E-Book, Deutsch, 752 Seiten
Fallada Der eiserne Gustav
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8412-1818-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 752 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1818-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Falladas großer Roman, von allen politischen Eingriffen befreit - erstmals mit dem ursprünglichen Schluss.
Für die Erstausgabe des 'Eisernen Gustav' (1938) war Hans Fallada gezwungen, den Schluss zu ändern. Goebbels ließ den Text wegen 'fehlender Propagandawirkung' nicht genehmigen. 1962 rekonstruierte Günter Caspar für den Aufbau Verlag die verschollene Urfassung, die seither als die gültige angesehen wird. Die Fallada-Biographin Jenny Williams kann nun zeigen, dass hier allerdings zahlreiche Passagen vom Originaltext fehlen: Offenbar standen sie den damaligen kulturpolitischen Vorgaben in der DDR entgegen.
Jetzt erscheint der Roman endlich so, wie ihn sein Verfasser gewollt hatte. Berlin 1914-1924: Der Betrieb des Droschkenkutschers Gustav Hackendahl kann neben der Automobil-Konkurrenz nicht bestehen. Da setzt er trotzig einen Traum in die Tat um - eine letzte Reise mit der Droschke von Berlin nach Paris.
Die Textfassung, die Falladas Original so nahe kommt wie keine bisher publizierte Fassung - rund 30 Seiten mehr Text.
Rudolf Ditzen alias Hans Fallada (1893-1947) war zwischen 1916 und 1931 Kartoffelspezialist und Rendant auf Rittergütern, Hofinspektor, Buchhalter, Adressenschreiber, Annoncensammler und Verlagsangestellter. Sein vierter Roman, 'Kleiner Mann - was nun?' (1932), machte ihn schlagartig berühmt. Von den Einnahmen erfüllte sich Fallada einen Traum: Er kaufte ein Anwesen in Mecklenburg. Hier verbrachte er die Jahre der Nazizeit zurückgezogen als 'unerwünschter', lediglich geduldeter Autor. Sein letztes Buch, 'Jeder stirbt für sich allein' (1947), avancierte rund sechzig Jahre nach Erscheinen zum internationalen Bestseller. Jenny Williams, em. Professorin der Dublin City University, hat zahlreiche Aufsätze zu Hans Fallada verfasst und 1998 die Biographie 'Mehr Leben als eins. Hans Fallada' vorgelegt. 2009 gab sie gemeinsam mit Sabine Lange Falladas 'In meinem fremden Land. Gefängnistagebuch 1944' heraus.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zweites Kapitel
Ein Krieg bricht aus
1
Es ist der 31.Juli 1914.
Dicht gedrängt bis tief in den Lustgarten hinein steht seit dem frühen Morgen die Menge am Kaiserlichen Schloss, über dem die gelbe Kaiserstandarte weht, das Zeichen für die Anwesenheit des obersten Kriegsherrn. Unaufhörlich fluten die Menschen ab und zu; sie warten eine Stunde oder zwei, dann gehen sie wieder an ihre täglichen Verrichtungen, die doch nur eilig, nur obenhin erledigt werden, denn auf jedem lastet die Frage: wird Krieg?
Vor drei Tagen hat das verbündete Österreich Serbien den Krieg erklärt – was wird nun geschehen? Wird die Welt ruhig bleiben? Ach, ein Krieg unten auf dem Balkan, ein Riesenreich gegen das kleine Serbenvolk – was kann das schon viel bedeuten? Aber sie sagen ja, Russland macht mobil, der Franzose rührt sich – und was wird England tun?
Die Luft ist heiß, es wird immer schwüler. Es saust und braust in der Menge. Am Vormittag soll der Kaiser vom Schloss herab gesprochen haben – aber noch lebt Deutschland mit aller Welt in Frieden. Es gärt und braust – ein Monat ist vergangen mit Ungewissheit, mit Hin und Her, unverständlichen Verhandlungen, mit Drohungen und Friedensversicherungen, die Nerven der Menschen sind durch das lange Warten zermürbt. Jede Entscheidung ist besser als dieses schreckliche, dieses ungewisse Warten.
Durch die Menge drängen sich Verkäufer mit Würstchen, Zeitungen, Eis. Aber sie verkaufen nichts, die Leute haben keine Lust zu essen, sie wollen auch nicht mehr die Nachrichten vom Morgen lesen, die längst überholt, unwahr geworden sind. Sie wollen die Entscheidung! Sie reden abgerissen, erregt miteinander, jeder weiß etwas. Aber dann – mitten im Gespräch – verstummen sie, alles vergessend starren sie zu den Fenstern des Schlosses hinauf. Zu dem Balkon, von dem heute Vormittag der Kaiser gesprochen haben soll … Sie versuchen, durch die Scheiben zu spähen, aber die blitzen, blenden in der Sonne; und wo sie hindurchspähen können, sehen sie nur gelbe, matte Vorhänge hängen.
Was geht dort drinnen vor? Was wird in jenem Dämmer beschlossen – über jeden Wartenden, Mann für Mann, Weib für Weib, Kind für Kind? Sie haben vierzig Jahre im Frieden gelebt, sie können es sich nicht vorstellen, was das ist: ein Krieg … Aber doch ahnen sie, dass ein Wort aus dem stummen, verschlossenen Haus dort alles ändern kann, ihr ganzes Leben. Und sie warten auf dieses Wort, sie fürchten es, und sie fürchten doch auch, dass es ausbleiben könnte, dass so viele Wochen Wartens umsonst durchwartet sein könnten …
Plötzlich wird es ganz still in der Menge, als halte sie den Atem an … Es ist nichts geschehen, noch ist nichts geschehen, nur die Turmuhren schlugen, von nah und fern, schnell und langsam, hoch und mit tiefem Brummton: Es ist fünf Uhr …
Noch ist nichts geschehen, sie stehen und warten atemlos …
Da öffnet sich das Tor des Schlosses, sie sehen es aufgehen, langsam, langsam – und heraus tritt: ein Schutzmann, ein Berliner Polizist, in der blauen Uniform, mit Pickelhaube …
Sie starren ihn an …
Er klettert auf eine Treppenbrüstung, er bedeutet ihnen, dass sie still sein sollen.
Aber sie sind ja still …
Der Schutzmann nimmt langsam den Helm ab, hält ihn vor die Brust. Sie verfolgen atemlos jede seiner Bewegungen, obwohl es nur ein ganz gewöhnlicher Schutzmann ist, wie sie ihn alle Tage auf allen Straßen Berlins sehen … Und doch prägt er sich ihnen unauslöschlich ein. – Sie werden in den nächsten Jahren ungeheure und schreckliche Dinge sehen müssen, aber sie werden nie vergessen, wie dieser Berliner Schutzmann seinen Helm abnahm, ihn vor die Brust hielt!
Der Schutzmann tut den Mund auf, ach, sie hängen an seinem Munde – was wird er sagen? Leben oder Tod, Krieg oder Frieden?
Der Schutzmann tut den Mund auf und sagt: »Auf Befehl Seiner Majestät, des Kaisers, teile ich mit: Die Mobilmachung ist befohlen.«
Der Schutzmann schließt den Mund, er starrt über die Menge, dann setzt er ruckartig – wie eine Puppe – den Helm wieder auf.
Einen Augenblick schweigt die Menge, schon fängt es in ihr zu singen an, einzelne, Hunderte, Tausende von Stimmen vereinen sich: »Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen …«
Ruckartig, wie eine Puppe, nimmt der Schutzmann den Helm wieder ab.
2
Über die Linden rasen die Automobile. Offiziere stehen in ihnen – sie schwenken Fahnen. Sie legen die Hände hohl an den Mund, sie rufen: »Mobil! Mobil!«
Die Menschen lachen glücklich, sie jubeln den Offizieren zu. Blumen fliegen durch die Luft, die jungen Mädchen reißen ihre großen Strohhüte vom Kopf, sie schwingen sie an den Bändern, sie rufen begeistert zurück: »Mobil! Mobil! Krieg!!«
Dies ist die Stunde der Offiziere, vierzig Jahre lang haben sie öden Gamaschendienst kloppen müssen, sie waren dessen so überdrüssig! Die Leute drehten sich kaum noch um nach ihnen, sie waren so überflüssig! Jetzt jubelt ihnen alles zu, die Augen leuchten – sie werden ja für Freiheit und Frieden eines jeden kämpfen und vielleicht sterben!
»Dass ich das noch erleben darf!«, ruft der alte Hackendahl im Strudel der Begeisterten. »Nun wird alles wieder gut!«
An seinem einen Arm hängt Heinz, am anderen Eva, sie treiben in der Menge, sie lachen. Übermütig wirft Eva den Offizieren Kusshände ins Auto.
»Oh, Vater!«, ruft Heinz und drückt den Arm des Vaters fester gegen seine Brust.
»Was denn, Bubi?« Hackendahl muss sich tief hinabbeugen, um in dem Trubel den Sohn zu verstehen.
»Vater …« Er ist ganz atemlos. »Vater …« Er stößt es hervor: »Ob ich nicht auch mitdarf?«
»Was – mit?« Der Vater versteht ihn nicht.
»Mit heraus … in den Krieg … an den Feind! Ach, bitte, Vater!«
»Aber, Bubi«, sagt der Vater. Er spottet und ist doch glücklich über seinen Sohn: »Du bist doch erst dreizehn! Du bist doch noch ein Kind …«
»Ach, Vater, es geht sicher, wenn du es erlaubst! Bring mich bei deinem alten Regiment an, bei den Pasewalkern … Es gibt doch Trommlerjungen, ich weiß das!«
»Trommlerjungen! Und so was will der Sohn von einem altgedienten Wachtmeister sein! Trommlerjungen gibt es bei uns Deutschen nicht … vielleicht bei den Rothosen …«
»Ach, Vater!«
»Fass mich an, Evchen, fass mich fest unter! Wir wollen machen, dass wir nach Haus kommen! Wir müssen Otto Bescheid sagen – Otto weiß doch noch von nichts! Wenn heute Mobilmachung ist, muss er sich spätestens morgen stellen! Oder heute noch … Ich weiß es nicht! Rasch, wir wollen nach Haus – ich muss das sofort in seinen Papieren nachsehen!«
Sie gehen gegen den Strudel an, oft kommen sie nicht von der Stelle. Sie müssen sich aneinander festhalten, um nicht getrennt zu werden.
Heinz sieht den Vater von der Seite an. »Du, Vater …«
»Ja?«
»Vater, sei nicht böse, aber muss nicht auch Erich zu den Soldaten?«
»Muss …?« Der Vater antwortet ganz bereitwillig, als sei Heinz ein Großer. Er hat eben auch darüber gegrübelt. »Muss – nein. Er ist doch erst siebzehn! Aber er würde sich freiwillig stellen können …«
»Der Erich, Vater, freiwillig …?«
»Wieso nicht? Redest du jetzt auch schlecht von deinem Bruder, Heinz? Jetzt gibt es das nicht, jetzt müssen wir alle zusammenhalten. Jetzt weiß einer wieder, dass er zum andern gehört – der Erich auch.«
»Ja, Vater, ich glaube es ja auch, es ist alles jetzt ganz anders!«
»Ja, ganz anders! Pass auf, jetzt kommt der Erich auch zurück. Jetzt kommt er ganz von selbst. Er muss ja, ich habe ja seine Papiere. Die braucht er jetzt. Aber auch so … er würde auch so kommen, Bubi, er weiß ja jetzt, dass man nicht allein leben kann. Einer gehört zum anderen, alle gehören zusammen – wir Deutsche!«
»Ja, Vater.«
»Es hat wohl so sein sollen, dass wir ihn all diese Wochen vergeblich gesucht haben. Er hat erst lernen müssen, was das ist, wenn man ganz allein ist, niemanden hat. Jetzt gehören wir alle zusammen. Siehst du, wie die Eva mit dem Herrn lacht und spricht?! Eben haben sie sich noch nicht gekannt, und gleich kennen sie sich nicht mehr. Aber jetzt fühlen sie, dass sie zusammengehören, dass sie eine Sache haben – Deutsche! Pass auf, wenn wir nach Haus kommen, sitzt der Erich vielleicht schon bei Muttern und wartet auf uns. Dann aber soll kein Wort mehr von vergangenen Dingen gesprochen werden, Bubi, verstehst du? Alles ist vergeben und vergessen! Jetzt gibt’s so was nicht mehr. Und ihr vertragt euch gefälligst auch, verstanden, als Brüder! Jetzt sind wir alle … Halt, Eva, wo ist Eva? Dort … Eva, hier sind wir doch! Kuck einer das Mädchen! Sieht gar nicht, wo wir stehen! Eva!« Er legt die Hände an den Mund. »Eva – Hackendahl! Ha-cken-dahl! Hierher!«
Eine ganze Schar junger Männer kommt die Linden entlang, sie haben sich ineinander eingehakt, sie versuchen, so gut es eben im Gedränge geht, nach dem Takt zu marschieren. Dazu singen sie: »Siegreich wollen wir Frankreich schlagen …«
Einer der Marschierenden fasst lachend nach der gegen den Strom ankämpfenden Eva. Sie lacht auch, sie weicht ihm aus.
Hackendahl schüttelt den Kopf. »Weg ist sie! Ich sehe sie nicht mehr. Siehst du sie, Bubi? Nein, du bist...




