Eversmann Die Große Digitalmaschinerie
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8288-6757-4
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften
E-Book, Deutsch, 298 Seiten
ISBN: 978-3-8288-6757-4
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der "Lehren der Philosophie".
Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.
Ludger Eversmann hat darum diese "grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter", die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.
Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.
Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.
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VORWORT
Lebt die Welt schon bald im „Maschinopozän“? Der israelische Historiker Yuval Noah Harari findet mit dieser Deutung seiner „kurzen Geschichte von Morgen“ große publizistische Aufmerksamkeit. Die sinnstiftende Erzählung der „Digitalmoderne“ ist der „Dataismus“: Datenfluten und die sie auswertenden Algorithmen beherrschen die Menschenwelt, und geben ihr einen Sinn, den die Menschen nicht verstehen müssen.
Auf der CeBIT des Jahres 2017 präsentierte der japanische Premierminister Shinzo Abe den Entwurf seines Landes für das „fünfte Zeitalter der Menschheitsgeschichte“, die „Gesellschaft 5.0“. Darunter versteht man in Japan die „Integration von Sensoren, Robotern, Big Data und Cloud Computing in die Gesellschaft, um die Lebensqualität zu verbessern und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln“.1
Wachstum ankurbeln – das klingt vertraut. So wenig man auch weiß über das „fünfte Zeitalter der Menschheitsgeschichte“, die „Gesellschaft 5.0“ oder die „kurze Geschichte von morgen“, so doch scheinbar dies: ein Wirtschaftswachstum wird schon dazugehören. Warum – vielleicht, weil Daten für die Tech-Konzerne dann zu Geld werden können. Aber entsteht so Lebensqualität? Yuval Noah Harari schreibt dazu in seinem Buch „Homo Deus“, die Algorithmisierung der Gesellschaft erodiere die Autonomie des Einzelnen; der Mensch werde so entmündigt.
Das „Smart Home“ wird zu einer Fabrikhalle, in der Daten produziert werden, schreibt der junge Journalist Adrian Lobe in der ZEIT. Und noch die Kapitalismuskritik selber, der politische Diskurs, diffundiere auf Facebook oder Google zu „Treibstoff für die riesige Datenmaschinerie“ – weil „die Tech-Konzerne damit nur ein paar Werbedollar mehr verdienen. Es ist diese Kapitalisierung des Diskurses, die jeden Protest in den Serverfarmen diffundieren lässt.“
Es wäre zu wünschen, dass die Politik diesen Techno-Utopien eine Erzählung entgegensetzt, sagt Lobe, eine positive Erzählung, „die nicht nur die Gefahren der Automatisierung beschwört, sondern auch das Menschsein in einer maschinellen Weltfabrik betont.“2
Betonung des Menschseins? Wenn damit gemeint ist, die Autonomie und die Würde des Menschen zu betonen und anzuerkennen, sollte es durchaus möglich sein, eine „maschinelle Weltfabrik“ zu beschreiben, in der der Mensch ihr sinnstiftender Mittelpunkt ist, auch ihr Schöpfer; und ihr Nutznießer, der sie nutzen darf zu legitimen Zwecken. Dann geht es auch nicht mehr um ewiges Wachstum. Wirtschaftswachstum ist kein Selbstzweck, und auch die Wirtschaft ist nicht Selbstzweck, sondern soll dem Menschen dienen. Letzter und einziger Zweck allen Wirtschaftens ist der Konsum, sagte Adam Smith, der zweckdienliche Gebrauch. Einen letzten Zweck in sich selber hat nur der durch seine unantastbare Würde ausgezeichnete Mensch.
Um die entstehende maschinelle Weltfabrik aber in diesem Sinne nutzbar zu machen, wird sie in einem entscheidenden Punkt anders sein müssen als alle bisherigen maschinellen Fabriken.
In aller uns bisher bekannten industrialisierten Ökonomie brachte die einzelne spezialisierte Fabrik das individuelle Wirtschaftsgut hervor, das dem Konsumenten den individuellen Nutzen stiftet. Viele spezialisierte private Fabriken im Wettbewerb brachten viele Wirtschaftsgüter hervor, in der Summe diese Marxsche „ungeheure Warensammlung“, die den Kapitalismus kennzeichnet, und der Gesellschaft den größtmöglichen Nutzen stiften soll. Allokiert wurden diese Güter über den Markt.
Vor unseren Augen entsteht aber nun eine universale digitalisierte Weltfabrik, und dies nicht etwa nur in dem allegorischen Sinne, den Journalisten oder Philosophen diesem Begriff gerne unterlegen. Ein Beispiel: Im April des Jahres 2017 gewann der Versandhändler Amazon, auf dem besten Wege zu einem weltweite Warenströme beherrschenden Monopolisten zu werden, ein Patent auf ein vollautomatisches Fabrikationssystem zur Herstellung von Bekleidung.3 Die Kunden wählen im Internet das Design ihres Wunschartikels, in diesem Fall das Bekleidungsstück, passen es ihren Wünschen und Bedürfnissen an, und geben seine Produktion in Auftrag. Die maschinelle Fabrik erstellt dann universal (fast) jedes beliebige Kleidungsstück.
So etwas ist sicher eine tolle Sache für die Kunden. Aber genau darum unterstützt es leider auch die Tendenz zur Bildung eines sogenannten natürlichen Monopols: der erste Anbieter, der ein solches weltumspannendes System installiert, ist von seiner Marktposition kaum noch zu verdrängen. Nicht nur, weil diese Möglichkeit in einer kapitalistischen Ökonomie trotzdem immer besteht, ist er mehr oder weniger gezwungen, Monopolpreise durchzusetzen, so weit und so lange es ihm möglich ist. Und das ist dann keine tolle Sache mehr für die Kunden.
Dieses Fabrikationssystem von Amazon ist nun nicht etwa ein Unikat, sondern, ganz im Gegenteil: es stellt gewissermaßen einen (bisherigen) Gipfelpunkt der Evolution von Fertigungssystemen dar, dem die gesamte industrielle Produktion bereits seit Jahrzehnten folgt. Das Prinzip heißt: Produktion on demand, hochflexibel und möglichst universal, dezentral und klein. Amazon ist nur der Trendsetter.
Darum sehen wir hier in nuce die Entwicklung vor einem kritischen Scheidepunkt: entweder die Öffentlichkeit, die Menschen als Verbraucher übernehmen Betrieb und Nutzung dieser maschinellen Produktionssysteme selber, vertreten durch demokratisch legitimierte Organe, oder – der Kapitalismus siegt sich vollends zu Tode.
~
Vor gut zwanzig Jahren wurde in Deutschland einmal eine Revolution ausgerufen. Die deutsche Wirtschaftsinformatik, eigentlich eher konservative Professoren, hatte die „Vollautomation des Unternehmens“ proklamiert. Auch die amerikanische ACM, die Assoziation for Computing Machinery, hatte sich forschend die Frage gestellt, was die Information Technology eigentlich treibt und will, und fand: sie will immer nur das gleiche – alles automatisieren, was irgendwie automatisiert werden kann.
Diesen Trend hatte schon Karl Marx erkannt, wie man sich heute auch etwa aus Anlass des 150. Jahrestages der Kapital-Veröffentlichung nur zu gut erinnert. In seinem „Maschinenfragment“ sah Marx dadurch die bürgerliche Gesellschaft eines Tages „in die Luft gesprengt“. Wie aber das nun genau vor sich gehen soll, konnte weder Marx genauer beschreiben, noch wäre dies bisher in den Debatten um das Ende des Kapitalismus deutlich geworden. Offensichtlich spielt die Automation eine zentrale Rolle, aber – man weiß nicht genau wie.4
Wie mir damals genauere Betrachtung zeigte, entfaltet sich der Begriff Automation in zwei Dimensionen: Produktivität und Universalität. Ich hatte als Kind der Utopie gläubigen 1968er Jahre irgendwie zur Informatik gefunden, und schrieb später meine Doktorarbeit über diese proklamierte Vollautomation des Unternehmens. Gedanklich weniger von Marx geleitet als etwa von Kant und der Vernunftphilosophie fand ich, dass ein vollautomatisiertes Unternehmen eigentlich kein Unternehmen mehr ist, sondern ein Automat. Da aber nun die Automaten der Informatik notwendigerweise universale Automaten sind – ohne die Universale Turing Maschine gäbe es keinen Computer, und keine Informatik –, kam ich zu dem Schluss, dass ein Automat, der einmal ein Unternehmen war, auch ein universaler Automat sein muss, in dem Fall also eine universale Fabrikationsmaschine, denn sonst könnte er – normativ beschrieben – das Unternehmen als Wohlstand erzeugende Instanz nicht ersetzen.
Meine Doktorarbeit wurde angenommen; allerdings gab es damit noch keine universale Fabrikationsmaschine. Aber wie gerufen betrat dann einige Jahre später Neil Gershenfeld die Bühne, Informatik-Professor am berühmten MIT5, der auch als Physiker auf dem Feld der Nanotechnologie mit Nano-Bots geforscht hatte, und erklärte die universale Fabrikationsmaschine zum nächsten großen Thema der Informatik, zum Next Big Thing. Seine neue Wissenschaft der Informatik nannte er Science of Digital Fabrication, ihr Forschungsgegenstand sei die Universal Desktop Fabrication oder der Personal Fabricator, und jeder macht sich damit selber anything, anytime, anywhere. Aus der Automatisierung wurde dadurch die Digitalisierung.
Die Idee der Universalen Digitalen Fabrikation war damit geboren. Aber sie muss nun noch recht verstanden werden, sowohl in ihrer Verursachung, als auch in ihren – positiven wie negativen – Potenzialen.6 Wie im Brennglas werden diese sichtbar in der vollautomatischen Textilproduktion des Versandhändlers Amazon: das System ist zwar (noch) spezialisiert auf die Produktion von Textilien, von diesen kann aber universal, also so gut wie jedes beliebige Teil auf Knopfdruck hergestellt werden; es werden nur die in digitaler Form abgelegten Produktmodelle benötigt. Und genau darum braucht es kein spezialisiertes Textil-Unternehmen mehr, um so ein System zu betreiben: jeder kann es betreiben, auch ein privater Versandhändler, oder eben, am besten, mit dem größten Wohlfahrtseffekt: die Verbraucher „selber“.
Digitalisierung ist nun irgendwie in, ohne dass man recht wüsste, warum. Wer von Digitalisierung spricht, auf vielerlei Konferenzen, meint damit etwas, das man nicht verpassen darf, sonst wird man abgehängt. Es müsse sich eben alles vernetzen, sagte Premierminister Abe auf der CeBIT. Auch wer sich nicht upgradet, wird abgehängt. Die Industrie soll die Vierte Industrielle Revolution nicht verpassen, und alle...




