Es ist besser, wir zeigen uns noch nicht.« »Einverstanden.« Aus der Ferne hört man Gewehrfeuer. »Gefechtsberührung mit meinen Vorposten«, sagt der Major. Die Engländer entwickeln Schützenlinien gegen die Füsiliere. Die ganze Linie entlang knattert Gewehrfeuer. »Piuh, Piuh« singen weitgehende Geschosse der Lee-Enfield-Gewehre. »Da drüben meckern 'ne Masse Maschinenspritzen«, meint Talbot. »Ja. Geben Sie ihnen doch mal was zu schlucken!« Talbot gibt die nötigen Befehle. Die Batterie feuert. Zehn Minuten später platzen englische Schrapnells über den Füsilieren. Bald feuern auch andere englische Batterien und schwere Granaten schlagen bei der Infanterie ein. »Können Sie den Kerls nicht eins in die Fresse geben, Herr von Latour?« »Leider nicht, Herr Major. Ich sehe sie wohl deutlich feuern; aber sie stehen zu weit ab. Ich schaff's nicht. Unsere Feldkanone ist ganz unzureichend.« »Ach nee«, sagt der Major und macht ein ungläubiges Gesicht. »Ja, Herr Major, es ist so. Siebzig hatten wir das überlegene Geschütz. Diesmal nicht. Sogar die Russen schiessen weiter.« Heulend kommt eine schwere Granate und schlägt krachend hinter der Batterie ein. Heulend kommen noch zwei und zerspringen krachend dicht vor der Feuerstellung. »Mir scheint, Bickel, die meinen uns«, sagt Talbot. »Soll das ein Witz sein, Herr Hauptmann?« »Nee, die meinen das ernst.« Es heult wieder und kracht beim vierten Geschütz. Auch die Batterie feuert. Lage um Lage verlässt die Rohre. Ueberall, wo die englische Infanterie vorgegangen ist, liegen auf der saatgrünen Wiese bräunliche Punkte. Und sie geht nicht mehr vor. Ein Schrapnell platzt vor der Batterie; die Kugeln klappern gegen die Schutzschilde. »Feuerpause!« kommandiert Talbot. »Wir müssen etwas sparen«, meint er zu Bickel. »Cannons overcharged with double cracks! Macbeth, erster Akt.« Es kracht. Wieder eine schwarze Fontäne dicht vor der Batterie. »Glauben Sie nicht, Bickel, dass es ein Blödsinn von Shakespeare ist, wenn er im Macbeth von Kanonen schreibt?« »Mein Himmel, was Herr Hauptmann für Sorgen haben!«, ruft Bickel. Wieder heult es durch die Luft und kracht oben; drei oder vier Wölkchen stehen über der Batterie. »Verdammt!« schreit der Unteroffizier Hug am ersten Geschütz. »Sanitäter!« wird gerufen. Was haben Sie, Hug«, ruft Talbot hinüber. »Am Hintern«, antwortet Hug. »Ist's schlimm?« »Weiss nicht, Herr Hauptmann.« »Gehen Sie zu den Protzen! Der Küchenunteroffizier an das erste Geschütz!« Hug humpelt davon. Unteroffizier Marten, ein stattlicher Reservist mit schwarzem Vollbart, macht keine begeisterte Miene bei dem Tausch. Er war eben mit der Feldküche angekommen. Eine Granate kracht dicht vor dem Loch, das Talbot sich für seine Beobachtung hat graben lassen. »Vor der Kanone Ladeloch – sitzt der dicke Mannschaftskoch – und bläst auf einem Doppelglas: – Mariechen, komm, ich zeig Dir was!« summt Talbot vor sich hin. »Das ist eine Reminiszenz aus einer Barbara-Bierzeitung, passt aber schön, Bickel.« Jetzt schlägt eine Granate dicht hinter dem zweiten Geschütz ein. Jemand schreit: »O meine Mutter!« Noch andere schreien. – »Sanitäter« wird wieder gerufen. Talbot geht an die Unglücksstelle. Ein Kanonier ist tot, mehrere verwundet, das Schutzschild ist durchlöchert wie ein Sieb. »Der halbe Arm ist weg!« sagt jemand. »Ruhe Kinder, Ruhe!« Talbot gibt die nötigen Anordnungen und geht langsam wieder an sein Fernrohr. »Sollten wir nicht Stellungswechsel machen?« meint Leutnant Bickel. »Wir bleiben, bis die Pioniere fertig sind, oder bis Major von Wins uns entlässt.« »Aber die Beefs decken uns zu.« »Die müssen auch mal schiessen; sie wollen ja auch den Krieg gewinnen.« Die Batterie feuert weiter. Durch Gräben und hinter Hecken geduckt, kommt ein Offizier. Es ist Major von Wins. »Die Englishmen gehen nicht mehr vor. Ich danke Ihnen sehr, lieber Hauptmann. Sie haben Verluste?« »Es geht.« »Hoffentlich sind die Pioniere bald fertig.« »Hoffentlich, Herr Major.« Seit 3 Uhr nachmittags steht die Batterie im Feuer. Es dämmert bereits über den Wiesen. Das Aufflammen bei den feindlichen Geschützen wird greller. Am ganzen Horizont sieht man ein fernes fahles Blitzen und hört ein unaufhörliches Rollen und Krachen. Wo Infanterie liegt, steigen Leuchtkugeln auf. Latour sitzt am ersten Geschütz und richtet. Unteroffizier Marten lädt. Die anderen sind tot oder verwundet. Leutnant Bickel hat eine Schrapnellkugel in der Schulter und ist nach dem Verbandplatz gegangen. Das zweite...



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