E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Ein Fall für Cédric Bresson
Feber Blutroter Champagner
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-311-70434-8
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ce´dric Bressons zweiter Fall
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Ein Fall für Cédric Bresson
ISBN: 978-3-311-70434-8
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carlo Feber studierte Politische Wissenschaften an der FU Berlin und am Institut d'e?tudes politiques de Paris. Bevor er sich ganz seiner Liebe zur Literatur widmete, war er als Arbeitswissenschaftler bei der Fraunhofer-Gesellschaft und als Projektmanager in einer Berliner Medienagentur tätig. Seit 1995 schreibt er Kriminal- und Historische Romane unter verschiedenen Pseudonymen und gibt Creative-Writing-Seminare. Als 65er-Jahrgang aus dem »Weinland Pfalz« hatte Carlo Feber schon immer einen Gaumen für gute Weine. Auf einer Reise durch die Champagne - während der er seine Leidenschaft für Champagner demi-sec entdeckte - kam ihm die Idee für Ce?dric Bresson.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
»Et voilà – die Champagnerpyramide!«
Zweihundertundvier aufeinandergestellte Kristallschalen glitzerten in der Rotunde. Cédric drehte auf das Stichwort des Gastgebers hin die Halogenbeleuchtung im quadratischen Podest auf. Das Licht schoss hoch, explodierte geradezu im Glas. Winzige Lichtpunkte tanzten in allen Farben durch die geometrische Form.
»Überirdisch«, flüsterte eine Frauenstimme.
Schweißtreibend traf es besser. Für Cédric war die Pyramide harte Arbeit gewesen. Er griff zur ersten Champagnerflasche im Eiskühler auf dem Serviertisch.
Zusammen mit seinem Schwiegervater hatte er acht mal acht Kristallgläser an der Pyramidenbasis ausgerichtet, mit Wasserwaage und Lineal, sonst wäre das Bauwerk schief und instabil geworden. Darauf hatten sie sieben mal sieben, sechs mal sechs und so weiter Kristallschalen so aneinandergestellt, dass eine Stufe jeweils halb unter der darüberliegenden hervorragte.
Erwartungsvolles Schweigen hatte sich über den Raum gelegt. Alle hatten nur noch Augen für das eine Glas ganz oben, über das Cédric nun die Pyramide befüllen musste.
Auch Gastgeber Bernard Grandjean, der seine Rosenneuzüchtung feierte, war darunter. Dessen Gesicht und die grauweiße Lockenpracht wurden vom lichtsprühenden Kristall ausgeleuchtet wie ein Königsgemälde im Louvre.
Cédric knipste ein Lächeln an, wie es ihm seine Frau Maryse geraten hatte.
Aber anders als in Liebesdingen war Cédric diesmal wirklich unerfahren. Überdies hatte der Rosenzüchter bei der Kristallpyramide auf einem klassischen Aufbau bestanden. Wenn er, Bernard Grandjean, weitbekannter Rebenveredler und eingeschworener Rosenverehrer, seine neueste Züchtung präsentierte, gäbe es keine Tricks, die Pyramide mit dünnen Plexiglasplatten zu stabilisieren, wie bei billigen Hochzeitsfeiern.
Der Gastgeber konnte es sich leisten, dass für die Kaskade nun sehr viel Rosé-Champagner fließen würde.
Cédric drehte die Flasche mit der Linken ganz langsam, bis es zischte. Mit dem rechten Daumen hielt er den freigelegten Korken fest darauf, zählte bis vier. Das reichte, damit der Schaum nicht herausschoss. Diese erste zu öffnen war der leichteste Teil der Präsentation. Cédric hob den Fuß auf die dreistufige Trittleiter.
Dass das Aufgießen einer Champagnerpyramide dieser Größe Übung brauchte, hatte sogar sein Schwiegervater Paul zugegeben. Hätte Cédric doch gleich auf ihn gehört, statt sich im Netz schlauzumachen, dann hätte er das Video nicht gesehen, das ihn von da an bis in den Schlaf verfolgt hatte: Beim Empfang einer russischen Bank vertat sich der Kellner mit dem schäumenden Strahl nur um ein paar Grad im Eingießwinkel – wodurch das erste Glas kippelte. Schale für Schale, Schicht für Schicht sackte die ganze Pyramide in sich zusammen.
Langsam zog Cédric den anderen Fuß auf die Trittleiter nach. Draußen verblasste das Abendlicht, weshalb ihn das Halogen aus dem Podestboden viel stärker blendete als bei seinen Übungsaufbauten in der Versandhalle.
Noch eine Stufe auf dem Tritt. Cédric hatte nicht bedacht, wie sehr ihn der intensive Rosenduft in der Rotunde benebeln würde. Alle Fenster waren mit Girlanden geschmückt, in die rotgoldene Blüten eingeflochten waren. Cédrics sehr gute Nase konnte Fluch wie Segen sein. Er roch es genau: So seltsam es war, der Duft seines ersten selbst komponierten Champagner Rosé glich tatsächlich dem der neu gezüchteten Rose. Und weil Gastgeber Bernard Grandjean ein alter Freund seines Schwiegervaters war, hatte der das bei der Verköstigung im kleinen Kreis sofort bemerkt und Champagnes Cherriot-Bresson für die Präsentation gebucht.
Cédric mochte es nicht, wenn er den Kontakt zum Fußboden verlor. Türme, Aussichtsplattformen mied er. Leider galten die Gesetze der Physik: Jede Kaskade floss nur von oben nach unten. Cédric stellte sich auf die oberste Stufe der Trittleiter. Einmal mehr verfluchte er die Bande aus dem benachbarten Viertel, die ihn als Sechzehnjährigen beinahe vom Hochhaus in Sucy-en-Brie gestürzt hätte, in der Banlieue von Paris, wo er groß geworden war. Revierkämpfe aus einem anderen Leben, noch vor der Kriminalpolizei, die er ebenso vergessen wollte. Und vor allem, an die er jetzt überhaupt nicht denken sollte.
Cédric drückte den Rücken durch und gab Spannung in den Bauch, wie Schwiegervater gepredigt hatte. Er hielt den Rosé einhändig, den rechten Daumen im Flaschenboden, und führte ihn langsam in einem eleganten Bogen zu dem einen Glas ganz oben hin.
Aber ganz, ganz langsam gießen. So hatte seine Frau ihn beruhigen wollen. Rosé perlte in die eine weiße Kristallschale, genau auf den glitzernden Punkt in der Mitte über dem Stiel.
Der Champagner schäumte auf. … Cédric ließ seinen Rosé herausschießen, führte mit dem Flaschenhals einen Zirkel aus, damit der Champagner richtig schwappte bis über den Rand.
Ein spitzer Ton, leise …
O Gott! Noch ein Klirren, weiter unten?
Die Pyramide kippte aber nicht unter ihm weg. Cédric atmete mit spitzen Lippen aus. Die warmen Gläser hatten wohl nur geknackt, weil der eiskalte Champagner hineinstürzte.
Die zweite Stufe Kristallschalen lief voll. Cédric goss die Flasche ganz aus.
»Chéri, hier!« Maryse stand neben der Trittleiter.
Ihr herzförmiges Gesicht war dezent geschminkt. Sie hatte das lange Haar zu einem seitlichen Zopf gebändigt. Mit dunklen Jeans und weißer Bluse hatte sie sich ganz in die nette Winzerin von nebenan verwandelt. Cédric liebte diese Facette an ihr genauso wie die resoluten und zarten.
Mit nicht ganz spiegelbildlich geschwungenen Lippen, die er so gern küsste, lächelte sie nur für ihn. »Voilà.« Sie hob die nächste schon geöffnete Flasche zu ihm herauf und griff nach der ausgeleerten, als jonglierte sie elegant mit federleichten Bällen.
Für eine schöne Kaskade brauchten sie mindestens zehn davon. Cédric goss weiter.
Flasche für Flasche füllte sich die Pyramide. Aus seiner Position, von oben betrachtet, schwappten winzige roséfarbene Brunnenbecken über.
Wie sie wohl von der Seite aussah für die Gäste? Um sie herum war die Crème de la crème von Lézy-le-Sec versammelt.
Cédric spürte, wie sich seine Wangen zu einem Grinsen verschoben, das zu dem dummen Jungen gepasst hätte, der er einmal gewesen war. Dessen Horizont von der RER-Station mit Großmutters Kiosk kaum über die Pariser Ringautobahn hinausgereicht hatte.
Cédric schloss für einen Moment die Augen. Er schnupperte in der aufsteigenden kühlen Frische wieder den Blütentau einer sich öffnenden Rosenknospe. Von der Farbe her war sein Rosé nur ein wenig mehr dem Rot zugeneigt als die Rosen Grandjeans, mit deren Duft sich das Champagnerparfum im Raum gerade »vermählte«, wie man gern bei Verköstigungen sagte.
Aber hier unter ihm schäumte tatsächlich Lebensfreude pur über. Maryse hatte so recht gehabt. Nicht anders als hatten sie ihn taufen können, seinen ersten Champagner, den er mit Schwiegervater zusammen hatte komponieren dürfen!
Und wieder war eine Flasche leer.
Ein jähes Kribbeln im Unterarm irritierte Cédric. Beinahe hätte er an der nächsten Flasche vorbeigegriffen, die Maryse heraufjonglierte. Dieses Gefühl hatte er damals als Kommissar gehabt, wenn ein wichtiges Detail nicht in sein Bewusstsein hatte vordringen können, weil er zu abgelenkt gewesen war.
Aber hier standen doch bloß die Gäste des Empfangs vor den großen Glasscheiben der Rotunde zum Garten hin. Und draußen in der Dämmerung schirmte die lange Rosenpergola den Parkplatz ab wie immer.
»C’est magnifique … superbe«, raunten die ersten Damen.
Seiner Trittleiter am nächsten stand an einem Stehtisch André Mancy, Inhaber der örtlichen , die Spezialkeramik für die europäische Weltraumrakete herstellten. Wie immer trug er eine auffallende Brille, ein Keramikgestell in Grün, der Firmenfarbe. Er applaudierte als Erster.
An seiner Seite nahm Viviane, die Patentante seiner Frau Maryse, den Impuls auf. Als ehemaliger Filmstar wusste sie, wie Applaus bei einer Soirée zu klingen hatte. Laut, lange, heftig. Viviane streckte die Arme vor und klatschte einen schnelleren Takt. »Großes Kino!« Ihre blonden Haare schwangen elegant um den faltenfreien Hals. Breite Armbänder schimmerten so rotgolden wie die Rosen, die Bernard Grandjean gezüchtet hatte. Vivianes perfekt sitzendes Kostüm war allerdings zitronengelb. Selbst mit wahrscheinlich neunundsechzig – ihr genaues Alter durfte niemand wissen – war ihre Figur noch die gleiche wie in den Filmen auf dem Höhepunkt ihres Ruhms im letzten Jahrhundert.
»Die Beleuchtung der Kaskade ist phantastisch. Bernard kann das einfach.«
Der Applaus wurde lauter. Das Ganze folgte der ungeschriebenen Hierarchie in Lézy: Tante Viviane setzte als reichste Frau der Gegend die Maßstäbe. Sie residierte im Schloss über den Hügeln; aber wichtiger war, dass ihr die besten Lagen bis hinter St. Félix gehörten.
Der massige Bürgermeister Blaque beeilte sich natürlich. Er richtete kurz den Sitz seines gut geschnittenen Jacketts, das besser nach Paris gepasst hätte. Wer zuerst das Wort ergriff, wäre todsicher...




