Ein Lebensbericht
Buch, Deutsch, 180 Seiten, Format (B × H): 148 mm x 210 mm, Gewicht: 346 g
ISBN: 978-3-9522953-0-4
Verlag: Kubri Verlag Reichenbach
Der junge Essâm lebt in einer Gesellschaft, die Homosexualität ablehnt und verdammt. Zum ersten Mal in Ägypten ergreift ein Schwuler selbst das Wort und spricht von seinen Träumen und Idealen, von seinen Ängsten und seiner seelischen Zerrissenheit. Als Leser begegnet man einem «ganz normalen» jungen Mann, der sich nach Glück und Liebe sehnt, mit der einzigen Besonderheit, dass sich sein Verlangen auf Personen des gleichen Geschlechtes richtet. Ihm gelingt es jedoch kaum, eine glückliche Beziehung zu einem Partner aufzubauen: zu gross sind seine inneren Widerstände, seine Furcht vor Sünde und vor Gott. Sich offen zu seiner Divergenz bekennen darf er nicht, weder in seinem Elternhaus noch im Kreis der Mitstudenten. Essâm muss mit zwei Gesichtern leben und riskiert, an dieser Zerrissenheit zu zerbrechen. Er leidet an Gewissensbissen und denkt an Selbstmord. Als gläubiger Muslim ist er hin- und hergerissen zwischen spiritueller Suche und einem «sündigen» Tun, das zur Verdammnis führt. Er sehnt sich danach, offen zu seiner Andersartigkeit zu stehen und die Gesellschaft dazu zu bringen, ihn zu akzeptieren. Ein Albtraum zeigt, dass dieses «Outing» scheitern muss. Seinen schwulen Freunden, die ihre Homosexualität viel mutiger als Essâm ausleben, geht es nicht besser: der eine wird in einen Hinterhalt gelockt, ausgeraubt und zusammengeschlagen, der andere auf der Polizeistation gefoltert und vergewaltigt. Mostafa Fathi stellt das Thema Homosexualität in einen grösseren Zusammenhang. Nicht nur Schwule werden verfolgt, sondern auch Oppositionelle und Anhänger anderer Religionen, im schlimmsten Fall jeder, der eine abweichende Meinung vertritt. Der Andere wird abgelehnt und ausgegrenzt. Anliegen des Buches ist es, für eine Kultur der Akzeptanz in einer muslimisch geprägten Gesellschaft zu kämpfen. Homosexualität ist nicht nur im öffentlichen Diskurs und im alltäglichen Leben und Reden ein Tabu, sondern wird auch in der ägyptischen Literatur fast immer als verwerfliches Phänomen behandelt. Erst seit wenigen Jahren gibt es Homosexuelle, die sich zu ihrer Identität bekennen und begonnen haben, für ihre Rechte zu kämpfen. Der Mut des jungen Journalisten Mostafa Fathi ist unter diesen Umständen bewundernswert. Im Jahre 2009 veröffentlichte er den Bericht «Im Land der Knaben», der schon lange vor seiner Publikation für Aufregung in den Medien und in konservativen und islamistischen Kreisen sorgte. Auf Facebook wurde eine Kampagne gegen den Autor inszeniert, den man beschuldigte, das Image der ägyptischen Gesellschaft zu besudeln. Journalistenfreunde sagten sich los von ihm, und seine eigene Mutter meinte, die Regierung müsse solche Schwulen öffentlich hinrichten. Als das Buch überraschenderweise die Zensur passierte, weigerten sich mehrere Buchhandlungen, es ins Sortiment aufzunehmen, oder verkauften es fast heimlich unter dem Ladentisch. Trotzdem wurde es in dieser Zeit des Aufbruchs und der Rebellion zu einem beachtlichen Erfolg. Im Interview, in der Mitte des Buches, erklärt der Autor, was sich seit der Revolution von 2011 für die Homosexuellen geändert hat und was nicht. Der anschliessende Essay «Tabuthema Homosexualität – Literatur und Leben» stellt diesen Lebensbericht in einen gesellschaftlichen und literarischen Zusammenhang.
Zielgruppe
An den Menschenrechten in der arabisch-islamischen Welt, speziell Ägypten, Interessierte und vom Problem der Homosexualität Betroffene.
Weitere Infos & Material
Vorwort...........................................................................................7
Ich bin Ägypter und ich bin schwul .............................................. 13
Interview mit Mostafa Fathi.........................................................115
Tabuthema Homosexualität – Literatur und Leben ..................... 125
Anmerkungen ............................................................................. 171
An diesem Buch haben mitgewirkt ............................................. 177
Ausschnitt aus dem Essay im 3. Teil:
Dass diese Welt aus den Fugen geraten ist, zeigt Haggag Oddoul an sonderbaren Figuren und absurden Geschehnissen. Eines Morgens kommt ein kleines Mädchen heimgelaufen und schreit: « Mein Onkel Ingîla liegt in den Wehen! » Dieser Ingîla ist ein schlaffer, feminin und effeminiert wirkender Typ, dem die Dörfler deshalb einen weiblichen Spitznamen gegeben haben. Die Frauen des Dorfes beneiden ihn um seine helle Haut. Wohl deshalb liebt er es, sich halb nackt zu zeigen. Er zieht seine Gallâbîja so hoch hinauf, dass man seinen leichten Slip bewundern kann, der ganz und gar nicht den nubischen Kleidervorschriften entspricht. Ingîla genießt im Dorf einen schlechten Ruf, denn man vermutet, dass er es mit Männern treibt. Diese Person, halb Mann, halb Frau, hat man verheiratet mit einer Frau, die umgekehrt ein halber Mann ist.
Die Geschichte wird noch komischer, weil nicht nur die Dorfbewohner an die Schwangerschaft glauben, sondern auch der Betroffene das Schlimmste zu fürchten beginnt. Bald kursiert im Dorf die Frage: Wenn Ingîla schwanger ist, wer ist dann der Vater des Kindes? Vermutungen werden geäußert, und Verdächtigte versuchen, sich herauszureden. Für Nakhla liefert die Geschichte die willkommene Gelegenheit, ihren Mann zu erpressen. Sie verlangt die Hälfte der Einnahmen aus Ingîlas blühendem Haschischhandel. « Sonst müsste ich dein ungeborenes Kind verleugnen, denn ich bin weder sein Vater noch seine Mutter. » Für die Frauen im Dorf ist all dies Anlass zu deftigem Spaß. Sie nehmen den Gebärenden in ihre Obhut, bereiten die Niederkunft vor, indem sie Wasser heißmachen und die Männer aus dem Zimmer weisen. Obwohl Ingîlas Wehen vermutlich nichts als die Folge übermäßigen Essens sind (zwei Hühner, zwanzig Eier und vieles mehr auf einmal), läuft am Abend wieder das kleine Mädchen durch das Dorf und verkündet: « Mein Onkel liegt in den Geburtswehen! »
Als ob dies alles nicht genug des Abstrusen und Schlüpfrigen wäre, tritt eine weitere komische Figur in der Geschichte auf. Ein geiler Alter, besessen von seinen sexuellen Trieben, trifft auf den leichtgeschürzten Ingîla mit seiner rosigen Haut und seiner verlockenden Leibesfülle: « ‹?Du bist eine Frau und hast dies vor mir verborgen. […] Wieso suche ich eine Frau, wo du doch da bist! […] Ich schwöre […], dass ich dich nicht in Ruhe lasse, bevor ich zu meinem Recht komme!?› »
So sehr diese Geschichte den Leser amüsieren mag, so ernsthaft ist ihr Thema: Wir sind in einer verkehrten Welt, in der moralische Werte und gesellschaftliche Strukturen außer Kraft sind, in der Männer und Frauen ihre Rollen tauschen und Greise sich wie Pubertierende verhalten. In dieser Welt hat der Schein das Sein ersetzt. Es ist, als führe das Dorf einen Schwank, eine Schmierenkomödie, auf. Was Oddoul in dieser Erzählung veranschaulicht, fasst er in einem Interview zusammen: « Einst waren wir Könige, jetzt sind wir Clowns. »13
Auszug aus dem Essay (hinten im Buch):
Dass Pädophilie und Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen in Werken der ägyptischen Literatur behandelt werden, verwundert nicht, denn dieses Phänomen scheint sehr verbreitet, selbst wenn der Mantel des Schweigens wohl allzu oft über solche Vorfälle gebreitet wird. Die Männer, die sich an ihren Opfern vergehen, sind wohl nicht immer homosexuell, sondern sexuell frustrierte, im Leben gescheiterte oder krankhafte Lüstlinge?.
In einem Kapitel seines autobiografisch geprägten Romans Und dann kommt der Zug?14 erzählt Mohammad al-Bissati von einem solchen Wüstling15, der regelmäßig im Café beim Bahnhof des Städtchens auftaucht. Er war kurz gewachsen und hatte einen angeschwollenen Bauch. Sein Gesicht war grobschlächtig und eines seiner Augen erloschen, weshalb er es hinter einer dunklen Brille verbarg. Im Café gibt er vor, er sei Erziehungsinspektor und habe gerade Schulen in der nahen Kreisstadt inspiziert. So erregt er die Bewunderung und den Respekt der Leute, denen auch seine elegante Aktenmappe imponiert und das starke Parfum, das von ihm ausströmt. Im Café trifft er sich jeweils mit drei Gymnasiasten aus der Abschlussklasse, mit denen er, kaum ist der Ruf zum Abendgebet ertönt, in Richtung auf eine verlassene Ziegelbrennerei entschwindet. Dieses Unwesen treibt der Wüstling vier Jahre lang, wobei die Jungen jedes Jahr drei Opfern aus der neuen Abschlussklasse Platz machen. Erstaunlich an der Geschichte ist, wie leicht dem Pädophilen sein Tun gemacht wird. Die Erwachsenen lassen sich blenden vom äußeren Schein, von seiner Eleganz und seiner angeblichen sozialen Stellung, und die Jungen ködert er mit Zigaretten und Kebab und vor allem mit dem Versprechen, ihnen nach dem Schulabschluss zu einem Posten im öffentlichen Dienst zu verhelfen. Überraschend ist, wie bereitwillig die Jugendlichen sich auf dieses Tun einlassen, ja, wie professionell sie auftreten, wenn sie ihre Jacke weit öffnen und ihre Muskeln spielen lassen.




