Faye | Love in Exile | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Faye Love in Exile

Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28494-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-446-28494-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Queer, trans, verliebt: Shon Fayes einfühlsame Analyse von Dating außerhalb der Hetero-Norm. 'Ungewöhnlich weise und ehrlich. Ein Meisterwerk.' Maggie Nelson Den Großteil ihres Lebens verbrachte Shon Faye in der stillen Überzeugung, dass sie es nicht verdient, geliebt zu werden. Was macht es mit einer Person, Abhängigkeit mit Liebe zu verwechseln, wenn der eigene Körper objektifiziert und entwertet wird? Oder wenn der Partner sich trennt, weil man keine biologischen Kinder bekommen kann? Als queere Transfrau weiß Faye schon immer, dass das Private auch politisch ist, und seziert in ihrem provokanten, zutiefst persönlichen Buch unsere moderne Gesellschaft. Wie lieben wir eigentlich - und wer sind wir, wenn wir uns in diesem übermächtigen Gefühl verlieren?

Shon Faye, geboren in Bristol, ist Autorin des preisgekrönten internationalen Bestsellers Die Transgender-Frage. Sie schreibt die Ratgeber-Kolumne 'Dear Shon' für Vogue.com. Faye lebt in London.
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1

Herzbruch


Es war zweifellos das Schlimmste, was mir je passiert ist — und das ist eine gewagte Behauptung, denn es geht um die Trennung von jemandem, den ich gerade mal achtzehn Monate gekannt habe. Manchmal habe ich einen Hang zur übermäßigen Dramatik. Aber ganz ehrlich? In diesem Fall nicht. Noch nie habe ich solche Qualen erlebt. Ein alter Schmerz, der von viel herberen Verletzungen aus meiner Vergangenheit herrührte, schien tief in mir geruht zu haben, bis mein gebrochenes Herz ihn wiederbelebte. Ich spürte, wie sich alles auf einmal Bahn brach — der alte und der neue Schmerz zugleich. Sie beide verzehrten meinen Körper.

Irgendwann, nachdem ich vier Monate lang jeden Morgen aufs Neue festgestellt hatte, dass mich diese Höllenqual nicht losließ, hörte ich auf, mit anderen darüber zu reden: Ich hatte Angst, sie könnten von dieser ewig gleichen Geschichte die Nase voll haben. Insgeheim biss und schrie ich nachts aber immer noch in mein Kissen, bis die Endorphine, die der Heulkrampf freigesetzt hatte, mich auf einer schmerzlindernden Welle endlich in den Schlaf wiegten.

Ich habe mal gelesen, dass Endorphine auch als körpereigene Opioide bekannt sind: ein in unserem Gehirn eingebauter Heroinvorrat, der in äußerster Not freigegeben wird, um die Muskeln zu entspannen und den Verstand zu beruhigen. Als Kind war es mir peinlich zu weinen, aber mein innerer Junkie fand nun Gefallen an den Tränen, nachdem ich von ihrer Ähnlichkeit zu Morphium erfahren hatte. Manchmal frage ich mich, ob ich jemals wieder so viel weinen werde wie nach dieser Trennung. Zum Teil lag der Grund meiner Verzweiflung bestimmt auch darin, dass dieser Einschnitt mich so unerwartet getroffen hatte wie eine Naturkatastrophe, die niemand kommen sieht. Mein eigenes kleines Beben, das mich dem Erdboden gleichmachte.

Viele von uns haben so eine Trennung schon mal erlebt: eine, auf die man nicht vorbereitet ist, die einen in existenzielle Verunsicherung stürzt und bei der es sich anfühlt, als hätten sich die unsichtbaren Verbindungen gelöst, mit denen sich die Seele an den Körper klammert. Eine, bei der die einzig vernünftige Reaktion auf den ersten Ton eines Adele-Songs auf BBC2 ist, das Autoradio mit purer Gewalt herauszureißen und aus dem Fenster zu werfen. Auf dem Höhepunkt meines Leids neigte ich dazu, still und leise völlig verrückte Dinge zu tun. Zum Beispiel versteckte ich mich während der Arbeit auf dem Klo und machte zahllose Selfies meines aufgequollenen, verheulten Gesichts, als müsse ich Beweise für einen Versicherungsanspruch sammeln.

Die Erinnerung an meine wenig erbaulichen Google-Suchanfragen lässt mich immer noch zusammenzucken: »Trennung. Sterbe ich?« — »Wann über Ex hinweg?« — »Wieder mit Ex zusammenkommen« — »Warum reicht Liebe nicht?«. Beim Lesen von Maggie Nelsons Memoir ließ mich ein Absatz nicht mehr los, in dem sie eine verheerende Phase romantischer Trauer in einem Satz zusammenfasst: »Ich war zu einem Herzbruch geworden.« Dieser vertraute Ausdruck in neuer Form, diese völlige Vereinnahmung einer Person, schien mir wie eine Offenbarung. Mein eigener Liebeskummer verzehrte mich von innen heraus. Ich wurde zu nichts als einem zurückgelassenen Gegenstand. Jeden freien Moment verbrachte ich damit, mein ganzes Leben in und zu unterteilen, die guten Zeiten wie besessen wieder und wieder durchzuspielen, in dem Versuch, die ausschlaggebenden Situationen für die spätere Trennung finden und rückwirkend verändern zu können. Dabei begutachtete ich das Ausmaß meines Verlustes, die verwüstete Landschaft meiner neuen Realität. Untröstliches Grübeln wurde monatelang zu meinem Normalzustand; ich starrte während laufender Unterhaltungen ins Nichts, wobei ich im Kopf ganz woanders war. Ich wurde zu meinem Verlust. Ich war keine vollständige Person mehr, ich war ich ebenfalls zu einem Herzbruch geworden.

Dadurch, dass ich schon in jungen Jahren körperliche Dysphorie erlebt hatte und schon immer gern alles hinterfragte, war mein emotionales Wachstum gehemmt und ins Wanken geraten. Denn daraus entstand die Dissonanz, dass ich oft dachte, ich würde Dinge verstehen, lange bevor ich sie selbst erlebt hatte. Regelmäßig verwechselte ich intellektuelles Verständnis mit dem Erleben echter Gefühle, weswegen mich die bittere Realität eines niederschmetternden Liebeskummers bis ins Mark traf. Der Zusammenbruch dieser Illusion — mein bisheriger Glaube, ich wüsste, wie sich Verlust anfühlte — war brutal und beschämend. Erlebte ich wirklich erst jetzt, mit gerade dreißig Jahren und inmitten meines , wie sich der Schmerz eines Teenagers anfühlte, der am Boden zerstört das Ende seiner Welt beweint? Ganz schön peinlich. »Ich bedaure einfach alle, die eine Trennung durchmachen mussten und versucht haben, mit mir darüber zu reden«, erklärte ich einer befreundeten Person am Telefon. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass sich das anfühlt.« Bis zu diesem Moment in meinem Leben hatte ich nicht vollständig begriffen, dass Liebe, selbst die, die leidenschaftlich erwidert wird, nicht ausreicht, um eine romantische Partnerschaft aufrechtzuerhalten.

Mein Ex-Freund B. und ich hatten nie damit gerechnet, dass wir uns ineinander verlieben würden. Wir lernten uns auf einer Dating-App kennen, kurz nachdem er eine langjährige Beziehung beendet hatte. Ich wiederum durchlief eine Phase, in der ich so viele Dates mit Männern wie nur möglich arrangierte, um mir selbst zu beweisen, dass ich kein kaputtes Etwas war, das von niemandem begehrt werden konnte. Weder er noch ich tauchten also mit besonders gesunden Absichten zu diesem ersten Date auf. Aber er überraschte mich, also dachte ich nicht weiter darüber nach.

Ich schlug ein Treffen auf der Lakeside Terrace im Barbican vor, wo ich an diesem Spätsommerabend schon seit Stunden saß und mit einer Freundin eine Zigarette nach der anderen rauchte. Ich meinte zu B., dass ich kurz Zeit hätte, bevor ich den letzten Zug nach Hause erwischen musste. »Wenn du dich nach der Arbeit immer noch treffen willst, ich bin hier«, schrieb ich, ohne mit einer Antwort zu rechnen, da viele Männer Apps verwenden, ohne wirklich jemanden treffen zu wollen. »Alles klar, bis später«, schrieb er überraschenderweise sofort zurück.

»Er weiß, dass ich trans bin«, sagte ich zu meiner Freundin, während wir inmitten der brutalistischen Kulisse des Barbican saßen, im Schatten kolossaler Zementsäulen, die uns vor der Nachmittagshitze schützten. »Ich sage es ihnen jedes Mal. Ich habe keine Lust, beim ersten Treffen sowas zu hören wie: » .« Sie lachte nicht — das tun meine Freund:innen nie, wenn ich diese Art Witze über mich selbst reiße. Stattdessen erwiderte sie: »Denk immer daran, dass du die Kontrolle über diese Situation hast. Er wird nicht derjenige sein, der entscheidet, ob du gut genug für ihn bist oder nicht, sondern du entscheidest, ob er es für dich ist.« So schön sich das auch anhörte, ich kaufte es ihr nicht wirklich ab.

Der Nachmittag ging in den Abend über, und das Treffen mit B. rückte näher. Ich begleitete meine Freundin zum Ausgang und machte mich wieder auf den Weg zurück zum Brunnen, neben dem wir gesessen hatten. Es war der perfekte Treffpunkt für ein Date. Bevor ich ihn erreichte, blitzte B.s Name schon auf meinem Display auf.

Ich erkannte ihn sofort von den Fotos. Mit Jutebeutel und Air Max sah er aus wie ein Typ Anfang Dreißig, der sich immer noch so kleidete wie mit Mitte Zwanzig, der den Übergang in eine neue Phase des Erwachsenseins noch nicht ganz vollendet hatte. Als sein Blick auf mich fiel, suchte ich in seinem Gesicht nach einer bestimmten Reaktion. Die, nach der ich damals immer Ausschau hielt, wenn mich jemand zum ersten Mal traf oder herausfand, dass ich trans bin. Ein prüfender Blick, der kaum merklich, aber mit der immer gleichen Absicht über mein Gesicht huschte: meine Gesichtszüge und Knochenstruktur genauestens zu inspizieren, um Anzeichen für den »Mann in mir« zu finden.

Die Leute nutzen ihr inneres Auge und versuchen alles Feminine abzuziehen, wie Fleisch von einem Skelett. Ich kann genau erkennen, wenn das passiert, denn ich habe jahrelang meinem eigenen Spiegelbild das gleiche angetan. Die Leute können einfach nicht anders, ...


Faye, Shon
Shon Faye, geboren in Bristol, ist Autorin des preisgekrönten internationalen Bestsellers Die Transgender-Frage. Sie schreibt die Ratgeber-Kolumne "Dear Shon" für Vogue.com. Faye lebt in London.

Ritscher, Anne-Sophie
Anne-Sophie Ritscher übersetzt am liebsten queere Texte aus dem Englischen und arbeitet nebenbei in einer feministischen Buchhandlung in Berlin.

Debreceni, Desz
Desz Debreceni, geboren 1987, übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Englischen, u.a. Kai Cheng Thom sowie Joan Nestle, und erhielt unter anderem das Bode-Stipendium 2023.



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