Eversberg Theodor Storm lässt grüßen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8042-3017-0
Verlag: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Beobachtungen aus dem Land des Schimmelreiters
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-8042-3017-0
Verlag: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kurzweilige Beobachtungen über Land und Leute aus der nördlichsten Region Deutschlands, immer gesehen durch die Brille Theodor Storms bzw. angeregt durch seine Texte. Gerd Eversberg erzählt von den unterschiedlichsten Ereignissen in Husum und Nordfriesland, wobei er das gesammelte historische Material mit eigenen Gedanken verbindet. So erhält der Leser einen höchst interessanten Einblick in die Mentalität vergangener und heutiger Menschen Nordfrieslands.
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WOCHENBLATTPOESIE In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lasen die Husumer ihr „Wochenblatt“, einen jener Vorläufer unserer Tageszeitungen, die in allen kleineren oder größeren Städten der Herzogtümer Schleswig und Holstein regelmäßig erschienen. In Husum erhielt der Buchdrucker Heinrich August Meyler 1811 ein Druckerei-Privileg und gab das „Königlich privilegirte Wochenblatt“ seit 1813 heraus. Diese Blätter waren in der Regel auf einem Bogen gedruckt, hatten einen Umfang von 8 Seiten und enthielten neben amtlichen Bekanntgaben vor allem Kleinanzeigen der regionalen Wirtschaft. Daneben wurden auch Nachrichten aus den Herzogtümern, aus Dänemark und der Welt gedruckt sowie Anekdoten und kurze Erzählungen. Die regelmäßigen lyrischen Beigaben setzten eine populäre Mode des 18. Jahrhunderts fort und stehen mit ihren Themen wie Liebe, Geselligkeit, Wein, Gesang und Tanz in der Nachfolge der Anakreontik, einer sich an antiken Vorbildern orientierenden Dichtungstradition der Barockzeit. Sie verweisen auf ein sorgenfreies Leben, lassen allerdings auch einen eher scherzhaften Gedanken an den Tod zu. Solche Gedichte standen noch um 1830 hoch in der Gunst der Leser; manche enthalten ritualisierte Anspielungen auf nur Eingeweihten bekannte Persönlichkeiten, ohne aber wirklich individualisierte Empfindungen zum Ausdruck zu bringen. Ihre Funktion besteht allein in der Beschwörung eines längst im Niedergang befindlichen Geselligkeitskultes. Man findet da Gedichte zu den Jahreszeiten, Widmungen an allerhöchste Persönlichkeiten aber auch Erbauliches. In den späten zwanziger Jahren und vor allem nach 1830 kamen Rätselgedichte zum Abdruck, durch die das Publikum zum Mitmachen angeregt wurde. Im Wochenblatt las auch der junge Theodor Storm solche lyrischen Ergüsse, die ihn zur Nachahmung anregten. Seine ersten Gedichthandschriften datieren von 1833; in den beiden folgenden Jahren hat er eine ganze Reihe von kleinen Dichtungen verfasst, bei denen er sich an Vorbildern im „Husumer Wochenblatt“ orientierte. Hier fand er Gereimtes von Christian Ulrich Beccau (1809-1867), einem jungen Advokaten in Husum, der auch Schüler der Gelehrtenschule war. Beccaus Gedichte erschienen 1836 im Verlag des Husumer Wochenblattes sogar als Buch. In den 1840er Jahren entwickelte sich zwischen den beiden Juristen eine enge Freundschaft. Aber auch an anderen Vorbildern orientierte sich der angehende Poet, so an Henriette Freese, deren Texte in schleswig-holsteinischen Wochenblättern veröffentlicht wurden. Sie war 1801 auf Gut Dollroth in Angeln bei Schleswig geboren, lebte in Hamburg und Altona, wo sie sich in den 1820er Jahren als Schriftstellerin betätigte und mit Amalie Schoppe bekannt war, einer erfolgreichen Autorin aus Hamburg, die den jungen Friedrich Hebbel förderte. Nach ihrer Verheiratung mit dem Zahnarzt Friedrich Neupert in Schleswig (1830) veröffentlichte sie unter ihrem Mädchennamen Gedichte und Erzählungen in schleswig-holsteinischen Zeitschriften. Storm hat Texte von ihr und von ihrem Mann, der ebenfalls dichtete, im „Husumer Wochenblatt“ gelesen; 1833 veröffentlichten die beiden hier sechs Poeme und einige Aphorismen, 1834 zwei Erzählungen und vier Rätselgedichte. Henriette Freese starb 1855 in Schleswig. Ihre Gedichte müssen einen nachhaltigen Eindruck auf den jungen Storm gemacht haben, denn in seiner Sammelhandschrift findet sich folgendes Widmungsgedicht, das er Anfang des Jahres 1834 eingetragen und „An Henriette Freese bei Übersendung eines Lorbeerzweigs“ überschrieben hat. Darin heißt es: „Nimm hin, o Dichterin, berühmt in Deutschlands Gauen,/ Nimm hin den Musenlohn, bekränze dir das Haupt!“ Die erhaltenen Gedichte aus dieser Zeit zeigen, dass Storm mit allen gängigen Formen und Versmaßen experimentierte; so enthält seine Handschrift Beispiele für alle damals beliebten Rätselgedichttypen, aber auch Paraphrasen von antiken Texten, in denen er verschiedene klassische Versmaße nachahmte. Bis Ende 1835 hat Storm 42 Gedichte in sein Büchlein „Meine Gedichte“ eingetragen; etwa ein Drittel davon lassen Einflüsse des Unterrichts an der Husumer Gelehrtenschule erkennen, die übrigen sind Rätselgedichte und Liebeständeleien, die der Wochenblattpoesie nachempfunden wurden. Am 27. Juli 1834 erschien im „Husumer Wochenblatt“ „Sängers Abendlied“, bei dem es sich nach dem heutigen Stand der Forschung um das erste gedruckte Gedicht des damals sechzehn Jahre alten Schülers handelt. Dieses und weitere Gedichte hat er mit dem Kürzel „St“ versehen, wohl weil sein Vater regelmäßig Anzeigen schaltete, die im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Advokat und Koogschreiber der Südermarsch standen und sein noch nicht erwachsener Sohn als Poet die Anonymität zu wahren hatte. Sängers Abendlied Meiner Leier frohe Töne schweigen Bald in stille Todesnacht gehüllt; Dort, wo sich die Zweige trauernd neigen, Find ich Ruh’; mein Sehnen ist gestillt. Wenn des Lebens zarte Fäden reißen, Streut Zypressen auf des Sängers Grab, Singt noch einmal mir die alten Weisen, Senkt mir meine Leier mit hinab. Dort entfliehen eitle Erdensorgen, Unsre Seele strebt dem Höhern nach. – Sieh’ es dämmert schon im Ost der Morgen, Doch mein Morgen ist erst jenseit wach. Dieses Lied ist – wie viele andere Gedichte in den Wochenblättern auch – an der Lyrik des späten 18. Jahrhunderts orientiert, und imitiert die Literatur des Rokoko. Natürlich schrieb Storm auch eine Reihe von Liebesgedichten, darunter mehrere, die vielleicht fiktiven, vielleicht auch wirklichen Geliebten gewidmet waren. Dass der Dichter zu diesem Zeitpunkt bereits versuchte, seine jugendliche Verliebtheit in konventionellen literarischen Gesellschaftsspielen zu überhöhen, zeigen weitere Spuren im „Husumer Wochenblatt“. Im „Briefkasten“, einer das Heft mit dem Impressum abschließenden Spalte mit oft nur für den entsprechenden Einsender von Gedichten und Erzählungen verständlichen Nachrichten, findet sich im Mai 1835 folgender Hinweis: „‚Der Entfernten‘ soll nächstens das volle Herz des Sängers zu Füßen gelegt werden.“ Das Gedicht selber hat der Buchdrucker Heinrich August Meyler aber erst 1836 veröffentlicht. Da befand sich Storm bereits in Lübeck und besuchte die Prima des dortigen Katharineums. Die erste Strophe lautet: „Eilende Winde/ Wieget euch linde/ Säuselt mein Liedchen der Lieblichen vor;/ Vögelein singet,/ Vögelein bringet/ Töne der Lust an ihr lauschendes Ohr.“ Schon im Jahrgang 1835 des Blattes finden sich zwei Rätselgedichte Storms, und zwar Scharaden, also Silbenrätsel, bei dem das zu erratende Wort in mehrere, für sich selbständige sinnvolle Silben zerlegt wird. Der Sinn der einzelnen Silben und des ganzen Wortes wird durch Umschreibungen angedeutet. Und am 26. Juli 1835 folgte ein Silbenrätsel, das an eine „Auguste“ gerichtet und mit „Theodor“ unterschrieben ist: „Wie mancher fühlt‘ als Dich er sah/ Das Erste schon dem Zweiten nah‘,/ So sehr bei minderer Gefahr/ Er von Natur das Ganze war.“ Charaden sind Rätsel in Gedichtform; gesucht ist ein Wort, das aus mehreren Silben besteht. Das Gesuchte ist derart verschlüsselt, dass die Auflösung zwar Scharfsinn und ein gewisses Sachwissen erfordert, aber grundsätzlich möglich ist. Die Verschlüsselungen beruhen oft auf einer semantischen Mehrdeutigkeit oder Paradoxie. Im 18. Jahrhundert wurde das Rätsel vor allem Gegenstand der Kinderliteratur, gewann aber dann noch einmal im frühen 19. Jahrhundert eine gesellschaftliche Funktion wie unser Beispiel aus Husum. Die Lösung dieser Charade lautet „Herzhaft“, wie das Wochenblatt seinen Lesern eine Woche später mitteilte. Da weder im Freundeskreis noch im „Husumer Wochenblatt“ der Name Theodor noch einmal vorkommt, ist die Autorschaft Storms sehr wahrscheinlich, denn es war üblich, derartige spielerische Tändeleien mit den Vornamen der beteiligten Personen zu zeichnen, um eine gewisse Pikanterie im Freundes- und Bekanntenkreis zu erzeugen. Wer mit „Auguste“ gemeint war, wussten nur Eingeweihte. Vermutlich handelte es sich um Auguste von Krogh, die Tochter des Husumer Amtmanns, zu deren Familie die Storms eine sehr herzliche Beziehung hatten. Hans Ernst Godsche von Krogh war seit 1826 Amtmann der Ämter Husum und Bredstedt mit Sitz in Husum sowie Oberstaller von Eiderstedt. Aus seiner Ehe mit Agnes von Warnstedt – sie starb 1829 – waren vier Kinder hervorgegangen. Ferdinand Christian Hermann von Krogh (geboren 1815) war Mitschüler Storms an der Gelehrtenschule; Auguste (geboren 1811) war die älteste von drei Schwestern (Louise, geb. 1819 und Charlotte, geb. 1827). Zu Auguste muss der junge Theodor Storm eine tiefe Zuneigung empfunden haben. Die Freundschaft mit den Kindern der Familie von Krogh setzte Storm auch nach seinem Studium in Kiel fort; in den 1840er Jahren organisierte die Jugend der beiden Familien gesellige Veranstaltungen, und man traf sich in Storms Gesangverein. Ob Storm sich später, als er 1870 seine autobiographische Skizze „Der Amtschirurgus – Heimkehr“ für die „Zerstreuten Kapitel“ konzipierte, an diese Auguste erinnert hat, muss Vermutung bleiben, jedenfalls beschreibt er seinen eigenen Auftritt bei den alljährlich Ende September zu Michaelis stattfindenden Redefeierlichkeiten der Husumer Lateinschüler und erzählt dort von einer ganz persönlichen Wahrnehmung: „unter den Zuhörerinnen hatte ich ein Paar wohlbekannte vergißmeinnichtblaue Augen entdeckt, die mit dem...




