Das Handbuch der praktischen Philosophie
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-98609-092-0
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ward Farnsworth ist Dekan an der University of Texas School of Law und dort am John Jeffers Forschungslehrstuhl tätig. Er hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, darunter The Practicing Stoic sowie The Farnsworths Classical English series. N/A
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ELEMENTE DER SOKRATISCHEN METHODE
Das folgende Kapitel behandelt die Elemente der sokratischen Methode: Eigenschaften, welche die Dialoge gemeinsam haben und deshalb als wesentlich für den von Sokrates bevorzugten Fragestil gelten könnten. Ein verknapptes Beispiel. Was ist die »sokratische Methode«? Der Begriff ist eine moderne Erfindung: Platon hat sich nie auf eine Methode bezogen, und Sokrates hat sein Vorgehen nie systematisch dargestellt. Er zeigt eher, als dass er erklärt. Auch ich will hier keine Methode definieren. Produktiver ist es, wiederkehrende Elemente zu benennen, die wir in der Art und Weise entdecken, wie Sokrates seine Dialoganteile vorbringt. Schauen wir uns zunächst ein Beispiel an. Ein gesamter Dialog würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, nehmen wir uns deshalb lieber eine reduzierte Version des Laches (sprich Láches) vor, in dem Sokrates mit einigen Freunden über die Bedeutung von Tapferkeit spricht. An späterer Stelle in diesem Buch werden noch viele wörtliche Zitate aus diesem und anderen Dialogen vorkommen. Die nachfolgende Paraphrase ist eine Skizze, mit der die Gestalt eines typischen Dialogs nachgezeichnet werden soll. Es geht hier nicht darum, wie überzeugend wir einzelne Argumente finden mögen. Uns interessiert die Art der Gedankenführung, die in dem Dialog erkennbar ist - die »Methode« also. Der Dialog beginnt damit, dass sich zwei Väter bei zwei Heerführern erkundigen, wie sinnvoll es ist, dass ihre Söhne das Fechten in Rüstung lernen. Die beiden erkundigen sich bei Sokrates nach dessen Ansichten. Nach einer längeren Erörterung der Vorteile einer solchen Ausbildung kommt man zu dem Schluss, dass es wohl vor allem darum geht, Tapferkeit zu entwickeln. Sokrates lenkt das Gespräch im Anschluss auf die Frage, was Tapferkeit eigentlich bedeutet, und es geht wie folgt weiter: SOKRATES: Was ist Tapferkeit? LACHES: Etwas, das Soldaten haben, wenn sie sich dem Feind stellen, anstatt vor ihm davonzurennen. SOKRATES: Aber das kann nicht ganz stimmen, oder? Denn manche kämpfen doch auch tapfer, während sie vorm Feind fliehen. Auch diese musst du in deine Definition einbeziehen. Außerdem kann jemand auch in anderen Situationen tapfer sein - in der Politik, in der Armut oder auch gegen die Begierde beispielsweise. Eine Definition der Tapferkeit müsste berücksichtigen, was die Tapferkeit eines Soldaten mit der Tapferkeit in allen anderen Situationen gemeinsam hat. Verstehst du, was ich meine? LACHES: Nein. SOKRATES: Es ist so, als wenn man erklären wollte, was Geschwindigkeit ist. Geschwindigkeit kommt in allen möglichen Zusammenhängen vor - beim Reden, beim Laufen oder in der Musik. Wir könnten sagen, dass Geschwindigkeit allgemein bedeutet, sehr viel in kurzer Zeit zu tun. Tapferkeit ist eine Eigenschaft, wie Geschwindigkeit. Kannst du sie auf eine vergleichbare allgemeine Weise beschreiben? LACHES: Wie wäre es damit: Allgemein gesprochen bedeutet Tapferkeit eine Beharrlichkeit der Seele. SOKRATES: Gut. Aber ich bin mir nicht sicher, ob du das meinst. Du findest doch Tapferkeit bewundernswert, nicht? LACHES: Ja. SOKRATES: Und kann Beharrlichkeit nicht auch dumm statt weise sein? LACHES: Das ist richtig. SOKRATES: Aber Dummheit ist nicht bewundernswert, oder? LACHES: Nein. SOKRATES: Du sagtest aber, dass Tapferkeit bewundernswert ist. Dann erscheint unsere Definition falsch, denn sie lässt Tapferkeit auch schlecht klingen, obwohl sie gut ist. LACHES: Ja. Mit der Definition stimmt etwas nicht. SOKRATES: Vielleicht meintest du, dass Tapferkeit eine weise oder kluge Beharrlichkeit der Seele ist? LACHES: Ja, das eher. SOKRATES: Dennoch bleibt es schwierig. Denn zum einen hat kluge Beharrlichkeit nicht immer mit Tapferkeit zu tun, zum Beispiel wenn jemand beharrlich Geld investiert, weil er damit am Ende Gewinn erzielt. Diese Person würde man nicht tapfer nennen, oder? LACHES: Nein, das nicht. SOKRATES: Also schließt die Definition Fälle ein, die sie deiner Ansicht nach nicht einschließen sollte. Und zugleich lässt sie andere Fälle außer Acht, die sie deiner Ansicht nach einschließen sollte. Stell dir vor, ein Soldat im Kampf ist beharrlich, weil er weiß, dass Unterstützung auf dem Weg ist. Und nun vergleiche ihn mit einem Soldaten, der beharrlich ist, aber keine Unterstützung erwartet. Welcher von beiden ist tapferer? LACHES: Der zweite erscheint mit tapferer - derjenige, der nicht weiß, dass Hilfe naht. SOKRATES: Und doch könnte man seine Beharrlichkeit als unwissend und weniger klug bezeichnen. Es sieht bald so aus, als wäre Tapferkeit eigentlich unverständige Beharrlichkeit! LACHES: Ich bin sicher, dass das nicht stimmen kann. Zu einem solchen Ergebnis wollte ich nicht gelangen. SOKRATES: Gut. Aber geben wir nicht auf. Zeigen auch wir Beharrlichkeit und versuchen einen anderen Weg. NICIAS: Vielleicht drückt es das aus: Tapferkeit ist im Grunde eine Art Kenntnis. SOKRATES: Damit kannst du aber nicht jegliche Kenntnis meinen. Welche genau? NICIAS: Ein tapferer Mensch weiß, wovor man sich fürchten sollte und wovor nicht. LACHES: Aber Ärzte wissen, wovor sich ihre Patienten fürchten sollten, und doch würden wir Ärzte nicht zwingend als tapfer bezeichnen, oder? NICIAS: Nein, das nicht. Aber Ärzte wissen auch nur, welche körperlichen Auswirkungen bestimmte Dinge haben können. Sie sind keine Experten im Erkennen dessen, was letzten Endes zu vermeiden und zu fürchten ist. SOKRATES: Dann würdest du sagen, dass Tiere nicht tapfer sein können. Denn sie können die von dir beschriebene Kenntnis nicht erlangen, richtig? NICIAS: So ist es. Es gibt einen Unterschied zwischen furchtlos und tapfer. Ich meine, manche Tiere können durchaus furchtlos sein, Tapferkeit würde ich ihnen jedoch nicht zugestehen. SOKRATES: Es gibt jedoch noch ein anderes Problem. Tapferkeit ist nur eine Tugend, neben Besonnenheit und Gerechtigkeit und anderen, nicht wahr? NICIAS: So ist es. SOKRATES: Gut. Ich komme darauf zurück. Wenn wir nun über die Kenntnis des Fürchtenswerten reden, was bedeutet das genau? Etwas, das man fürchten sollte, ließe sich allgemeiner und einfacher beschreiben als etwas Schlechtes, das sich ereignen wird - ein bevorstehendes Übel, im Gegensatz zu etwas Gutem, das eintreten wird. Einverstanden? NICIAS: Ja, so sehe ich es auch. SOKRATES: Tapferkeit ist dann die Kenntnis darüber, was in unserer möglichen Zukunft wahrhaft schlecht und was wahrhaft gut ist. Meinst du das? NICIAS: Ja, das hört sich richtig an. SOKRATES: Wenn jemand aber weiß, dass etwas Zukünftiges fürchtenswert ist - ob es also ein Übel ist -, dann muss er auch wissen, ob etwas, das in der Vergangenheit geschehen ist, gut oder schlecht ist. Das Urteil darüber, was wahrhaft schlecht ist und was nur schlecht erscheint, sollte nicht davon abhängen, ob es noch geschieht oder schon geschehen ist, oder? NICIAS: Das ist wahr. SOKRATES: Dann ist Tapferkeit also nicht nur die Kenntnis, ob etwas Zukünftiges zu fürchten ist, also schlecht oder gut ist. Sondern es geht allgemein um die Erkenntnis, was gut oder schlecht ist, oder? NICIAS: Das ergibt sich daraus, ja. SOKRATES: Diejenigen, die diese Kenntnis haben, besitzen jedoch nicht nur Tapferkeit. Denn wenn sie begreifen, was gut und was schlecht ist, dann sind sie wahrscheinlich auch gerecht und fromm. Es lässt sich kaum eine Tugend denken, die sie nicht besitzen, oder? NICIAS: So sieht es aus. SOKRATES: Und doch haben wir die Tapferkeit als eine von vielen Tugenden bezeichnet. Wir haben sie nun also zu weit gefasst. Wir haben aus der Tapferkeit eine Kenntnis gemacht, die sie nicht mehr klar von den anderen Tugenden unterscheidbar macht. Ich befürchte, wir haben nicht geklärt, was genau Tapferkeit ist. NICIAS: Nein, das haben wir offenbar nicht. Elemente. Die obige Zusammenfassung lässt viele Details aus. Und womöglich hätten Sie eine andere Definition für gut befunden und andere Einwände gemacht. Aber sehen wir von diesen Punkten ab und schauen uns stattdessen an, welchen Argumentationsstil der Dialog offenbart - einen, der allgemein typisch für die sokratische Methode ist. Zuerst einmal schreitet er mit Frage und Antwort voran. Manche Fragen bleiben offen: etwa, als Sokrates Laches bittet, eine Definition von Tapferkeit zu geben. An anderen Stellen erkundigt sich Sokrates, ob seine Gesprächspartner einverstanden sind mit dem, was er gesagt hat. Das Ergebnis ist weder eine Vorlesung noch ein richtiggehendes Streitgespräch. Sokrates bringt seine Gesprächspartner dazu, jedem Schritt seines Gedankengangs zuzustimmen. (Der Gefragte wird in diesem Buch ganz im Sinne des sokratischen Dialogs als der Gesprächspartner oder einfach »Partner« des Fragenden bezeichnet, denn die beiden tun etwas gemeinsam.) Zweitens achtet Sokrates auf die Folgerichtigkeit der Aussagen seines Partners, die er mit dem Mittel des Elenchus oder Gegenbeweises prüft. Seine Partner stellen Behauptungen auf. Dann fragt Sokrates sie nach ihrer Zustimmung zu Dingen, die nicht zum anfänglich Behaupteten passen. Sie fühlen sich daraufhin genötigt, das Gesagte näher zu erläutern oder ihre Behauptungen fallenzulassen. Dabei sagt Sokrates nie, seine Partner hätten unrecht oder etwas Falsches geäußert. Er sagt: »Können wir uns darauf einigen, dass das Folgende wahr ist?«, und seine Partner kommen (von ihm angestoßen) von selbst darauf, dass das vorher Gesagte nicht ganz richtig sein...